08b / 2008
www.lyrikzeitung.de

 

80. Lyrik-Automaten

Nordrhein-westfälische Raucher können ihr Geld auch sinnvoll einsetzen. Denn ausgediente Zigarettenautomaten von Düsseldorf bis Venlo spenden Lyrik. / Focus


79. 100. Geburtstag

Die 1834 gegründete Zeitung Jamaica Gleaner gratuliert am 17.8. dem Lyriker Cyril L. Goffe zum 100. Geburtstag.


78. Übersetzt

Abdulrahman Afif übersetzt deutschsprachige Lyriker und Lyrikerinnen und veröffentlicht sie in der libanesischen Tageszeitung an-Nahar. Hier zum Beispiel Achim Wagner.


Dossier Valeri Scherstjanoi #67 - #77


77. Scherstjanoi liest Scherstjanoi

Aufnahmen von der Lesung in Leipzig mit Lautgedichten Scherstjanois (unten)

Über das Lautgedicht sagt er:

In meiner Dichtung geht es vor allem um eine andere Kommunikation, und das ist die Kommunikation des rein emotionalen Aktes. Wenn ein Lautdichter auf der Bühne ist und beginnt, mit seinen Lauten zu agieren, dann denken die Leute nicht daran, ob sie ihn verstehen. Sie versuchen sogar, mit einem Lächeln, mit einem Lachen sich dagegen zu wehren Aber dann reagieren sie auf seine Emotionen mit ihren Emotionen. Und dann entsteht eine emotionale Kommunikation, keine semantische, also eine asemantische, natürlich akustisch gefärbte Kommunikation. Da setze ich ganz bewusst die Tradition der russischen transrationalen Dichter fort. Das waren in erster Linie Alexej Krutschonych, Welimir Chlebnikow, Ilja Sdanewitsch, bekannt im Westen als Iljasd, dann Igor Terentjew, Wassili Kamenski und andere. Insgesamt gab es von ihnen etwa zwanzig in der Zeit der grossen russischen Avantgarde, der Zeit der grossen Utopie von 1908 bis circa 1930, bis zum Selbstmord von Majakowski, und paar Jahre danach. Aber diese Anfänge im russischen Futurismus um 1908 und 1912, um Krutschonych, sind steckengeblieben wegen des Bürgerkrieges und der Zerstörungen im Lande. Sie sind meistens früh gestorben, sie sind im Gulag umgekommen oder waren gezwungen in den Westen zu gehen. Also es gab keinen günstigen Nährboden für die weitere Entwicklung dieser Lautsprache, dieser Lautkunst. Aber im Westen gab es eine parallele Erscheinung im italienischen Futurismus und dann, einige Jahre später, im deutschsprachigen Dadaismus. In Westeuropa konnte sich diese Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg weiterentwickeln. Es gab in Frankreich zum Beispiel eine lettristische Bewegung, und dann die Ultralettristen. In Italien die Poesia Sonora.

Über die Deutschen:

Claus ist mein großes Vorbild gewesen. Er war ein Lautaggregat — übrigens der Titel eines seiner Hörspiele aus dem Jahre 1993. Er war eine Lautmaschine, und er [...] sprach vom Verlassen der natürlichen Sprache. Darin war sein Weg. Ich als Lautländler habe meine eigenen Visionen. In der DDR gibt es noch einige Namen, aber sie entsprechen im Grunde nicht meiner Absicht. Was man zum Beispiel am Prenzlauer Berg gemacht hat ...sie waren zu ideologisch. Die Lautdichtung, hat ein russischer Sprachwissenschaftler gesagt, ist die Kunst, die außerhalb der Ideologie frei existieren kann. Aber diese Leute — ich meine nicht böse — aus dem Prenzlauer Berg, von Elke Erb bis Bert Papenfuß, sind für mich immer zu politisch gewesen. Sie waren keine reinen Lautdichter. Lautdichter gab es und gibt es in Westeuropa, Kanada, den USA und Australien.

(Aus dem Glossen-Interview)

Scherstjanois Einführung 3:05

Lautgedicht 1 1:15

Lautgedicht 2 1:32

Lautgedicht 3 1:16

Lautgedicht 4 2:13

 

Weblinks

Lautland Homepage von Valeri Scherstjanoi (mit Text- und Hörproben)

Wikipedia

glossen: interview. Es geht um den Reichtum des menschlichen Lebens — ein Werkstattgespräch mit dem Lautdichter Valeri Scherstjanoi, München, Juni 1999.

3durch3 .reihe Sprachkunst - Kassel - Stuttgart (mit Aufnahme, 25:27 Min, 128Kbps, 22 MB)

Scribendarium Kassel

Buchtipp von Beat Mazenauer: Scherstjanoi, Valeri: Lautkonzert. Konzert am 21. Januar 2000 in Gelting. (original language: Lautsprache) Edition Schielein / Hybriden Verlag , Berlin, 2001 (Link zu Video und Audio)

Valeri Scherstjanoi, Zwischen Marc Chagall und Felix Dzerhinskij

Aufnahmen im Hybriden-Verlag

S.J. Schmidt, Scribentisches

Hörspiele von Valeri Scherstjanoi in Hördat

 

 

Bücher

Valeri Scherstjanoi „Zaoum – Schriften“ experimentelle texte hrsg. von k. riha und s.j. schmidt siegen Gesamthochschule Siegen (1985)

Valerij Šersťanoj „vizuálni texty“ Galerie Stará radnice Dům uměni města Brna Vorwort von Jiři Valoch (1990)

Valeri Scherstjanoi „das russische abc - scribentisch“ gertraud scholz verlag obermichelbach (1990)

Valeri Scherstjanoi „laute zeichnen bilder hören“ gertraud scholz verlag obermichelbach (1991)

Valeri Scherstjanoi „ars scribendi" kap + galerie art-contact Karlsruhe (1992)

Valeri Scherstjanoi (Hrsg.) „Tango mit Kühen“ Anthologie der russischen Lautpoesie zu Beginn des 20.Jahrhunderts edition selena Wien (1998)

Valeri Scherstjanoi „lauter scherben. texte zeichnungen chronik“ Books on Demand Nordstedt“ (2008)


76. Videos von Valeri Scherstjanoi

LAUT MEMORIAL. Valeri Scherstjanoi im Jüdischen Friedhof Weissensee. Video aus "Djinn der Nordsee", Berlin 2007. 0:45

 

ALFABET. Scherstjanoi documented spring 2007. 1:04

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75. Literaturfest Niedersachsen

Michael Lentz / Uli Winters / Valeri Scherstjanoi / Dalibor Markovic / Wolfgang Heisig (Musik)

Dramaturgie: Michael Lentz

Auftaktveranstaltung: In welchem Käfig du dich auch befindest, verlasse ihn

Do 11.9., 19:00 Uhr

VGH Versicherungen,

Hannover

Preise:

12 EUR

10 EUR erm.


74. Valeri Scherstjanoi: Heimkehrreime

Hörspiel

Regie: Bernhard Jugel

BR 2004, Länge: 44’04

Sonntag, 24.8.2008, 15.00 Uhr [Bayern 2]

Heimkehr und Kehrreim gehen in dieser Sendung eine poetische Verbindung ein. Heimgekehrt ist der Lautdichter Valeri Scherstjanoi ins nördliche Ostpreußen - die Heimat seiner Vorfahren. Dort lebten einst zwischen Weichsel und Memel die Pruzzen. Sie vermischten sich mit deutschen und anderen Einwanderern, ihre Sprache starb im 17. Jahrhundert aus. Sprachreste erhielten sich in nordostpreußischen Ortsnamen.

Manche Orte wurden 1938 von den Nationalsozialisten umbenannt, weil sie nicht richtig deutsch klangen. Nach 1945 ersetzte die sowjetische Administration alle deutschen Ortsnamen durch russische. Doch noch sind die alten Namen nicht ganz verschwunden. Sie sind festgehalten in Broschüren wie dem 'Ortsnamenverzeichnis Gebiet Kaliningrad (nördliches Ostpreußen)'.

