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40. Der Dichter Li Bai Ein synergetisches Entzücken aus dem Zusammenfließen von Osten und Westen bedeute die Wiederbelebung der Opernform, schreibt variety.com über die Oper "Der Dichter Li Bai" von Guo Wenjing, die im Central City Opera House aufgeführt wird. Leider kann ich der Seite nicht entnehmen, in welcher Stadt. Poet Li Bi (Central City Opera House; 550 seats $87 top) CENTRAL CITY, Colo. A Central City Opera presentation of an opera in three acts by Guo Wenjing. Libretto by Diana Liao, Xu Ying. Directed by Lin Zhaohua. Conductor, Ed Spanjaard.
Li Bai (Li Tai-pe, Tai-po) in L&Poe: 2002 Nov # Den Beginn einer monumentalen Geschichte; 2004 Jan # China setzt sich mit einem Dichter auseinander; 2005 Jan #58. Abschied; 2005 Okt #39. Nationales Poesiefestival in Ma'anshan (China); 2005 Nov #6. Erstes "Fest der Dichter" in Anhui; 2006 Apr #17. Durchbohrt, gebannt; 2006 Aug #68. Gespräch über Mörike; 2007 Mrz #99. Dichter der Zechgelage 39. LyrikÜbersetzungsKritikLyrik zu "Gryf Pomorski dreht am Rad der Geschichte" von Bert Papenfuß und dem Versuch seiner Übertragung ins Polnische
Teil I
Wenn´s "Cześć"** im Deutschen fröhlich grüßt - darf dann die polnisch zischelnd Zeile nicht ebenso auf andrem Ufer der Sprachengrenze kurz verweilen?
In Zeile drei grenzt ein Gezweige - auch als Gebüsch - andeutig AN: die polnisch trzecia geht zur Neige und hat keine Freud daran:
kein Adjektiv hier, nirgends, nie ma der arme Vers steht nackicht da und grüßt den "Puszczecz" von querbeet drüba***, dem sein plötzlich Plural auch nicht klar.
Auch, weshalb, obwohl AM Busche und Geäst er gehend war nun in dem Nachbarverse huschet DURCH das Gezweige: sonderbar.
Der alte Witz vom Pessimisten, dem´s halbvolle Bier halb leer erscheint steht da als aufn Kopp jestellte Kiste, zwischen dt-u-pl-Zeile zwölfundzwei****.
der kleinen, mittleren und auch groben übersetzproblemchen jibtet die nächsten erst, wenn das da oben sein erstes GEGNERplätzchen***** findet.
Anna Panek
**) Mit dem polnischen kurzen Gruß, in seiner direkten Knappheit dem französischen "salut“ nicht unverwandt, beginnt und endet Papenfußens "Gryf Pomorski dreht am Rad der Geschichte“: Pommersches Jahrbuch für Literatur, Frankfurt/Main 2007, S. 34-54. ***) Gemeint ist hier: von zwei Zeilen quer-gegenüber, also von Zeile eins der dt. Originalversion. ****) Vgl. hierzu die Zeile 14 der Originalversion und ihre Übertragung ins Polnische. *****) Gemeint ist: "DAS DÜRFTE FOLGEN HABEN.“
auszug aus einer kurzbiographie der autorin: - eine der von ihr angeleierten "mariannen" (zusammenarbeit mit mehreren berliner autorinnen und künstlern, u.a. mit tanja dückers, cornelia saxe/sachse u.a.) wurde - in der version anna panek und ann cotten/"polly esther" mit stimmlicher unterstützung von johannes jansen auf dem 2007er berliner poesiefestival als abschlußbeitrag eingespielt (gewidmet: sebastian briat. vom castor-transporter überfahrener demonstrant. einem, dem man gewünscht hätte, daß die lokomotivführer auch mal streiken, wenn *brisanteres material quer von einer hundehütte zur nächsten gefahren wird*)." ARTalk. WORTKUNST ÒND KÒNSTSLORT Anna Panek
38. Ätzend In der Stuttgarter Zeitung vom 29.6. würdigt Martin Hohnecker das Multitalent Friedrich Theodor Vischer zum 200. Geburtstag. Der konnte gut ätzen. Gegen Goethen, gegen all und jeden: Zum Beispiel frömmelnde Pietisten. Zum Beispiel die Mode mit ihren "Affenstöckelschuhen". Zum Beispiel Katarrhe und andere gesundheitliche Teufeleien: "O, wir sind geboren, (. . .) die Welt mit Hühneraugen anzusehen, zu niesen, zu husten und zu spucken." Zum Beispiel die Franzosen ("Ein Volk voll Geist und von wenig Vernunft"), deren Niederlage im Siebzigerkrieg er unter dem Pseudonym Philipp Ulrich Schartenmayer in Versen feierte: "Nach Berlin, habt ihr geschrieen, / wollt ihr als Erobrer ziehen,/ jetzt geht nach Berlin, Juchhe! / die gefangene Armee." In L&Poe: 2003 Feb # sagen die richtigen/ zeitgemäßen 37. Salut Paul Wühr Salut! sagt Thomas Poiss in der FAZ vom 10.7., "Salut! dem poetischen Republikaner Paul Wühr, der heute seinen achtzigsten Geburtstag begeht." Und er schreibt: Fragt man aber, warum Wühr trotz zahlreicher Preise unter Jüngeren wenig bekannt ist, muss an die Geschichte erinnert werden. Wühr wurde 1927 als Sohn einer Bäckerfamilie in der Münchener Augustenstraße geboren, wo er 1944 bei einem Bombenangriff für einen Tag verschüttet wurde. In den Wirren der Nachkriegszeit absolvierte er eine Ausbildung zum Hauptschullehrer, der er blieb, bis er 1984 an den Trasimenischen See zog. Wührs Phase öffentlicher Wirksamkeit fiel in die Jahre um 1968 und jene späteren Jahre, da München heimliche Hauptstadt spielte. Die progressive Literatur wurde in einen palavernden Hauptzweig und in die experimentelle Avantgarde eingeteilt. Wer das Pech hatte, den Experimentellen zugeschlagen zu werden, besaß fortan nur mehr ein handverlesenes Publikum. Dabei ist mit Wühr ein hinreißender Dichter zu entdecken. Zur Einführung sei "Was ich noch vergessen habe" (2002) empfohlen. Auch die Süddeutsche gratuliert: Kaum hatten wir uns von diesem Buch erholt, begann die Reihe jener Gedichtbände ganz unmäßigen Umfangs, die mit "Salve res publica poetica" 1994 anhub und mit dem bisher letzten Band, "Dame Gott" von 2007, wohl noch nicht zu Ende ist - und dies alles zugleich mit der immer wieder zu hörenden Versicherung, eigentlich sei er gar kein Lyriker. . . . Das stimmt in dem Sinne, dass Wührs Gedichte keinen kantabilen Klang haben, dass sie nicht den Schmelz des glatten Verlaufs zeigen und vor allem, dass ihrem ruckhaften, bisweilen fast gewaltsamen Denken eine überraschende argumentative Härte eigen ist, eine Dynamik im Argumentenabtausch, die einen eher sagen lassen könnte: Wührs Gedichte sind kleine Dramen mit drei, vier einander ins Wort fallenden Gedanken, die sich wie Stränge zu einem Zopf drehen. / Jörg Drews, SZ 10.7. 36. Weiter mit Sonetten Thomas Kunst antwortet auf Theo Breuer (#24):
ACH WÄR ICH NUR IM HINTERLAND (GEBLIEBEN). Im Vorderland, da wohnen keine (Gönner), Doch: knapp und listig, einen (Einzelkönner) ! Gibt es in Sistig; wie wird das (geschrieben) ?
Es ist verdienstvoll, Poesie zu (lieben) Und Dichter zu begleiten, die sich (lohnen), Obwohl sie gar nicht in der Nähe (wohnen). Was hat mich nur ins Vorderland (getrieben) ?
Ich kannte keine Texter aus der (Eifel). Das hat sich jetzt geändert, denn ein (neuer) ! Hat sich im Hinterland postiert, ein (stiller)
Gedichtliebhaber, ohne jeden (Zweifel), Ironischer Rebell: der Theo (Breuer); Er kommt für mich jetzt gleich nach Friedrich (Schiller).
