11a / 2008
www.lyrikzeitung.de

In diesem Monat über

(zur Nachricht bitte nach der angegebenen Nummer blättern - Sachregister unten)

Allen, Dick: 35
Altendorf, Wolfgang: 1
Bender, Hans: 3
Biermann, Wolf: 38
Borer, Alain: 5
Breuer, Theo: 3 9 20
Brinkmann, Rolf Dieter: 3 9 20
Celan, Paul: 15
Char, René: 4
Cotten, Ann: 12
Czernin, Franz Josef: 11 37
Dylan, Bob: 29
Erb, Elke: 11
Grünbein, Durs: 31
Günther, Egon: 34
Heinau, Katrin: 26
Horanský, Milos: 10
Hübner, Johannes: 15
Kanli, Yusuf: 6
Keilson, Hans: 40
Kerschhofer, Richard G.: 2 8
Khojandi, Farzaneh: 19
Klünner, Lothar: 15 17
Kooser, Ted: 35
Kramer, Theodor: 22
Kunst, Thomas: 28
Lorenc, Kito: 36
Maguire, Sarah: 19
Papenfuß, Bert: 16
Plath, Sylvia: 13
Plymell, Charles: 34
Pohl, Kai: 26
Pohlmann, Tom: 30
Rinck, Monika: 12
Röhnert, Jan Volker: 20
Ryan, Kay: 24
Schmatz, Ferdinand: 11
Scho, Sabine: 12
Steiger, Anatol von: 39
Stein, Gertrude: 18
Stolterfoht, Ulf: 11
Tucholsky, Kurt: 2 8
Winkler, Ron: 27

American Life in Poetry: 35
Amerikanische Lyrik: 27
Berlin: 12 25 26 27 38
Ists auch nicht Lyrik: 23
Kronenzeitung: 7
Kuwait: 6
Lyrik und Medien: 7
lyrikline: 14
Österreichische Lyrik: 7
Printemps de Poètes: 25
Prix Apollinaire: 5
Schreibheft: 21
Serbische Literatur: 21
Triest: 32
Volltext: 22
Würselen: 33

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40. Hans Keilson bekommt den WELT-Literaturpreis

Für sein literarisches Gesamtwerk hat der deutschstämmiger Psychotherapeut und Autor Hans Keilson den diesjährigen WELT-Literaturpreis erhalten. Der heute 98 Jahre alte Schriftsteller veröffentlichte zahlreiche Romane, Gedichte und Essays. Er lebt in den Niederlanden. ...

Die Jury betonte, der Autor beschäftige sich in seinen Romanen, Gedichten und Essays bis in die tiefsten seelischen Verästelungen hinein mit jenen destruktiven Impulsen, die im 20. Jahrhundert wirksam geworden seien. / Die Welt 7.11.

Mehr: Die Welt 9.11.


39. Verdrängungswettbewerb

Die Schweiz kennt ihre Dichter nicht. In besonderem Mass gilt dies für Anatol von Steiger, der als Spross eines alten Berner Patriziergeschlechts in Russland aufgewachsen ist und ein ebenso schmales wie elegantes lyrisches Werk vorgelegt hat. Felix Philipp Ingold präsentiert nun zum ersten Mal in einer gediegenen Ausgabe Steigers gesammelte Gedichte im russischen Original und in einer präzisen Nachdichtung. Zu Lebzeiten sind nur drei Lyrikbände erschienen: «Dieser Tag» (1928), «Dieses Leben» (1932) und «Undankbarkeit» (1936). Steiger hat 1941 einen weiteren Band als Typoskript unter dem Titel «Kathemerine» (griech. «Alltägliches») zusammengestellt, allerdings verhinderte der Krieg eine Publikation. ...

Trotz seiner hohen literarischen Qualität blieb Steiger mit seinem exquisiten Werk weitgehend unbekannt. Nicht einmal bei den Dichtern der russischen Emigration fand er Anerkennung. Marina Zwetajewa, mit der er in den dreissiger Jahren einen exaltierten Briefwechsel führte, warf ihm vor, seine Gedichte seien viel schlechter als seine Briefe: «Als ob Sie sich selbst aus Ihren Gedichten ganz verjagen würden, Ihre Eigenart, Ihr ureigenes Elend – um das Elend an sich, das allgemeine Elend: die Elendigkeit zu zeigen.» Für Nina Berberova war Steiger ein «kleiner, unbekannter Dichter», in der Pariser Bohème wurde er wegen seines Adelstitels das «Barönchen» (barontschik) genannt. Vladimir Nabokovs herablassende Einschätzung darf als durchaus repräsentativ für Steigers Image gelten: «Sein Talent wurde masslos überschätzt. Er war ein zweitrangiger Dichter. Sehr zweitrangig. Mit einer sehr beschränkten Begabung und einem sehr beschränkten Gefühlsleben. Ein angenehmer Mensch. Ein Mensch mit Ausstrahlung. Ein gut erzogener Mensch. Und das ist alles.»

Solche Urteile müssen heute vor dem Hintergrund des damaligen literarischen Verdrängungswettbewerbs revidiert werden. Das russische Paris war ein Ballett mit lauter Primadonnen... / Ulrich M. Schmid, NZZ 8.11.

Anatol von Steiger: Dieses Leben. Gesammelte Gedichte. Aus dem Russischen übersetzt, herausgegeben und eingeleitet von Felix Philipp Ingold. Ammann-Verlag, Zürich 2008. 456 S., Fr. 49.90.


38. Ehrendoktor Biermann

Wolf Biermann bekam die Ehrendoktorwürde der Humboldt-Uni. Im Hamburger Abendblatt spricht er über seine Liebe zur Hauptstadt, über Gedichte und den besten Platz für die ewige Ruhe.

Hamburger Abendblatt: Eines Ihrer schönsten Berlin-Gedichte haben Sie 1969 über den Hugenottenfriedhof geschrieben. Möchten Sie eines fernen Tages einmal dort beigesetzt werden? Und wenn ja, wen hätten Sie gern als Nachbarn, und wen auf gar keinen Fall?

Biermann: Da fallen mir mehrere Namen ein, so ne und so ne. Ich möchte nicht in der Nähe von Johannes R. Becher liegen, auf dessen Grabstein eines seiner schlechtesten Gedichte eingemeißelt wurde. Bei Brecht möchte ich auch nicht liegen, denn der hat sich seinen Sarg aus sieben Stahlschichten machen lassen, sodass sich seine Leiche nicht mit dem Erdreich verbinden kann. Das ist sicher kein angenehmer Zustand. Mit Heiner Müller würde ich mich gelegentlich noch über das eine oder andere streiten wie im Leben. Obwohl er Spitzel der Stasi geworden war und er seine Unterschrift gegen meine Ausbürgerung zurückgezogen hat, waren wir immer enge Freunde. Gut leben im Tod könnte ich auch mit Thomas Brasch, der gegenüber liegt, er war ein tapferer Soldat in dem, was Heine den Freiheitskrieg der Menschheit nannte. Ich würde besonders gern in der Nähe von Hans Eisler liegen, denn das war der Mann, der mich „entdeckt“ hat und dem ich viel verdanke. Außerdem liegt dort ganz in der Nähe der Philosoph, den wir alle am meisten brauchen, nämlich Hegel. In dieser Gegend, auf diesem Totenkiez, das wäre ein guter Platz für mich, aber natürlich nur, wenn noch Platz bleibt für meine junge Frau Pamela, auf die ich geduldig warten werde.

 

Wolf Biermanns neuer Gedichtband „Berlin, du deutsche deutsche Frau“ kostet 17,95 Euro und erscheint am 13. November im Verlag Hoffmann und Campe.

Mehr: SZ 8.11. / Welt 9.11.


37. Das Eingefleischte

Seit mehr als dreißig Jahren erforscht Franz Josef Czernin das Verhältnis von Sprache und Welt. Seine Gedichte wie auch seine theoretischen Schriften zählen zu den wesentlichen Werken der österreichischen Gegenwartsliteratur. Nun erschien im Münchner Hanser Verlag der Band staub.gefässe, der Gedichte aus allen Perioden seines Schaffens vorstellt (drei davon sind heute als Teil der Aktion Wurfgedichte im Standard zu lesen): von ihm selbst neu zusammengestellt.

Franz Josef Czernin im Interview mit dem Standard:vom 7.11.:

Standard: Bei Ihren Lesungen lesen Sie alle Ihre Gedichte stets zweimal unmittelbar hintereinander.

 

Czernin: Ja, komplizierte Gedichte rauschen beim ersten Mal nur herunter am Hörenden. Beim zweiten Mal bekommt man bereits etwas mehr mit. Man sollte Gedichte immer laut lesen - und öfter hintereinander. Dann ist es so, dass es in meinen Gedichten Wörter gibt, die man verschieden betonen kann. Je nachdem, wie man sie betont, ist der Sinn anders. Und wenn es schon zwei Möglichkeiten gibt, soll das nicht folgenlos bleiben: Beide Bedeutungsmöglichkeiten haben Folgen im Gedicht. Beide entsprechen je einem Thema des Gedichts.

 

Standard: Ein Beispiel?

 

Czernin: Das Gedicht das eingefleischte kleid.

 

Standard: Die ersten vier Verse des Gedichtes lauten: "dies eingefleischte kleid, darin ich tief versenkt, / dass es sich, stoffe blühend, glanzvoll uns entfaltet, / prächtig erscheint, schön färbend; schleierhaft beengt / es mich, doch damit uns erwirkt, hier leibhaft waltet"

 

Czernin: Das Eingefleischte, das ist das Gewohnte. Aber "das eingefleischte kleid" könnte der Körper sein. "stoffe blühend" , da ist das Kleid, aber auch die Natur. "prächtig erscheint" erscheint entweder prächtig, indem es auftaucht, oder es scheint nur, prächtig zu sein. "schön färben" ist schönfärberisch und tut nur so, als ob es schön wäre, oder ist wirklich schön färbend. "schleierhaft" : das Kleid. Und zugleich unverständlich. Es "beengt mich" . Aber gerade weil es mich so tief beengt, "erwirkt" es uns , also bringt uns hervor, uns, die wir die Welt sind. Und wirken ist ja auch ein Ausdruck aus dem Herstellen von Kleidern.

 

Franz Josef Czernin: staub.gefässe. gesammelte gedichte. Hanser, München 2008. € 16,90, 240 Seiten

Mehr zu den "Wurfgedichten" Czernins im Rahmen der Kooperation von Ö1 und STANDARD finden Sie hier.

Im Unterschied zu den bisherigen Gedichten von Stefan Schmitzer, Dominik Steiger, Robert Schindel und Ilse Aichinger ist von Franz Josef Czernin leider (bisher?) keine Hörprobe auf der Seite von Ö1. – Jetzt mit "Sonett"!


36. Goldener Schlüssel für Kito Lorenc

Der deutsche Lyriker, Schriftsteller und Übersetzer Kito Lorenc ist diesjähriger Laureat des renommierten serbischen Poesiepreises "Goldener Schlüssel von Smederevo". Der Achtzigjährige*) wurde für seine Werke, geschrieben auf Sorbisch und Deutsch, sowie die Pflege der sorbischen Kultur in Deutschland ausgezeichnet. / SZ 30.10.

*) Geboren 1938 - 70, nicht 80!

