02a/2007
www.lyrikzeitung.de

 

40. Stan Lafleur gewinnt DEW21/dO!PEN-Award 2007

Andreas Dalberg, Johannis R. Jappen und Stan Lafleur sind die Preisträger des ersten mit 950 Euro dotierten DEW21/dO!PEN-Awards 2007. "Stan Lafleur aus Köln wird ausgezeichnet für sein Fuszballgedicht »ballade von der kreisliga b«, das weitaus mehr als ein Fuszballgedicht ist."

Die "ballade von der kreisliga b", erstmals veröffentlicht in der Lyrikmail #798, wurde bereits 2006 mit dem vo:pa-Literaturpreis der Volksbank Siegerland geehrt.

Die "ballade von der kreisliga b" und 89 weitere Fußballgedichte von Stan Lafleur lesen Sie in:
die welt auf dem fusz. Fußballgedichte mit Halbzeitpause
Koall
Verlag, Berlin 2006

"Stan Lafleur, Sieger verschiedener Poetry Slams (...) geht nach 90 Gedichten (und einem Matsch mit dem Leser) als Sieger hervor. Eine außergewöhnliche Lektüre.."
DEWEZET

"...eines der schönsten literarischen Fußballbücher in deutscher Sprache!"
www.satt.org


39. Mayröcker und Harter

In der gemeinsamen Lesung im Großen Sendesaal sind Gedichte aus Friederike Mayröckers anlässlich ihres 80. Geburtstages bei Suhrkamp erschienenen Bandes "Gesammelte Gedichte 1939-2003" zu hören. Ihnen gegenüber stehen Gedichte Sonja Harters aus ihrem viel beachteten, bei Leykam verlegten Lyrikband "barfuß richtung festland".

Im Interview mit Gudrun Hamböck sprechen Friederike Mayröcker und Sonja Harter über Brotberufe, das "Verfestigen“ von Gedichten und über die Liebe...

"Das gläserne Archiv" - Eine Lesung von Friederike Mayröcker und Sonja Harter

Dienstag, 20. März 2007
19:30 Uhr
ORF
Großer Sendesaal
Eintritt: EUR 14,-/16,-
Mit RadioKulturhaus-Vorteilskarte 10 bzw. 30 Prozent Ermäßigung

Kartenanfragen unter der Telefonnummer (01) 501 70 377 oder per E-Mail

Friederike Mayröcker, "Gesammelte Gedichte 1939-2003", Suhrkamp, ISBN 9783518416310
Sonja Harter, "barfuß richtung festland", Leykam, ISBN 9783701175284

Mayröcker zuletzt in L&Poe: 2006 Feb #41. Kolleritsch 75; Feb #99. Grazer Dichter; Mrz #57. Typisch Presse; Apr #90. jandl komm erzähl vom krieg* / #95. poesiefestival berlin 27. Mai – 4. Juni 2006; Mai #12. Gestörtes Frühstück - Eine Mayröcker Bebilderung / #13. Der Text ist Bild; Mai #51. Gretchenfrage / #69. Literatur Sommer / #80. 7. poesiefestival berlin; Mai #96. Sinnfreien Buchstabensalat; Jul #46. Gertrude Stein hat die Luft gemalt; Aug #37. Gernhardts Rat; Aug #109. Tiefenpoetin in Erlangen; Sep #75. Früher Pastior; Okt #77. Flandziu Heft 4 erschienen; Okt #88. Skandinavische Lyrik in "Babel" / #123. Land der Dichterinnen und Denkerinnen; Nov #121. Preisverleihung; 2007 Jan #10. Bilderregen / Surrealismen / #24. Klare Konturen; Jan #86. Phantasie und Wortzauber aus Stralsund

Sonja Harter: 2005 Okt #52. Eine Plattform; 2006 Feb #99. Grazer Dichter


38. Contemporary Poetry Review - February

Contemporary Poetry Review - February - a Program of the American Poetry Fund

» Ernest Hilbert feels the bite and snarl of Frederick Seidel

» Katy Evans-Bush remembers a favorite poem by Joseph Brodsky

» Jack Foley discovers the verse pleasures of Louis Zukofsky

» Sonny Williams tries to get ecstatic with Mary Oliver

» CPR Recommends: The Best Books of 2005 / 2004 /2003

» Recommended Site: The Complete Ralph Waldo Emerson


37. Sonett

WENN WIR UNS IM SPITAL DIE FINGER REICHEN
Und daran denken, dass wir schon mal ohne
Geringste Regungen dem Land die Krone
Entrissen haben, sollten wir vergleichen,

 

Was früher besser war, das Land, die Frauen,
Gedichte, die Regierungen berührten,
Mit Stolz die Dagebliebenen verführten,
Weil Stolz auch Kühnheit war, nicht abzuhauen.

 

Wenn wir nicht länger auf den Zimmern bleiben
Und endlich wieder Land gewinnen wollen,
Auf allen Fluren und den Fensterwegen,

 

Dann müssten wir den Stoff, an dem wir schreiben,
Verweigern, weil wir Flüchtige sein sollen,
Bevor sie uns am Ende noch verlegen.

(Thomas Kunst, Leipzig)


36. Zum 80. Geburtstag von Rainer M. Gerhardt am 9. Februar

gibt der Wallstein Verlag Göttingen - mehr als 50 Jahre nach seinem Tod - sein Gesamtwerk heraus.

Rainer Maria Gerhardt
Umkreisung
Das Gesamtwerk
Herausgegeben von Uwe Pörksen in Zusammenarbeit mit Franz Josef Knape und Yong-Mi Quester
Reihentitel: Veröffentlichung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt
Bandnummer: 88
EU 39,00 (D), 40,10 (A), CHF 63,00
544 Seiten mit 13 Abbildungen
Einband: Leinen, mit 3 Faksimile-Heften in Papphülse
Format: 16,4 x 23 cm
ISBN-10: 3-8353-0123-3
ISBN-13: 978-3-8353-0123-8

Buchpräsentation am 8.2. um 20:00 Uhr

Akademie der Künste, Berlin, Pariser Platz 4 (Plenarsaal)
Einführung Peter Härtling, Vorstellung der Werkausgabe: Uwe Pörksen. Lesung Hanns Zischler. Frank Gutschmidt spielt die "Kubiniana" von H.E. Apostel.