35. Gestorben im Alter von 81 Jahren ist der Dichter Philip Booth in Hanover, N.H. Booth studierte mit Robert Frost und gehörte zu einem Elitekreis von Literaten in Castine. In seinen Gedichten erkundete er mit New England verbundene Themen mit dem Gefühl des dort Geborenen für Landschaft und Küste. Die Winde, Felder, arbeitenden Menschen und Gezeitenzyklen waren seine Themen. Sein Stil ist knapp und elegant, eine Kombination östlicher ("Down East") Ökonomie und naturalistischer Rhythmen. / Alicia Anstead, Bangor Daily News 3.7. 34. Keine Süßigkeit bitte In der FAZ-Beilage Bilder und Zeiten vom 7.7. benutzt Wolf Wondratschek ein Gedicht von Eduard Mörike, um einen Stoßseufer über Verehrerpost mit beigelegten Manuskripten loszulassen. Meistens Liebesgedichte ohne Saft und Kraft. Liebe muß "dem Adler gleichen" (Mörike), nicht dem Sperling: Schreiben als Zungenreden. Und keine Kunststückchen bitte. Und keine Vergleiche, keine Verblasenheiten. Gefühle nicht mit Gedanken verwechseln und im Inhalt einer Dosensuppe nicht nach Sternen fischen wollen. ... Es kann nichts schaden, ganz bei der Sache zu sein, hautnah, mit bloßen Händen. Es sind ja Liebende keine Versuchspersonen und Gliederpuppen, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Sie lieben (oder hassen) einander mit dem Risiko von Lebewesen, die lachen oder leiden, in jedem Fall aber auf Genesung hoffen durch weiter nichts als die Liebe. Wie man das hinkriegt? Ich weiß es nicht. Nur eines weiß ich: Sich nicht von Gedichten belehren lassen, die nach Süßigkeit stinken. 33. Um eines Gedichtes willen soll diese Zeit-Literaturbeilage gerettet werden. Es ist ein Sonett und stammt von Ludwig Harig. Der wird am 18. Juli 80, sein Kollege Paul Wühr am 10. Harig schreibt ihm ein Sonett, mit dem die Zeit auf Heft 176 der Zeitschrift Manuskripte hinweist. Ach Paul, mein lieber Paul: Es schwingt dein Silbenfuß im Takt und tanzt die Kür im Flirt mit Dame Gott bis an den Rand der Sterne. Der eine sucht den Sinn, der andre das Moderne. So ist nun mal die Welt, was kann Paul Wühr dafür?
32. Gedichte gegen Gedichte Mit einem opulenten Auftakt wird am 5. Juli die ORF Hör- und Seebühne im Grazer Funkhauspark eröffnet. Reinhard P. Gruber und Wolfgang Pollanz sind die ersten der zehn Autoren, die im Sommer aus ihren Werken lesen. ... Der steirische "Nationaldichter" Reinhard P. Gruber, der heuer 60 geworden ist, liest aus seinem "Piefke-Wörterbuch" und aus "Zwei mal hundert Gedichte gegen Gedichte". / Steiermark ORF 31. Factory27 Radioshow Jeden 2. und 4. Montag von 20 -? 21 Uhr auf www.radioumland.de (Livestream)
Die nächsten Termine :
Montag, 09. Juli: Literaturvorstellungen von: - "KULT", dem legendären Poesykaotykum aus Oberfranken, und - "LOCHISMUß LEICHTGEMACHT", das *BEST OFF 20 Jahre Direkte Dichtung von TOM DE TOYS, dem Dichterfürsten des 23. Jahrhunderts.
Montag, 23. Juli: "Hätten Sie`s gewusst?" Die aktuellsten Verschwörungstheorien, unterhaltsam serviert...
Dazu jede Menge Musik und Veranstaltungstipps !!!
KOMM RINN ! __________________________________________
* ONLINE-LESETIP: T.d.T.-Gedicht vom 3.2.2005.: "(EMP)FÄNGER AM (S)ENDE(R)": Mit der Anfangszeile "schalt dein inneres radio ein" - zur Anwendung der vierten Präsentomatischen Position der URENGEL-THERAPIE (Ohm.S.M.-Originalmethode)
30. Nicht erfindbar "Erfindbar sind Gedichte nicht. Der Dichter findet das Gedicht." Dieser Reim stammt von Reiner Kunze, der es aus dem Tschechischen des Dichters Jan Skácel hat. Die FR berichtet am 6.7. über eine Lesung Kunzes aus seinen Nachdichtungen. 29. Ich: Narziß und ein Anderer Für Mohammad Ali Chamseddine ist die Poesie Energiequelle, Lebensgefährtin und beständige Muse, aber auch ein Gesang gegen die Angst. "Ich war der Scheich der Dichtergruppe des Südens" (Hassan Abdallah, Élias Lahoud, Chawki Bzaa, Jawdat Fakhreddine), sagt er, "aber ich definiere mich lieber als ein Dichter der Dualität; eine Sache sagen und ihr Gegenteil dazu, wie die Liebe vom Tod begleitet wird. Ich beginne bei den Sinnen und ende im Nichts ** (eigentlich Wortspiel: les sens / l’absence). Man weiß, wie sehr der Dichter Narziß ist, aber man kehrt zu der geläufigen Formel zurück: 'Ich ist ein Anderer'." / Orient Le Jour 6.7.* Mohammad Ali Chamseddine wurde 1932 in Beit Yahoun im Südlibanon geboren. ** Von der Dialektik der Abwesenheit, absence, sprach Franz Fühmann, als er den in der DDR abwesenden Dichter Wolfgang Hilbig in einer Literaturzeitschrift der DDR vorstellte, was: ausrief. Jetzt ist er endgültig abwesend. Und seine Bücher? Bitte an L&Poe-Leser im Osten Deutschlands: beim nächsten Bibliotheksbesuch mal nachzuschauen, ob man nachträglich Hilbigs Bücher beschafft hat. Ach ich ahne: angeschafft und nach drei Jahren verramscht. Gibt es eine Vorschrift: für ein verramschtes Gedichtbuch ein neues anzuschaffen? 28. Unterdrückt Im Greifswalder Koeppenhaus ist derzeit eine Ausstellung unterdrückter Literatur aus der DDR zu sehen. Die Ostsee-Zeitung berichtete am 22.6.: "Nachts wurde alle 15 Minuten das Licht angeschaltet, um zu schauen, ob die Hände und der Kopf frei lagen“, schilderte Autorin Gabriele Stötzer ihre Untersuchungshaft in der DDR. Stötzer zählte zu den Literaten, die der SED-Staat unterdrückte. Mitunter sehr massiv, wie die Autorin Ines Geipel bei ihren Recherchen herausfand. Der Lyriker Uwe Keller etwa wurde allein wegen sechs Gedichten 1981 zu sechs Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt. Rolf Becker, wegen eines einzigen Manuskripts verhaftet, erhielt fünf Jahre und sechs Monate. Siegmar Faust saß zweimal im Gefängnis, insgesamt 33 Monate. So ließe sich die Liste weiter führen, verdeutlichte Professorin Ines Geipel. Etwa 100 Autoren hat sie buchstäblich ausgegraben, mit circa 70 000 Manuskriptseiten. 27. American Life in Poetry: Column 119 BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE, 2004-2006 I'm especially attracted to poems that describe places I might not otherwise visit, in the manner of good travel writing. I'm a dedicated stay-at-home and much prefer to read something fascinating about a place than visit it myself. Here the Hawaii poet, Joseph Stanton, describes a tree that few of us have seen but all of us have eaten from.