Interview der Zeitung Politika mit Kito Lorenc und Bericht über die Verleihung (serbokroatisch)

Kito Lorenc im Großen enzyklopädischen Wörterbuch (Russisch)

Sein Gedicht "Ostereiermalen" (original Deutsch) auf Bulgarisch (hier weitere)

Lorenc Deutsch (bei Lyrikwelt)

Zum 70. Geburtstag: MDR / Märkische Allgemeine

 

Veröffentlichungen (aus Wikipedia - deutsche und sorbische Fassung - zusammengestellt und ergänzt)

* Nowe časy - nowe kwasy (Neue Zeiten - neue Hochzeiten), Gedichte, VEB Verlag Domowina, 1962

* Swětło, prawda, swobodnosć (Licht, Gerechtigkeit und Freiheit), (Anthologie sorbischer Dichtung, Herausgeber) VEB Verlag Domowina, 1963

* Mina Witkojc Po pućach časnikarki, Übersetzung ins Obersorbische, VEB Verlag Domowina 1964

* Handrij Zejler Serbske fabule, Übersetzung, VEB Verlag Domowina 1966

* Struga. Bilder einer Landschaft, Gedichte, VEB Verlag Domowina, 1967

* Der betresste Esel, Fabeln von Handrij Zejler, Übersetzung, 1969, neu im Domowina-Verlag 2004 ISBN 3-7420-1964-3

* Poesiealbum 143 (1979)

* Flurbereinigung, Gedichte, Aufbau Verlag 1988, ISBN 3-351-00935-6

* Sorbisches Lesebuch/Serbska čitanka, Anthologie (1981)

* Die Rasselbande im Schlamassellande, dźěćaca kniha (1983)

* Wortland. Gedichte aus 20 Jahren. Reclam (Leipzig) 1984

* Gegen den grossen Popanz., Gedichte 1990, ISBN 3-351-01761-8

* Aus jenseitigen Dörfern, : Zeitgenössische sorbische Literatur

Hg. von Kito Lorenc, Johann P. Tammen, Róža Domašcyna. Anthologie (1992)

* An einem schönbemalten Sonntag: Gedichte zu Gedichten, Edition Thanhäuser, ISBN 3-900986-43-6

* Rudolf Hartmetz, Hans Mirtschin, Kito Lorenc Terra budissinensis, Lusatia 1997, ISBN 3-929091-44-5

* Zungenblätter (2002)

* Jurij Chĕžka Die Erde aus dem Traum, Domowina-Verlag 2002, ISBN 3-7420-1919-8

* Die Unerheblichkeit Berlins, Buch&Media 2002, ISBN 3-935877-21-8

* Achtzehn Gedichte der Jahre 1990-2002 Auswahl von Manfred Peter Hein, ISBN 3-932843-48-7

* Die wendische Schiffahrt, Domowina-Verlag 2004, ISBN 3-7420-1988-0

* Kepsy-barby/ Fehlfarben, Gedichte sorbisch-deutsch. Berlin 2004

 

 

Kito lorenc

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In L&Poe: 2001 Mrz (Kito Lorenc schreibt im Widerschein des Sorbischen / "Das große deutsche Gedichtbuch"); 2002 Mrz (Lyrik in ausgewählten Zeitschriften); 2003 Mrz (Kito Lorenc 65); Mai (Soeben erschienen); Okt (Sächsischer Eros geballt); 2004 Feb #21. Pfarrer, Dichter, Sorbe: Handrij Zejler; Mrz #46. Kito Lorenc und sein Großvater; Okt #6. Handrij Zejler; Nov #18. Sorbische Optik; 2005 Mrz #1. Zweisprachige Schmuggelware; #56. Urworte; Sep #40. Nicht nur Handke; 2006 Feb #68. Aus gegebenem Anlaß; Apr #46. Kepsy-barby / Fehlfarben; 2006 Aug #66. "Signum" mit deutscher und sorbischer Minderheit; Aug #87. Über die deutsch-sorbischen; 2008 Jun #10. Löwenberg / Lwówek Sląski; 2008 Jul #68. Lessing-Preis für Kito Lorenc; 2008 Aug #67. Lautland DE


35. American Life in Poetry: Column 189

In celebration of Veteran's Day, here is a telling poem by Gary Dop, a Minnesota poet. The veterans of World War II, now old, are dying by the thousands. Here's one still with us, standing at Normandy, remembering.

 

On Swearing

 

In Normandy, at Point Du Hoc,

where some Rangers died,

Dad pointed to an old man

20 feet closer to the edge than us,

asking if I could see

the medal the man held

like a rosary.

As we approached the cliff

the man's swearing, each bulleted

syllable, sifted back

toward us in the ocean wind.

I turned away,

but my shoulder was held still

by my father's hand,

and I looked up at him

as he looked at the man.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright © 2007 by Dick Allen, whose most recent book of poetry is "Present Vanishing," Sarabande Books, 2008. Poem reprinted from "North Dakota Quarterly," Vol. 74, no. 3, Summer 2007, by permission of Dick Allen. Introduction copyright © 2008 by The Poetry Foundation. The introduction's author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.


34. Far from Cherry Valley - Charles Plymell in Tirol

Von Egon Günther

Beim 6. Internationalen Literaturfestival „Sprachsalz“ im Tiroler Städtchen Hall bei Innsbruck war kürzlich der nordamerikanische Schriftsteller, Dichter, Collagist und Verleger Charles Plymell zu Gast. Er wurde 1935 in Holcomb, Kansas, während eines Sandsturms geboren, ist in der Prärie aufgewachsen und hat im Nachkriegsamerika der fünfziger Jahre, im „Wirbel von Wichita“ (Allen Ginsberg), auf der Suche nach dem Amerikanischen Traum eine wilde und rebellische Jugend „on the road“ verlebt, weite Räume, Wind, Rausch und Geschwindigkeit, Jazz, LSD, Amphetamin und Meskalin erfahren und ausprobiert, noch bevor in San Francisco die Räucherstäbchen brannten oder Begriffe wie Beats und Hippies zur gängigen Mode wurden. Sein Vater war Cowboy, und seine Mutter, deren indianische Vorfahren Wyandot und Cherokee waren, hat zeitweilig stunt cars gesteuert. Im Gegensatz zu den meisten später zu Ruhm und gut dotierten Posten gelangten Boheme-Dichtern aus der Mittelschicht ist Plymell eher ein Hoboheme-Dichter aus der Arbeiterklasse, der mitunter als Drucker, Rodeo-Reiter, auf Montage und in den Docks malocht hat. 1967 druckte er eigenhändig die erste Nummer der berüchtigten ZAP-Comix, die in der Folge mit den schockierenden pornographischen Strips von Robert Crumb und S. Clay Wilson auch hierzulande die Wahrnehmung vieler Freaks nachhaltig beeinflußt haben. Er konnte bereits zwei eigene Gedichtbände vorweisen, bevor City Lights Books in San Francisco 1971 seinen ersten Roman herausbrachte. Als Verleger hat Plymell selbst etliche zeitgenössische Dichter veröffentlicht, darunter auch Sachen von Ginsberg, Huncke, Burroughs und dem Surrealisten Charles Henri Ford. Charles Plymell, ein freundlich und sanft wirkender Weißbart, ist von den rührigen Veranstaltern der Tiroler Literaturtage als Exponent der amerikanischen Gegenkultur eingeladen worden – wie die Jahre zuvor bereits Ed Sanders und Anne Waldman – und hat in Hall einige seiner Gedichte vorgetragen, u.a. Psalme aus dem beim Verlag Peter Engstler erschienenen Bändchen „Liebesgesänge“, sowie Auszüge aus seinem Roman „The Last Moccassins“, der 1980 bei dem inzwischen eingegangenen Europa-Verlag in Wien in einer deutschen Übersetzung erschienen ist. Nach den Lesungen fuhren wir, sein deutscher Verleger Peter Engstler und meine Wenigkeit, mit Charles Plymell im Auto bei strömendem Regen über die Berge nach Schloß Neuschwanstein, das er unbedingt mal sehen wollte, weil er in seinem Verlag einen Gedicht- und Schauspielband seines Freundes Robert Peters veröffentlichte, der das gequälte Leben des bayerischen Königs Ludwig II zum Thema hat. Auf der Fahrt über die Mieminger Berge und den Fernpass ins Allgäu zum täglich von Touristenhorden heimgesuchten Märchenschloß und später Richtung Flughafen durch den oberbayerischen Pfaffenwinkel, der ihn an sein heimisches Cherry Valley erinnert, verfaßt Plymell ein kleines Spontangedicht:

„Far from New Jersey we ride in the COUNTRYSIDE where the peasants gathered food for King Ludwig’s banquets. The faces of the peasants remain the same, but now they walk desperate streets in small towns under normalbenzin- signs - ON THE ROAD to the castle, and there are no hamburgers in the Mieminger Mountains.“

Währenddessen stelle ich ihm einige Fragen, deren Antworten hier in Synthese wiedergegeben sind:

Nein, als Beatnik möchte Charles sich lieber nicht bezeichnen. Er ist schließlich nicht so einer wie der schwerreiche Verleger und Buchhändler Lawrence Ferlinghetti, der einerseits als ehemaliger Offizier und Kriegsteilnehmer Antikriegspoeme schreibt und das kapitalistische System als Moloch denunziert, andererseits vom Staat einen Haufen Steuergelder bekommt, die den überholten Subkulturbetrieb am Laufen halten. Aber er hat einst Beats wie Neal Cassady und Allen Ginsberg in seiner Wohnung in San Francisco beherbergt, und er ist mit dem Dichter Michael McClure, mit Herbert Huncke und dem Junkie William Burroughs befreundet gewesen, der aber ebenfalls nicht „Beat“ war. Was sich die Beats an die Fahne heften können, ist, daß sie das Wort „Fuck“ salonfähig gemacht haben und dafür sogar vor Gericht gegangen sind. Dabei hätte der ehemalige Leutnant Ferlinghetti dem Richter bloß sagen brauchen, daß „Fuck“ bei der Marine ein geläufiges Wort ist, und er wäre sofort auf Verständnis gestoßen. Charles Plymell ist mit beißendem Spott über die Säulenheiligen der Beat-Generation Ferlinghetti, Jack Kerouac und den erfolgreichen Selbstvermarkter Ginsberg nicht sparsam. Beispielsweise seien er, bzw. seine Freundin, diejenigen gewesen, die den skeptischen Ginsberg überhaupt erst mit den Songs des jungen Bob Dylan bekannt gemacht haben, worauf Ginzy, nachdem er seine anfängliche Scheu überwunden hatte, nur noch Dylan gehört habe, während ihm, Plymell, bis auf einige gute frühere Songs, der ganze Dylan bald zum Hals herausgehangen und er zu Jimmy Rodgers, Hank Williams und Roy Acuff zurückgekehrt sei, die er in seiner Jugend im Radio gehört oder wie Fats Domino, Charlie Parker und Wilson Pickett in den Clubs von Kansas City, Wichita oder Oklahoma sogar persönlich kennengelernt hat. Beim Literaturfestival in Hall trug Charles Plymell dennoch sein wehmütiges Poem über den alten Freund Allen vor, das er noch am selben Tag von dessen Tod, nämlich am 5. April 1997, nach einem Spaziergang über Ginsbergs benachbarte Farm im Beat-Stil niedergeschrieben und danach angeblich nie mehr überarbeitet hat: „Du hast mich an die Grenze geführt/damals vor 29 Jahren/vermutlich von Whitman und Tod gesprochen/Nun weißt du, was dahinter steckt.“ Einfach Kirschen essen ist aber nicht mit dem alten Punk und Benzedrin-Cowboy, obwohl er mit seiner Frau Pam, einer Tochter von Mary Beach und Claude Pélieu, die ihrerseits legendäre Gestalten der französischen und amerikanischen Boheme waren, im noch einigermaßen idyllischen Cherry Valley im Staat New York lebt, wo er seinen kleinen Untergrund-Verlag betreibt. Seine atheistischen und eigenwilligen Ansichten sind eben nicht kompatibel mit den esoterischen Blüten, die auf dem Mist des Naropa-Institutes gedeihen, der einzig staatlich anerkannten Universität, die Dichtkunst auf der Grundlage buddhistischer Prinzipien lehren will und von dem umstrittenen tibetischen Meditationslehrer Chögyam Trungpa und Allen Ginsberg 1974 in Boulder, Colorado gegründet worden ist. Nebenbei bemerkt, hält Plymell diese Gehirnwäsche-Einrichtung nicht nur für äußerst bedenklich – ausgerechnet eine staatliche Universität lehrt auf der Basis scheinbar subversiver Beatkultur! - sondern sogar für anrüchig, da geradewegs von der CIA gefördert. Bevor Charles Plymell nach Tirol gereist ist, hat er mit Thurston Moore von Sonic Youth eine kleine Anti-Bush-Tour durch Albany, Baltimore, Philadelphia und NYC absolviert und dabei, von Mike Watt (Minutemen, fIREHOSE, Stooges) am Bass begleitet, neuere Gedichte rezitiert. Typen wie Sarah Palin, die Fundamentalistin aus Alaska, sind für ihn schlicht evangelikale wiedergeborene Nazis. Besser wäre es gewesen, wenn sich in der Frühzeit der weißen Besiedlung Amerikas der Transzendentalismus eines Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoureau mit dem vorhandenen indianischen Spiritualismus verschmolzen hätte, dann gäbe es jetzt nämlich eine wirkliche amerikanische Religion, die ganz anders wäre als der bedrohliche fundamentalistische Glauben, mit dem wir es heute zu tun haben und von dem die Mehrheit der weißen Amerikaner geprägt ist, selbst dann, wenn sie sich liberal dünken und die brillante Rhetorik von Barack Obama schätzen. Plymell zweifelt noch am Regierungswechsel, am regime change in den Staaten. Denn Obama läßt seine Gewandtheit im Stich, sobald er von weißen Rassisten attackiert wird; er fällt dann in einen Ton und eine Gebärde, woran auch die vorgeblich liberalen weißen Amerikaner den nigger wittern, den sie inwendig fürchten und verachten. Was er eigentlich von dem schwarze Dichter Amiri Baraka, vormals Leroi Jones halten würde, der mit seinem Poem über den 11. September 2001 angeeckt ist? Der sei bloß Rassist, nichts weiter. Ernüchternde aber sehr reflektierte Einsichten und Anekdoten über legendäre Gestalten und mythische Begebenheiten der ansonsten offenbar von Geld und Staat aufgekauften oder verflossenen nordamerikanischen Boheme sprudeln auf der Fahrt aus seinem Mund. Plymell glaubt nicht an den Schwindel einer staatlich subventionierten Subkultur. Für einen alten hipster seines Schlags war es ohnehin immer uncool, zu einer sogenannten Szene zu gehören. Dafür wird er wiederum von den Künstlern der nachfolgenden Generation geschätzt, die ihn für sich entdeckt haben: Mike Watt, Thurston Moore oder Grant Hart von Hüsker Dü. In Hall hat Plymell übrigens dem Publikum, das ihn vermutlich trotzdem weiterhin als Beat verkennen wird, ein wunderschönes Spottgedicht über den Pariser Mai 1968 gelesen, dessen Augenzeuge er mit seiner Frau Pamela gewesen ist:

 

In Paris flattern die schwarzen

und roten Fahnen auf der Sorbonne.

In Paris verbünden sich die Studenten

mit den Arbeitern.

Ich sehe mich um nach handfesten

Anzeichen für die Weltrevolution

und muß feststellen, daß die Kommunisten

bourgeoise Pigs sind.

Und General De Gaulle

sagte dem Bürger, der

chienlit würde ihm ans

Leben gehen, dann trat er ab

und ließ sie paddeln

in einem politischen Vakuum

bis sie ihre eigenen Autos

anzünden und nach dem

nächsten Führer schreien.

Seine politische Alters-

Weisheit und die Bullen von

der CRS sind den Pflastersteinen

zerebraler Studenten überlegen

und die Kommunisten biedern sich

beim Volk als Schwanzlutscher an.

Die Attacken begannen pünktlich

um 2 Uhr nachts. Die Delikatessen-

läden sind alle noch intakt.

Bis es Zeit wird fürs Mittagessen

sind die Strassen wieder aufgeräumt

und die Autowracks abgeschleppt.

Umfächelt vom letzten Hauch Tränengas

setzt man sich zum Lunch. Wenn du

die Revolte verpassen willst, geh

früh zu Bett und wach so gegen

Mittag auf...

 

(aus „Panik in Dodge City“, herausgegeben und übersetzt von Carl Weissner, Expanded Media Editions, Bonn 1981)

Charles Plymell in L&Poe: 2001 Jan # Die Besten auf dem Weg nach Bagdad; 2001 Mrz # «I am a drifter»; 2006 Mrz #61. Ray Bremser


33. Lesung zum Deutschen Lyrikkalender 2009

Würselen. Zum zweiten Mal werden die Würselener «Tage der Poesie» in diesem Jahr zum Schauplatz einer besonderen Lyrik-Premiere. Nach dem eindrucksvollen Erfolg der letztjährigen Veranstaltung wird auch «Der deutsche Lyrikkalender 2009», herausgegeben von Shafiq Naz, am Samstag, 8. November, 19.30 Uhr, im Kulturzentrum Altes Rathaus, Kaiserstraße 36, in einer breit angelegten Lesung erstmalig der Öffentlichkeit vorgestellt.

Moderiert von Theo Breuer, Christoph Leisten und Shafiq Naz, wird eine Vielzahl von ausgezeichneten Autorinnen und Autoren, die im Kalender vertreten sind, das vielfältige Spektrum dieser Jahres-Anthologie zu Gehör bringen: nachdenkliche und tiefgründige, fröhliche und ironische, sprachspielerische und eindringliche Gedichte aus Tradition und Gegenwart, die immer eines verbindet: höchste poetische Qualität.

Die Zuhörerschaft darf sich - neben den Moderatoren - freuen auf: Manfred Enzensperger, Marianne Glaßer, Simone Heembrock, Klára Hurková, Sibylle Klefinghaus, Axel Kutsch, Swantje Lichtenstein, Hartwig Mauritz, Jürgen Nendza, Andreas Noga, Hellmuth Opitz, Jutta Over, Franzisca Ricinski, Frank Schablewski, Gerd Sonntag, Jürgen Völkert-Marten, Christoph Wenzel und Gerrit Wustmann. / Aachener Zeitung

Im Zentrum des abendfüllenden Programms stehen natürlich die klassischen und die zeitgenössischen Gedichte des Deutschen Lyrikkalenders 2009. Darüber hinaus berücksichtigt die Lesung zwei weitere aktuelle Publikationen: die soeben in neuer Edition erschienene Gedichtsammlung Der Große Conrady. Das Buch deutscher Geichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart (in der eine Reihe der in Würselen auftretenden Lyrikerinnen und Lyriker vertreten ist) sowie das Erscheinen der wohlfeilen, bibliophilen Lyrik-Kunstschachtel Keine Eile, die als ein Review der vielbeachteten letztjährigen Würselener Präsentation jüngst in der Edition YE herausgegeben wurde.

http://www.tage-der-poesie.de/


32. Lyrikfestival „Castello Di Duino“

Gabriella Valera Gruber ist Professorin für Geschichte und Methodologie an der Universität Triest. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie das Internationale Lyrikfestival „Castello Di Duino“ ins Leben gerufen, das 2008 zum vierten Mal stattfand und nun in die fünfte Runde geht. In Triest treffen sich dazu Dichter aus aller Welt zum kreativen Austausch. Begleitend erscheint jährlich eine Lyrikanthologie mit den prämierten Texten auf Italienisch und Englisch zusammen mit einem Hörbuch, das die Gedichte in ihrer jeweiligen Originalsprache enthält. Der Titel 2008 lautet „Stimmen/Schweigen“. / Gerrit Wustmann, Neue Rheinische Zeitung

(Auf der Website wird vielsprachig zu einem Lyrikwettbewerb aufgerufen)


31. Grünbeins Flaschenpost

Ausgestattet mit einem außergewöhnlichen Geschichtsbewusstsein, das sicherlich auch aus den Umständen der persönlichen Herkunft erwachsen ist, waren Grünbeins Gedichte immer schon eindringliche Versuche der Selbstvergewisserung und der Memoria im intertextuellen Dialog mit den großen Toten - ein Geschichtsbewusstsein, das vielen modernen Menschen (selbst Dichterkollegen) abhanden gekommen ist und bei Grünbein personifiziert begraben liegt als "Onkel Mommsen in der Gruft". An anderer Stelle, in seinem brillanten Gedicht "Sortilegium", schreibt er: "Wir sind [...] Kinder, ganz vertieft ins Entstehen". Wer kann denn heute noch innehalten, ohne vom rücksichtslosen Vorwärtsdrängen der Moderne davongeschwemmt zu werden?

Was die Form der Gedichte betrifft, würden böse Zungen behaupten, es seien Strophen von vorgestern: Grünbeins Langverse erinnern an antike Distichen, an "die unsterblichen Strophen / Von Homer bis Ovid". Wer darin vor allem ein provokatives Übergehen jeder zeitgenössischen Vorstellung von Lyrik sehen möchte, greift ein bisschen kurz. Nicht nur spielt der Dichter virtuos mit den tradierten Vorgaben und Regeln, während er sie geschmeidig an unsere heutige Erfahrungswelt anpasst. Diese "Strophen für übermorgen" erweisen sich darüber hinaus in der kontemplativen Unaufgeregtheit ihrer leisen Echostruktur als äußerst haltbar und beständig. Sie erinnern uns daran, was Gedichte eigentlich sind: Botschaften in der Zeit.

Als eine Flaschenpost zeigt sich also das Buch bei näherem Hinsehen, ganz bewusst abgeschickt an eine unbekannte Zukunft, als wolle Grünbein dem ahistorischen Weltbezug der Gegenwart Rechnung tragen. Wer sich stört an seiner Haltung des Mittlers zwischen den Zeiten, des 'Übersetzers' der ewigen Fragen, kann die Flaschenpost ja wieder zurückwerfen in den Strom der Zeit. Jemand anderem wird sie vielleicht zur Offenbarung. / Konrad Leistikow, literaturkritik.de

 

Durs Grünbein: Strophen für übermorgen. Gedichte.

Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2007.

205 Seiten, 19,80 EUR.

ISBN-13: 9783518419083

Lesung Grünbeins in Chicago (mp3)


30. Die Geschwindigkeit der Formeln

Tom Pohlmann bedient keine der typischen Biografien seines Jahrgangs, er ist aus einer alternativen Straßenszene hervorgegangen und gehört zu den Überlebenden der Generation X. Es überrascht um so mehr, dass die Gedichte, Prosagedichte und Essays seiner aktuellen Veröffentlichung „Die Geschwindigkeit der Formeln" ein Beispiel dafür sind, dass sich die Intellektualität moderner Großstadtbewohner und eine solidarische Grundhaltung nicht ausschließen müssen.

Entstanden sind die Gedichte und Prosatexte wohl eher in Fabrikhallen und Industriebrachen, in Vorortzügen und auf Bahnhöfen, in einem Krankenhaus, in Tagebaulandschaften, als am Schreibtisch. Es gelingt ihm jedoch ausnahmslos, die Sprache der Orte auf eine poetisch subtile, sinnliche Weise für seine Arbeiten zu nutzen. Der Rückgriff auf Formeln, um Veränderungen bei gesellschaftlichen Umbrüchen auf einen „Kern" zurückzuführen und inhaltlichen Belangen auf die Spur zu kommen, wird beim Lesen nach und nach als legitimes, weil sinnstiftendes Mittel sichtbar, und kommt bei diesem Schriftsteller sicher auch dem Versuch nah, sich ohne jede Beschönigung, als Individuum von der Vergangenheit zu verabschieden.