Scherstjanoi will die Namen seiner Heimat "zurück in den großen deutschen Wortschatz holen" und hat sie daher rückläufig, d.h. entsprechend ihrer Endsilben geordnet. Zeitgleich kehrt er zurück in seine Kindheit und lässt den Zuhörer durch kurze Ankedoten teilhaben am Leben seiner Familie. Prätlack, Nimmersatt, Pelludschen, Matzkutschen, Prosit, Tilsit. Eine Klangsymphonie aus Kehrreimen. Heimkehrreime.

Mit Valeri Scherstjanoi

Valeri Scherstjanoi, geb. 1950. Lautdichter, Hörspielautor. BR-Hörspiele: Polyphonia (1991), lautLand (1994), Matrjoschka (1996), Tango mit Kühen (1999) und Makrophon (2000).


73. Scherstjanoi liest Johanna Schwedes

Märchen

 

ach,

Schneewittchen todesrot

hat sich unter

die Tram

geweht

 

Anhören


72. Scherstjanoi liest Bertram Reinecke

Die Texte von Bertram Reinecke sind eine Art "Vokalsestine" – Gedichte, bei denen das Permutationsschema der Sestine auf die Anordnung der Silben pro Zeile angewandt wird. Jede Zeile besteht aus 5 Silben, in der ersten Zeile folgen die Vokale der alphabetischen Folge aeiou und vertauschen sich dann, bis in der 5. Zeile die Originalfolge wieder erreicht ist. Hier 2 der von Scherstjanoi gesprochenen Strophen:

 

Ach Mensch! Nie sollst du...

Du Ach! sollst Mensch nie –

Nie du Mensch! Ach! sollst –

Sollst nie... Ach du Mensch...

Mensch sollst du nie? Ach...

Ach Mensch nie sollst du...

 

Ach es ist so dunckl

un das Todes Kimmr

tint su trerach wonn

or sich bawugt end

efhobt sun schwir Hammr

ante Stindo schlugt

 

Anhören


71. Scherstjanoi liest Mara Genschel

 

Nacht. &

griff nach

deinem Namen,

nackt. &

griff nach &

dein Atem.

Nacht in deinen Armen &

griff deinen Nacken

 

nach & nach &

ahne deinen Leib

bleib bei, mein

 

nach & nach

& sei mir nah

 

& kein Begriff

kein Satz um

eine

 

Naht. &

griff nach

deinen Worten,

wund. &

griff nach &

dein Mund.

Nicht eine Stunde um dich

ohne Stimme. Amen.

 

 

Anhören

 

 

 

Schönheit I

 

Ich in: Spiegeln. In:

Seen [nicht fotogen]

 

aus Arabesken aber:

wüste Steine. Teiche

 

seien: Augen [seine].

Ich bin: rau liebkost

 

in Pinien, wild. Mein

Weg: verzierter Fels.

 

Ich: fliehe nicht. Ich bin:

aus lauter Schmuck. Ich:

 

schreite. Sehe keinen

Lidschlag Schatten.

 

Schwimme. Schimmert

im Gehirn mein Stolz?

 

Ich: singe. Alles Lied ist

Ding ist: Ich. Ich bin.

 

 

Anhören

 

 

 

 

 

Schönheit II

 

 

 

Anhören

 


70. Scherstjanoi liest Nadja Küchenmeister

 

nebel

 

über dem boden hängt der erste nebel

langsam aufgestiegen aus dem holz

der nacht und deckt die dielen zu im flur

die fliesen und wabert hin zur haustür

wo der hund im zug die ohren aufgerichtet

blinden auges wacht und schlägt ans fenster

schon als schmaler streif ich greife stumm

nach deiner hand die luft wiegt leicht

so zwischen dir und mir nur eine atemtreppe

du gehst in ungestörtem rhythmus auf

und ab und windgebogen ähren deine wimpern

die zart geäderte struktur durchpulster lider

darüber schwebend eine weiße wand ich falle

eine spur kaum sichtbar kriecht in meine atemwege

die laute von erstickter kehle kehren wieder

und alle worte die ich einmal kannte sind nur mehr

geflockte stunden auf der zunge bitterschwer

 

Hier zum Anhören: "nebel"

 

 

staub

 

wenn die tür geschlossen wird, sind auch die hunde

still in ihren hütten. der flugverkehr ist eingestellt, kein

rasenmäher und kein weckerticken, nichts stört. nur

 

der saum der gardine, der am boden schleift. ein lichtstrahl

der mein auge trifft. fiebergefühle. das holz knackt leise.

nur eine wespe, die ans fenster schlägt. draußen wiegen

 

sich die tannen. im zimmer, unter meinem bett, wo einer

liegt mit stumpfem messer, zittern die flusen. staub.

staub. ich höre die wespe, die über mir ist. das klappern

 

von tellern aus der küche, gläserklirren, jetzt das besteck:

wer, wenn ich schriee, hörte mich denn, ist erst der tierfilm

im dritten programm und das gespräch in vollem gang

 

und nichts davon für mich bestimmt, gefangen im endlosen

nachmittagslicht. staub. staub. bin ich das insekt, das maßlos

erschöpfte, in diesem bett lag meine mutter als kind.

 

 

Hier zum Anhören: "staub".


69. Scherstjanoi liest Norbert Lange

>>blind<<

 

 

für ihre schönheit blind, muss blind gewesen sein;

vor leidenschaft fast blind, ich müsste denn blind sein!

der blind dem trieb zu bösen taten folgt, dass ich taub und blind,

bin ich denn blind? da wart und guck ich blind mich!

plutos, alt und blind. so ist er denn wirklich blind?

dann blind in der irre, zeus selber ist blind.

 

blind soll er wieder werden, der auf einem auge blind war.

dass du blind wärest, für seine eigenen angelegenheiten blind.

wenn schon, dann nur blind.

schwachsinnig ist der maulwurf von natur und blind.

blind entfährt die waffe der hand, blind in ihrer liebe zu iason;

dein unglück macht dich blind.

 

der stab ist blind, wo ich doch schwach nur sehen kann,

der ich blind mich bewege am stock, wart ihr blind.

jawohl, der soll blind sein! tritt auf, blind, wenn auch blind

blind gegenüber allen erfordernissen. nicht ich mache den jungen dir blind,

wenn auch blind, blind gewesen war. dass du blind bist:

da du so blind bist? blind, so blind, sie müssten denn selbst alle blind sein?

 

nicht eben blind; nicht viel besser als blind.

du bist blind an deinem seelenauge. ich hingegen sehe sehr gut.

wie ich höre, auch blind und taub? bin ich dir so blind als du mich siehst?

und zu allem dem noch lahm und beinahe blind.

du sollst blind gewesen sein, sagt man.

du bist, wenn ich nicht sehr blind bin, aus einem weissen stein

 

Anm. d. Verf.:

„>>blind<<“, das eine Montage aus verschiedenen übersetzten antiken Textstellen die das Wort enthalten ist, versucht das Gestische durch Redundanz auszusteuern und klanglich – würde ich sagen – einen dubstep hinzulegen; jede Erzählung die dabei entstehen könnte ist rein zufällig.

 

Audio >>blind<<

 


68. NOTIZ ZUR RUHESTÖRUNG DES SCHWÄBISCHEN KUNSTSOMMERS IRSEE 2008

Was sucht in den lichtdurchfluteten Räumen des Tagungs- und Bildungszentrums Kloster Irsee die phonetische Poesie? Wer will sie haben?

Wer meldet sich an für einen Kurs beim Lautdichter und Scribentisten Valeri Scherstjanoi und mit welcher Erwartung was zu lernen?

Überlebt das freundliche Motto Kunst leben / Kunst leben / Kunst leben das derart offene Poem Valeri Scherstjanoi? Wen? Ein lebendes Poem?

Ach, aber handelt es sich bei dem, was Sie da machen nicht eher um ein Konzert für Neue Musik?

Was ist noch mal Literatur?

Wo hören die Klostermauern eigentlich auf und gesetzt den Fall, tatsächlich innerhalb von Irsee, wie lange hält man es in ihnen aus?

Wo hört der Sommer auf? Wo hört die Kunst auf?

Und wann ist im Allgäu Schluss mit Brüllen? Nachts? Wer ruft, falls nicht, die Polizei?

Was sagen die Glocken? Was sagt das Braunvieh dazu?