Rainer Maria Gerhardt (1927-1954) war einer der Vorreiter, als es darum ging, der deutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Orientierung zu geben. Der fragmente-Verlag, den er zusammen mit seiner Frau Renate und mit Claus Bremer gründete, verfolgte ein schwindelerregend ambitioniertes Programm. In der internationalen Revue für moderne Dichtung: fragmente publizierte Gerhardt Werke u.a. von Artaud, Miller, Creeley, Olson und Pound. Gerhardts eigene Dichtungen sind an dieser Moderne geschult. Seine ungeglätteten Pound-Übertragungen verunsicherten damals und ließen den Übersetzer trotz Pounds Autorisierung auf der Suche nach einem deutschen Verleger scheitern.

Anerkennung oder ein nennenswertes Echo auf Gerhardts literarisches Programm, an das später andere erfolgreich anknüpften, blieben aus. Mit 27 Jahren wählte Gerhardt, finanziell ruiniert und literarisch isoliert, den Freitod.

Die Ausgabe enthält Gerhardts Werke, dokumentiert sein verlegerisches Wirken und wird durch Briefe (darunter an Arno Schmidt) und Stimmen über ihn ergänzt.

»Der ebenso begabte wie gefährdete junge Mann hat sich für die Idee, die Dichtung, und zwar die anspruchsvollste und schwierigste Dichtung der Moderne aller Länder, ins Zentrum des geistigen Lebens zu rücken, buchstäblich aufgeopfert.«

Alfred Andersch über Rainer Maria Gerhardt

Mehr hier

Zur Veranstaltung auch taz 8.2.

In L&Poe: 2003 Jul ("Michael Braun")


35. Erinnerung an Hilde Domin

Die Eßlinger Lyrikbühne erinnerte an Hilde Domin. Harald Vogel diskutierte mit Marion Tauschwitz, einer engen Vertrauten der Dichterin. Bericht in der Eßlinger Zeitung vom 6.2.


34. Universalkünstler

Der "Universalkünstler" Dieter Meier ist weltberühmt in der Schweiz: als Bankierssohn und Dandy, Performance- und Lebenskünstler, Filmemacher und Schriftsteller, semiprofessioneller Poker-, Roulette- und Golfspieler, nicht zuletzt auch als Musiker der Gruppe "Yello" und Godfather des Schweizer Techno. Meier, Großgrundbesitzer im Reich der Phantasie wie in Argentinien, beliefert seine Heimat seit Jahrzehnten mit Kunst und Anekdoten, neuerdings auch mit Biogemüse und Ökowein. Was dem Universaldilettanten bisher noch fehlte, war ein Buch, das die Essays und Prosastückli, die er einst für die "Neue Zürcher Zeitung", die "Zeit" und "Tempo" zu Papier brachte, für die Ewigkeit aufbewahrt.

Jetzt liegt es vor, angereichert mit einer Bonus-DVD, dafür ohne bibliographische Angaben. "Hermes Baby" ist die Geliebte des manischen Schreibers und bekennenden Schreibmaschinenfetischisten. "Mitten in der Märzennacht", heißt es in einem der eingestreuten Gedichte, "sitzt Meier an der Schreibmaschine / Weiß denn Meier, was er macht / Fliegt er wie die Honigbiene." / MARTIN HALTER, FAZ 5.2.

Dieter Meier: "Hermes Baby". Geschichten und Essays. Ammann Verlag, Zürich 2006. 160 S., geb., 19,90 [Euro].


33. Michael Speier in München

Spaziergang im Park. Michael Speier liest aus seinen Gedichten und stellt seine Zeitschrift PARK vor

07.02.2007 20:00 Uhr - Lyrik Kabinett München

Michael Speier, geb. 1950, lebt in Berlin als Lyriker, Übersetzer und Literaturwissenschaftler. Er veröffentlichte acht Gedichtbände, zuletzt scherbenschnitte (1998) und wüste pfade (2004). Er übersetzte aus mehreren Sprachen (Andrea Zanzotto, Michel Deguy, Jacques Roubaud, Michael Hamburger) und ist Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Park"


32. Gefühlsabsonderung

"Der Mensch zerfällt in zwei Teile. In einen männlichen, der nicht denken will, und in einen weiblichen, der nicht denken kann. Beide haben sogenannte Gefühle: Man ruft diese am sichersten dadurch hervor, dass man gewisse Nervenpunkte des Organismus in Funktion setzt. In diesen Fällen sondern manche Menschen Lyrik ab." Mit diesem Zitat von Kurt Tucholsky beginnt ein Bericht von Maike Schiller über einen Lyrik-Workshop für Jugendliche von Björn Kuhligk am Hamburger Literaturhaus. / Hamburger Abendblatt 6.2.


31. Parodien von Friedrich Gundolf

(u.a. auf Hugo von Hofmannsthal) hat die Hamburger Literaturwissenschaftlerin Sandra Pott im Archiv des germanistischen Instituts der University of London entdeckt und kommentiert veröffentlicht in: Euphorion 1/2006. FAZ-Bericht 24.1.


30. Karl Kraus "gemeinfrei"

Dem letzten Adorno-Anhänger wird klar werden, woher dieser seinen Stil und seine wesentlichen Erkenntnisse bezog. Die österreichische Staatsgründungslegende wird entrümpelt und zur Kenntlichkeit entstellt werden, wenn jetzt Die dritte Walpurgisnacht, der radikalste Text zum Dritten Reich überhaupt, erforscht und neu herausgegeben werden kann.

Jeder, selbst der naivste Leser, wird darin erfahren, was man tatsächlich alles schon 1933 wissen konnte, vorausgesetzt, man war wach und fähig, das Ungeheure in allen zugänglichen Zeitungen wahrzunehmen.

So ist es gekommen, und dass man Karl Kraus absichtsvoll vergaß, weil er den politischen Ideologen und Haudegen des Kalten Kriegs, die über die Poesie bestimmen durften, nicht in ihren Kram passte. Diese graue Nachwelt hat abgedankt, scheint gottlob seit Beginn dieses Jahres vorbei. / Wilhelm Hindemith, DER STANDARD 27.1. (mit sehr lebhafter kritischer leserdebatte!)