Pohlmann, der Anfang der Neunziger in die Schublade der Postmoderne gesteckt wurde und aus dieser Einordnung „sofort wieder zu flüchten begann", sieht den Einordnungsversuch, auch die Flucht davor, heute aus kritischer Distanz, selbstironisch und ohne Zorn. In einer Mail antwortet er auf mein gezieltes Nachfragen: „Ich hatte mit Songs begonnen, die sich an den üblichen Reimschemata orientierten. Die formalen Gegebenheiten erwiesen sich von dem Moment an, als ich die etymologische Seite der Worte in meine Texte einbezog, nicht mehr für haltbar. Ich experimentierte, um mich neu zu positionieren, erfüllte möglicherweise bestimmte Kriterien der Postmoderne, aber blieb von meinen Grundlagen her der Moderne verpflichtet."

Der Bruch mit den Versmaßen war so konsequent, dass er seine Liedtexte in Prosagedichte umschrieb. Der Formenreichtum, das Austesten der Ausdrucksformen, durchzieht dieses Buch generell wie ein zusätzliches Motiv, mit dem Ziel, eine tragfähige Sprache zu entwickeln. Dass Pohlmann keinem der verwendeten Genre einen Vorrang gegenüber dem anderen einräumt, sondern sie virtuos beherrscht und gleichwertig nebeneinander stellt, ist ein Pfund dieses Buches und trägt zur Geschlossenheit des Bandes wesentlich bei, den ich zum Lesen weiterempfehlen möchte.

Fred Fischer

Tom Pohlmann, „Die Geschwindigkeit der Formeln", Gedichte und Prosa, Edition Mischhaus im Plöttner Verlag, Herbst 2008


29. Look Back

Im November werden beim New Yorker Verlag Simon&Schuster Gedichte von Bob Dylan erscheinen.

Die Gedichte entstanden in den frühen 60er Jahren. Es war die Zeit, kurz bevor Dylan zum Messias einer neuen Zeitrechnung ausgerufen werden sollte. Es war die Zeit, in der er unentwegt notierte und dichtete. Nachgewiesen wird das unter anderem auf Filmdokumenten wie P. A. Pennebakers „Don’t Look Back“ von 1966.

Vor wenigen Wochen war bekannt geworden, dass Fotograf Barry Feinstein die Gedichte wieder gefunden hatte. Die Deutung im Dylan-Land begann – angeheizt durch erste Veröffentlichungen in der „New York Times“, in „Village Voice“ und im „New Yorker“. / BERNHARD FLIEHER, Salzburger Nachrichten 3.11.

Ende Juni plauderte Obama mit dem Rolling Stone über seinen - laut Eigenaussage - "ziemlich eklektischen" Musikgeschmack: 30 Songs von Bob Dylan fänden sich in seinem iPod, darunter der Favorit Maggie's Farm von 1965. / Standard 23.10.

Dylan im New York Times-Archiv

Bob Dylan Lyrics Official website with links and news


28. Wahrnehmung

Ein Gedicht von mir [schreibt mir Thomas Kunst] aus dem Land der Wahrnehmungssensationen.

"Bei einem Kritiker* lese ich: ´Um die Seele eines Dichters zu erraten, oder zumindest das, was ihn vor allem beschäftigt, durchforsche man seine Werke nach dem Wort oder den Worten, die darin am häufigsten auftreten. Dem wird man entnehmen, wovon er besessen ist.´" (Charles Baudelaire)

 

schnee, anleihen von schnee,

geruch von eingeritzter luft, dezember hält farbe

für mildes verzögern, winzige spuren an den

rändern der augen, helle dünungen, was linien enteist,

entscheidet die see, im nebel, wilder reminder, die

segel der winter, gerafft, getrübte strömung

landein, im fenster die gischt, die fläche von

hauchdünnen stimmen: sichtbarer

schnee.

*) Sainte-Beuve 1855


27. Frech begonnen

Robert Frost war der Meinung, das erste Opfer von Übersetzungen sei die Dichtung selbst. In ihrer Wiesbadener Wohnung arbeiten Christian Lux und Annette Kühn daran, den amerikanischen Dichter zu widerlegen. In diesem Frühjahr haben sie begonnen, in ihrem Verlag Luxbooks Lyrik aus den Vereinigten Staaten auf Deutsch herauszubringen. Ihre Bücher haben sie so selbstsicher lanciert, dass der kaum bekannte Verlag sich schon vor der Veröffentlichung seines zweiten Programms einen Namen gemacht hat. ...

Lux liegt die amerikanische Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts: „Bei aller Avantgarde fließt häufig viel mehr ganz gewöhnliche Lebenswelt mit hinein.“ Wenn man nach spannender Literatur sucht, die in Deutschland bislang unverlegt geblieben ist, bietet die amerikanische Nachkriegsdichtung Stoff für viele Jahre und Verlagsprogramme. Bis auf die Beat Poetry ist sie in Mitteleuropa nie wirklich angekommen. Bei Luxbooks soll das in den nächsten Jahren Stück für Stück anders werden, von den Klassikern der Moderne bis zur unüberschaubaren Szene von heute. ...

Im Frühjahr hat er Auswahlbände der Klassiker Hart Crane und Amy Lowell herausgebracht, dazu Zeitgenossen wie Del Ray Cross, Timothy Donnelly, Jennifer L. Knox und Jeni Olin. „Wir haben frech begonnen, die interessanten jungen Autoren anzuschreiben.“ Alle Bände erscheinen zweisprachig im Paperback und in fast quadratischem Format. Die breiten Seiten bieten Platz für die gelungene graphische Gestaltung jedes Bandes. „Wir sind interessiert am Zusammenspiel von visueller und Wortkunst.“ ...

Auf ein kleines Probeheft hin, das Ende 2006 als Jahresgabe versandt wurde, meldete sich Ron Winkler und fragte, ob sie alles allein stemmen wollten oder noch Hilfe brauchten. Seitdem ist der Dichter, der 2007 selbst eine Anthologie junger amerikanischer Lyrik herausgegeben hat, für sie als Übersetzer tätig. Von Montag an werden mit dem Winterprogramm die von ihm übertragenen Gedichte Arielle Greenbergs ausgeliefert. / Florian Balke, FAZ 17.10.

05.11. in Berlin: Lesung im KaffeeBurger mit Finn-Ole Heinrich und Ron Winkler

Finn-Ole Heinrich wird aus seinen beiden Büchern "Die Taschen voll Wasser" und "Räuberhände" lesen, und darüber hinaus mit seinen Kurzfilmen auch die Rahmengestaltung des Abends liefern.

Weiterer besonderer Gast des Abends ist Ron Winkler, der seine Übersetzung von Arielle Greenbergs Gedichtband "Stadt aus Papier" (luxbooks) vorstellen wird.

Wo? KaffeeBurger, Torstr. 58, 10119 Berlin

Beginn ist um 20.30 Uhr.


26. KRASH Neue Edition stellt vor

Mittwoch, 12. November 2008, 20:30 Uhr, Kaffee Burger:

 

Buchpremiere: Katrin Heinau: "Neue Einkaufsgedichte"

Die Berliner Autorin, Verfasserin mehrer Prosabücher, liest aus ihrem ersten Gedichtband.

Außerdem: Kai Pohl, Berlin, liest aus "Öffnen + Schießen" sowie neue Texte.

Der Abend wird moderiert und eingeleitet vom Autor und KRASH-Verleger Enno Stahl.

 

http://www.krash.de/neue_edition/index.php

http://www.kaffeeburger.de

 

 

wenn das blut auf den straßen klebt

 

      nach Dante Alighieri, Volker Braun,

      Friedrich Hölderlin und Mark Mobius

 

dein eigentum auch, bodenloser

dein asyl, das du nicht zahlen kannst –

laß, wenn du einkehrst, jede rechnung fahren

 

und rings im feld, wo ackermänner

den nachrichten hörig, die saat verplempern –

 

trag ihnen nichts nach, zahl es ihnen heim u.

falle ab vom glauben, der nicht satt macht

eh du dein brot aus ihrem abfall liest

 

bdi u. anderem kruppzeug

erwachse zum lohn selbstreflexion

den gläubigern sei ihr glaube geschenkt

 

u. für den kleinen hunger zwischendurch

serviere ihnen die midas-lektion

 

      wenn mob u. piraten

      das jobcenter entern

      den rattenschwanz kappen

      mit der ordnung aufräumen

      wenn nach dem fest die fässer leer

                                  u. die kassen

 

laß, wenn du einkehrst, jede rechnung fahren

 

 

 

Kai Pohl

 

Anmerkungen: http://www.pappelschnee.de


25. Printemps des Poètes, Berlin

Im März 2009 findet erstmalig Printemps des Poètes, Berlin statt. Alle Freunde der Poesie sind aufgerufen, sich zu beteiligen. Vom 02. bis 15. März 2009 wird es poetische Mini-Aktionen und größere Projekte in vielen Berliner Bezirken geben.

In Frankreich gibt es dieses Fest schon seit 10 Jahren. Der französische Verein Printemps des Poètes (www.printempsdespoetes.com; leider nur in Französisch) setzt sich für die Verbreitung und Vermittlung von Poesie ein: z.B. Ausbildung von Bibliothekaren und Lehrern, Unterstützung von Dichtern bei Veröffentlichungen, Archivierung von Poesie und poetischen Aktionen. Jeden Frühling ruft er weltweit zu einem Fest der Poesie mit einem vorgegeben Thema auf. Jeder kann daran teilnehmen: Privatpersonen, Schüler, Vereine, Gewerbe, kulturelle Institutionen. Das ist das Ziel: jeder ist selbst Poesie Botschafter, ob er/sie z.B. ein Gedicht ins Schaufenster hängt, eine Performance kreiert oder eine Veranstaltung organisiert. Das Thema dieses Jahr ist "en rires" ("Lachen").

Um erfolgreich zu werden, braucht Printemps des Poètes, Berlin 09 ein Maximum an begeisterten und engagierten Mitstreitern. Jede einzelne Aktion wird mit einem Printemps des Poètes Sticker gekennzeichnet. Mitmachen kann z.B. auch bedeuten, Räume für die Aktionen zur Verfügung zu stellen oder als Netzwerker für "Printemps des Poètes" tätig zu sein. Ich möchte, dass ein Synergie-Effekt entsteht und hoffe, dass Printemps des Poètes, Berlin jedes Jahr wachsen wird. Mehr Info unter printempsdespoetes-berlin09.blogspot.com.

Catherine Launay


24. THE OUTSIDER ARTIST

New U.S. Poet Laureate Kay Ryan.

 

BY MEGHAN O'ROURKE

POETRY MEDIA SERVICE

 

Kay Ryan, who has just been named America's new poet laureate, is a miniaturist. She favors compression the way Walt Whitman favored expansion. Like oysters, she has said, her poems take shape around "an aggravation." They are also small (most are only about 20 lines long), rich, and dense. A single one might not always make a meal, but a well-selected plate will satiate most readers.

 

If Ryan's language is spare, her concerns are broad and philosophical. A typical Ryan poem begins with a proposition--"Everything contains some/ silence" or "It's what we can't/ know that interests/ us." She explores old bromides, wondering what the fabric of life is like ("stretchy") or what it might be like to live on an island where silence is revered. Here's "Green Hills," from The Niagara River, her sixth (and most recent) book:

Their green flanks

and swells are not

flesh in any sense

matching ours,

we tell ourselves.

Nor their green

breast nor their

green shoulder nor

the langour of their

rolling over.

This little lyric contains many of Ryan's hallmarks: the juxtaposition of unlike things (green mountains and human flesh); the skinny, syncopated lines ("are not/ flesh in any sense"), which propel the unfolding thought by emphasizing the musicality of the language; and heaps of internal rhyme ("shoulder" and "langour" and "rolling over"), which help create a sense of closure. Internal rhyme and assonance (the repetition of vowel sounds) are crucial to the success of Ryan's poems, in part because her epistemological investigations of the human condition can hardly be called completist or definitive; rhyme adds a crucial layer of complexity. She practices dipstick philosophy, taking a quick reading of the oil in the motor and slamming the hood.