Orgasmus oder phonetische Morgengymnastik?

Wie soll ich das aufschreiben?

 

/ Mara Genschel


67. Lautland DE

Am Ende der DDR erschien eine erstaunliche Anthologie: wortBILD. Visuelle Poesie in der DDR. Die Herausgeber Guillermo Deisler (geboren 1940 in Chile, im Exil in der DDR) und Jörg Kowalski (1952 in Halle) versammeln TextBilder von Elke Erb, Kito Lorenc, Richard Pietraß, von bekannten Künstlern wie Manfred Butzmann, Carlfriedrich Claus, Joseph Huber, Robert Rehfeldt, jungen Autoren des Underground wie Stefan Döring, Johannes Jansen, Bert Papenfuß oder Rainer Schedlinski, dazu von vielen bis dahin unveröffentlichten. 10 Autoren sind nicht auf dem Gebiet der DDR geboren, lebten aber zu jener Zeit dort. Darunter 4, deren Muttersprache nicht Deutsch war: zwei Chilenen, ein Tscheche und ein Russe (?) aus Kasachstan. Der heißt Valeri Scherstjanoi. Seine Mutter wurde nach Kasachstan ins Frauen-Gulag gesteckt. Früh beschäftigte er sich mit den Experimenten der russischen Futuristen. 1979 kam er in die DDR. In einem Gedicht beschrieb er seinen Weg so:

Ich bin in einem Lande geboren,

das nie meine Heimat war.

Ich bin in einem Lande aufgewachsen,

das es nicht mehr gibt.

Ich ging in ein Land,

das es auch nicht mehr gibt.

Und die Muttersprache meiner Mutter

ist nicht meine Muttersprache

 

( 1995 )

(von seiner Homepage lautland.de)

In der DDR kam er zunächst ins Erzgebirge, und in einer unabhängigen Galerie sah er zum ersten Mal Arbeiten von Carlfriedrich Claus, dem Laut- und Schriftartisten. Er wurde sein Freund und arbeitete mit ihm zusammen. In der Anthologie von 1990 ist er u.a. mit einer "Glasnostleiter" vertreten. 1994 bis 1996 war er künstlerischer Leiter des Internationalen Festivals der Lautpoesie „Bobeobi“ in der „Wabe“ in Berlin-Prenzlauer Berg. Er veranstaltet Lautkonzerte, hält Vorträge über die russische Avantgarde im In- und Ausland und arbeitet für den Rundfunk. Mehrfach hielt er Kurse für Lautpoesie mit jungen Autoren, so zuletzt zum 21. Schwäbischer Kunstsommer vom 2. - 10. August 2008 im Kloster Irsee.

Im Nachklang der Klangwerktage Hamburg fand am 28. November 2007 in Leipzig ein Lautkonzert mit Valeri Scherstjanoi statt – "ein Nachspüren fremder Töne von Mara Genschel, Nadja Küchenmeister, Johanna Schwedes, Bertram Reinecke und Norbert Lange. Scherstjanoi las die Texte der jungen Autoren und zwischendurch eigene Lautgedichte, teilweise auch angeregt durch das Lautmaterial der Fremdtexte. Scherstjanoi und die beteiligten jungen Autoren haben mir die Erlaubnis gegeben, einige dieser Texte und Tonaufnahmen zu veröffentlichen. Diese Nachricht eröffnet ein kleines Dossier zu diesem bedeutenden Künstler.

Scherstjanoi in L&Poe: 2001 Mrz # Drei Stunden Lyrik im ZDF; 2002 Sep # Über die Nacht der Literatur; 2003 Okt # Nossackpreis an Endler; 2005 Sep #48. Schrift. Zeichen. Geste.; 2005 Nov #65. Literatur und Strom; 2006 Jul #55. »Vokabelkrieger«; 2007 Jun #86. "das Alphabet ist ein Knast!“; 2007 Jul #6. "Kitsch Me!" - Nr. 9; 2007 Jul #16. Freigelassen; 2007 Nov #139. Die Klangwerktage Hamburg


66. Die Huster von Köln

Am Sonntag gibt Alfred Brendel sein letztes Konzert in Köln. Eine seine Konzerterfahrungen hat der weltberühmte Pianist in dem Gedicht "Die Huster von Köln" einfließen lassen. / Kölner Stadtanzeiger


65. Wer hat den Krieg angezettelt?

In der FAZ schreibt der georgische Schriftsteller Alexander Darchiashvili bitter über den Krieg in seiner Heimat:

Kaum jemand im Westen weiß, dass es zwischen Russland und Georgien einige Jahre lange keine Wasser-, Luft- oder Landverkehrsverbindungen gab. Die Visavergabe für die Einreise nach Russland wurde vollends eingestellt. Doch Saakaschwili hielt durch. Der vorletzte Versuch, ihn zu stürzen, wurde im November 2007 unternommen. Die Volksunruhen wurden abermals von den russischen Geheimdiensten provoziert. Aber auch da hielt er durch. Bei den Neuwahlen erzielte er einen überzeugenden Sieg. Russland blieb nur ein einziger Weg - der Krieg.

Heute fragt man sich, wer den Krieg angezettelt hat. Die Antwort ist einfach: derjenige, der zu dem Zeitpunkt seines Ausbruchs besser und gründlicher vorbereitet war. An dem Tag, an dem die Kampfhandlungen begannen, musste das georgische Militärgerät aus allen Teilen des Landes zusammengezogen werden. Schon fielen die ersten Schüsse, aber der größte Teil der Truppen befand sich noch auf dem Weg nach Zchinwali. Und selbst zum Ende der heißen Phase des Konflikts waren immer noch nicht alle Kräfte in den Kampf einbezogen. Dagegen wurden innerhalb der ersten zwölf Stunden nach Beginn der sogenannten georgischen Aggression die russischen Einheiten durch den einzigen Tunnel, den Roki-Tunnel, nach Südossetien verlegt - wohl organisiert, in einem Umfang von 1200 Stück Kriegsgerät, ganz zu schweigen von der Anzahl der Soldaten. Fragen Sie jetzt einen beliebigen Militärexperten, wer den Krieg angezettelt hat.


64. Reiner Kunze 75

Die Machthaber in Ost-Berlin waren froh, als die Kunzes das Land verlassen wollten: sie genehmigten den Ausreiseantrag im Frühjahr 1977 binnen Tagen. Kaum im Westen, erhielt Kunze die bedeutendste Literaturauszeichnung der Bundesrepublik, den Georg-Büchner-Preis. Seitdem lebt das Paar in der Nähe von Passau, wo Elisabeth Kunze damals Arbeit als Kieferorthopädin fand.

Kurz nach der Wende wurde Kunze die von der Stasi über ihn angelegten Akten übergeben - fast 3500 Seiten, die letzten Einträge stammten vom Oktober 1989. «Ich wollte die überhaupt nicht haben», berichtet er. Dennoch arbeitete Kunze die zwölf Ordner Blatt für Blatt durch, schrieb die Dokumentation «Deckname Lyrik» und enttarnte damit seinen früheren Freund und damaligen Ost-SPD-Vorsitzenden Ibrahim Böhme als Stasi-Informanten. Böhme verlor seine Posten und wurde aus der Partei ausgeschlossen.

Kunzes Bücher haben eine Millionenauflage erreicht und sind in 30 Sprachen übersetzt worden, selbst in Korea lesen die Menschen den deutschen Dichter. Im vergangenen Jahrzehnt ist er immer wieder gegen die Rechtschreibreform auf die Barrikaden gegangen. / Kölnische Rundschau 16.8.

Mehr: Thüringische Landeszeitung 16.8. / ND 16.8. / Mitteldt. Zeitung / Passauer Neue Presse 13.8. / Berliner Morgenpost 16.8. / Thüringer Allgemeine 16.8. / Tagespost / Gespräch mit der TA


63. Stolterfoht zum Lyrikjahrbuch

In der Basler Zeitung vom 15.8. ein kleines Lyrik-Special (nicht online). Darin zwei Beiträge von Michael Braun: ein Interview mit Ulf Stolterfoht und ein kleiner Versuch über "das Geschäft der armen Poeten" (Originaltitel: ARME POETEN ODER FINDIGE KLEINUNTERNEHMER? Die schwierigen Textgeschäfte der Gegenwartslyrik). Hier der Text des Interviews:

BaZ: Der Gründungsherausgeber des „Jahrbuchs der Lyrik“, Christoph Buchwald, attestierte einmal seinem Produkt, das „wichtigste deutschsprachige Poesieunternehmen“ zu sein. Kann man diesen stolzen Befund 2008 noch gelten lassen?