In L&Poe: 2002 Mrz («Will Hofmannsthal Goethes...); Aug (Karl Kraus); 2003 Jan ("Meteor kosmos nach ziel licht); Feb (Spielen ist alles); Dez (Deutsch-jüdische Symbiose: Rudolf Borchardt zum Beispiel); 2004 Apr #26. Wie der Staat die Geister mundtot macht; Mai #7. Was Kraus dem Komponisten Walden zugesteht; Jun #42. Darstellung von Einzelheiten; Sep #44. Im Widerstand: Michael Guttenbrunner; Nov #1. Negative Liebestheologie / #12. Shakespeare 18; 2005 Jan #88. Gott ist kein Spießer; 2006 Apr #14. Lyrik Kabinett München - Lyrik-Bibliothek / #15. Heine-Verächter; Nov #106. Leonberg-Warmbronn: Internationale Christian-Wagner-Tagung; 2007 Jan #40. Philologische Lyrik; Feb #6. Kaléko und Grass


29. Marbach wartet

Die Lyrikerin Hilde Domin starb Anfang 2006, sie war 96 Jahre alt. Jetzt gibt es Ärger um ihren Nachlass. Das Literaturarchiv Marbach sollte Teile ihrer Finanzen bekommen. Aber dort ist nie etwas angekommen. ... Von der Einrichtung einer aus ihrem Vermögen bezahlten Personalstelle war die Rede.

Inzwischen sind alle literarischen Unterlagen im Archiv eingetroffen. Doch auf das Geld wartet man in Marbach bislang vergeblich. Offenbar wurden, so berichten Freunde von Hilde Domin, lange Zeit nicht einmal die Beerdigungskosten und die Rechnung für die Trauerfeier durch den Testamentsvollstrecker beglichen. / Uwe Wittstock, Die Welt 29.1.


28. Außen Englisch, innen (indisch) Braun

Ich habe nichts dagegen, ein bißchen Glück zu verbreiten. Gleich wenn Sie diesen Artikel ausgelesen haben, rufen Sie William Hill an und wetten Sie auf den TS Eliot Prize. Dann kaufen Sie das Buch; dann werden Sie mich verstehen. ... Look We Have Coming to Dover! - Sie verstehen? Schon der Titel ist brilliant und es ist das beste Debüt seit Ewigkeiten. Es ist vollendet und gewandt, komplex aber nicht kompliziert. Es widmet der traditionellen poetischen Form gebührende Aufmerksamkeit. Aber am besten ist seine Stimme, die Art, wie es die Erfahrung in Großbritannien geborener Inder so lebhaft aus Papier bannt. Rassismus, arrangierte Ehen, Eckläden, die Moschee, all das gibt es hier, aber auch Ms Dynamite, Hilda Ogden, KFC und Torvill und Dean. Es ist ein Buch über einen Grenzgänger zwischen zwei Kulturen, die man beide liebt und gelegentlich fürchtet. Es ist wunderbar! ...

Nagra über sein Buch:

"Die Form ist sehr englisch - wie jeder Außenseiter kenne ich den englischen Kanon besser als der Durchschnitt - aber was sich auf der Seite ausspricht, ist sehr braun. Mir gefällt die Idee von einem solchen Aufgebot an ... Dunkelheit." / Rachel Cook, Guardian 4.2.

Look We Have Coming to Dover! by Daljit Nagra is published by Faber.


27. Release der Zeitschrift GEGNER 18 / floppy myriapoda 4

Dienstag, 13. Februar 2007, 21.00 Uhr

Tanzwirtschaft Kaffee Burger

mit Tone Avenstroup, Husito, Alexander Krohn, Bert Papenfuß, Kai Pohl u. a.

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Kaffee Burger
Torstraße 58/60
10119 Berlin
U2 Rosa-Luxemburg-Platz

--> http://www.kaffeeburger.de

floppy myriapoda
Subkommando für die freie Assoziation

--> http://subkommando.pappelschnee.de


26. Koranübersetzung

Eine Sensation wird aus Algerien gemeldet. Zum erstenmal ist der Koran in die Berbersprache Tamazight übersetzt worden, Muttersprache der meisten Algerier.

Die Koransuren zitieren oder sie in Tanazight zu übersetzen ist nicht neu. Mit Remdane At Mensour aber haben wir zum erstenmal den ganzen Koran in Schriftform.

Über Generationen haben diejenigen, die sehr jung den Koran auf Koranschulen studierten, den Inhalt soweit verstanden, daß sie ihn den anderen erklären konnten. Wir haben ein verblüffendes Beispiel in Si Mohand, ein ruheloser Dichter, der Zaouiaprofessor oder Lehrer an einer Koranschule hätte werden können, wenn die französische Kolonialarmee nicht sein Dorf ausgelöscht und seine Familie dezimiert hätte. Verfolgt und ohne Familie irrte er umher. Schließlich kam er nach Tunesien, wo er ein bekannter Schriftsteller wurde. Seine Poesie ist von Ausdrücken aus der arabischen Sprache durchzogen... / Boumediene A., La Nouvelle République 5.2.

Leqwran stmazirt [Der Koran auf Tamazight]
Remdane At Mensur,
ed. Zyriab,
2006, 491 pages

Si Mohand in L&Poe: 2005 Sep #51. A Muh a Muh; Dez #95. Ehrung für kabylischen Dichter; 2006 Jan #10. Si Mohand und Rimbaud; Mrz #12. Zeitlos

Berfber in Algerien: 2002 Dez (Maghrebinischer Surrealismus); 2005 Mrz #29. Poesie der Berber; Sep #51. A Muh a Muh; Dez #95. Ehrung für kabylischen Dichter; 2006 Jan #10. Si Mohand und Rimbaud; Feb #22. Amazighité; Feb #58. Sidi Valentin; Mrz #12. Zeitlos und #44. Kultureller Mischling; Mrz #128. Die schärfsten Karikaturisten; Apr #92. Kabylisch lernen; 2007 Jan #36. Sache der Berber


25. Eich 100 - Nachlese

Vor einiger Zeit, im Umfeld alternativer Literaturzeitschriften, konnten ekstatische Szenen vorkommen. Zum Beispiel ein Duell zwischen Günter Eich und Paul Celan: Da warfen die jeweiligen Sekundanten einander Zitate wie Beweise an den Kopf - "mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten" wurde gekontert mit "wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!", "wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis" mit "mein Alter möchte ich in der grünen Dämmerung des Weins verbringen". Und als der Celan-Mann zu seinem letzten Argument ansetzt: "Es ist Zeit, dass es Zeit wird", steigt der Eich-Vertreter auf den Nachtspeicherofen und deklamiert: "Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!"/ Helmut Böttiger, SZ 1.2.