 

Born in California in 1945, Ryan, who succeeds Charles Simic, has been described as an "outsider," largely because she has managed not to be drawn into the great peristalsis that digests most "creative writers" in America today; she has taught remedial English in California's Marin County for many years. And yet it's hardly a surprise that the Library of Congress tapped her. Ryan rejects the pained, stylized self-consciousness that characterizes so much contemporary poetry. She has called herself a "rehabilitator of cliches," an apt description of the way the ordinary is transformed through close attention so that a mockingbird becomes a "distempered/ emperor of parts" or the moon becomes "evening's ticket/ punched with a/ round or a crescent."

 

In a sense, Ryan is an American pragmatist, making her more like Robert Frost (about whom she's written enthusiastically) than [Emily] Dickinson. Hers is a parsing imagination, given to trying to differentiate between the real and the imagined, the real and the taken-for-granted. In "Carrying a Ladder," she writes "We are always/ really carrying/ a ladder, but it's/ invisible. We/ only know/ something's/ the matter:/ something precious/ crashes; easy doors/ prove impassable." While her work has deepened over the years--The Niagara River is her strongest book--she has always been most interested in the idea that "whatever reality is, it is something we only know in the negative--by being constantly wrong about it."

 

Of course, being "wrong" is compelling only insofar as it reveals just how limited--or self-serious--our ideas about being "right" are, and Ryan's poems pack the greatest punch when she not only inverts an improbable juxtaposition or takes an old bromide literally--Q: What might "lime light" really look like? A: "A baleful glow"--but presses forward to formulate a more exacting ars poetica. For example, in "Repulsive Theory":

Little has been made

of the soft skirting action

of magnets reversed,

while much has been

made of attraction.

But is it not this pillowy

principle of repulsion

that produces the

doily edges of oceans

or the arabesques of thought?

And do these cutout coasts

and in-curved rhetorical beaches

not baffle the onslaught

of the sea or objectionable people

and give private life

what small protection it's got?

Praise then the oiled motions

of avoidance, the pearly

convolutions of all that

slides off or takes a

wide berth...

The tone is both ironic and sincere; it is the case, I think, that repulsion is genuinely seen as a virtue, but there is a loss that the speaker skates over--namely, the loss of true intimacy, of the possibility of sustaining a genuine "private life" while also not withdrawing from the clamor and love and pain of the world around you.

 

It's these layers of complexity that make her best work more nuanced than the Library of Congress' descriptions of its "accessibility" might have you think. A pervasive darkness catapults her strongest poems beyond the more quotidian decrescendos into profundity. And every now and then--because Ryan prides herself on her intransigence--a touch of sublimity creeps into the usual irony. For example, in "Desert Reservoirs," which opens, "They are beachless basins, steep-edged/ catches, unnatural/ bodies of water wedged/ into canyons, stranded/ anti-mirages/ unable to vanish..../ Nothing/ here matches their gift."

 

Meghan O'Rourke is Slate's culture critic and an advisory editor, and she is the author of Halflife, a collection of poetry. This article first appeared on Slate. Distributed by the Poetry Foundation. Read more about Kay Ryan, and her poetry, at www.poetryfoundation.org.

 

© 2008 by Meghan O'Rourke. All rights reserved.


23. Die hab ich satt

Soviele Talente hat die SPD nun auch nicht, daß sie sie einfach wegwerfen kann. Und hat es gerade getan. Vier aufrechte Sozialdemokraten, sagt jemand von der Konkurrenz. Ein Putsch von links, schrieb die Hamburger Wochenzeitung noch warnend, nun ists einer von rechts geworden.

Ich wähle die Partei Gysis und Lafontaines nicht (Ich hab ihn mal bei einer Wahlveranstaltung in Greifswald gesehen, da sagte er "Glück auf", was die Fischköppe nicht verstanden, weshalb sie ihn nicht wählten, aber das war bei der anderen Partei, die auf keinen Fall mit seiner jetzigen zusammengehen soll, sagen die von der Konkurrenz, und die Aufrechten mit ihnen). Aber was mich amüsieren könnte, wenn es nicht ernst wär, ist das verbissene Unisono, mit dem fast alle bei gewissen von fast allen als heikel empfundenen Themen reagieren. Keine Gelassenheit nirgends. Die müssens nötig haben. Was für eine befremdliche Lust am Konformismus rundum.

Ein beliebter Fernsehkommissar kandidiert bei den Linken fürs Amt des Bundespräsidenten. Aus Gründen der Fairnis wird seine Serie abgesetzt, um die Wahl nicht zu beeinflussen. Nicht einmal die Dümmsten können glauben, daß ein Kandidat der Linken gewählt werden kann. Man kann es sich vom Mathematiklehrer der Tochter erklären lassen. Warum also die demonstrative Eile der Fernsehverantwortlichen? Gott, wo bin ich hingeraten?

Der "Polizeiruf" wird aus Schwerin abgezogen und geht nach Rostock. Warum wohl? Weil eine Linke da Oberbürgermeister wurde? Oder weil der Schweriner Kommissar den anderen, den linken Tatortkommissar aus Halle unterstützt? Wir werden es wohl nicht erfahren, soviel Glasnost ist nicht. Es reicht, daß wirs ihnen zutrauen. Die..., die..., die hab ich satt!

Wolf Biermann in Köln 1976


22. Die Modernität Kramers

Von dem Sohn eines jüdischen Dorfarztes aus Niederösterreich hat die Literaturgeschichte bislang kaum Notiz genommen. Dabei können sich seine meist traditionell gereimten Gedichte in ihrer systemkritischen Schärfe durchaus mit den dialektischen Kunststücken Bertolt Brechts messen. Der größte Teil von Kramers drastischen Liedern, die um das Milieu der Proletarier, Vaganten und sozialen Außenseiter kreisen, wurde erst nach seinem Tod publiziert. In der Herbstnummer der Literaturzeitung „Volltext“, der Nummer 5 /2008, untersucht Daniela Strigl die seltsam verzerrte Rezeption des 1958 einsam gestorbenen Kramer im Literaturbetrieb der Nachkriegszeit. Der formale Konservatismus Kramers wurde lange sehr despektierlich behandelt: Mit seiner „volksliedartigen und konventionellen“ Dichtung, so urteilt etwa ein aktuelles Lyrik-Lexikon, habe sich Kramer „ins Abseits von der Moderne“ gestellt. Strigl verteidigt dagegen die Modernität Kramers, der die alten Formen genutzt habe zu einer engagierten Poesie der Neuen Sachlichkeit. / Michael Braun, Zeitschriftenschau im Poetenladen

Volltext

32 Seiten, 2,90 Euro


21. Dossier Serbien

Dank Žarko Radaković liegt nun in „Schreibheft“ 71 ein aufregendes vielstimmiges Dossier zur serbischen Gegenwartsliteratur vor, in dem die polemischen Grobheiten Handkes ebenso berücksichtigt sind wie die bitter-trauervollen und bewegenden Erzählungen einiger serbischer Erzähler und Lyriker, denen Handke misstraut. Neben Handkes Lieblingsautoren – wie Dragan Aleksić, Aleksandar Tišma oder auch die ermordete Poetin Brankica Bečejac – sind auch prominente Schriftsteller wie Bora Ćosic oder Danilo Kis präsent, die Handke mit bösen Verdächtigungen abspeist.

Es ist wohl ein Akt diskreter Gerechtigkeit, mit dem Norbert Wehr im „Schreibheft“ die groben Sottisen Handkes ausbalanciert. Denn während Handke im Gespräch mit seinem Freund Radaković harte Ohrfeigen austeilt und etwa den großen Bora Ćosic als „Sprachsöldner“ tituliert, der seine Herkunft „verraten“ habe, werden weiter hinten im „Schreibheft“ gleich zwei schöne Ćosic-Texte präsentiert. Das Wunderbare an diesem Gespräch zwischen Handke und seinem Übersetzer ist eben, dass der serbophile Autor neben allerlei Boshaftigkeiten auch großartige Sätze von sich gibt, die seine glühende Passion für Jugoslawien verdeutlichen. Der uneheliche Sohn einer slowenischen Mutter fühlte sich zeit seines Lebens „auf eine unglaublich erotische Weise“ vom Slowenischen angezogen. Und eine „Randsprache“ wie das Serbische oder eigentlich Serbokroatische, hat – so Handke – unverzichtbare Varianten zur „Musik der Weltseele“ beigetragen. „Ein großer Schriftsteller steht immer am Rand!“, resümiert Handke – und lobt die von ihm verehrten Aleksandar Tišma, Miodrag Pavlović und Milorad Pavić für ihre „nüchterne Darstellung des Tragischen“. / Michael Braun, Zeitschriftenschau im Poetenladen

Schreibheft, 70

Rigodon Verlag

216 Seiten, 12 Euro


20. Brinkmann. Schnitte im Atemschutz

(Dritter Teil des dreiteilige Essays "Der Verseflüsterer. Brinkmanns wirkende Wörter" von Theo Breuer, Teil 1 hier #3, Teil 2 #9)

Im August 2008 erschien in der edition text + kritik die durchgängig illustrierte (collagierte), von Karl-Eckhard Carius und anderen besorgte, 192 Seiten umfassende Monographie Brinkmann. Schnitte im Atemschutz in einer sehr ansprechenden, attraktiven Gestaltung (u.a. mit zahlreichen Photos von Brigitte Friedrich). Darin lese ich eine Reihe ergiebiger Beiträge, von denen mich die von Ralf-Rainer Rygulla, Jörg Schröder, Michael Töteberg und Dieter Wellershoff am meisten interessieren.

Der Lyriker und Literaturwissenschaftler Jan Volker Röhnert, dessen Gedichtbuch Metropolen (Edition Lyrik Kabinett, Hanser, München 2007) auf mich den nachhaltigsten Eindruck unter den seit 2000 von der jungen Generation in Deutschland veröffentlichten Lyriktiteln machte, bringt es auf den Punkt: Brinkmanns Poesie ist zeitlos geworden, weil sie genauso wie Baudelaires sich bedingungslos ihrer unmittelbaren Gegenwart auslieferte. Die Dignität scheinbar banaler, alltäglicher Objekte, die das audiovisuelle Raster unserer synthetischen Umwelt ausmachen – Nylonstrumpfhosen, Vinylplatten, Gitarrenverstärker, Hochglanzblätter, Make-up, Kinoleinwände ... –, hat er entdeckt und auf unverwechselbare Weise poetisch transformiert.

Brinkmann wirkt weiter.

Die Literaturgeschichte geht weiter.

Ich mache weiter.

 

(Nicht nur) für Novembertage empfohlene Lektüre:

 

Rolf Dieter Brinkmann, Westwärts 1 & 2. Gedichte, mit Fotos und Anmerkungen des Autors, editorische Notiz von Maleen Brinkmann, 384 Seiten, 23 x 15,2 x 2,2 cm, Klappbroschur, erweiterte Neuausgabe, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2005.

 

Karl-Eckhard Carius (Hg.), Brinkmann. Schnitte im Atemschutz, unter Mitwirkung von Wilfried Kürschner und Olaf Selg, Beiträge von Bazon Brock, Brigitte Friedrich, Jan Volker Röhnert, Teresa Salema, Jörg Schröder, Michael Töteberg, Richard Wagner u.a., zahlreiche Abbildungen, 192 Seiten, edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München 2008.