 

Ulf Stolterfoht:

Die ersten Lyrik-Jahrbücher waren schwach, aber bereits das Lyrik-Jahrbuch 1985, damals von Ursula Krechel herausgegeben, habe ich als Sensation empfunden: Zum ersten Mal waren Gedichte von Thomas Kling und Peter Waterhouse zu lesen. Als ich dann 1990 das erste Mal selbst im Jahrbuch vertreten war, war das der schönste Tag in meinem Lyriker-Leben. Das war meine erste Veröffentlichung überhaupt – und die gleich im Jahrbuch des von mir verehrten Karl Mickel ! Diese Veröffentlichung hat damals dazu geführt, dass ich sofort mein Studium aufgegeben habe, weil ich kühnerweise dachte: Jetzt ist der Durchbruch geschafft!

 

Welche Funktion hat das Lyrik-Jahrbuch heute?

 

Mittlerweile hat ein Generationswechsel unter den Dichtern stattgefunden. Das Jahrbuch hat nach wie vor die wichtige Funktion, die Schreibweisen der ganz jungen Autoren, also jetzt der 1980er Jahrgänge zu dokumentieren. Ich habe den Eindruck, dass gerade diese jungen Autoren deutlich reflektierter schreiben als die Älteren, auch wenn die Jungen ihr grosses poetologisches Wissen etwas zaghaft umsetzen. Aber wenn diese Jungen, die ich hier als Gastprofessor am Literaturinstitut in Leipzig erlebe, so weitermachen, dann Gnade Gott uns Älteren!

Sie loben im Nachwort des von Ihnen verantworteten Lyrik-Jahrbuchs 2008 „die Sensation der Un-Geläufigkeit“, die sich „am deutlichsten im Nicht- oder –Kaum- oder Nicht-so-richtig-Verstehen“ des Gedichts manifestiere. Ist das nicht eine gewaltige Überschätzung des Nicht-Verstehens und der Verrätselung?

 

Aber „die Un-Geläufigkeit“ und „das Unverständliche“ haben doch nichts mit „Verrätselung“ zu tun! Die erkenntnistheoretische Basis dieser zwei Kategorien ist doch jeweils eine ganz andere: Derjenige, der etwas mit Hilfe von Chiffrierungen im Gedicht „verrätselt“, problematisiert ja gerade nicht das Verhältnis zwischen Sprache und Welt. Denn er glaubt, das Band zwischen Sprache und Welt sei ungebrochen. Der „wahrhaft Unverständliche“ spricht dagegen davon, dass das Verhältnis zwischen Sprache und Welt hoch problematisch ist und dass das Verstehen ganz anders läuft, als wir uns das im Alltagssprechen und seinen Kommunikationserfolgen vorstellen.

 

(Interview: Michael Braun)


62. Für Olympia

Bei Readers Edition Shimon Peres’ Gedicht für Olympia (L&Poe 2008 Aug #35)


61. Brecht und Laotse

Heinrich Detering zeigt, daß Brecht in allen Schaffensperioden taoistische Motive aufgriff. In einem Gedicht der späten »Buckower Elegien« etwa zeigt sich das biegsame Holz dem Eisen überlegen; der Held des Theaterstücks »Mann ist Mann« von 1926 zitiert unvermittelt Laotse – nur zwei Beispiele von vielen. Der Kommunist als Mystiker? Kaum. Der junge Brecht nahm die Lehre aus Fernost auf, aber sicher nicht ganz ernst, wenigstens nicht wörtlich. »Laotse stimmt mit mir überein«, notierte der Zweiundzwanzigjährige in sein Tagebuch, nicht umgekehrt wohlgemerkt. Was Brecht zu Laotse zog, war ohnehin nicht Ontologie, sondern Ethik, nicht die Weltanschauung, sondern die Ratschläge für ein gutes Leben. »Der Weise hat keine Grundsätze! « sagt Brecht, und Laotse stimmt ihm auch hierin zu: Prinzipien taugen nicht für diese Welt. Das taoistische »Handeln durch Nicht-Handeln« taugte als Gegenkonzept zum Heldentum germanischer Prägung, das noch der Augsburger Schüler in nationalistischen Hymnen feierte, um dann ziemlich schnell zur Vernunft zu kommen. Der »Brecht'sche Taoismus« (Detering) nur eine Strömung im eklektischen Denken des Dichters, der auch darin vorbildlich prinzipienlos blieb. / Matthias Martin Becker, junge Welt 14.8.

Heinrich Detering: Bertolt Brecht und Laotse. Wallstein Verlag, Göttingen 2008, 111 Seiten, 18 Euro


60. Das Erste (Geistige Gummibärchen)

Dieser Kommentar wurde angeregt von das Erste. Dieser Spruch, tausendfach im Fernsehen zu hören, wird die deutsche Sprache verändern. Was werden die Kinder dem Lehrer sagen, der das als Fehler bezeichnet und meint, es müsse "dem Ersten" heißen? Wenn es ein Sprachgericht gäbe, die Verantwortlichen für diesen vorsätzlich, massenhaft und in Gemeinschaft begangenen Sprachmißbrauch gehörten davor. (Ich als Nebenkläger nehme mir einen amerikanischen Anwalt und klage auf Schadensersatz).

Geistige Gummibärchen ist eine lose Folge zur Poesie des Medienspeak.


59. A SIGNAL THROUGH THE FLAMES

Lawrence Ferlinghetti calls on poets to save the world.

 

BY STEVE HEILIG

POETRY FOUNDATION MEDIA SERVICES

 

Poetry As Insurgent Art, by Lawrence Ferlinghetti. New Directions. $12.95.

 

What is the "use" of poetry? Or, as more than one author has asked, Can Poetry Matter?

 

More than 50 years ago, renowned American poet William Carlos Williams wrote famously that "It is difficult/ to get the news from poems/ yet men die miserably every day/ for lack/ of what is found there."

 

A practical man who was not only a poet but also a practicing physician, Williams's lines are usually read to imply that poetry--good poetry, at least--is essential to one's inner life and spirit. In the cultural doldrums of the early 1950s, that rang true for many people.

 

Around the same time Williams wrote those lines, Lawrence Ferlinghetti arrived in San Francisco, fresh from Paris with a doctorate from the Sorbonne and a love of the printed word. He soon co-founded the landmark and still-thriving City Lights bookstore and publisher--issuing not only his own work but also the first printing of Allen Ginsberg's iconic poem "Howl" and many other works by writers who became known as Beat. Ferlinghetti has been poet laureate of San Francisco, received numerous awards both literary and civic, had his paintings widely exhibited, and, nearing 90 years of age, is about as famous as a poet can be in these times.

 

In other words, Ferlinghetti should need no introduction. That he still might, to the vast majority of Americans who rarely, if ever, read poetry, is part of the lamentable background to his latest book. It has been argued that the current decade is the 1950s all over again, but worse. And for Ferlinghetti, poetry's "use" extends far beyond the personal into the political. "Poetry can save the world by transforming consciousness," he argues in Poetry as Insurgent Art, a slim hardback pocketbook manifesto of prose epigrams, addressed to poets.

 

"I am signaling you through the flames," he begins in the new section from which his book takes its title. "The state of the world calls out for poetry to save it." Poetry, in this vision, must be a political statement, arrows slung for freedom of expression, thought and resistance. "Write living newspapers," he counsels. "Your poems must be more than want ads for broken hearts"--in other words, to paraphrase Bertolt Brecht, to write mere "love poetry" in such times is "almost a crime." So "challenge capitalism masquerading as democracy"; "Liberate have-nots and enrage despots"; "Don't cater to the Middle Mind of America nor to consumer society." And so on, in variations of his admonition to "be committed to something outside yourself."