Mehr: NZZ 1.2. (Samuel Moser) / BLZ 1.2. (Sabine Rohlf); Die Zeit 06 (Iris Radisch) / DLR Kalenderblatt 1.2. (mit weiteren Links) / SWR2 Retrospektive / DW 28.1. / NDR Kultur / Der Radiodichter. Autor im Zeitalter technischer Medien: Günter Eich zum Hundertsten . Von Andreas Ammer, SZ 1.2., S. 19

Aus dem Archiv der NYT: Ballett nach "Inventur", 29.1.1989:

In ''Inventur,'' Miss Bamonte turns to Gunter Eich, a German poet who described the basics of existence amid hardship in 1948 and adds her own program note: ''Sleepwalker waltzes/ potato dreams/ a collapsing march for homeland glory - how German is it?''

Reinhard Döhl: 5 Texte über Eich


24. Lyrik und Bergbau

ist ein Thema bei Novalis oder Franz Fühmann. Jetzt präsentierte "zri" die Lyrik als unzerstörbaren Rest des deutschen Steinkohlenbergbaus:

Rosenblumendelle und Vereinigte Margarethe

In den Namen seiner Zechen lebt der Bergbau fort - als Teil einer poetischen Landschaft

Eine Epoche geht zu Ende: Die deutsche Kohle ist Geschichte. Wirtschaftlich ist sie für Deutschland seit Jahren Ballast und für das Ruhrgebiet längst eine Marginalie. Nachdem alle ökonomischen und politischen Ansprüche abgegolten sind, bleibt also vom Bergbau nur sein unzerstörbarer Kern, und das ist: seine Lyrik. / SZ 31.1., S. 11


23. Sportpoesie (Geistige Gummibärchen)

"Heute sind alle Heine, das Wintermärchen ist wahrgeworden." Sportreporter nach dem Sieg der deutschen Handballmannschaft über die polnische


22. In Ruah lossen

Im Guardian vom 3.2. erinnert James Fenton an W.H. Auden. Er traf ihn zuerst Ende 1966 und hörte ihn in einer Kirche in Burton-on-Trent lesen.

Ich erinnere mich daran, wie Auden seine Bücher und Typoskripte ein wenig abseits von seinem Platz an den Stufen der Kanzel ablegte und in dem einzigartigen Akzent ... las, der viele Zeitgenossen erzürnte, weil er die abgeflachten a der Amerikaner angenommen hatte. Das erinnerte den Zuhörer daran, daß Auden Ende der 30er Jahre in die Staaten emigriert war (seit Ende der 50er nannte er Österreich seine Heimat) und also kein Brite mehr war. Diese Emigration erschien vielen noch als Verrat. ...

Aber Auden kehrte der politischen Welt nie den Rücken zu, und an dem Band von der Lesung in Cambridge erstaunt, wie lebendig ihm die jüngste Vergangenheit geblieben war. Er liest ein Gedicht zum Andenken an Joseph Weinheber und sagt einleitend, daß Weinhebert ein bedeutender österreichischer Dichter war, der anfangs enthusiastischer Nazianhänger war, aber im Lauf des zweiten Weltkrieges allmählich desillusioniert und depressiv wurde und 1945 Selbstmord beging [genauer gesagt, beim Einmarsch der Roten Armee, MG]..

In einem Gedicht gibt es eine Dialektwendung, die Auden erklärt. Weinheber war von den Nazis aufgenommen worden [sagen wir so: er war seit 1931 Mitglied der NSDAP], und Goebbels fragte ihn, was die Partei für die österreichische Kultur tun könne. "In Ruah lossen", war Weinhebers Antwort...

Auden in L&Poe: 2001 Feb (Audio Reading in der New York Times*); Jul; Okt; 2002 Feb (Naipaul und Pound); Apr (Karsunke über Auden); Okt (Arts & Letters gone); Nov (Die Spanne vom sozialistischen Auden); 2003 Jan (Drug writing); Mrz (Audio-Archiv); Dez (Farben hören: Hector Berlioz und die literarische Moderne); 2004 Jan (Lesenswert); Mai #96. Post zu Weinheber; Jun #78. MacSpaunday; Nov #20. Donald Justice: American and Southern; 2005 Feb #98. Biography of a cultural statesman; Jun #29. Lowells Stern; Sep #117. Henzes Auden-Lieder; Dez #88. Elizabeth McFarland Hoffman; 2006 Mrz #122. Übersetzte Konfessionen; Apr #82. Prozeß um Auden-Gedicht; 2007 Jan #38. Schönerweise; Jan #58. Das Englische zum Chutney gemixt / #75. Gedicht - Apparat und Mensch / #76. Found Poem

Weinheber: 2004 Mai #90. Kramer 1: Requiem für einen Faschisten / #96. Post zu Weinheber; 2006 Jan #60. In seiner FAZ.NET-Leserkolumne; Jul #116. Brecht statt Weinheber


21. Künstlerproletariat

Berlin galt im 20. Jahrhundert als proletarische Stadt: geprägt von Industriebauten, Arbeiterparteien und den kulturellen Bedürfnissen des «kleinen Mannes». Heute gibt es in der deutschen Hauptstadt mehr Studenten als Industriearbeiter, mehr Künstler als Soldaten, mehr wissenschaftliche Angestellte als Bauarbeiter. Ist etwa der alte Traum der Gelehrtenrepublik ausgerechnet in der spröden Mark Brandenburg in Erfüllung gegangen? Nicht ganz, denn es ist nicht genug Platz für alle Bewerber im Pantheon. Stattdessen wächst das Berliner Künstlerproletariat von Jahr zu Jahr. / Christian Saehrendt, NZZ 3.2.


20. Kondensierter Eich

Betrüblicher ist es allerdings, wenn die Anerkennung der herausragenden Bedeutung eines Lyrikers sich auf nur wenige Gedichte gründet. So erging es Günter Eich: Sein Gedicht "Latrine", in dem "Urin" auf "Hölderlin" gereimt wird, hat schon allein durch dieses Skandalon anhaltende Aufmerksamkeit erregt; die berüchtigte Zeile "Die Kanaldeckel heben sich um einen Spalt" aus dem Gedicht "Nachhut" löste seinerzeit, als es 1957 in dieser Zeitung erstmals veröffentlicht wurde, einen lang anhaltenden Sturm der Entrüstung aus und wurde wieder und wieder kolportiert. Sein Gedicht "Inventur" schließlich ("Dies ist meine Mütze, / dies ist mein Mantel, / hier mein Rasierzeug / im Beutel aus Leinen") wurde zum nüchternen und ernüchternden Paradigma eines Neuanfangs nach den Schrecken des "Dritten Reiches"; wer immer sich und anderen die Situation der deutschen Literatur nach 1945 vergegenwärtigen will, zieht dieses Gedicht heran.