19. Asiatische Poeten reisten durch Großbritannien

Im Oktober fand in Großbritannien eine Welt-Lyriker-Reise statt, organisiert vom 2004 in London von der Dichterin Sarah Maguire gegründeten Poetry Translation Center (PTC). Prominente britische Dichter übersetzen ihre ausländischen Kollegen. Al-Saddiq al-Raddi aus Sudan reiste mit seiner Übersetzerin Sarah Maguire; Corsino Fortes von den Kapverden mit Sean O’Brien; Farzaneh Khojandi aus Tadschikistan mit Jo Shapcott; der aus Kirkuk stammende Kurde Kajal Ahmad mit Mimi Khalvati; der somalische Dichter Maxamed Xaashi Dhamac, der unter dem Namen Gaarriye bekannt ist, mit W N Herbert, und der Urdudichter Noshi Gillani aus Pakistan mit Lavinia Greenlaw. Der Guardian berichtete in einem Podcast über den tadschikischen Dichter. / Susannah Tarbush, Saudi Gazette 3.11.


18. Stein-Zerfledderung

Wer war Gertrude Stein? Die Revolutionärin der Moderne, die Hebamme einer neuen Syntax? 1903 von Amerika nach Paris gekommen, durchsuchte sie tagsüber die Pariser Künstlerateliers, hielt einmal wöchentlich einen bald legendären Salon ab und verfasste nachts Texte, die aus Wortwiederholungen, Rhythmisierungen und Behauptungen, nicht aus erzählten Geschichten bestanden. Sie tat das umsorgt von Alice B. Toklas, ihrer Geliebten. Dieses seltsame Duo ist in der Sekundär- und Halbklatschliteratur bestens vertreten. Vielleicht, dachte die amerikanische Biographin Janet Malcolm, ist es Zeit, diese ausgewiesene Pionierin der Moderne und Postmoderne mitsamt der kleinen, dünnen Alice vom Sockel zu kippen. Also, hat sich Janet Malcolm vielleicht auch noch gedacht, schreibe ich über "Gertrude und Alice" einen kleinen bissigen "biographischen Essay", versammle Zitate aus der jüngeren amerikanischen Gertrude-Stein-Forschung und mache ein paar eiserne Gertrude Stein-Liebhaber wütend (Friederike Mayröcker und Inger Christensen gehören dazu) und ein paar ewig Schadenfrohe glücklich.

Janet Malcolm suchte Fachliteratur, Aufsätze, Briefe, Kochrezepte und letzte Zeugen und setzte zu ihrem Vernichtungsschlag an. Eines ihrer Ziele ist es, Gertrude als eine der vielen Darsteller im Spiel "Des Kaisers neue Kleider" vorzuführen. Sie denunziert Steins Spracherfindungen, ihre selbsterdachte Sprachtheorie und ihren Widerwillen vor den Geschichten. Der Bruch mit der Tradition? Auch das eine Verlegenheitslösung. Der Grund? Gertrude Stein kann keine fiktiven Gestalten schaffen. Die Sprachwiederholungen habe Gertrude Stein nur eingesetzt, weil ihr nichts mehr eingefallen sei. Steins Humor ist für sie Ernst, die Bemerkung "Es braucht viel Zeit, ein Genie zu sein, man muss so viel herumsitzen und nichts tun, wirklich nichts tun", kein bisschen ironisch. ...

"Zwei Leben: Gertrude und Alice" ist der Versuch einer Vernichtung. Das kolossale Denkmal der Moderne, Sprachzerstörerin und Spracherneuerin, wird das überstehen. / VERENA AUFFERMANN, SZ 27.10.

JANET MALCOLM. Zwei Leben: Gertrude und Alice. Aus dem Amerikanischen von Chris Hirte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 165 Seiten, 19,80 Euro.


17. Wer kennt Lothar Klünner?

Am 3. April 1922 in Berlin geboren, lebt er dort – nach theologischen und kunstgeschichtlichen Studien, unterbrochen von Kriegsdienst – seit 1949 als freier Schriftsteller. Er schreibt Lyrik, Kurzprosa, Essays und Übersetzungen alter und moderner französischer Poesie, u. a. Jacques Dupin, René Char und Guillaume Apollinaire. Unter dem Pseudonym Leo Kettler verfasste er auch journalistische Arbeiten, Funkmanuskripte und zeitkritische Verse. 1950 war er Mitarbeiter am Berliner Malerkabarett in der "Badewanne"; von 1969 bis 1971 Mitherausgeber von "Speichen – Jahrbuch für Dichtung" (Henssel Verlag, Berlin).

Lothar Klünner, Geerdet. Gedichte 2000 - 2005, Norderstedt, BoD, 2006. ISBN 3-8334-4893-8. 9,50 Euro

Diese gesammelten Gedichte aus den Jahren 2000 bis 2005 knüpfen an den ersten Sammelband von 2000 ("Diese Nacht aus deinem Fleisch", BoD) an. Die mehr als 70 Gedichte der 10 Zyklen – in einer poetischen Meisterschaft, die ihre der französischen und europäischen Avantgarde entlehnten Traditionen (Apollinaire, René Char u. a.) fortlebt – sind nicht bequeme Rückschau auf das eine gealterte Leben, geben an keiner Stelle simpel gereimte Anweisungen, bieten niemals autistisch gedichtete, vielmehr stets ins Überpersönliche gerichtete Metaphern, begnügen sich auch nicht mit begabten Beschreibungen. Der Leser spürt hier ein Credo, das sich der Sicht hinter die Kulissen unserer Realität sicher sein darf. Wer mit immer ruhigem Schritt geht, bleibt ewig modern und unbeschadet. Der Literaturbetrieb hat Lothar Klünner bislang nicht geadelt, die Poesie hat ihn dagegen längst entdeckt und hier "Geerdet". / Maldoror

In L&Poe: 2001 Jan # Pflasterstein; 2002 Apr # Jeanne Mammen: Lehrerin der Außenseiter; 2004 Feb #73. K.O. Götz 90; 2007 Feb #15. Traum vom Tod Georg Heyms; 2007 Mai #15. Modern Talking; 2008 Jul #72. Deutscher Surrealismus?


16. Ation-Aganda

Beim Poetenladen gibts eine Vorschau von 10 faksimilierten Seiten aus Ation-Aganda. Gedichte 1983–1990 von Bert Papenfuß. Urs Engeler Editor, 2008


15. Celan-Jahrbuch

Im neuen Jahrbuch bietet ein"Quellendossier mit dem Abdruck eines Briefwechsels ... erhellende Einsichten in die Verbindung Celans zu den Dichtern, die in der Bundesrepublik die Nachfolge des Surrealismus antraten. Im Briefwechsel mit Johannes Hübner fällt neues Licht auf die Aktivitäten des Freundeskreises um Lothar Klünner, Rudolf Wittkopf, Max Hölzer und anderen, der in den 1950er- und 1960er-Jahren, von der französischen Avantgarde inspiriert, eine Reihe von Übersetzungen, Lyrikbänden und Zeitschriften produzierte. Es war der Dichter René Char, der durch seine Bekanntschaft mit Klünner und Hübner das Dreieck um Celan erweiterte und im Jahr 1969 diesen zur Mitarbeit an der Zeitschrift "Speichen" veranlasste. (Auf der Website des Berliner Vereins "Herzattacke" finden sich Faksimiles der hier abgedruckten Briefe. / Markus Bauer, literaturkritik.de

Hans Michael Speier (Hg.): Celan-Jahrbuch 9. 2003-2005.

Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2007.

399 Seiten, 75,00 EUR.

ISBN-10: 3825351823


14. Black Voices of America 

Die Welt steht vor einem Ereignis, das jetzt schon historische Bedeutung hat: Am 4.11.2008 entscheidet sich, ob zum ersten mal ein Farbiger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird. Zum Wahltag setzt die Webseite für Poesie lyrikline.org einen Fokus auf die Stimmen und poetischen Ausdrucksweisen afroamerikanischer Dichter der USA.

Der Literaturnobelpreisträger Derek Walcott, die politisch und sozial engagierte Autorin und Performance-Künstlerin Sapphire, der Urvater des Raps Umar bin Hassan von The Last Poets, die  Spoken-Word-Künstlerin Ursula Rucker, der in Afrika aufgewachsene Rap Poet Sharrif Simmons und die im HipHop verwurzelte Slam-Poetin Jessica Care Moore, sie alle thematisieren in ihren Werken die schwarze Identität mit unterschiedlichsten ästhetischen Ansätzen.

Während Sapphire, Umar Bin Hassan, Ursula Rucker, Sharrif Simmons und Jessica Care Moore ihre sprachlichen Wurzeln in der frühen schwarzen Bürgerrechtsbewegung, der Ghetto-Kultur bzw. im HipHop haben, greift der in den Antillen geborene Walcott auf poetische Traditionen Europas zurück

Die Spoken-Word-Dichterin Ursula Rucker analysiert im Gespräch mit dem HipHoper und Dichter Mike Ladd die Wahlkampfreden Obamas. Dabei stößt sie auf sprachliche Anleihen an die HipHop-Bewegung, die längst zum Massenphänomen geworden ist. Diese Stilmittel und Ausdrucksformen der schwarzen Kultur sind für die Republikaner jedoch tabu.

In ihrem Poesiefilm verbindet Cecilia Tripp „The making of Amercians“ von Gertrude Stein mit Elementen, die typischerweise mit afroamerikanischer Kultur assoziiert werden: Musik, Performance und mündliche Traditionen.  Der Film „Jazz“ nach dem gleichnamigen Gedicht von Staceyann Chin ist eine Hommage an die rebellische Kraft des Jazz und eine Abrechnung mit opportunistischen Tendenzen unserer Zeit. In „With every breath“ stellt Ram Devineni den Dichter Lamont B. Steptoe vor, der von sich selbst behauptet: “Thinking back on it, I was really exposed to black poetry through the church. Because, as the late writer Henri Dumas said, ‘every black poet is a preacher and every black preacher is a poet.’”

 

lyrikline.org präsentiert:

Black Voices of America

Di, 4.11. - Fr, 21.11.2008

auf lyrikline.org


13. Tag für Sylvia Plath

Der Tag zu Ehren der Dichterin Sylvia Plath wurde 2001 ausgerufen, vom Bürgermeister der Stadt Northampton im US-Bundesstaat Massachusetts. Dort besuchte Plath das Smith College. Der 27. Oktober war ihr Geburtstag. Wegen ihres ungewöhnlich rabiaten Selbstmordes mittels Gas am 11. Februar 1963 - sie nahm sich das Leben, indem sie den Kopf in den Backofen steckte - und infolge der argwöhnisch beobachteten Publikationspraxis ihres geschiedenen Mannes, des englischen Lyrikers Ted Hughes, wuchs Sylvia Plath der Status einer feministischen Opferheroine in einer Männerwelt zu. Leben und Werk wurden in Einklang gesetzt, ihr Dichten als Konfession kurz geschlossen mit ihren Depressionen. / Alexander Kluy, Die Welt 30.10.*


12. ROTTEN KINCK SCHO

4.11. 20:30 KOOKread präsentiert: Die ROTTEN KINCK SCHO, Pt. 2.  Dichtung, Reflexion und höherer Quatsch mit Ann Cotten, Monika Rinck und Sabine Scho.

Tanzwirtschaft KAFFEE BURGER  www.kaffeeburger.de  

Torstraße 60, 10119 Berlin. U-Bahn: Rosa-Luxemburg-Platz


11. Was Ferdinand Schmatz liest

Elke Erbs Sonanz, die traumwachen „5-Minuten-Notate“, die den sozialen Spieltrieb in den sprachlichen über-setzen, „wo die sprache tut, was sie sagt“, und die korrespondieren mit den Erinnerungsfiktionen.

Ulf Stolterfolts holzrauch über heslach, wo ein komponiertes Ich das autobiografisch Deutsche ständig unterläuft und neu geschaffen wird durch ein sinnlich geerdetes Metadeutsch.