 

This is a tall order for poetry, to be sure. But the six or seven (mostly) one-liners on each of the 30 pages are testament to Ferlinghetti's enduring vision and commitment. Some of these lines read as if they could have been penned in the Beat heyday, decades ago: "Stand up for the stupid and crazy"; "Dig folksingers who are the true singing poets of yesterday and today." Political economy, down-home mysticisms, and occasional cringe-worthy silliness ("Make permanent waves, and not just on the heads of stylish women") all blend into his own version of Rilke's "Letters to a Young Poet." Thus, poets should "see eternity in the eyes of animals," but not "be too arcane for the man in the street." Ferlinghetti can be self-deprecating: "Don't lecture like this. Don't say don't." But he is also dead serious: "Don't let them tell you poetry is bull-" and, especially, "Don't ever believe poetry is irrelevant in dark times." Indeed, as Williams would probably agree, in dark times poetry becomes even more essential.

 

The second major section of the book, "What Is Poetry?," was started by Ferlinghetti in the late 1950s; here he provides backup for his argument for the importance of poetry, and that a "life lived with poetry in mind is itself an art." Here, the political returns--somewhat--to the personal, as "poetry is the shortest distance between two humans," is "the anarchy of the senses making sense"; and "it is a pulsing fragment of the inner life, an un-tethered music" which "restores wonder and innocence."

 

Again, a lofty charge, but many have believed it, and some, such as Ferlinghetti, have lived it--even though, as he acidly quips (echoing Ginsberg's famed opening lines to "Howl"),

We have seen the best minds of our generation

destroyed by boredom at poetry readings.

This impassioned, compact, and concise little book won't destroy any minds. But it may stoke some hearts, as Ferlinghetti intends. Long may he add to his poetic warning: "Wake up, the world's on fire!"

 

Steve Heilig is an editor, writer, award-winning poet, medical ethicist, environmental and public health advocate in San Francisco, as well as a frequent book critic for numerous publications and a music critic for the Beat magazine. This article originally appeared in the San Francisco Chronicle. Distributed by the Poetry Foundation. Read more about Lawrence Ferlinghetti, and his poetry, at www.poetryfoundation.org.

 

© 2008 by Steve Heilig. All rights reserved.


58. Gestorben

Der Lyriker Alain Suied ist am 24.7. in Paris an Krebs gestorben. Er war 57 Jahre alt. Geboren am 17. Juli 1951 in der ehemaligen jüdischen Gemeinschaft in Tunis, kam er 1959 mit seinen Eltern nach Paris. 1968 druckte die Zeitschrift L'Ephémère sein erstes Gedicht. Durch die Unterstützung und Freundschaft André du Bouchets konnte 1970 der Gedichtband "Le Silence" bei Mercure de France erscheinen, gefolgt von "C'est la langue" drei Jahre später. / Le Monde 12.8.


57. Zeitgenössische Poesie Palästinas

Der marokkanische Schriftsteller Abdellatif Laâbi gibt bei Le Temps des cerises die Anthologie «La poésie palestinienne contemporaine» (11 E) heraus. Sie enthält Gedichte von 39 Dichtern, lebenden ebenso wie ermordeten. Die palästinensische Poesie entstand in den 30er Jahren während des Widerstands der palästinensischen Araber gegen die britische Mandatsherrschaft wie auch gegen das zionistische Projekt eines jüdischen Staates in Palästina. Klassische und engagierte Poesie von der "Generation von 1938".

Die "Generation von 1948", die des Exils, entwickelte eine gebrochenere Form, die äußere Gestalt inbegriffen. Die "Generation von 1967" wird in sieben Kriegstagen die "palästinensische ästhetische Verspätung hinsichtlich modernistischer Tendenzen aufholen, die sich in der übrigen arabischen Literatur früher entwickelt hatten", wie Laâbi in seiner Einführung schreibt. Es ist die Generation von Machmud Darwisch (1941-2008), dem berühmtesten Dichter Palästinas (...). Ich habe eine Vorliebe für Ibrahim Souss, vielleicht weil ich ihn 1989 auf der Place des Vosges mit einer Kippa, die ihm Jean-Edern Hallier mit Gewalt auf den Kopf gesetzt hatte, Klavier spielen sah. Kein Dichter der Anthologie ist nach 1960 geboren. Zuviel Religion? Oder zuviele Steine? Zwei Frauen: May al-Sayigh und Salma Khadra al-Jayyoussi. Die erste lebt in Damaskus, die andere in den Vereinigten Staaten. / Patrick Besson, Le Point 14.8.


56. Machmud Darwisch begraben

In der Zeit #34 schreibt der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun über Machmud Darwisch (hier das französische Original aus dem Nouvel Obs).

Mehr: Zeit #33; NZZ 12.8. (Reaktionen auf Mahmud Darwishs Tod, Fakhri Saleh); France-Palestine/ Al-Ahram (Qassem Haddad); Ma'an News (mit Video: Darwisch liest ein Gedicht, arab. m. frz. Untertitel)

Berichte über das Begräbnis: Tagesspiegel 14.8.; euronews (Video); Neue Luzerner Zeitung; Le Temps.ch; AFP 13.8.; Le Matin; Libération 12.8. / haGalil.com / Al-Ahram (engl.)


55. American Life in Poetry: Column 177

Kristen Tracy is a poet from San Francisco who here captures a moment at a zoo. It's the falling rain, don't you think, that makes the experience of observing the animals seem so perfectly truthful and vivid?

 

Rain at the Zoo

 

A giraffe presented its head to me, tilting it

sideways, reaching out its long gray tongue.

I gave it my wheat cracker while small drops

of rain pounded us both. Lightning cracked open

the sky. Zebras zipped across the field.

It was springtime in Michigan. I watched

the giraffe shuffle itself backwards, toward

the herd, its bone- and rust-colored fur beading

with water. The entire mix of animals stood

away from the trees. A lone emu shook

its round body hard and squawked. It ran

along the fence line, jerking open its wings.

Perhaps it was trying to shake away the burden

of water or indulging an urge to fly. I can't know.

I have no idea what about their lives these animals

love or abhor. They are captured or born here for us,

and we come. It's true. This is my favorite field.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright © Kristen Tracy, whose most recent teen novel is "Crimes of the Sarahs," Simon & Schuster, 2008. Poem reprinted from AGNI online, 9/2007, by permission of Kristen Tracy. Introduction copyright © 2008 by The Poetry Foundation. The introduction's author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.


54. Top 10

Der Guardian hat eine Serie, in der Schriftsteller ihre "Top 10" zu einem selbstgewählten Thema zusammenstellen. Jessica Duchen listet 10 literarische Zigeuner (darunter eine schottischer Ballade). Unter James Hopkins 10 polnischen Büchern sind Gedichtbände von Zbigniew Herbert und Tadeusz Rózewicz. Peter Ashley nennt 10 Eisenbahngedichte (darunter Philipp Larkin, John Betjeman und Thomas Hardy). Zu Tom McCarthys top 10 europäischen Modernisten gehören Filippo T. Marinetti, Paul Celan, Martin Heidegger und Franz Kakfa (wer immer das ist), ferner Francis Ponge und Maurice Blanchot. Unter top 10 literarischen Jungfrauen (Männer eingeschlossen) finden sich: Queen Elizabeth I (people tend to forget the Virgin Queen was as good a poet as she was speech maker), Emily Dickinson, Gerard Manley Hopkins, EM Forster (no full sex experience until his late 30s, by which time all his major fiction was written), George Bernard Shaw, WB Yeats (virtually celibate until his 30s) und Christina Rossetti.

Außerdem u.a.:

Ruth Padel's top 10 women poets

Colum McCann's top 10 novels on poets

Michael Symmons Roberts's top 10 verse novels

Julian Roach's top 10 books on Percy Bysshe Shelley

John Burnside's top 10 Scottish poetry collections

Matthew Pearl: top 10 books for Dante lovers

Andrew Lycett's essential Dylan Thomas

Dannie Abse's top 10 20th century poetry collections

Andrew Motion's top 10 poetry books


53. Freundschaft

Wie eine sehr private Dichterin den perfekten Mentor fand. Joel Brouwer bespricht in der Washington Post vom 3.8. ein Buch über die Freundschaft zwischen Emily Dickinson und Thomas Wentworth Higginson.