Banana Trees
They are tall herbs, really, not trees, though they can shoot up thirty feet if all goes well for them. Cut in cross
section they look like gigantic onions, multi-layered mysteries with ghostly hearts. Their leaves are made to be broken by the wind,
if wind there be, but the crosswise tears they are built to expect do them no harm. Around the steady staff of the leafstalk
the broken fronds flap in the breeze like brief forgotten flags, but these tattered, green, photosynthetic machines
know how to grasp with their broken fingers the gold coins of light that give open air its shine. In hot, dry weather the fingers
fold down to touch on each side— a kind of prayer to clasp what damp they can against the too much light.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright © 2006 by Joseph Stanton. Reprinted from "A Field Guide to the Wildlife of Suburban O'ahu," Time Being Books, 2006, with permission of the publisher. Introduction copyright © 2006 by The Poetry Foundation. The introduction's author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts. 26. Ist's auch nicht Lyrik... Oscar Wilde hätte mit Vergnügen konstatiert, wie recht er hatte, als er schrieb, der moderne Journalismus habe viel für sich: Indem er uninformierte Meinungen verbreite, halte er die Leser über die Ignoranz der ganzen Gesellschaft auf dem Laufenden. / Franziska Augstein, SZ 4.7., S. 13 über die "Enthüllungen" aus der Jugend von Lenz, Walser & Co. 25. Gute Lyrik, deutliche Lyrik Apropos Lyrik (#23, #24): Eine "Huldigung an gute alte Zeiten, wo die Lyrik noch beschaulicher, die Wortwahl noch ausgesuchter, die Gefühle noch deutlicher waren", lesen Sie bei Chiemgau online. Ich setze mal noch eins drauf und verweise auf ein noch älteres, noch deutlicheres Gedicht (wenn auch nicht beschaulich). Lesen Sie bei der Freiburger Anthologie das Gedicht "Geduld, Gelassenheit..." von Johann Christian Günther (1695-1723). Aber Vorsicht! Das Gedicht ist so radikal, daß es erst 1880 veröffentlicht wurde, über 150 Jahre nach dem Tod des Verfassers. Und auch da wagte man noch nicht, es vollständig zu drucken... Fangen Sie vorsichtig an! Lesen Sie zur Vorbereitung die Abschiedsaria, bei der der Trennungsschmerz sachte in der dritten Strophe zum Schmerz über den Riß der Welt (lange vor Büchners Lenz) wird. Lesen Sie es zweimal. Und dann, wenn Sie Mut haben, eines der radikalsten Absagegedichte deutscher Zunge. Günther bei L&Poe: 2001 Aug #19. Der Deutschen liebste Gedichte; 2006 Nov #15. Dichter in Dresden und Dresdner Dichter 24. Aus dem Hinterland Saison für Thomas Kunst. Im Januar hatte ich ihn nach Greifswald eingeladen. Diese Woche kommt er selbdritt als Musiker wieder. Manchmal - eher selten - finde ich Presseberichte und Rezensionen, die ich so getreulich wie möglich vermelde seit über sechs Jahren. In der letzten Zeit scheinen sich Kunst-Nachrichten zu häufen**, das ist mir recht, weil ich ihn sehr schätze. Hier nun schon wieder eine:
hinterlandsonett
ich sitze hier am fenster / guck den wal und blicke aufs gedicht (in dieser zeit) nein nicht ein vers ist für die / ewigkeit das denkt der dichter dreist (schon dutzendmal)
heut nacht such ich / einmal wohl noch (den schatz) der vielleicht doch versteckt sich (irgendwo) bei popp + winkler wolf (sabine scho) ich will schon resigniern da klick ich / gratz
dort findst du jede lyrik (»usw.«) (mir geht das licht gleich aus / es – ist – verschlunzt) ach was ich nenn jetzt einfach bock und reh
bevor das schließende terzett verhunzt: ja – einen gibt es / so krieg ich den dreh er lebt in leipzig und heißt: – – – thomas kunst
Theo Breuer
**) Hauptsächlich freilich, weil er mir einen im Entstehen begriffenen Sonettzyklus zur digitalen Erstveröffentlichung überlassen hat: "Gedichte von der Front" Meine Datenbank (7000 Nachrichten) spuckt dies aus: Thomas Kunst: 2003 Dez (Narzisstische Kleinfixierung und Mut zu Schadenzauber); 2004 Mrz #5. F.-C.-Weiskopf-Preis für Thomas Kunst; #47. Der Leipziger Lyriker Thomas Kunst; 2005 Feb #7. Ausschreibung: Dresdner Lyrikpreis 2006; Jun #19. "Von der Ironie zur Lakonie"; Jul #82. Verteidigung der Kunst; 2006 Mrz #25. Pommern liegt am Meer / #42. Vor zwei Jahren; Jun #73. Kunst in Dresden; Jun #106. Zwei Gedichte; Sep #120. Dich anzufassen; Nov #86. MEIN ARMES MEER; 2007 Jan #86. Phantasie und Wortzauber aus Stralsund; 2007 Jan #108. Großartige Texte; 2007 Jan #109. Loschütz denunziert Braun und die Akademie; 2007 Feb #37. Sonett; 2007 Feb #107. "tabula rasa" in Stralsund; 2007 Mrz #63. Veranstaltungen zur Leipziger Buchmesse (2); 2007 Mrz #158. Akademie der Künste verleiht F.-C.-Weiskopf-Preis 2007 an Richard Anders; 2007 Apr #68. Gedichte von der Front; 2007 Apr #76. Gedichte von der Front II; 2007 Apr #105. Gedichte von der Front 3; 2007 Mai #24. gedichte von der front. IV; 2007 Mai #26. Die mutwillige Schönheit; 2007 Mai #32. Gedichte von der Front V; 2007 Mai #47. Gedichte von der Front VI; 2007 Mai #65. Gedichte von der Front. VII; 2007 Mai #106. "liebe, lyrisch"; 2007 Jun #15. Besessenheit, nicht Hygiene; 2007 Jun #24. gedichte von der front VIII; 2007 Jun #64. Gedichte von der Front. IX; 2007 Jun #89. Irritation; 2007 Jun #90. Gedichte von der Front. X; 2007 Jul #21. Nieder mit den blassen Quallen der Poesie!; 2007 Jul #22. Becker, Kunst und Hühnerbein - Männer auf den Dächern Theo Breuer: 2001 Mrz # TÜRSCHILD; 2001 Dez # Im Titel -Magazin; 2002 Apr # Außerdem heute; 2005 Aug #69. Lyrik nach 2000!; 2006 Feb #71. Leserbrief, #85. LESERBRIEF - KOMPLETT DÖSIG. EINE REPLIK; Mrz #55. Gesetz der kleinen Zahl; 2006 Mrz #57. Typisch Presse -; Mrz #132. Theo Breuer 50; 2006 Apr #21. orte 142; Apr #28. Brief aus Sistig; Mai #21. 12 von 2000; 2006 Mai #42. Also bitte? Nein danke...; 2006 Jun #38. Trotz Fußballfieber: Maßgeblich ist im Gedicht...; 2006 Jul #31. Elche & Molche; 2006 Okt #51. KEIN SCHAULAUFEN MIT DEM SPRACHSCHATZ; 2007 Feb #8. Die Brücke 143; 2007 Mrz #164. C'est mon Dada Sabine Scho: 2001 Mrz # Den Darmstädter Leonce und Lena-Wettbewerb; 2001 Mrz # Literarischer März 2001; 2001 Mrz # Ernst-Meister-Preis für Lyrik an zwei Autoren; 2001 Jul # Das Forum der 13; 2001 Nov; 2002 Mai # Hinweis; 2002 Jul # Desinteressierte Kritik, starke Lyrik; 2002 Aug # Snap-shots; 2003 Jul # "Wieder steht ein Realismus rum"; 2003 Dez # Narzisstische Kleinfixierung und Mut zu Schadenzauber; 2003 Dez # Bennfieber 2003; 2005 Mrz #118. Dichter lesen; 2007 Apr #95. Lyrikwunder, Gruppenbildung Uljana Wolf: 2005 Mai #68. LYRIKNACHT 2005; Jun #59. Vertonte Lyrik zum Festival; Okt #68. Daniela Seel, Spielregel-Verschieberin; Nov #5. Uljana Wolf; Dez #32. Fein & gut; 2006 Jan #58. Peter-Huchel-Preis an Uljana Wolf / #75. Für ihre lyrische Kartografierung; Feb #64. Der Kanon; Mrz #67. Leipzig liest Lyrik; Apr #88. "Trojanisches Pferd"; Mai #52. Der Dresdner Lyrikpreis; 2006 Jun #15. Herzergüsse eines parierenden Seminaristen; Jun #53. Schlange für den Huchelpreis; Jun #87. DEVOLVER EL FUEGO / Zurueckfeuern; Jul #18. Lyrik blüht...; Okt #83. Nicht allzu gemütlich; 2007 