Mit Vladimir Nabokovs Fahlem Feuer feiere ich das Gedicht im Roman als Roman des verqueren sinnstiftenden Kommentars, und greife dadurch zu den staub.gefässen, den wahrhaftig elementaren Gedichten aus dem Enzyklopädie-Sprachprojekt Franz Josef Czernins... / Die Presse 17.10.


10. Die Hände Goliaths

Es war ein Akt der Verzweiflung, voll Trauer, Hass und Wut, als Milos Horanský im August 1968 die ersten Zeilen eines Gedichtes schrieb. Draußen, vor dem Fenster seiner Wohnung, rollten die Panzer der Sowjetarmee und machten dem Prager Frühling ein gewaltsames Ende. "Die Hände Goliaths" nannte Horanský sein Gedicht - denn wieder, wie schon 30 Jahre zuvor, war sein kleines Land Opfer einer Großmacht geworden.

Pavel Kohn, damals Redakteur bei Radio Free Europe in München, hat Horanskýs Geschichte jetzt aufgeschrieben. Sein Buch "Die Hände Goliaths" schildert, wie das Gedicht in den Westen gelangte, wie Kohn es in jenen Tagen immer wieder sendete und wie er schließlich auf Horanský stieß, einen Theatermann, der als Lyriker unter "Jan David" firmierte. Jeder politisch Interessierte in der damaligen Tschechoslowakei kannte Davids Gedicht, aber keiner wusste bis in die jüngste Vergangenheit hinein, wer er wirklich war. Am 4. November stellt Kohn sein Buch und den unbequemen Dichter im Museum Moderner Kunst in Passau vor. / Hermann Weiß, Die Welt 2.11.


9. Westwärts

(Zweiter Teil des dreiteilige Essays "Der Verseflüsterer. Brinkmanns wirkende Wörter" von Theo Breuer, Teil 1 hier #3)

In einer der Mails, die ich am Abend nach der Rückkehr aus Köln lese, macht Karl Otto Conrady auf den Aufsatz Pop und danach. Rolf Dieter Brinkmanns Lyrik in ihrem Dilemma aufmerksam, der im August 2008 in der germanistischen Zeitschrift Wirkendes Wort erschien. »Dilemma«, denke ich, welches »Dilemma«? Das erste Dilemma, das ich hier erkenne, ist der Zusammenhang, der – mal wieder – zwischen Pop und Brinkmann hergestellt wird: »Pop, like most art historical labels, is a convenience for critics and historians but an irrelevance and an irritant for most of the artists to whom it has been supplied.« (Marco Livingstone)

Zu Beginn des Aufsatzes heiße es, Brinkmann sei mehrfach zur »Galionsfigur seiner Generation« geworden und mittlerweile aus dem Blickfeld verschwunden: »Abgesehen vom Kultstatus in einer kleinen Fangemeinde genießt sein Werk heute den Bekanntheitsgrad eines Geheimtipps.« Hinter »Fangemeinde« die Fußnote 3, in der es heißt: »Besonders distanzlos: Theo Breuer, Was Neues im Westen oder Brinkmann macht weiter, in: Aus dem Hinterland. Lyrik nach 2000.«

In einer renommierten Zeitschrift wie Wirkendes Wort diese Fehlinformation zu verbreiten ist nicht besonders rühmlich: »Man könnte solchen Unsinn ignorieren, wenn er nicht in einem angesehenen Fachblatt für Germanisten publiziert worden wäre und somit zur Meinungsbildung von Menschen beiträgt, die das geistige Niveau junger Leute erheblich mitbestimmen« (Axel Kutsch). Es tut Brinkmanns weiterhin weithin wirkenden Wörtern allerdings auch keinerlei Abbruch: »Massenhafte Verbreitung finden einige der Gedichte (darunter Die Orangensaftmaschine und Einen jener klassischen) durch Abdruck und Interpretation in Lesebüchern für den Schulgebrauch.« (Gunter Geduldig)

Davon abgesehen, daß mein hemmungslos auf Tuchfühlung bedachter In-Fight-Stil nicht seine Sache zu sein scheint, sprechen einige in dieser Stunde zusammengetragene Fakten zu Brinkmann eine etwas andere Sprache als Dieter Liewerscheidts verworrene Auslassung.

Allein die Auflagenhöhe von Brinkmanns lyrischem Hauptwerk, dem erratischen Block Westwärts 1 & 2, 1975 erstmals und 2005 in der ursprünglich von Brinkmann intendierten Fassung neu herausgegeben, liegt mit bislang insgesamt 22.000 Exemplaren weit über den üblichen 100, 200 oder 500 Exemplaren, mit denen auch Suhrkamp sich bei den Lyriktiteln herumschlagen muß. Der umfangreiche Band Standphotos (1980), der Brinkmanns neun Lyriktitel der Jahre 1962 bis 1970 versammelt, ist ebenfalls vieltausendfach verkauft worden und weiterhin lieferbar (gäbe es keine Nachfrage, wäre er wohl längst im Modernen Antiquariat gelandet).

Unvollständige Liste aktueller RDB-Rezeption, in der Brinkmanns Poesie unaufhörlich ihre lebendige Rolle spielt:

 

– der 2008 auch im WDR gezeigte Kinofilm Brinkmanns Zorn von 2006 (auch als DVD erhältlich – mit Director’s Cut)

 

– die fünfteilige Audio-CD-Sammlung Wörter Sex Schnitt von 2005 – mit dem Mitschnitt von Brinkmanns letzter, das Publikum mitreißender Lesung beim Cambridge Poetry Festival 1975, wenige Tage vor dem Unfalltod in London

 

– 2008 das Theaterstück Westwärts im Theater Bonn und Maxim Gorki Theater Berlin sowie bei der Ruhr-Triennale in Gladbeck

 

– RDB-Ausstellungen (Köln 2006, Bremen 2006, Vechta 2008)

 

– Radiobeiträge: Brinkmann. Westwärts 1 & 2 (Deutschlandradio 2005), Die Wörter sind böse (Hessischer Rundfunk 2004), Ich kann nur sprechen, wenn mir etwas nicht gefällt (Deutschlandfunk 2003)

 

– zahlreiche bis 2008 in regelmäßigen Abständen erscheinende Monographien (die aktuellste wird unten vorgestellt), Artikel, Features und Essays in Zeitungen, Fachzeitschriften und im Internet

 

– Lyrik-Seminare an Hochschulen wie Jena oder Köln – meine Tochter Anna hält im Wintersemester 2008/09 ein Referat über Brinkmanns Polemik Ich hasse alte Dichter

 

– unzählige Echos / Allusionen in Gedichten, Essays, Rezensionen bekannter und weniger bekannter Autoren verschiedenster Herkunft und Generation – ich benenne exemplarisch: Paulus Böhmer, Jan Volker Röhnert, Joachim Sartorius und Gerrit Wustmann (mit der gelungenen Hommage engelbertstr 65, köln / @ rdb, das ich in Der deutsche Lyrikkalender 2009. Jeder Tag ein Gedicht lese).

 

In Röhnerts Beitrag Rolf Dieter Brinkmann, nachzublättern auf den Seiten 594 bis 612 in dem von Ursula Heukenkamp und Peter Geist herausgegeben Band Deutschsprachige Lyriker des 20. Jahrhunderts (Erich Schmidt Verlag, Berlin 2006), lese ich: Auf eine Weise jedoch haben die Gedichte Brinkmanns auch nach dem Tod ihres Schöpfers ›weitergemacht‹: Beim Leserpublikum und einer Vielzahl von Lyrikern, die sich von Brinkmann zu – mehr oder weniger gelungenen – eigenen Versuchen inspirieren ließen. Seine Anregungen scheinen jeweils dort am fruchtbarsten aufgehoben zu sein, wo sie innerhalb eines wiederum selbständigen Dichtungsentwurfs neue Gestalt gewinnen. Etwa für den Kaddish-Zyklus von Brinkmanns Generationskollegen Paulus Böhmer, die Lyrik der rumäniendeutschen Dichter Werner Söllner (Kopfland. Passagen) oder Richard Wagner (Hotel California) ist Brinkmanns Poesie ein fester Bezugspunkt, aber auch für das Selbstverständnis ostdeutscher Lyriker wie Uwe Kolbe, Thomas Böhme oder Michael Wüstefeld spielt Brinkmann eine wichtige Rolle; auch aus den frühen Gedichtbänden Thomas Klings geschmacksverstärker und aus Durs Grünbein Grauzone morgens ist Brinkmanns Stimme herauszuhören.

Auch die Lyrikanthologien sprechen eine eindeutige Sprache: In sämtlichen repräsentativen Sammlungen ist Brinkmann seit Jahrzehnten selbstverständlich vertreten. In Der Große Conrady (2008) verteilen sich die Gedichte ebenso über mehrere Seiten wie in Reclams großem Buch der deutschen Gedichte (2007) oder Das deutsche Gedicht (2005), wobei die Herausgeber augenscheinlich darauf geachtet haben, jeweils andere Gedichte aus der großen Zahl der besonders gelungenen Brinkmannschen Gedichte auszuwählen.

Das Register der von Gunter Geduldig und Claudia Wehebrink zusammengetragenen Bibliographie Rolf Dieter Brinkmann (Aisthesis, Bielefeld 1997) liest sich wie ein Who is Who der deutschen Gegenwartsliteratur. Seit 1997 stelle ich in Meine Bibliographie Rolf Dieter Brinkmann zusätzlich all das zusammen, was mir an Neuem von und über Rolf Dieter Brinkmann in die Finger gerät. Bis heute sind auf diese Weise mehrere hundert Einträge zusammengekommen.

Ist in der niederrheinischen Tiefebene bekannt, wie tiefgreifend Brinkmanns Lyrik als westdeutsche Ausnahmeerscheinung in der DDR rezipiert wurde? 1986 erschien bei Volk und Welt der über 200 Seiten starke Auswahlband Rolltreppen im August, den kaum ein ostdeutscher Lyriker bzw. Lyrikleser nicht gelesen haben dürfte. Jeder, mit dem ich bei meinen drei Lesungen in Ostdeutschland Anfang der 90er Jahre sprach, kannte – selbstverständlich – Brinkmann. (Das entsprechende Heiner-Müller-Zitat faßt alles zusammen.)

(Fortsetzung folgt)


8. Falscher Tucholsky

In der Berliner Morgenpost vom 2.11. schreibt Hendrik Werner über das angebliche Tucholsky-Gedicht (L&Poe 2008 Nov #2. Kein Tucholsky). Da die Seite, auf der sich das Gedicht zuerst fand, zu einem neurechten think tank gehört, lohnt es sich, da genauer hinzusehen, als es der ORF in der in #2 zitierten Quelle tut. Der Herr Kerschhofer jedenfalls ist einerseits erfreut über die durch den Tucholsky-Verdacht gewonnene Aufmerksamkeit, grenzt sich aber eindeutig ab: 1. er kann besser reimen, sagt er (wir geben an die "Krone" weiter, s. L&Poe #7. Lyrik und Medien), und 2. ist er nicht linksradikal. Letzteres glauben wir ihm, zu ersterem lesen Sie Werner:

So hartnäckig frisst sich das Gedicht seit gut vier Wochen durch das weltweite Netz, dass sich die deutsche Kurt-Tucholsky-Gesellschaft schon genötigt fühlte, die angebliche Urheberschaft ihres Heroen zu korrigieren. Gewiss, der Mitherausgeber der "Weltbühne", der sich als gesellschaftlicher Aufklärer im Geiste Heinrich Heines verstand, habe Texte in kapitalismuskritischer Absicht verfasst, räumten die Sachwalter seines Erbes ein. So sehr seiner Zeit und deren Jargon voraus allerdings, als dass er in den Dreißigerjahren schon von "Spekulantenbrut", "Leerverkäufen" und "Derivaten" hätte schreiben können, sei er dann doch nicht gewesen. Rhetorische Anachronismen wie diese waren es schließlich auch, die einige Leser des mittlerweile schon zigtausendfach verbreiteten Poems stutzig werden ließen.