Vielleicht - hoffentlich - trägt die schmucke Ausgabe der "Sämtlichen Gedichte" Eichs, die Jörg Drews auf der Basis der von Axel Vieregg herausgegebenen Werkausgabe besorgt und mit einem temperamentvollen Nachwort versehen hat, nun dazu bei, den Vorgang der Kondensierung, der mit jeder Kanonisierung einhergeht, zu stoppen und dem lyrischen Gesamtwerk Eichs neue Leser zu gewinnen. / WULF SEGEBRECHT, FAZ 1.2.

Günter Eich: "Sämtliche Gedichte". Auf der Grundlage der Ausgabe von Axel Vieregg herausgegeben von Jörg Drews. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 653 S., geb., 18,80 [Euro].


19. "Nicht mehr ganz unbelastet"

Demetz, 1922 als Sohn einer tschechischen Jüdin und eines ladinischen Südtirolers in Prag geboren, gilt als einer der letzten Zeugen jenes weltoffenen, mehrsprachigen und, wie es heute nicht mehr ganz unbelastet heißen mag, multikulturellen Böhmens, das mit dem Exodus und der Vernichtung der Juden und später mit der Vertreibung der Deutschen ein Ende fand. ...

Ein Opfer der permanenten freiwilligen und unfreiwilligen Akkulturation war bereits im neunzehnten Jahrhundert das Prager Jiddisch. Die deutschen Juden wollten Armut und Bedrängnis hinter sich lassen, die tschechischen sahen im Jiddisch ein deutsches Element, das ihrem slawisch-tschechischen Bewusstsein im Wege stand.

Doch es gab stets auch Widerstand gegen die ideologische und nationale Vereinnahmung von Sprache und Kultur: Der Arzt Siegfried Kapper ist im neunzehnten Jahrhundert Jude und tschechischer Poet zugleich, der slawische Lyrik ins Deutsche übersetzt; der tschechische Lyriker und Jude Jirí Orten befasste sich 1941 noch auf dem Totenbett mit Rilke; Viktor Ullmann komponierte in Theresienstadt eine Musik zu Rilkes "Cornet"; Hans Werner Kolben und Friedrich Adler schrieben im Inferno der Todeslager deutsche Gedichte. / SABINE BERKING, FAZ 31.1.

Peter Demetz: "Böhmen böhmisch". Essays. Mit einem Vorwort von Karl Schwarzenberg. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2006. 170 S., geb. 19,90 [Euro].


18. Traklpreis überreicht

Kulturreferent Landeshauptmann-Stellvertreter Dr. Othmar Raus überreichte ... Donnerstag, 1. Februar, in der Landesgalerie im Traklhaus den mit 7.300 Euro dotierten Georg-Trakl-Preis für Lyrik an Franz Josef Czernin. Mit dem Preis wird das lyrische Gesamtwerk des Autors gewürdigt. Zugleich überreichte der Kulturreferent den mit 3.000 Euro dotierten Georg-Trakl-Förderungspreis für unveröffentlichte Lyrik an Lisa Mayer. "Der Traklpreis ist einer der traditionsreichsten Literaturpreise Österreichs. Mit ihm wird das Gesamtwerk eines deutschsprachigen Lyrikers ausgezeichnet. Seit 1952 haben unter anderem so bedeutende Autoren wie Ernst Jandl, Gerhard Amanshauser, Friederike Mayröcker, Ilse Aichinger und Julian Schutting diesen Preis erhalten. Franz Josef Czernin reiht sich würdig ein in die stolze Tradition dieses Preises", stellte Dr. Raus bei der Preisverleihung fest. Lisa Mayer sei eine Förderungspreisträgerin, die die Jury durch ihre kraftvollen Texte und durch ihr Gespür für Zwischentöne und Klänge überzeugt habe.

Die Begründung der Jury (Sibylle Cramer, Karl Markus Gauß und Ferdinand Schmatz) für Czernin:

"Franz Josef Czernins dichterisches Werk, ein sich enzyklopädisch entfaltendes Schreibprojekt aus Dichtung, Prosa, Aphorismus und Essay, ist einzigartig in der deutschsprachigen Poesie. Es erweist sich als unnachgiebiger Versuch, Dichtung auf ihren Kern hin frei zu schreiben, in Form die Sprache reflektierender und gleichzeitig feiernder Pracht. Sie sucht akribisch forschend die Grundlagen des Poetischen auf, und macht von dort aus die Welt als Spracherfassung und die Sprache als Welterfassung poetisch schöpferisch erfahrbar." / Salzburg.at 1.2.

Zuletzt erschienen von ihm folgende Bücher:

· Apfelessen mit Swedenorg, Essays zur Literatur. Grupello-Verlag, Düsseldorf, 2000.

· Elemente, Sonette, Gedichte. Hanser-Verlag, Wien – München, 2002.

· Voraussetzungen, Dialoge. Droschl-Verlag, Graz – Wien, 2002.

· Briefe zu Gedichten (Zusammen mit Hans-Jost Frey) Weil am Rhein, 2003.

· Das Labyrinth erst erfindet den Roten Faden, Einführung in die Organik, Aphorismen, Fragmente, Passagen. Hanser-Verlag, Wien – München, 2005.

· Elstern. Versionen, Gedichte. Omato-Verlag, Düsseldorf, 2006.

· Zur Metapher, Hg. (zusammen mit Thomas Eder), Aufsätze zu einer Theorie der Metapher. Wilhelm Fink Verlag, München, erscheint im Frühjahr 2007.

· Der Himmel ist blau. Aufsätze zur Literatur. Urs Engeler Editior. Weil am Rhein, erscheint im Frühjahr 2007.


17. Ausschuss

Ein Kandidat für das "U-wort des Jahres", würde ich sagen: "BND-U-Ausschuss"; es bewegt sich nicht nur im Abkürzungswahn, den die Nazis begründet haben (V. Klemperer, LTI), es täuscht auch über die Täuschung hinweg, dass in Pullach irgendwer die Hosen runterlassen würde. Ich dachte, solche Wörter würden mich nur auf entsprechenden Prakariats-Portalen anfallen, aber: Nein, nein! Auch das Kukident-TV ist voll auf dem faulen Zahn der Zeit angekommen.