Jan #16. Lyrik boom boom?; 2007 Mrz #105. Kinderlied; 2007 Apr #27. Geräumige Poetik; 2007 Apr #95. Lyrikwunder, Gruppenbildung; 2007 Mai #72. LAN. Drei Tage junge Literatur und Musik; 2007 Mai #106. "liebe, lyrisch" Steffen Popp: 2003 Okt (Neu in Edit); 2004 Jul #50. Literatur von jetzt; 2005 Jan #32. Der polemische Blitzschlag; Mrz #80. Nichts weniger als eine Sensation; Jun #102. Insomnale in Greifswald; Sep #19. Der Saturnische Dichter / #29. Hombroich 13; 2006 Mrz #6. BELLA triste Nr. 14 / #23. Der Renegat der Avantgarde; 2006 Jun #90. Heimrad-Bäcker-Preis für Schmatz; Jul #86. Lage der Verlage; Sep #46. Atmosphäre von Medana; #48. Was er liest; 2006 Dez #43. Lass die Fenster geöffnet. Deutsche und persische Gedichte; 2007 Mrz #85. BELLA triste mit Lyrik-Sonderheft in Leipzig; 2007 Mrz #119. Wer weiss schon, was ein Gedicht ist?; 2007 Apr #32. Beißhemmung; 2007 Apr #95. Lyrikwunder, Gruppenbildung; 2007 Mai #72. LAN. Drei Tage junge Literatur und Musik; 2007 Jun #60. Moscheenstreit 23. Hombroich : Poesie Vom 11. bis 15. Juli 2007 findet auf der Raketenstation Hombroich (Neuss, NRW) das erste Colloquium für Poesie statt. Elf – unter den ästhetisch interessanten und relevanten – bedeutsame deutschsprachige Lyriker und Autoren treffen sich in einem informellen Forum zu Grundlagenfragen im poetischen Tun. Dezidiert außerhalb geläufiger Übereinkünfte und Gemeinplätze darüber, was das Gedicht betrifft, soll hier das "Projekt der Poesie“ frei von saisonaler Wahrnehmung und medialen Einschätzungen innerhalb des Betriebsgefüges literarischer Öffentlichkeit überdacht und fortgesetzt werden. Teilnehmer sind: Urs Allemann, Franz Josef Czernin, Michael Donhauser, Oswald Egger, Brigitta Falkner, Barbara Köhler, Benedikt Ledebur, Thomas Schestag, Ferdinand Schmatz, Farhad Showgi, Ulf Stolterfoht u.a. Eine okkasionelle, öffentliche Lesung aller Teilnehmer findet am Samstag, dem 14. Juli 2007 um 19 Uhr statt, ebenso werden die poetologischen Beiträge – unter dem programmatischen Titel Das böhmische Dorf – in Buchform erscheinen. Das böhmische Dorf. Gemeinnützige Gesellschaft für Literatur & Kunst Museum Insel Hombroich / Raketenstation 41472 N 22. Becker, Kunst und Hühnerbein - Männer auf den Dächern Jörn Hühnerbein (Gitarre, Gesang, Texte und Musik), Thomas Kunst (Gitarre, Violine) und Kai Becker (Bass) standen bereits vor 24 Jahren gemeinsam auf der Bühne - als Schüler der Stralsunder Hansa-Oberschule. Als sie sich vor einem knappen Jahr wieder über den Weg liefen und einfach mal so einen Nachmittag lang in der alten Besetzung zusammen spielten, merkten sie, dass sie gereift besser klangen als je zuvor. Aus Spaß wurde Ernst und aus einer zufälligen Begegnung ein neues Projekt. Anders als andere Achtzigerjahre-Reunions ruhen sich Becker, Kunst und Hühnerbein jedoch nicht auf den Lorbeeren damaliger Erfolge aus. Ihr Programm "Männer auf den Dächern" besteht aus neuen Liedern von Jörn Hühnerbein, die von den alltäglichen Dingen handeln: vom Verlorensein, von der Sehnsucht und vom Älterwerden. Das Trio spielt am Sonnabend, dem 7.7., in Greifswald zum (fast) jährlichen Falladafest. Außer den Männern auf den Dächern gibt es Theater, Bücher, Lesung, Kühlschrankpoesie samt Essen & Trinken & schönem Wetter & netten Leuten. Ab 18 Uhr auf dem Hof und in den Räumen des Falladahauses in Greifswald, Steinstraße 58 Eintritt schlappe 2 Euro Vgl. #21 21. Nieder mit den blassen Quallen der Poesie! Einen furiosen, ja: Huldigungstext von Feridun Zaimoglu brachte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schon am 24.6., aber sie erreichte mich im fernsten Pommern erst jetzt. Voilà: Mit Zorn und Hass und Liebe: Warum die Welt den großen Dichter Thomas Kunst endlich kennenlernen muss / Dieser Text dient allein der Dichterverehrung, und doch werde ich keinen einzigen Vers, keinen einzigen Doppelzeiler zitieren, weil ich, der lange Zeit Gedichte nicht ausstehen konnte, es viel weniger ausstehen kann, wenn man die Poesie eines Meisters vorstellt, indem man beispielhafte Schnipsel aufführt. Der Dichter heißt Thomas Kunst, er lebt heute in der Heldenstadt Leipzig und arbeitet seit den 1980ern als sogenannter Bibliothekarischer Mitarbeiter in der Deutschen Bücherei. Das ist keine Schande - schändlich ist allein, dass er von seiner großen Kunst nicht leben kann, er verdient gerade mal so viel Geld, dass er nicht in die Bettelarmut absinken muss. / Mehr 20. Das Knacken in der Rille In einem Forum für bekennende Vinylfreunde stieß ich kürzlich auf den Eintrag eines (scheinbar) noch jungen Schallplattenhörers. Dieser hatte diverse LPs nebst dazugehörigem Plattenspieler geerbt und ärgerte sich nun über das Knacken beim Abspielen der Platten, das er "von seinen CDs nicht gewohnt sei“. Ein hilfsbereiter Sammler gab daraufhin den Tipp, die Schallplatten mit einer Carbon-Bürste zu reinigen, um ihnen dadurch die elektrostatische Ladung zu nehmen – sollte dies nichts nutzen, bliebe noch die Möglichkeit einer Plattenwäsche. Ein anderer Forumnutzer empfahl die Digitalisierung mit anschließender Störgeräuschreduzierung (ein seltsam anmutender Tipp innerhalb eines Vinylforums, aber gut). Rein technisch mag es also möglich sein, seine alten Schallplatten ohne Knacken und Kratzen, Knistern und Rauschen zu hören – aber will man das?! Sind nicht gerade die kleinen Nebengeräusche das, was einer Platte ihre Individualität verleiht? Gehören die Macken des Objekts – beim Knutschen mit der Freundin gegen den Plattenspieler gerauscht, die Scheibe dem kleinen Bruder geliehen und fast heile wiederbekommen... - nicht zum eigenen Leben? Jedes Knacken, jeder Kratzer Zeugnis der Vergänglichkeit, Dokumentation von Erlebnissen, erlebten Gefühlen. Daniel Ketteler, 1978 geborener Literat (neben Veröffentlichungen in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften bisher zwei Einzelbände mit Kurzprosa, zudem Mitherausgeber der Literaturzeitschrift [SIC]) und Musiker (als Elektro Willi und Sohn), ist sich der Bedeutung dieser Nebengeräusche bewusst. Anstatt die Wunden seiner Vergangenheit zu leugnen oder zu versuchen, sie mit dem süßen Saft der digitalen Korrektur zu überziehen, nimmt er sich ihrer an und bietet ihnen in seinen Gedichten eine Heimstatt. "Das Knacken in der Rille", erschienen als Band 21 der Lyrikreihe der Parasitenpresse Köln (die sich bei der Gestaltung des Bandes treu bleibt; cremefarbene Doppelbögen mit Pappregister-Einband), spannt dabei einen großen zeitlichen Bogen. Inspiriert durch die abstruse Atmosphäre eines Cafés (in New York, wo neben Zürich einige der enthaltenen Gedichte entstanden sind), gelangt ein Kindergartenfreund und der Tod dessen Hundes in seine Lyrik, assoziiert durch Gerüche – Du sagst, es riecht nach Hund, / ich denke noch Gemütlichkeit und / Bürgertum, dann der Exkurs ins Riechzentrum / und mir geht auf, was ich bei ihm vermisste. / ... (aus "Tod", nach einem Motiv von William Carlos Williams). Nicht ganz so weit zurück geht er in "Landnahme", ein Gedicht über seine dörfliche Heimat, welches er mit einer (Zitat:) "Büchner-Lenz-Variation" ausklingen lässt: Dann dreht sich plötzlich alles um / und ich erahne, wie schön es wäre, / einmal auf dem Kopf zu gehen, / den ganzen Saft im Kopf und / Luft dann in den Zehen. Seine Gedanken mögen schweifen, seinen momentan ausgeübten "Brotberuf" als Assistenzarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik seiner schweizerischen Wahlheimat Zürich (womit er in einer langen Tradition von Ärzten steht, die zugleich auch Schriftsteller waren - der Lyriker Gottfried Benn etwa, oder Alfred "Biberkopf" Döblin, oder Friedrich Schiller, der zunächst als Militärarzt gearbeitet hatte, oder...) lässt er jedoch auch in seinen Gedichten nicht hinter sich: ... und wenn / ich das Gehirn des Dichters in dünne / Scheiben zerlege, und wenn sich die / bunten Farbnuancen auf dem Schirmbild // zeigen, dann bin ich mir wieder gewiss: / das Hirn, das ist der reine Beschiss. Im abschließenden Text des Bandes erweist Daniel Ketteler seinem zweiten künstlerischen Standbein Reverenz: der Musik. "Hildegard Knef (Remix)" ist ein Liebeslied im klassischen Sinne, ist geschrieben von einem ICH an ein DU, präsentiert mit einem vorgezogenen Refrain einen ungewöhnlichen Einstieg und kann beim Poetenladen (www.Poetenladen.de) probegehört werden. Eine schöne, poetische Stimme, die den Leser/Hörer in die Vergangenheit führt, gleichzeitig eine bildreiche Gegenwart offenbart und darauf hoffen lässt, dass es für die meisten eine Zukunft zu geben scheint. / stefan heuer Daniel Ketteler: "Das Knacken in der Rille. Gedichte", 14 Seiten, 5,00 EU Parasitenpresse Köln, zu beziehen über parasitenpresse@hotmail.com 19. Preiswert (Ist's auch nicht Lyrik) Was tut der Staat bei Ihnen gegen Ehebruch, fragt ein moslemischer Student. Nichts, es geht ihn nichts an. Und in die staatsfreien Räume dringt die Justiz. Ein lukratives Feld, in dem noch viel zu holen ist. Der Staat verbietet keine Kunstwerke? Machen wir! Nun also dies: Ein US-Bürger hat einem Ehemann die Frau ausgespannt – nun muss er dafür zahlen. Ein Gericht in einem Vorort von Chicago im US-Bundesstaat Illinois verurteilte den Herzensbrecher zu einer Geldstrafe von 4802 Dollar (3525 Euro), weil er dem Kläger die Zuneigung der Ehefrau gestohlen habe, wie die "Chicago Sun-Times“ gestern berichtete. "Dieser Typ hat mein Leben ruiniert“, sagte der Gehörnte dem Blatt. "Was er getan hat, war falsch. Das habe ich nun vor Gericht bewiesen.“ - Dies alles verdank ich der Presse. 18. Zuspruch "Reglose Jagd" demonstriert erneut, dass Nora Bossong unzweifelhaft über eine erstaunliche Beobachtungsgabe und ein immenses Schreibtalent verfügt. Der Titel des Bandes ist klug gewählt. Wie der Jäger Ruhe bewahren muss, um Beute zu machen, braucht auch der Lyriker Ruhe, um Beobachtungen, Gedanken und Gefühle ins Visier zu nehmen, um im entscheidenden Moment präsent zu sein und sie einzufangen. Diese "Ruhe vor dem Schuss", Spannungsmomente der Beobachtung ohne erkennbare äußere Bewegung, auch eine gewisse Kaltblütigkeit und Reglosigkeit wohnt Bossongs szenischen Gedichten inne. ... Man kann Bossongs Gedichte lesen als Gebrauchsanweisungen einer genauen Wahrnehmung, als Mantren auf die Irritationen des Alltäglichen, als Zeugnisse einer geformten Sprache, die sich nicht davon korrumpieren lässt, gefallen zu wollen. Dabei sind sie, auch wenn es um Märchen, um Natur, um verlorene Kindheit geht, nie sentimental. Nach der Lektüre von "Reglose Jagd" wünscht man der Autorin viele Leser, Zuspruch und Förderung, damit sie weiter entfaltet, was jetzt schon so eigenständig und unbestechlich ist: ihre eigene Sprache. / BEATE TRÖGER, FAZ 2.7. Nora Bossong: "Reglose Jagd". Gedichte. zu Klampen Verlag, Springe 2007. 48 S., geb., 17,- [Euro]. Vgl. L&Poe 2007 Jun #106 17. Enthüllung Hildebrandt, Walser und Lenz – wir fallen auch in diesem Sommer wieder in das schwarze Loch später Enthüllungen. Letzten Sommer schrieb ich in Bezug auf Grass' SS-Mitgliedschaft unter dem Titel Grassierende Bigotterie für die Printausgabe einer linken Zeitung (dieses Selbstzitat mag erlaubt sein): »... Die Enthüllung eines jugendlichen Irrglaubens resp. -weges, der im wesentlichen schon vorher bekannt gewesen und auch nicht ungewöhnlich für den Vertreter einer Generation, die in ihrer Schulzeit hauptsächlich mit Lehrinhalten nationalsozialistischer Prägung konfrontiert. Nein, meine Sicht auf Grass und sein Werk vermag diese Offenbarung nicht zu verändern, die Sicht auf eine Person, die sich längst durch ihr Wirken von ihren frühen Irrtümern rehabilitiert hat. Was soll also diese Debatte und vor allem das Ansinnen, die Gültigkeit eines Lebenswerkes nun nachträglich im Zeichen des jugendlichen Fehlgehens zur Disposition zu stellen? Und damit die moralische Integrität und Entwicklung des Autors. Mich erinnert das Ganze an die Bigotterie, mit der man Anfang der 90er Jahre auf die bekannt gewordene zeitweilige Verstrickung Christa Wolfs mit dem MfS reagierte. Welcher Kampf wird hier ausgefochten? Oder erfüllt er gar Stellvertreterfunktion für einen ganz anderen Vorgang? ...« Nun werden die Alten also doch noch für die Pimpfigkeit in ihrer Jugend zur Verantwortung gezogen, zu unser aller Beruhigung. Und damit nicht auch ich möglicherweise später einmal die Konfrontation mit meinen jugendlichen Verfehlungen erfahren muß, meiner Staatsnähe, so aus der kalten, hier die Liste meiner vor- und nachpubertären Verbindlichkeiten: 1961 – 1968 Mitglied der Pionierorganisation Ernst Thälmann. 1968 – 1975 Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ), zuständig für die Zeitungsschau im zweiten Lehrjahr (scharf). 1972 Antrag auf Mitgliedschaft in der SED (abgelehnt). 1970 – 1978 Mitglied der DSF (Deutsch-Sowjetischen Freundschaft), sowie des FDGB und des Kulturbundes der DDR. Desweitern von 1969 bis 1973 Mitglied diverser Singeclubs und 1973 Teilnahme an den X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten. Galt gemeinhin als hoffnungsvoller Kader. Als ich im Frühsommer 1978 meine Arbeitsstelle kündigte, ließ mich der Kaderleiter (Personalchef) wissen: Wir hatten noch soviel vor mit Ihnen! Reicht das? Bekomme ich Absolution, und durch wen? Für Nachfragen stehe ich gern zur Verfügung. Jayne-Ann Igel In L&Poe: 2006 Mrz #23. Der Renegat der Avantgarde; Apr #88. "Trojanisches Pferd"; Mai #48. Anpassung und Verweigerung; 2007 Jun #7. Wolfgang Hilbig ist tot 16. Freigelassen Nimmt man sich nämlich die auf dem Poesiefestival vorgestellte Lyrik selbst zum Maßstab, so lassen sich zwei Thesen zum Stand der modernen Dichtung aufstellen. Erstens: Lyrik als literarische Gattung ist weiterhin im Begriff, zur Marginalie zu werden. Einer Marginalie allerdings, die durchaus massentauglich ist, sobald sie zur Performance wird. Zweitens: Wie kaum einer anderen Kunstform ist es der Poesie gelungen, in der Digitalität eine neue Identität zu finden. Hält man sich an den spanischen Dichter Eduard Escoffet, dann ist die Periode zwischen dem 16. und dem 20. Jahrhundert sowieso nur als "Zwischenstadium einer im Buch eingeschlossenen Poesie" zu