Als erdrückendes Indiz, das von Anfang an gegen eine Urheberschaft Tucholskys hätte sprechen müssen, kommt noch hinzu, dass seine Lyrik zeitlebens sehr viel sperriger war als das ihm jetzt angehängte Gedicht. So hingegen klingt ein echter Tucholsky: "Ihr, in Kellern und in Mansarden, / merkt ihr nicht, was mit euch gespielt wird? / mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird? / Komme, was da kommen mag. / Es kommt der Tag, / da ruft der Arbeitspionier: / Ihr nicht. / Aber Wir. Wir." Dies ist die Schlussstrophe eines Gedichts namens "Die freie Wirtschaft", das unter dem Pseudonym Theobald Tiger am 4. März 1930 in der "Weltbühne" veröffentlich wurde. Auch diese Verse sind kämpferisch und kritisch. Aber sie sind, anders als der Fake "Höhere Finanzwirtschaft", nicht von dieser monotonen Betulichkeit, die bei einem formal konventionelleren Dichter wie Erich Kästner weit eher anzutreffen ist. Nichts gegen behäbige Paarreim-Strophen; Tucholsky indes war in ästhetischen Dingen um einiges avancierter.

Unterdes wird noch immer darüber gerätselt, wie es zu diesem Schulfall in Sachen Dichtung und Wahrheit kommen konnte. An eine Verkettung von Fehllektüren und Missverständnissen in Blogs und anderen Internetforen glauben Vertreter der Tucholsky-Gesellschaft. Mittlerweile ist ein neuer Urheber ausgemacht: der aus Wien stammende Autor Richard G. Kerschhofer, dessen Pseudonym "Pannonicus" sich auf einer Homepage findet, auf der das Gedicht "Höhere Finanzmathematik" mutmaßlich zuerst zu finden war.

Ironischerweise gehört Verseschmied Kerschhofer, der zwar nicht in der progressiven "Weltbühne", wohl aber in dem konservativen Magazin "Zeitbühne" veröffentlicht, politisch dem rechten Spektrum an.

Mehr: Die Presse 31.10./ sudelblog.de / FR 24.10. (!) / Der Standard 31.10.


7. Lyrik und Medien

haben ein gespanntes Verhältnis - sagen die Medien, die's wissen müssen. Manchmal wollen sie es zeitlich begrenzt ändern. Die Wiener Zeitung Der Standard und der ORF tuns gerade:

Wurfgedichte - Lyrik im November nennt sich eine Kooperation des Radiosenders Ö1 mit dem Standard. Jeder Erscheinungstag des Standard - von Montag bis Samstag - ist in beiden Medien einem österreichischen Dichter gewidmet. Drei Gedichte, von den Autoren zum Großteil neu geschrieben und im Studio eingelesen, werden in Ö1 zu hören sein: je eines morgens, mittags und abends. Am selben Tag finden Sie dieselben Gedichte im Standard durch die Zeitung gewürfelt. Insgesamt 24 Autoren werden Sie auf diese Weise ab Montag hören und lesen können.

Keine schlechte Liste:

3. November 2008: Ilse Aichinger

4. November 2008: Robert Schindel

5. November 2008: Dominik Steiger

6. November 2008: Stefan Schmitzer

7. November 2008: Franz Josef Czernin

8. November 2008: Michael Donhauser

 

10. November 2008: Stephan Eibel

11. November 2008: Friedrich Achleitner

12. November 2008: Peter Waterhouse

13. November 2008: Sonja Harter

14. November 2008: Benedikt Ledebur

15. November 2008: Ferdinand Schmatz

 

17. November 2008: Elfriede Gerstl

18. November 2008: Ernst David

19. November 2008: Oswald Egger

20. November 2008: Gerhard Rühm

21. November 2008: Brigitta Falkner

22. November 2008: Anselm Glück

 

24. November 2008: Axel Karner

25. November 2008: Marie-Thérèse Kerschbaumer

26. November 2008: Julian Schutting

27. November 2008: Ann Cotten

28. November 2008: Gert Jonke

29. November 2008: Friederike Mayröcker

18 Texte dieser Autoren können auf der Website als Grafik eingesehen werden.

Natürlich sind auch die Leserkommentare schön. Einer rät: "schau in die Krone**". Etliche schicken Gedichte, wie Herr Georg Meier

 

prost

 

Es war viel schöner damals,

als Worte sich noch fügten

nahtlos aneinander,

verbunden durch des Reimes Band.

 

Es war viel schöner damals,

als Dichter sich noch mühten

Rhythmus einzubinden

mit Herz und mit genug Verstand.

 

Es war viel schöner damals,

als Gedichte sich erschlossen,

willig jedem Geiste

weil sie allein dafür gedacht.

 

Es ist ein Elend heute

amputiertes Wortgestammel

sich schön zu trinken müssen

als sei hier wirklich Kunst gemacht

 

prost

**) Krone(nzeitung) und Lyrik in L&Poe: 2001 Apr # In Österreich wird auch anders; 2001 Jun # Franzobel gratuliert Österreich; 2001 Sep # Eine innerösterreichische ; 2004 Aug #82. Rassistisch; 2004 Okt #26. Irre, wunderbar!; 2004 Okt #29. Doch Lyrik; 2005 Okt #7. Hymnenstreit unter Brüdern (und Schwestern); 2005 Okt #18. Katholische Erotik


6. Krise und Lyrik

Als der türkische Dichter Yusuf Kanli am vergangenen Montag in Kuwait landete, ahnte er nicht, daß die drei Tage bei einem Treffen der "Al-Babtain Foundation for Poetic Creativity" mit Dichtern, Wissenschaftlern und Journalisten aus der arabischen Welt, der Türkei, Iran, Frankreich, den USA und anderen Ländern in hohem Maße mit Gesprächen über die Finanzkrise angefüllt sein würden statt mit Poesie. Bisher hatte die kuwaitische Regierung versichert, daß ihr Land von der Krise nicht betroffen sei, aber nun kam eine große Bank in Schwierigkeiten, die nur mit einer massiven Bürgschaft der Regierung abgewendet werden konnten. Nun gibt es Diskussonen über die Verantwortung des Premierministers. Vielleicht wird es zu Neuwahlen kommen. Jedoch, schreibt Kanli, hat Kuwait die entwickeltste Demokratie in der Region.

Und es hat eine Stiftung für poetische Exzellenz, das allein ist schon preisenswert. Al-Babtain war nicht nur jemand, der Geld übrig hatte für eine Stiftung für poetische Meisterschaft, er ist auch Dichter. Kanlis Verehrung für ihn wuchs noch, als er erfuhr, daß es eine Zentrale Al-Babtain-Bibliothek für Arabische Poesie gibt, die erste Lyrikbibliothek der Welt. / Turkish Daily News 31.10.

[Naja, vielleicht doch nicht die erste und einzige? Wer weiß das schon.]


5. Prix Apollinaire für Alain Borer

Der Prix Apollinaire ist der "Goncourt" der Lyrik. Er wird jährlich für ein originelles und modernes Buch verliehen. Am 29. Oktober nahm ihn Alain Borer für den Band mit dem französisch-englischen Sprachspiel-Titel «Icare & I don't» entgegen. / Nouvel Obs 31.10.


4. Über den Briefwechsel

zwischen Albert Camus und René Char schreibt Felix Philipp Ingold, NZZ 1.11.

Albert Camus, René Char: Correspondance. Edition établie, présentée et annotée par Franck Planeille. Gallimard, Paris 2007. 263 S., € 20.–.


3. Der Verseflüsterer. Brinkmanns wirkende Wörter (1)

Essay in 3 Teilen von Theo Breuer

 

Am (zunächst nicht so) schönen 25. Oktober 2008

 

Am Samstag, dem 25. Oktober 2008, wagte ich mich nach langer Zeit mal wieder aus unserem in 545 Metern Höhe gelegenen, in diesen Tagen mit Herbstlaub garnierten, von Amsel, Eichelhäher, Elster und Stieglitz umschwirrten Haus hier in Sistig. Es fiel mir alles andere als leicht, den drei Eichhörnchen, die seit mehreren Monaten tagsüber in unserem Garten leben, die Stämme von Walnuß, Blumenesche und Ahorn hinauf- und hinabjagend, Nüsse klaubend und im Erdreich vergrabend, Lebewohl zu sagen, zu sehr habe ich mich daran gewöhnt, ihnen tagtäglich von morgens bis abends immer wieder bei ihrem unermüdlichen emsigen Treiben zuzuschauen, aber mein Sohn Andreas schleppte mich mit tatkräftiger Unterstützung der Eifelbahn über die Stationen Kall – Scheven – Mechernich – Satzvey – Euskirchen – Großbüllesheim – Derkum – Weilerswist – Erftstadt – Kalscheuren – Köln-Süd tatsächlich in die Kölner Südstadt.

Dort besuchte ich zunächst Hans Bender, der am 1. Juli 2009 neunzig Jahre alt wird, in der Taubengasse am Zülpicher Platz, anschließend meinen Freund Peter Weber, der sich mit Umzugsplänen nach Köln-Mülheim herumschlägt, in dessen Antiquariat auf dem Mauritiussteinweg in der Nähe des Neumarkts, um abends mit zwei Taschen voll schöner Bücher nach Hause zurückzukehren, darunter Pablo Nerudas The Book of Questions (What does it mean to persist / on the alley of death?), Federico García Lorcas Poem of the Deep Song (And he was left dead in the streeet, / and with a dagger in his chest, / and nobody knew who he was) und Glen Baxters graphic novel The Billiard Table Murders (Gradually, however, even this idyllic existence begann to pall) – eine herrliche Lektüre, die mir die Rückfahrt über die eben benannten elf Stationen auf wundersame Weise verkürzte. Mein Hunger auf Bücher erweist sich weiterhin als dermaßen unstillbar, daß ich von – offenbar therapieresistenter – Buchfreßsucht ausgehen muß. Was nicht schlimm ist.

 

Ohne Neger

 

Nachdem ich mich am frühen Morgen so elendmüde fühlte, daß ich mir im Geiste im Nebel des Zülpicher Platzes humorlos die imaginierte schwarze Pistole an die linke Schläfe setzte, gleichzeitig die RDB-Verse flüsternd: Einen jener klassischen // schwarzen Tangos in Köln, Endes des / Monats August, da der Sommer schon / ganz verstaubt ist, kurz nach Laden / Schluß aus der offenen Tür einer / dunklen Wirtschaft, die einem / Griechen gehört, hören, ist beinahe / ein Wunder: für einen Moment eine / Überraschung, für einen Moment / eine Pause in dieser Straße, / die niemand liebt und atemlos / macht, beim Hindurchgehen. Ich / schrieb das schnell auf, bevor / der Moment in der verfluchten / dunstigen Abgestorbenheit Kölns / wieder erlosch, wurde mein Tag bereits in jenem Moment und spätestens mit dem Eintritt um fünf vor zehn in die Bendersche Wohnung auf der dritten Etage zunehmend besser. Mit Hans Bender (wir sind seit rund 20 Jahren freundschaftlich verbunden) hatte ich das bislang bemerkenswerteste, intensivste, schönste Treffen überhaupt.

Von Minute zu Minute fühlte ich mich wohler, wir gerieten in einen regelrechten Lyrikrausch, bei dem wir einander Gedichte vorlasen, Bender beispielsweise seinen Vierzeiler Vasco Popa / gab die Antwort // Was mein Gedicht mir bedeutet? / Fragt nicht mich, fragt den Apfelbaum, / warum er Früchte trägt. / Noch besser, beißt hinein!, den Sie im deutschen Lyrikkalender am 1. Juli 2009 lesen können, neue Bücher einschätzten und ›Spaziergänge‹ in die literarische Vergangenheit machten.

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