WHITE HEAT

The Friendship of Emily Dickinson And Thomas Wentworth Higginson

By Brenda Wineapple

Knopf. 416 pp. $27.95

Mehr: Boston Globe 10.8.

Auszug aus dem Buch


52. Jean Bollack über Celan-Bachmann

Inzwischen hat sich die Lage völlig verändert, was damals tabu war, dominiert nun völlig. Das hat auch einen, mit dem Tabu verbundenen, methodischen Grund: Biographische Hinweise gehörten nicht zur Dichtung, und sie wurden von Gadamer und anderen bekämpft. Heute glaubt man, im Privaten aus dem Vollen schöpfen zu dürfen, als dränge sich das Biographische auf, und so will man die Hinweise einbauen, anstatt sie zu interpretieren, und verkennt, dass die Briefe ohne die Gedichte kaum zu verstehen sind. Das kreative und das erotische Moment verbinden sich. ...

Wenn Bachmann sagt, sie liebe das Genaue, und Celan ihr antwortet, er liebe das Ungenaue, dann verortet er ihre „Genauigkeit“, negiert sie, weil sie zur literarischen Welt und zum Betrieb passt, in die Bachmann eintreten will (und es mit Erfolg tun wird). Celan wirft ihr die Konzessionen vor, die er für sich (und für sie) ausschließen will. Darum geht es zwischen ihnen. Benjamins Vorwurf, die Dichtung werde - mit Baudelaire - vom Literatentum abgelöst, lässt sich hier wiedererkennen; Celan schlägt sich mit der großen Dichtung. Seine eigene Positition ist intellektuell, sie ist frei und spekulativ. Gerade weil ihre Dichtung, trotz allem, sich unterschied, konnte Bachmann Celans eigene Anschauungen, auch seine Sprechweise in ihre Gedichte aufnehmen. ...

Worum es den beiden ging, war das Wahre, das ich das Partikulare nenne. Hier treffen Celan und Bollack zusammen, und die Celan-Forschung ist über Jahrzehnte vor der biographischen Wende darüber hinweggegangen. Dieses Partikulare, das Celan schuf, war das Umwälzende in der Geschichte der Dichtung. Was er auch immer sagt, so bezieht es sich auf etwas Konkretes und Eigenes, sei es literarisch, kulturell oder privat. Die Sinnkonstitutierung vollzieht sich im Konkreten. Die Werke haben sich aus einer Einschränkung und Zensur aus eigener Kraft befreit. Die Genauigkeit der Gedichte Bachmanns ist anders: bei ihr unmittelbarer, in einer gewissen Weise natürlicher, sie dichtete, wie es ihr zusagte, und wie sie ihr eigenes Talent einschätzte. Dabei hat sie die Beziehung und die Inspiration durch ihr Gegenüber stets miteinbezogen. Dagegen ist die Sprache der Gedichte Celans in ihrer Besonderheit eigentümlicher oder, wenn man will, abgehoben und sekundär, was an der Idiomatik liegt. Celan wendet sich in den Briefen oft gegen die „Kunst“ und meint damit eine Reduktion, die er aufhebt. Jenes (konkrete und dann umgeformte) „Wahre“ wird heute falsch ausgewertet, an einen gegenwärtigen Erwartungshorizont angepasst, durch die Betonung des Pathologischen. / FAZ 14.8.

Mehr: Kölner Stadtanzeiger


51. Ringbahnlesung

Tom Bresemann von den S³ LiteraturWerken zum Beispiel liest seine Gedichte in der Berliner Ringbahn vor.

Seit wann gibt es eure Ringbahnlesung?

Wir haben damit im Juni 2007 angefangen. Damals war das noch eine sehr wilde Aktion. Vier Autoren lasen ihre Sachen und zehn Leute waren zufällig da. Zum Teil war das wirklich sehr witzig, denn da gab es noch am meisten Interaktion zwischen den Autoren und dem unvorbereiteten Publikum. Impulsgeber war eigentlich unser Kameramann. Wir probieren aber mit den S³ Literaturwerken oft ungewöhnliche Leseformate aus und erschließen neue Wege in diese Richtung. ...

Was erwartet einen bei der nächsten S³ LiteraturWerke Ringbahnlesung?

Ich denke, dass das die größte Lesung bisher werden wird. Wir müssen uns dann wohl ernsthaft Gedanken machen, ob wir die Eventschiene fahren. Die andere Idee ist ja, dass wir einfach zum Anfang zurückgehen, nichts mehr ankündigen und einfach nur einsteigen und lesen. Sowas nur noch via Gerücht verbreiten zu lassen. Ich bin da ganz offen. Für dieses Jahr wird es wohl erst einmal die letzte Ringbahnlesung sein, aber die S³ LiteraturWerke machen natürlich weiter mit ungewöhnlichen und gewöhnlichen Leseformaten. Gerade suchen wir beispielsweise Dolmetscher, die unsere Gedichte für Gehörlose übersetzen können.

 

Die nächste S³ LiteraturWerke Ringbahnlesung findet am 29.08.2008 ab 20:01 in der S41 ab Ostkreuz statt. Es lesen Bresemann/Maroldt, Greta Granderath, MEK Waldhauser u.a. / orf


50. Gegen Weihe

Und als ob es Bachmann und Celan dadurch nicht schon schwer genug gehabt hätten, trieben ihnen weihevolle Forscher mit ihren intertextuellen Lektüren und hochgerüsteten Theorien später noch das letzte bisschen Leben und Leichtigkeit aus. Biografisches und Briefliches war lange verpönt, den Puritanern galt jeder als Voyeur, der sich trotzdem für «Bräute, Briefe, Privatangelegenheiten» (Ingeborg Bachmann) interessierte. Dabei ist der Beweis längst erbracht, dass sich aus Biografien und Korrespondenzen für die Werke von Celan oder Bachmann relevante Erkenntnisse gewinnen lassen. Auf ihre einander geschriebenen (und nicht immer abgeschickten) Briefe wartet man daher schon lange. Nun erscheint der Band endlich im Suhrkamp-Verlag. / Weltwoche

Ingeborg Bachmann/Paul Celan: Herzzeit. Briefwechsel. Hrsg. von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann. Suhrkamp. 400 S., Fr. 44.90


49. Tristia

(zu #44) Wilhelm Fink macht mich auf die Leserdebatte zum Guardian-Artikel aufmerksam und auf die Lyrikseite von Eric Boerner, der auch eine große zweisprachige Mandelstam-Sammlung hat. Hier die erste Strophe des Gedichts "Tristia" im Übersetzungsvergleich:

 

Tristia

 

Я изучил науку расставанья

В простоволосых жалобах ночных.

Жуют волы, и длится ожиданье,

Последний час вигилий городских,

И чту обряд той петушиной ночи,

Когда, подняв дорожной скорби груз,

Глядели вдаль заплаканные очи,

И женский плач мешался с пеньем муз.

 

Ich lernte Abschied – eine Wissenschaft;

ich lernt sie nachts, von Schmerz und schlichtem Haar.

Gebrüll von Ochsen. Warten, lange Haft.

Die Stadt-Vigilie, die die letzte war.

Und ich – ich halts wie in der Nacht der Hähne,

da ich, den Gram geschultert, wandert, lang,

ein Aug ins Ferne sah durch seine Träne

und Weiberweinen war im Musensang.

 

(Paul Celan)

Aus: Ossip Mandelstam: Gedichte. Aus dem Russischen übertragen von Paul Celan. Fischer 1959

 

 

Ich habe die Wissenschaft des Abschieds

in barhäuptigen nächtlichen Klagen erlernt.

Die Ochsen käuen, und das Warten zieht sich hin,

die letzte Stunde der Vigilien in der Stadt,

und ich achte den Ritus jener Hahnennacht,

da die verweinten Augen die Last des Wegeleids aufhoben

und in die Ferne blickten,

und da das Weinen der Frauen sich mit dem Gesang der Musen vermischte.