verstehen, die nun ihrem Ende zustrebt. Das Poesiefestival führte vor Augen, wie viele internationale Dichter den Möglichkeitsraum dessen, was ein Gedicht sein kann, konsequent durchschreiten. Es zeigte auch, wie viele Dichter sich mit jenen literarischen Traditionen auseinandersetzen, denen es primär darum geht, Lyrik in neue Ausdrucksformen jenseits von Metaphorik und Ekphrasis, also in Sprache gefasster Bildlichkeit, zu überführen. Dabei verläuft eine grafisch-textuelle Linie von der barocken Figurata-Dichtung über Mallarmé hin zur konkreten, visuellen und eben digitalen Poesie. ... In der Klangdichtung "Skubriocha" vermischte sich Valeri Scherstjanois Mundraumakrobatik mit den knisternden Geräuschen des niederländischen Komponisten David Kiers. Mal traten sie ein in ein erhellendes Zwiegespräch, mal verstärkten sie einander, was sich mitunter wie eine Mischung aus Schwitters "Ursonate" und den Stimmexperimenten eines Mike Patton anhörte. Auch Monika Rincks und Mario Verandis Performance "tour de trance" zeigte, wie beglückend es sein kann, wenn der intermediale Dialog gelingt. Da ertönten vom Band Fragmente eines Rinck-Gedichts, "der reißende Raum, präzise und zärtlich vergiftet", unterlegt von sanft blubbernden Sounds, die Verandi in Echtzeit mittels eines mit Tonabnehmern versehenen Aquariums erzeugte. Darin schwammen Papierschnipsel mit Stücken aus Rincks Poem, die gefilmt und auf eine Leinwand projiziert wurden. Sie interferierten mit den Wörtern, welche durch den quadrofonisch beschallten Raum schwappten: "Wie sich alles drehte, wiederholte, dehnte / und rotierte." / Andreas Resch, taz 2.7. 15. Innere Multimedia-Show. Weiskopfpreis für Richard Anders Lange vor der Begegnung mit Breton war Anders sich über seine Affinität zum Surrealismus im Klaren. Seine dominante visuelle Veranlagung, vor allem die Erfahrung "hypnagoger“, dem Schlaf vorangehender Bilder, die er als eine Art innere Multimedia-Show beschreibt, korrespondierte mit den surrealistischen Traumvorstellungen, dem "Prinzip Collage“. All seine frühen Gedichtbände hat er mit eigenen Collagen ausgestattet. Sie sind 1998 in dem Sammelband "Die Pendeluhren haben Ausgangssperre“ wieder erschienen. Am Surrealismus, der schon in den sechziger Jahren nichts Avantgardistisches mehr hatte, interessiert ihn bis heute das "Verfahren“: Sich zunächst den planlosen Einfällen der écriture automatique zu überlassen, um dann "in spielerischem Umgang mit meinem störrischen unsinnigen Text zu dem vorzudringen, was ich mir zu sagen habe“. Das ist es auch, was die Jury des F.-C.- Weiskopf-Preises um Ingomar von Kieseritzky fasziniert: "In einer Sprache aus begnadetem, gebändigtem Allerleirausch und einer filigranen Vorstellungskühnheit beweist er uns, wie töricht es ist, zu glauben, eine surreale Aneignung der Welt müsse jeglicher Erkenntnisnähe entbehren“ , heißt es in der Begründung der mit 5000 Euro dotierten Auszeichnung, die ihm gestern Abend in der Akademie der Künste verliehen wurde. / Rolf Strube, Tagesspiegel 30.6. 14. Verteidigung der Poesie Im Jahre 1820 erschien in England ein Essay des Schriftstellers Thomas Love Peacock "The Four Ages of Poetry" - eine Schmähschrift, auf die Percy Bysshe Shelley mit seiner "Defense of Poetry", Verteidigung der Poesie, reagierte. Peacock ist vergessen, dabei ist seine Schrift aktueller denn je, schreibt Jan Wagner in der SZ vom 26.6. Nicht daß Wagner ihm recht gebe. Nein, aber seine Diagnose beschreibe auch die heute herrschende Einstellung zur Lyrik. Mit Peacocks Worten: "Poesie war die geistige Rassel, die in der Kindheit der Zivilisation den Intellekt aufgeweckt hat", schreibt er, und spricht der Poesie rundheraus jeglichen Nutzen ab. Es sei an der Zeit, dass der vernünftige, gereifte Mensch sich dieses Kinderspielzeugs endlich entledige. Also hebt Wagner zu seiner Verteidigung der Poesie an: In seinen "Notes Left Over" schrieb Walt Whitman: "To have great poets, there must be great audiences, too." Gute Gedichte, gute Dichter sind vorhanden, waren es immer. Und man wird den Verdacht nicht los, dass es längst ein großartiges Publikum für sie gibt - auch wenn es selbst noch nichts davon weiß. Die Nische, in der die Lyrik, seit sie den ihr nachgesagten Rang als Königsgattung verloren hat, ihr trotz allem keineswegs unangenehmes Dasein fristet, ist vielfach beklagt worden - was nachvollziehbar ist, wenn man bedenkt, dass diese Nische in den meisten Buchhandlungen zwischen dem Regal für Esoterik und dem für Gartenbücher zu finden ist. Ganz abgesehen von der Frage aber, ob nicht die Lyrik schon immer eine Kunst von Wenigen für Wenige gewesen ist, kann man dieser Schattenexistenz auch positive Seiten abgewinnen: Immerhin lässt es sich hier, abseits der großen Aufmerksamkeit und des Lärms der Märkte, gut schreiben und nachdenken; die Gefahr, von grellem Scheinwerferlicht geblendet zu werden oder gar, wie es in der Prosa hin und wieder der Fall sein mag, ökonomischen Versuchungen ausgesetzt zu sein, unter denen das Dichten litte, ist äußerst gering. Was sich nun als vielstimmige neue Generation präsentiert, hat sich jahrelang entwickeln, von einander Kenntnis nehmen und sich austauschen können. Kaum eine Lyrikerin oder ein Lyriker, der nicht selbst einmal an der Herausgabe einer Zeitschrift, am Aufbau eines Kleinverlags oder einer Lesereihe beteiligt war. Dass die großen Verlage, von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen, eher weniger als mehr Gedichtbände veröffentlichen - was der zunehmenden Wertschätzung junger Lyrik durch Publikum und Kritik zuwiderläuft -, mag aus rein marktwirtschaftlichen Gründen nicht überraschen. Beklagenswert ist es dennoch. Ein Massenmedium wird die Lyrik, vielleicht zu ihrem Glück, nie werden; als Mysterium für Eingeweihte scheint sie allerdings auch nicht gedacht zu sein. Sie ist nicht schwieriger als andere Dinge, deren Spielregeln man kennen, bevor sie sich mit Gewinn genießen lassen. 13. Nachlese: Weltklang Der Nobelpreisträger Derek Walcott führt auch in seinem neuesten Buch "The Prodigal" ("Der verlorene Sohn") die Verschmelzungen des westindischen Alltags vor, das Ineinander von afrikanischen und europäischen Momenten, eine Gleichzeitigkeit von globalem literarischem Wissen und regional geprägtem Lebensgefühl. Walcotts Sprache ist die einer Inselgruppe, nicht die eines Zentrums, und hat so dem Englischen neue Bereiche erschlossen. Und auch bei Nora Iuga ist solch ein "Kosmopolitismus" zu spüren, wie ein gebräuchliches Schimpfwort während der stalinistischen Diktaturen lautete: sie wurzelt in der surrealistischen Tradition Rumäniens und versteckt in ihren Bildern weißrussische Birken und sibirische Winter, die Zeitgeschichte bildet wie selbstverständlich den Resonanzraum. Das verstärkt sich noch, wenn Nora Iuga Deutsch spricht - aus dem romanische und slawische Elemente verbindenden Rumänischen geht plötzlich auch jener typische Habsburgerklang hervor, ein weiches Balkandeutsch, das mit dem Deutschen im Zentrum so gar nichts zu tun zu haben scheint. Wie sich für die fremden Ohren wohl Michael Lentz' zackiges, kantiges, schneidiges Stakkato-Deutsch angehört hat? Seine Texte liefern vor allem die Vorlage für eine rhetorische Blitzkrieg-Strategie, für eine rhythmisch pochende Augenblickswirkung, und vielleicht hat er mit dem Poem, in dem er Boxen und Dichtung miteinander in Bezug setzt, sein Programm bisher am effektvollsten vorbuchstabiert: außer der Suggestion bleibt nicht viel übrig, "mal versfuß mal fallobst" eben. / HELMUT BÖTTIGER, SZ 25.6. 