/ Konstantin Ames, Leipzig


16. Dichterschule

Treichel sitzt in seinem Arbeitszimmer im dritten Stock des Literaturinstituts Leipzig, der berühmtesten deutschen Dichterschmiede, Mitte der 50er Jahre gegründet, 1990 geschlossen, 1995 wieder eröffnet. Seither bestückt das Institut den Literaturbetrieb mit erfolgreichen jungen Autoren. Von 400 bis 600 Bewerbern pro Jahr, erzählt Treichel, werden gerade mal 20 bis 22 ausgewählt. Das seien eben die Begabtesten. Dass der Erfolg auch etwas mit guten Lehrern zu tun haben könnte, sagt Treichel aus Bescheidenheit nicht. / Steffen Richter, NRZ 2.2.

Treichels Poetik-Vorlesungen: "Die Erfindung des Autobiografischen": 5., 6., 7.2., 16-17 Uhr im Essener Bibliothekssaal der Universität Duisburg-Essen


15. Traum vom Tod Georg Heyms

Neu bei lyrikline.org: 10 Gedichte von Richard Anders, darunter dies:

 

Traum vom Tod Georg Heyms

 

Von einer Sekunde
von einer Eisscholle
zur andern springend
während von einer Sekunde
zur anderen
eine Eisscholle von der anderen treibt
eine Sekunde von der anderen treibt
ein Himmelskörper vom anderen treibt
weiß er
daß zwischen Eisschollen
und Sekunden
und Himmelskörpern
der Abstand endlich
endlos wird
und er
wie weit er auch springt
über kurz oder lang
einmal zu kurz springt

 

 

© Edition Galrev
Aus: Die Pendeluhren haben Ausgangssperre
Edition Galrev, Berlin 1998
ISBN: 3-933149-07-X
Audioproduktion: M.Mechner / literaturWERKstatt berlin 2005

Dieses Gedicht liegt in folgenden Übersetzungen vor:
San o smrti Georga Hajma (Serbisch)

Richard Anders, geboren 1928 in Ortelsburg in Ostpreußen (heute Szczytno, Polen), ist Lyriker, Prosaautor und Essayist.

Er studierte nach Militärdienst und Kriegsgefangenschaft 1953-59 Germanistik in Münster und Hamburg. Erste Veröffentlichungen folgten 1953/54 in der Zeitschrift ´Zwischen den Kriegen’. 1962-1964 lehrte Anders Deutsch an der Universität Zagreb, wo er mit dem kroatischen Dichter Radovan Ivsic zusammentraf, der ihn in die Pariser Surrealistengruppe um André Breton einlud. Die Auseinandersetzung mit Bretons Surrealismus wurde zum wichtigen Einfluss für Richard Anders.

Bis 1969 war Anders in Hamburg als Dokumentationsjournalist für den ´Spiegel’ und ´Die Welt’ tätig. Seit 1970 lebt er als freier Schriftsteller in Berlin, wo er mit Johannes Hübner, Lothar Klünner und Joachim Uhlmann eine surrealistische Interessengemeinschaft bildete.

Richard Anders wurde 1998 als erster Preisträger mit dem Wolfgang-Koeppen-Preis ausgezeichnet.

Am 16. und 19.2. liest er in Wien zusammen mit Elfriede Gerstl, Friederike Mayröcker, Andreas Okopenko und anderen in einer Veranstaltung unter dem Titel BILDERREGEN - SURREALISMEN IN GEGENWÄRTIGER LITERATUR.


14. Ehrenbürger

Berlin, 1.2. Das Berliner Abgeordnetenhaus hat die Verleihung der Ehrenbürgerwürde für den 1976 aus der DDR ausgebürgerten Liedermacher Wolf Biermann beschlossen. Für die Auszeichnung stimmten SPD, CDU, Grüne und FDP. Die Linkspartei.PDS, die Biermann vor allem die Befürwortung von Kriegseinsätzen vorwirft, enthielt sich der Stimme.

Zuletzt in L&Poe: 2006 Jan #19. Bescheiden: Gernhardt in Düsseldorf; Jan #61. Deutscher Sonderweg; Feb #52. Gaga für Fortgeschrittene; Mrz #55. Gesetz der kleinen Zahl; Mrz #118. Lauter Dejàvues; Mai #85. Gesplitzt / #101. Land ohne Ghetto; Jun #25. "Harmonium und Männerchor; Jun #71. Ringelnatz und Schinkel / #72. Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik 2006; Jun #118. Ringelnatz - Shakespeare - Schinkel; Jul #112. Gedichte auf Brecht; Sep #113. Lammert spricht künftige Nationalhymne /#128. Biermanns neue Gedichte; Okt #12. Gedicht für Frank Beyer; Nov #13. Es ist ein kraftvoller / #37. Bett und Straße; Nov #45. "Ausgebürgert" / #65. Vor 30 Jahren / #72. Wolf Biermann wird heute 70 / #75. Zweitausendeins verschenkt Biermann; Nov #82. Staatsbürgerschaft der DDR aberkannt / #83. Einspruch / #95. Faszination der Alten / #109. Das auch nicht; Dez #42. Die Spröderie des Herrn K. / #59. Französische Heimat / #74. Lyrisches Querbeet im VOLLTEXT; 2007 Jan #21. Mit schweren Eisenhämmern; Jan #51. Natürlich gibts auch / #77. Georg-Trakl-Preis für Lyrik 2007 geht an Franz Josef Czernin; Jan #109. Loschütz denunziert Braun und die Akademie


13. Volker und Ulrike

Scherz beiseite (vgl. #5) - Ernst kommt her. (Nein, leider nicht Jandl, der von sich sagte, eigentlich müßte er entsprechend seiner Weltsicht "Entsetzt Jandl" heißen). Man könnte sich ja wundern, mit welcher Verbissenheit in der Bundesrepublik Deutschland über Meinungsdelikte debattiert wird. Man stelle sich vor, in einer großen türkischen Zeitung veröffentlicht ein türkischer Schriftsteller einen Angriff auf Orhan Pamuk, dem er vorwirft, sein Roman sei eine der widerlichsten Hervorbringungen, die jemals im Gewand eines Romans aufgetreten sei, und es drücke die offiziellen Verlautbarungen der griechischen Obristenjunta aus. (Ja, denn es ist halt 40 Jahre her. Oder der PKK, wers gegenwärtiger wünscht, oder des Vatikan). Wie könne so einer Mitglied, ja Funktionsträger einer türkischen Akademie sein? (Nur ein Gedankenspiel) Würden die deutschen Zeitungen darüber schreiben? Natürlich würden sie. Sie würden hervorheben, hier würden Meinungen, wenn nicht kriminalisiert so skandalisiert. Das finden wir nicht in Ordnung, in der Türkei, hinten weit.