 

(Kay Borowsky und Lydia Titowa)

Aus: Ossip Mandelstam: Wie ein Lied aus Palästina. Gedichte Briefe Dokumente. Berlin: Oberbaum 1992

 

Ich lernte Abschied: eine Wissenschaft,

In Klagen – nachts – von unbedecktem Haar.

Gekau der Ochsen. Warten. Und kein Schlaf.

Den letzten Gang der Wache nehm ich wahr.

Und folg dem einen Kult: der Nacht der Hähne,

Als ich die Lasten hob, den Schmerz – für lang,

Das Aug ins Ferne sah durch seine Träne,

Und Schluchzen mischte sich zum Musensang.

 

(Ralph Dutli)

Aus: Ossip Mandelstam: Tristia. Gedichte 1916 - 1925. Zürich: Ammann 1993

 

Ich hab die Kunst studiert, Abschied zu nehmen,

Im barhäuptigen Schmerz nächtlicher Klagen.

Es brüllen Ochsen, die Erwartung währt –

Der Stadtvigilen letzte Stunden schlagen.

Ich ehr den Ritus jener Hahnennacht,

Als, schwer das Kreuz des Leidenswegs erhebend,

Verweinte Augen in die Ferne schauten

Und Klageweiber Musensänge webten.

 

(Eric Boerner)

 

I've learned the science of parting

In the laments of night, her hair let down.

Oxen graze, and the waiting's drawn out.

It is the last hour of the town's vigil [*], and I

Observe the ritual of that night of the cock

When, lifting their load of wandering sorrow,

Exhausted eyes gazed into the distance,

And a woman's lament and muse's song combined.

 

(Bruce McClelland) hier

 

The essence of farewell I have extracted

From hatless laments of the sleepless night

As oxen chew, and waiting grows protracted,

And end of city vigil is in sight -

And I recall the rooster night with fear

When lost in doleful journey for too long

Into the void the tear-drenched eyes did peer

And woman's cry mingled with muse's song.

 

(Ilya Shambat) hier

 

I have studied the Science of departures,

in night’s sorrows, when a woman’s hair falls down.

The oxen chew, there’s the waiting, pure,

in the last hours of vigil in the town,

and I reverence night’s ritual cock-crowing,

when reddened eyes lift sorrow’s load and choose

to stare at distance, and a woman’s crying

is mingled with the singing of the Muse.

 

(poemhunter.com, ohne Angabe des Übersetzers)

 


48. Kein Licht am Ende des Tunnels

In der libanesischen Zeitung Al-Hayat vom 11.8. ein poetischer Nachruf von Ghassan Charbel auf Machmud Darwisch:

Ich erinnerte mich, was er 1994 in Tunesien sagte, als er auf das Osloer Abkommen angesprochen wurde. "Ich schaue nicht auf die Karte. Sie sticht wie eine Nadel..." Offensichtlich war die Karte nicht die einzige Nadel. Machmud Darwisch entdeckte, daß es viel weniger Dinge gab, als er geglaubt hatte. Er entdeckte, daß die Nation in der Zeit der Käfige am Ertrinken war und ohne Licht am Ende des Tunnels. Sein Freund, "der alte Mann", der jetzt unter Palästinas Erde ruht, pflegte dieses Licht zu predigen. Wie um diese Sorge zu überwinden, rief die Erde Yasser Arafat zu sich und zögerte nicht, auch Machmud Darwisch zu rufen. Als suchte die Erde Schutz bei den zwei Särgen und Liebhabern im Keffieh des ersteren und in der Lyrik des letzteren. ...

Gut gemacht!

Du hast Schluß gemacht mit den Schrecken des Lebens und den Schrecken der Sprache. Aber wir nehmens dir übel. Zu selten erschafft eine Nation ein so zauberhaftes Lied. Warum hast du das Pferd über die Klippe gestoßen? Warum hast du die Poesie verlassen?

Halten wir das mal fest: wir haben dich verloren, aber entschuldige dich nicht für das, was du getan hast.


47. Dylan-Thomas-Sammlung

Über "The World’s Finest Collection of Dylan Thomas" berichtet Wales online. Das teuerste Stück ist ein Exemplar der Erstauflage seines ersten Gedichtbands "18 poems" von 1934 mit einer Widmung für seine spätere Frau Caitlin, geschätzt auf £25,000. Thomas war 20, als das Buch erschien. Die Sammlung enthält einige seiner bekanntesten Gedichte, darunter See the boys of summer in their ruin, The force that through the green fuse drives the flower, If I were tickled by the rub of love und Especially when the October wind. (Die Nachricht beschreibt die Sammlung mit weiteren Stücken, sagt aber nichts über die whereabouts)


46. Estnische Literatur

Gerade die lange Fremdherrschaft rief aber in der estnischen Gesellschaft ein gesteigertes Bedürfnis nach einer Nationalliteratur hervor, mit der die eigene kulturelle Identität abgesichert werden konnte.

Am Anfang dieses Projekts stand die Konstruktion eines Nationalepos mit einem raffinierten Design: «Kalevipoeg» (1857 bis 1861) lehnt sich stilistisch an das finnische «Kalevala» an und flicht estnische Volksliedelemente in die Handlung ein. Es stammt aus der Feder des estnischen Arztes und Dichters Friedrich Reinhold Kreutzwald, der sich aus Karrieregründen einen germanifizierten Namen zulegte. Erst um die Jahrhundertwende bildete sich dann ein estnischer Literaturkanon heraus. Mit der Erlangung der Unabhängigkeit nach dem Ersten Weltkrieg waren endlich auch die Bedingungen für eine Institutionalisierung der estnischen Literatur gegeben: «Kalevipoeg» hatte noch in der Tarnung einer wissenschaftlichen Ausgabe mit deutschem Paralleltext erscheinen müssen. / NZZ 9.8.

Cornelius Hasselblatt: Geschichte der estnischen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Verlag Walter de Gruyter, Berlin und New York 2007. 870 S., Fr. 269.–.


45. Hundertdrucke

Unter dem Titel "Hundertdrucke sind Kunst! Hundertdrucke sind schön" ist vom 15. August bis zum 19. September im Foyer der Düsseldorfer Universitäts- und Landesbibliothek eine komplette Sammlung der legendären Drucke aus den 60er Jahren zu sehen: eine Mischung aus Poesie und Pop, Lyrik und ZERO.

Nur 20 Titel erschienen in dem von Guido Hildebrandt im Jahre 1965 gegründeten und nach ihm benannten Duisburger Kleinverlag. Doch in diesen 20 Werken vereinigte der Wochenendverleger die Crème de la Crème der Poesie und der bildenden Kunst seiner Zeit: Alle Hauptvertreter der Konkreten Poesie, wie Franz Mon, Helmut Heißenbüttel und Eugen Gomringer, sind bei Hildebrandt vertreten, daneben weitere bedeutende deutsche Poetinnen und Poeten, wie Hilde Domin, Ernst Meister, Rolf Dieter Brinkmann und Rose Ausländer.

In der Reihe der "Hundertdrucke" - alle Bände erschienen in einer Auflage von 100 Exemplaren - wurden Lyrik und künstlerische Originalgraphik kongenial gegenübergestellt. Neben allen Künstler der ZERO-Gruppe, Heinz Mack, Günther Uecker und Otto Piene, gewann Hildebrandt namhafte Vertreter des Informel, wie Emil Schumacher und Rupprecht Geiger für die Mitarbeit, außerdem die künstlerische Ausnahmegestalt Blinky Palermo.

In dem Krefelder Druckermeister Klaus Ulrich Düsselberg, Gründer der Galerie am Bismarckplatz, fand Guido Hildebrandt einen bibliophilen Setzer und Drucker, der mithalf, den Hundertdrucken ihr unverwechselbares Bild zu geben. Man könnte die Reihe als eine Art rheinisches "Kunst-Joint-Venture" bezeichnen. Ganz ohne Zweifel sind die Hundertdrucke in ihrer hohen Qualität eine der wichtigsten Künstlerbuchreihen der siebziger Jahre. Angereichert wird die Ausstellung durch zahlreiche Fotodokumente, Briefe und Dichterhandschriften, Originaldruckstöcke und andere Materialien, die den Entstehungsprozess der Bücher dokumentieren. / idw 11.8.