12. Schockierend Obwohl heute praktisch unbekannt, wurde Phillis Wheatleys patriotische Lyrik in Amerika und Britannien während der Revolutionsjahre viel gelesen, und viele Wissenschaftler halten sie für die beste Lyrikerin* ihrer Zeit. Wheatley wurde in Afrika geboren, mit 7 gefangengenommen und als Sklavin nach Boston verkauft. Es war zweifellos eine Tragödie für sie, aber später dankte sie Gott dafür, daß er sie aus der "heidnischen" Heimat befreit und in die Hände einer guten christlichen Familie gegeben habe. Binnen 16 Monaten lernte sie Englisch lesen. Mit 14 schrieb sie ihr erstes Gedicht... [1776], bei einer Englandreise gemeinsam mit ihrem Herrn, erschien ihr Buch "Poems on Various Subjects, Religious and Moral" und wurde sofort zu einer Sensation in England und Amerika. Die Vorstellung, daß nicht einfach eine Frau, sondern eine schwarze Sklavin solche Schönheit ausdrücken konnte, setzte die intellektuelle Gemeinschaft in Erstaunen. Während Franklin und Washington ihre Fähigkeiten priesen, glaubten viele, wie Thomas Jefferson, das Werk müsse von jemand anderem geschrieben sein. / Christianity Today Issue 50, May 1996, Vol. XV, No. 2, Page 18 **) best poet! Hier ist die genderkorrekte Fassung verfälschend. Bei L&Poe: 2005 Nov #55. Sensationelle Auktion; 2005 Nov #98. Noch ein Rekordpreis; 2007 Apr #58. Pionierinnen 11. Kingston On The Edge Abebe Payne beschloß die Veranstaltung der Poetry Society of Jamaica am Dienstag. Damit ging das wochenlange Kingston On The Edge Festival, diesmal zu Gast im Edna Manley College of the Visual and Performing Arts, zum gesprochenen Wort über. Hier ein Ausschnitt aus dem Bericht mit drei unübersetzbaren Zeilen aus seinen Texten: And there were many, many more [cheers] to come, as he went interactive by asking the audience to repeat "puff, puff blow" on a marijuana poem ("this one is advocating about the legalisation of banned narcotics, so to speak"), before he went into pieces for the women, saying "Your vision is provision, yu fatten me eye," and stating "Natural me circle you like a satellite." He closed with a poem of relaxation, advising to loosen a button and telling the lady "yu run outta button den pull a G-string", to a final explosion of spontaneous applause. / Jamaica Gleaner 29.6. 10. Dreimal Südafrika Breyten Breytenbachs xter Lyrikband ist nicht schmal. Und doch kam er mir kurz vor - es ist die erste Lyriksammlung seit Jahren, die ich auf einen Ritt von vorn bis hinten durchgelesen habe. Die Gedichte scheinen ineinander zu fließen, ein Eindruck, der durch ihr offenes Ende, ihre Ungebundenheit vermittelt wird, obwohl das Buch als Ganzes sehr wohl seine Ordnung hat. Wie viele seiner Gedichtbände vorher hast es ein oopmaakgedig, ein Einleitungsgedicht (daar is geen tyd). ... Wilma Stockenström wetteifert mit Breytenbach um den Titel größteR lebendeR Afrikaans-DichterIn, oder jedenfalls beanspruchen das ihre Befürworter... The Wisdom of Water ist die erste Auswahl von Stockenströms Gedichten auf Englisch, übersetzt von ihrem vielgelobten Dichterkollegen Johann de Lange. / Shaun de Waal, Mail & Guardian online 29.6.
Die Windvanger by Breyten Breytenbach (Human & Rousseau)
The wisdom of Water by Wilma Stockenström (Human & Rousseau)
The Lady Missionary by Gail Dendy (Kwela/Snailpress)
Südafrikanische Lyrik in L&Poe: 2004 Jun #4. Frauenrap aus Südafrika; 2004 Sep #76. internationales literaturfestival berlin; 2004 Okt #71. Sprache neu sortiert; 2005 Mrz #35. Gewissen des weissen Südafrika; 2005 Mrz #41. African Poet laureate (Speicher 1: Afrika); 2006 Okt #34. Marathongedicht 9. Rügen ist auch bei Regen schön. Da ein Spaziergang unter der Kreideküste bei Saßnitz zu riskant war, fuhren wir nach Bisdamitz (Geheimtip!). Vor der Steilküste ein dichter Buchenwald, in den man sich schnell zurückziehen kann. Unten sehr viele Steine. Auch Seeigel, wenn man einen scharfen Blick hat. Zwar gibt es auf der Insel keine Neue Zürcher Zeitung, aber diesmal bekamen wir im Hafen von Saßnitz wenigstens die eine FAZ. Die neue Brücke von Stralsund ist bis auf kaum mehr als 100 Meter fertig. Auf der alten ging die Zugbrücke hoch, als wir zurückfuhren. 20 Minuten warten, den durchfahrenden Booten zuschauen. Hinter uns ein Auto mit "F"-Nummer ließ den Motor laufen. Auf die Frage, warum sie den Motor nicht ausschalte: das kostet mich doch nichts. Dienstauto der Deutschen Bahn. Na denn schön' Streik auch. (Das Gesicht der Beifahrerin verschwand hinter "BILD". Liebe BILD, bitte mal ein Titelthema mit CO2!) 8. Kurswechsel bei der FAZ? Avantgarde scheint wieder im Kurs gestiegen. Der Lyrikkritiker weiß es (#1). Der Autor, Michael Lentz, hat einen Stammplatz. Diesmal für Eugen Gomringer (#3). Und was ist mit Baudelaire? Lesen Sie mehr im Kunstmarkt, FAZ 30.6., S. 48 (mit Faksimile: Widmung für den Maler Eugène Delacroix). 7. Gestorben Mary Ellen Solt, eine führende Autorin der Konkreten Poesie der 60er Jahre und Lyrikkritikerin, starb im Alter von 86 Jahren. Ein Gedicht sei ein Gegenstand in sich und für sich selbst, der zuallererst und hauptsächlich seine Struktur mitteile, schrieb sie in ihrem Buch "Concrete Poetry: A World View" von 1968. / Mary Rourke, Los Angeles Times 29.6. Mehr: New York Times 3.7. Hier ihr bekanntes Gedicht "Forsythia" 6. "Kitsch Me!" - Nr. 9 der "Keine Delikatessen - Bühne für SchriftBilder" ist erschienen, und zwar mit Lyrik von Stephanie Grünberger, Reiner Mund, Sarah Legler und Stefanie Worm, Johannes Witek, Irmgard Fuchs, Michael Bärnthaler, Florian Müller, Bernhard Pöckl, Daniel Krcal, Hermann Nicklas, Konstantin Ames. Eine Textprobe: rechts unten 1859er novellen für valeri scherstjanoi
I oder I
"Mein Paulchen, mein liebes, liebes Kind!“ rief der Doctor, indem er sie an sich zog und einen Kuß auf ihre Stirn drückte. "Wie magst du aber solche Wunder bewirken und da noch zurücklegen, wo andere Mädchen nicht ausgekommen sein würden!“ Pauline erröthete leicht und fagte, auf den Teller deutend: "Die Cigarre hier hats auch noch abgeworfen, und was das Glas da betrifft, so brauchst du nicht auf einem Beine zu gehen, mein Väterchen.“ Und mit der Linken reichte sei ihm eine Cigarre, während die Rechte den Fidibus in Brand fetzte, fo daß der Beschenkte, wenn er von dem Dargebotenen Gebrauch machen wollte, nicht Zeit hatte, alfogleich zu antworten.
(Fortfetzung folgt)
Jj
Ein origineller Rechtsfall muuurde in einer Grafffchaft von England verhjandelt. Die Frage war: ob es einem Stadtbewohjner zuftehje, Thjiere zu hjalten, deren Lärm der Nachjbarschjaft ernftlich beschuuerlich falle.