In Deutschland ist es gerade passiert. Ein Schriftsteller wirft einem andern vor, er habe vor 40 Jahren die falsche Meinung gehabt. Es sei ein Skandal, ja eine Provokation, daß er heute in ein Akademieamt gewählt worden sei. Wir sagen ihm nicht, daß unsere Verfassung oder FDGO (für Jüngere: "Freiheitlich-Demokratische-Grund-Ordnung", ein Kampfbegriff der 70er Jahre aus Radikalenerlaßzeiten) die Freiheit der Meinung garantiere. Nein, das sagen wir nicht. Wir erörtern stattdessen das Pro und Contra seines alten Textes, oder Datierungsfragen. Als gelte es, seine Meinung zu rechtfertigen oder zu verdammen. Ist das kein Skandal? Haben es die türkischen Zeitungen bemerkt?

Auch wenn es nicht jedem gefällt - wer anders denkt als die Mehrheit, ist ein Andersdenkender. (Ignorieren wir jetzt mal die Tatsache, daß es in diesem Fall um eine 40 Jahre alte Meinung geht und daß nicht mal Loschütz behauptet, Braun würde auch heute noch so über die Mauer denken, wie er es aus seinem alten Gedicht herausliest!). Die Diktaturen des Ostens verfolgten Andersdenkende. Die Demokraten des Westens liebten die Andersdenkenden - im Osten. Die im eigenen Land ließen sie nicht Lokomotivführer werden, damit sie nicht ins Welthandelszentrum führen. Oder nicht Lehrer, damit sie den Kindern nicht ihre falschen Meinungen beibrächten. So war das, und ein bißchen ist es immer noch so.

So weit so trübe. Jetzt der Ernst. Am 30.1. schreibt "miha" in der FAZ auf Seite 36 über eine Fernsehdebatte zu der Frage, ob man inhaftierte RAF-Täter vorzeitig begnadigen solle. Zeigen sie Reue? Haben sie ihre Taten aufgeklärt? Miha klärt uns auf. Es geht um etwas ganz anderes:

Es gibt eine ganze Generation von ehemaligen Sympathisanten, die dann auch mit sich selbst ins Gericht gehen müsste.

Es gibt. Eine ganze Generation. Von ehemaligen. Sympathisanten. Die laufen immer noch frei herum, Skandal! Einer war gar Minister. Gehen nicht mit sich selbst ins Gericht, wenn wir sie schon nicht vor eins stellen können. Weil sie nichts gemacht haben. Nur falsch gedacht. Anders als die Mehrheit. Das ist in Deutschland ein Skandal. Ist das kein Skandal? Nein, es ist wohl normal.

Ein Gedicht von 1977 (nachdem Wolf Biermann ausgebürgert und Rudolf Bahro inhaftiert worden war). Gedruckt wurde es 1979 beim Mitteldeutschen Verlag in Halle und bei Suhrkamp in dem Band "Training des aufrechten Gangs". Auch zum Training für fortgeschrittene FR-, FAZ- oder SZ-Leser geeignet:

Volker Braun

 

Bruno

 

Schwieriger Umgang mit dem Abweichler
Es hilft nicht, die Instrumente zu zeigen:
Er hat sie beschrieben
Er beharrt auf seinem feindlichen Standpunkt
Daß sich die Erde bewegt
Die Vernehmer glauben sich zu verhören
Im Knast agitiert er die Mönche
Als wüßten sie nicht wo Gott wohnt
Die Folter verfängt nicht: er singt ein Tedeum
Wohin mit ihm? die Hölle nimmt ihn nicht auf
Verbrennen wäre die Lösung, doch die ist nicht neu


12. Goldene Worte

Alsbald begann die Lyrik.

Else Lasker-Schüler alias Prinz von Theben etc.: Mein Herz (1912)

Lasker-Schüler in L&Poe: 2001 Mrz (Else Lasker-Schülers «Balladen» in der Handschrift); Sep; 2003 Feb (Spielen ist alles); Dez (Vergessene Klassikerin); 2004 Feb #34. Arbeiterlyrik, nobel präsentiert / #42. Siebenjährige Dichterin; Mai #7. Was Kraus dem Komponisten Walden zugesteht; Jun #15. Hardekopfs Dicht-Extrakt; Jul #37. Prager Literaturarchiv; Nov #21. My Blue Piano; 2005 Jan #88. Gott ist kein Spießer; Feb #32. Geborgt; Mrz #54. Komponistenportrait Bernhard Rövenstrunck; 2006 Feb #5. Gedichte von; Mrz #57. Typisch Presse - / #60. Lyrik und Rundfunk; Mai #31. Prinz Jussufs Gedichte; Aug #120. Schygulla spielt Lasker-Schüler; Sep #36. Natürlich; Nov #58. Die Stadt ist ein Gedicht; Dez #86. Schygulla als Lasker-Schüler


11. American Life in Poetry: Column 097

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE, 2004-2006

Though parents know that their children will grow up and away from them, will love and be loved by others, it's a difficult thing to accept. Massachusetts poet Mary Jo Salter emphasizes the poignancy of the parent/child relationship in this perceptive and compelling poem.

 

 

Somebody Else's Baby

 

From now on they always are, for years now
they always have been, but from now on you know
they are, they always will be,

 

from now on when they cry and you say
wryly to their mother, better you than me,
you'd better mean it, you'd better

 

hand over what you can't have, and gracefully.

 

 

Reprinted from "New Letters," vol. 72, no. 3-4, 2006, by permission of the poet. Copyright © 2006 by Mary Jo Salter, whose most recent book of poetry is "Open Shutters," Knopf, 2003. This weekly column is supported by The Poetry Foundation, The Library of Congress, and the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. This column does not accept unsolicited poetry.


10. mitte unten: des des, gemindert

 

(reuters) die absage des besuchs des türki-
in deutschland hat dort eine neue debatte umdroht
--------- dienstagabend
deutschlandbesuch
cherin des
--------- hätte er am Freitag
------------- solle gut auf sich
aufpassen.

 

Pamuk
schen
nach der ermordung des türkisch-armeni
-

(Konstantin Ames, Leipzig)

 


9. Rylik funktionielt

so nicht und schon gal nicht die vom expelimenterren Schliftsterrel Elnst Jandr. Eins del bekanntesten Gedichte des 1925 in Wien gebolenen Jandr heißt "lichtung. lechts und rinks kann man nicht velwechsern". / taz Hambulg 1.2.