44. A Valediction to Osip Mandelstam

Tristia: 1891-1938

 

A Valediction to Osip Mandelstam

 

Difficult friend, I would have preferred

You to them. The dead keep their sealed lives

And again I am too late. Too late

The salutes, dust-clouds and brazen cries.

 

(...)

/ Guardian poem of the week

 

"Tristia: 1891-1938" (12 lines) from "Four Poems Regarding the Endurance of Poets" first published in King Log and reprinted in Selected Poems by Geoffrey Hill (Penguin Books, 2006). Copyright © Geoffrey Hill, 1968, 2006. Reproduced by permission of Penguin Books Ltd.


43. "Zerlegen und wieder Zusammensetzen"

—Das sind keine Objektgedichte..

—Was dann?

—Es sind Vorahnungen.

—Worüber?

—Über die absolute Andersartigkeit des Objekts.

—Also denkst du an das Absolute?

—Natürlich.

 

Form ist die sichtbare Seite des Inhalts. Die Art wie der Inhalt sichtbar wird. Form: Zeit wird zu Raum und Raum zu Zeit - simultan.

Ich bewundere Claude Levi Strauss' Bemerkung, daß alle Kunst im Wesen Reduktion ist, und Gertrude Steins Ausspruch, Lyrik ist Wortschatz.

Der Zufall als Werkzeug, mit dem man seine gewöhnlichen Assoziationen zerbricht. Wenn sie einmal kaputt sind, benutze die Bruchstücke, um dich ins Unsichtbare zu katapultieren.

/ Charles Simic, aus: The Monster Loves His Labyrinth: Notebooks. Bei Poetry Daily

Paperback: 128 pages

Publisher: Ausable Press (September 1, 2008)


42. "Krank vor Hoffnung"

Der palästinensische Dichter Machmud Darwisch wird am Mittwoch in Ramallah beigesetzt, lese ich bei der französischen Zeitschrift challenges.

Der Nouvel Observateur stellt einen Essay von Darwisch aus dem Jahr 2006 ins Netz: "Ich bin krank vor Hoffnung":

Die Poesie ist in Palästina ein Kampf um die "Befreiung" der Sprache. Man kritisiert mich manchmal, daß ich kein Dichter des Widerstands mehr bin, kein Kämpfer. Aber die eigentliche Niederlage wird sein, wenn auch unsere Sprache okkupiert wird. ...

Die Hoffnung ist die unheilbare Krankheit der Palästinenser. Unsere Bürde. Ich widersetze mich dem Geist der Niederlage und klammere mich an die verzweifelte Hoffnung, daß das Leben, die Geschichte, die Gerechtigkeit noch einen Sinn haben. Ich bin aus freien Stücken krank vor Hoffnung.

 

Amy Goodman talks with Sinan Antoon and Fady Joudah about the life and work of Mahmoud Darwish, who died on Saturday at 67. (Democracy Now, Video)

Mehr: Libération 11.8. / Kaddish für Darwisch / Tribune de Genève / Readers Edition (dt.) / New York Times 11.8. / junge Welt 12.8. / taz 11.8. / NZZ 11.8. / Guardian 12.8.


41. Götterliebling

Er war der Götterliebling unter den arabischen Schriftstellern, eine Diva, ein Superstar. Wenn er las, war vor lauter Groupies selbst für seinen Übersetzer kein Durchkommen. Um ihn zu kontaktieren, brauchte man Mittelsmänner und viel Glück. Einmal, am Wissenschaftskolleg in Berlin, traf ich ihn in der Toilette. Wie ein Schuljunge hatte er dort heimlich geraucht – nach zwei schweren Herzoperationen. ...

Seit der allmählichen Abkehr vom Anspruch auf unmittelbare Wirksamkeit und dem Verzicht auf große, verkündende Gesten wie in den siebziger Jahren ist der universale Charakter der Gedichte Mahmoud Darwishs mehr und mehr in den Vordergrund getreten. Von der Palästinaproblematik ausgehend, umzirkeln sie die conditio humana in einer Welt, die Heimat kaum noch glaubhaft verheißen kann.

Seine letzten Gedichte sind reine Gedankenlyrik gewesen, oft in parabolischer Form um den israelisch-palästinensischen Konflikt kreisend, versöhnlich und ohne große Rhetorik. Es sind solche Texte, die auch in der Übersetzung wirken und Darwishs verspäteten internationalen Ruhm begründet haben. In den letzten Jahren wurde er immer wieder auch als Nobelpreiskandidat gehandelt. Die Palästinenser haben ihre letzte unumstrittene Symbolfigur verloren – und die literarische Welt einen großen Dichter. / Stefan Weidner, FAZ 10.8.

Stefan Weidner ist der deutsche Übersetzer von Mahmoud Darwish. Im Ammann Verlag ist der Gedichtband „Wir haben ein Land aus Worten“ erschienen.

Mehr: Die Welt / Süddeutsche 10.8. / FR 10.8. / Spiegel /


Nachrichten 1-40 hier


In diesem Monat über

(zur Nachricht bitte nach der angegebenen Nummer blättern - Sachregister unten)

 

Aura, Alejandro: 3
Bachmann, Ingeborg: 21 27 40 50 52
Berger, Timo: 11
Boldt, Paul: 20
Borchardt, Rudolf: 82
Bordoni, Isabella: 30
Brecht, Bertolt: 61
Brendel, Alfred: 66
Bresemann, Tom: 51
Breuer, Theo: 3 20
Brooks, David: 9
Celan, Paul: 27 39 40 50 52
Darchiashvili, Alexander: 65
Darwisch, Machmud: 38 41 42 48 56 57
Demmler, Kurt: 23
Dickinsin, Emily: 53
Ehrenbam-Degele, Hans: 14
Falkner, Gerhard: 34
Ferlinghetti, Lawrence: 59
Fix, Julietta: 14
Genschel, Mara: 68 71
Goffe, Cyril L.: 79
Hahn, Ulla: 5
Hefter, Martina: 14
HEL: 14
Hill, Geoffrey: 44
Hulpe, Marius: 32
Imhof, Sabine: 14
Jaccottet, Philippe: 33
Jidi Majia: 83
Jihad, Kadhim: 6
Kafka, Franz: 25 26
Karadzic, Radovan: 15 29
Kooser, Ted: 1 24 55
Küchenmeister, Nadja: 70
Kunst, Thomas: 22
Kunze, Reiner: 64
Laâbi, Abdellatif: 57
Lange, Norbert: 69
Ledwell, Frank: 81
Mandelstam, Ossip: 44 49
Milautzcki, Frank: 14
Moore, Berwyn: 1
Nitsche, Axel: 14
Njegos, Petar: 29
Orelli, Giorgio: 4
Usundare, Niyi: 37
Paterson, Don: 12
Peres, Schimon: 28 35 62
Pietraß, Richard: 36
Reinecke, Bertram: 72
Ringelnatz, Joachim: 7
Rühmkorf, Peter: 10
Scherstjanoi, Valeri: 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77
Schwedes, Johanna: 73
Simic, Charles: 18 43
Souss, Ibrahim: 57
Stafford, William: 19
Steele, Frank: 24
Stolterfoht, Ulf: 63
Suied, Alain: 58
Thomas, Dylan: 47
Toys, Tom de: 16
Tracy, Kristen: 55
Wagner, Achim: 78
Weinert, Erich: 8
Woeser: 13
Yasin, Rana Jafar: 6
 

American Life in Poetry: 1 24 55
Aphorismus: 12
Autorenwerkstatt: 31
Berlin: 51
Conrady, Der große: 2
Estnische Literatur: 46
Ethnische Säuberungen: 15
Forward Prize: 17
Geistige Gummibärchen: 60
Georgien: 65
Hörbuch: 2 10
Hör-Conrady: 2
Hundertdrucke: 45
Installation: 30
Irakische Lyrik: 6
Kranichsteiner Literaturpreis: 34
Künstlerbuch: 45
Lyrikjahrbuch: 63
Lyrik Kabinett München: 31
Palästinensische Lyrik: 57
Palmaria: 30
Poetry Foundation Syndicate: 19 59
Poro: 25
Rheinsberg: 36
Romandie: 33
Strukturalismus: 43
Zweites Bein: 14
 

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