/ Konstantin Ames, Leipzig Das Heft kostet 4 Euro und kann hier bezogen werden. 5. fehl•farben Nach einer diesmal etwas längeren Vorbereitungsphase freut sich die Leipziger Literaturzeitschrift plumbum, ihre 8. Ausgabe im Grünen Salon der Schaubühne feierlich zu präsentieren. Das quadratische Kleinod trägt diesmal den Namen "fehl•farben.“ und macht seinem Ruf als Experimentierfeld nicht nur für neue Lyrik und Prosa, sondern auch für die aktive und kreative Nutzung traditoneller Drucktechniken wieder alle Ehre. Bleisatzschrift, alte Druckmaschinen und von Hand gesetzte und gedruckte Blätter schaffen "Typografie zum Anfassen" - schöner kann Literatur nicht materialisiert werden. Aber nicht nur die plumbum-Ausgabe gilt es zu feiern, sondern außerdem den gerade erhaltenen Stomp-Preis der Stadt Mainz: mit Lesungen und Musik, Gedichten und Prosastücken von Raik Pieszek, Lisa Elsässer, André Schinkel, Anja Kampmann und anderen, die Farbe bekennen und Fehlfarben. Die Lyrikerin und Musikerin Marlen Pelny schenkt dem Abend Musik. Zu guter Letzt: Neben der neuen plumbum-Ausgabe "fehl•farben.“ gibt es die anlässlich der Preisverleihung entstandene Sonderausgabe "preiswert“ zu bewundern. / Sebastian Strauß, Leipziger Internet-Zeitung 2.7. Info: Mittwoch, 4. Juli, Karten: 8 Euro inklusive einer Ausgabe plumbum Nr.8. SCHAUBÜHNE Lindenfels, Karl-Heine-Straße 50, Leipzig 4. Schlimmes Jahr Offen gestanden, dieses Bändchen von Peter Rühmkorf enthält nur zwei Gedichte, die bisher noch nicht in anderen Bänden Rühmkorfs gedruckt worden sind. Anderseits aber und noch viel offener gestanden: Ein Buch mit nur zwei neuen Gedichten dieses Meisters ist allemal ein so großes Lese.Erlebnis und -Vergnügen, dass sich nicht viele Bände anderer Autoren damit messen können, selbst wenn sie bis zur letzten Zeile nur zuvor unpubliziertes Material enthalten sollten.
Als ich endlich war was ich früher einmal hätte werden wollen, wohl gelitten, gern gelesen, waren meine besten Zeiten offenbar schon gewesen. Und Fortunas Rad rapide am Abwärtstreiben. Schlimmes Jahr.
Es gibt nicht viele Dichter hierzulande, die so eine Strophe hinkriegen, so ehrlich und traurig, aber dennoch so frisch und kulinarisch. Diese Vielfalt der Tonfälle, diese überraschenden, leicht angeschrägten, noch nie dagewesenen Reime, dieser ironische, aber nie beschönigende Blick auf sich selbst. Viel besser geht's nicht. / Uwe Wittstock, DIE WELT, 30.6. Aufwachen und Wiederfinden von Peter Rühmkorf, Insel/Frankfurt, 65 Seiten, 11,80 EU 3. Denkweite "So kommandiert die Poesie." Das hat Eugen Gomringer fortan getan, im Geiste eines Aphorismus von Jean Paul: "Sprachkürze gibt Denkweite." ... Das dichterische Werk Eugen Gomringers gehört neu entdeckt. Es ist ein "wurzelwerk" der deutschsprachigen Poesie nach 1945 und eines ihrer Fundamente. Es ist jung geblieben. Erkläre mal einer, warum dieser große Brückenbauer bis heute keinen einzigen Literaturpreis bekommen hat! / Michael Lentz, FAZ 30.6. Eugen Gomringer Kommandier(t) die Poesie Biografische Berichte Edition Signathur, Dozwil 2006 ISBN 3908141354, Broschiert, 167 Seiten, 14,80 EUR
Gomringer, Eugen Quadrate aller Länder Märchen, Texte, Gedichte, Wurlitzer Verse 2006. 96 S. Edition Splitter Gesamtwerk Bd.4 Erscheinungsjahr: 2006 Kartoniert/Broschiert ISBN-10: 3901190902 ISBN-13: 9783901190902 2. Einseitige Verehrung Wie kein anderer deutscher Dichter hat Ror Wolf unermüdlich und virtuos demonstriert, dass literarische Texte aus Sprache gemacht sind und nicht aus Gedanken oder Erlebnissen. Das hat ihm die Verehrung der Kritik, der Literaturwissenschaft und der Kollegen eingebracht. Sie galt aber vielleicht zu einseitig dem Wortspieler und scharfsinnigen Artisten, der sich von keinem Sinnzwang binden ließ, gemäß der Maxime Raoul Tranchirers, dass die Bedeutung des Zusammenhangs nicht so groß ist, wie behauptet wird. Der Verbreitung des Werks war diese Verehrung nicht unbedingt förderlich, weil sie den Eindruck erwecken konnte, Ror Wolfs Dichtung wolle mit der Erfahrungswelt des Lesers nichts zu tun haben. ... In den beiden neuen Bänden mit Gedichten und Prosatexten treten diese Motive noch deutlicher hervor, obwohl Ror Wolf nach wie vor allein auf das Spiel mit Worten und Formen zu setzen scheint, in ferner Nähe zu René Magritte, der auf den Umschlagbildern in seinem komischem Ernst ein albtraumhaftes Spiel mit der Todessymbolik treibt. "Pfeifers Reisen" versammelt über hundert unveröffentlichte Gedichte von 1956 bis 2006. Vornan an aber steht zur Freude aller Enthusiasten die vierte und angeblich letzte Folge von Hans Waldmanns Abenteuern (1995- 2006). Nicht unerwartet ergeht es dem Mann ärger denn je, er und seine Fans müssen mit dem Schlimmsten rechnen: "Waldmann, er erwacht mit einem Mal / festgeschnallt im städtischen Spital // etwa neunundsechzig Jahre alt, / zugeklebt, vernäht und festgeschnallt, // aufgeschlitzt und wieder zugeklebt, / liegt er auf dem Bett. Hans Waldmann lebt." / FRIEDMAR APEL, FAZ 29.6. Ror Wolf: "Zwei oder drei Jahre später". Neunundvierzig Ausschweifungen. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2007. 200 S., geb., 18,90 [Euro]. Ror Wolf: "Pfeifers Reisen". Gedichte. Verlag Schöffling und Co., Frankfurt am Main 2007. 264 S., geb., 19,90 [Euro]. 1. Natürlich, trotz, scheinbar (Evidenzen vs. Epiphanien) In der FAZ vom 30.6. schreibt Richard Kämmerlings über das Bella-Triste-Lyrikheft. Auszug: Damit steht Ann Cotten natürlich in der - trotz des Büchnerpreises für Pastior - aus der Mode gekommenen sprachexperimentellen Tradition. Vor nicht allzu langer Zeit hat Michael Lentz in seinen "Zehn Thesen zur Poesie“ der jungen deutschen Lyrik eine ganz ähnliche Standpauke gehalten (siehe: Michael Lentz: Zehn Thesen zur Poesie). Es scheint sich die Geschichte in Spiralen zu wiederholen: Je klüger und radikaler die Dichter ihr Tun befragen, desto mehr rückt ihr Werkzeug, die Sprache, ins Zentrum. Höchst aufschlussreich ist daher der Essay, in dem Ulf Stolterfoht an gleicher Stelle die scheinbar bereits in den Sechzigern abgetane Avantgarde-Debatte noch einmal aufrollt. Stolterfoht, Jahrgang 1963, also fast zwanzig Jahre jünger** als Ann Cotten und mit seinem höchst virtuosen "Fachsprachen“-Zyklus eine der wichtigsten Stimmen seiner Generation, wendet sich gegen eine "konventionelle“ Lyrik, die auf die Erzeugung einer "Epiphanie“ zielt, das heißt mit sprachlichen Mitteln außersprachlichen Sinn erzeugt. "Die Evidenzen, um die es der experimentellen Lyrik geht, sind aber immer binnensprachliche Evidenzen, ein Nachdenken der Sprache über sich selbst.“ Ziel des Gedichts, im Grunde jedes Gedichts, sei es, "das Verstehen zu verstehen“. Neu ist nun nicht, dass hier ein Erbe der Grazer und Wiener Sprachlabore noch einmal sein Credo herunterbetet. Die experimentelle Lyrik war ja nie verschwunden. Neu ist, dass sich Widerspruch auf Augenhöhe regt. Sein Fazit: Im Kern geht also die Debatte, die bislang nur die Lyriker führen, um die angemessene Folgerung aus einem radikalen künstlerischen Selbstverständnis. Dass Literatur überhaupt wieder Avantgarde sein soll - diese Gewissheit haben die jungen Lyriker den Erzählern voraus. *) oder älter? das ist ja vielleicht relativ? | In diesem Monat über (zur Nachricht bitte nach der angegebenen Nummer blättern - Sachregister unten) American Life in Poetry: 27 | |||||
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