8. Die Brücke 143

Soeben erschienen

DIE BRÜCKE
FORUM FÜR ANTIRASSISTISCHE POLITIK UND KULTUR

Heft 143 • XXVI. Jahrgang • Januar-Februar-März 2007/1

In DIE BRÜCKE, diesem vierteljährlichen »Forum für antirassistische Politik und Kultur« begegnen sich seit einem Viertel Jahrhundert die Widersacher des eurozentrisch zementierten Lehrgebäudes – die Verfechter der kosmopolitanen Utopie und Handwerker der Poesie. Acht Rubriken enthält das aktuelle Winterheft:

»Meinungen-Karawanserei« (dreizehn Beitrage) • »In den Kulissen der Teutezentrale« (fünf Kapitel) • »Kosmopolitane Menschenwelten« (fünf Artikel) • »Gegenwart der Geschichte« (ein Porträt) • »Kultur-Atelier« (vierzehn Novellen) • »Die Brücke an der Spree« (drei Kolumnen) • »Medien-Kultur-Schau« (sechsunddreißig Rezensionen) • Und neunzig Verswerke im Gesamtheft.

Rezensionen über:

Adrian Kasnitz: innere sicherheit. yedermann Verlag, München 2006 / Von Konstantin Ames

Frank Milautzcki (Hrsg.): Vom Rinnstein in die Nasenquetsche. Edition Bauwagen, 25524 Itzehoe / Von Stefan Heuer

Theo Breuer: Nacht im Kreuz. Gedichte aus dem Hinterland. Edition Silver Horse, Marklkofen 2006 / Von Frank Milautzcki

Gunnar Decker: Gottfried Benn. Genie und Barbar. Aufbau Verlag, Berlin 2006 / Von Michael Loeckle

Stefan Heuer: Favoritensterben. Gedichte. yedermann Verlag, München 2006 / Von Frank Milautzcki

Jan Off: Angsterhaltende Maßnahmen. Ventil Verlag / Von Stefan Heuer

Gedichte von 87 Autoren:

Manfred Pricha, Reinhard Bernhof, Wilhelm Riedel, Christian R. F. Schaller, Carmen Caputo, Erich Pfefferlen, Annemarie Jacobs, Friederike Weichselbaumer, Georg Walz, Rüdiger Heins, Ingo Cesaro, Christian C. Kruse, Armin Steigenberger, Dieter Steinlehner, Michael Mäde, Olaf Kurtz, Molla Demirel, Krikor Arakel Melikyan, Tobias Sommer, Bea Bezler, Karl-Heinz Schreiber, Sieglinde Hankele, Peter Schantz, Kurt May, Teja Bernardy, Norbert Büttner, Hadayatullah Hübsch, Stefan Heuer, Jaime Salas, Josefina Verde, Fritz Deppert, Dragica Schröder, Gertrud Auerswald, Lazar Dasic, Frank Milautzcki, Margot Born, Alfons Czeskleba, Ní Gudix, Elisabeth Rosing, Jürgen Theobaldy, Johannes Bettisch, Victoria Díaz Morales, Frank Wittmer, Anni Becker, Bert Papenfuß, Marlies Schmidl, ToussainT, Josef Wilms, Andreas Wolfgang Lenzmann, Stefan Bütt, Filiza Saridou, Ljiljana Lukic-Lili, Alfredo Pérez Alencart, Gottfried Weger, Angelika Pauly, Konstantin Ames, Michael Starcke, Gudrun Kropp, Holger Benkel, Jasmina Segrt, Antje Meinhold, Betti Fichtl, Danica Nain-Rudovic, Swantje Lichtenstein, Mircea M. Pop, Martin Kirchhoff, Artur Nickel, Karl Feldkamp, Heinz Jürgen Furian, Sara Ehsan, Spiridon Popescu, Hans-Christoph Neuert, Werner K. Bliß, Artur K. Führer, Preradovic Ranko, Stanislava Gavrilovic, Milutinovic Davorka, Stupar-Trifunovic Tanja, Barac Petrow Zorica, Kozic-Preradovic Stevka, Lalic Ljiljana, Verena Fydanidis, Bermel Vera, Stupar Tanja, Grabovac-Sabic Nisveta, Kostadinovski Savo, M. Kurtulus


7. Keine Süß-Vers-Stinkejauche

Ein Buch mit dem Format und dem Gewicht einer kleinen Schatzkiste, die nichts als Pohesie enthält - und damit zugleich das gesamte lyrische Schaffen Gellu Naums und das übersetzerische Hauptwerk Oskar Pastiors, der jahrzehntelang um die Vermittlung dieses rumänischen Dichters bemüht war, der doch nie einer sein wollte, jedenfalls nichts mit der althergebrachten "Stinkejauche süßer Verse" und "dem tristen Reimschleim" zu tun haben mochte. Eher schon war Naum darauf aus, seine "Stinke-/socken an den Ruhmestagen vor der Pforten der Rumänischen Akademie zu hissen", wie es in einem frühen Text heißt. Als Pastior 1968 Rumänien verließ, nahm er Naums gerade erschienene Sammlung Athanor mit in den Westen und begann, "den Details und den Mäandern seiner Rede Wort für Wort zu folgen", wie Pastior schreibt. Athanor war der erste Gedichtband, der Naum nach langem Publikationsverbot, nach Jahren des spärlichen Broterwerbs durch literarische Übersetzungen, gestattet worden war, und mit ihm begann sein später, langsamer Aufstieg zu einem Klassiker der Moderne. / Jan Wagner, FR 31.1.

Gellu Naum: Pohesie. Sämtliche Gedichte. Aus dem Rumänischen von Oskar Pastior und Ernest Wichner. Urs Engeler Editor, Basel 2006, 856 S., 44 Euro

Gellu Naum in L&Poe: 2001 Feb (Europäische Poesie 2001 / Lyriker Hugo Claus erhält Preis); Aug; Okt; 2002 Jan (Radio- und Fernsehtip); Mai (Linguistisch exilierter Surrealist); 2003 Okt (Buch des Monats – die Mandelstam-Biographie von Ralph Dutli); Dez (Lyrik aus Rumänien); 2005 Nov #8. Rumäniens Top 10; 2006 Mai #67. Oskar Pastior & Otto Nebel


6. Kaléko und Grass

Mascha Kaléko (Das lyrische Stenogrammheft), - 1956 wollte man ihr in Berlin das 1. Mal einen Preis verleihen. Im Preisrichterkreis saß ein SS-Mann. Sie lehnte den Preis ab. Sie hat nie wieder einen Preis bekommen. Dichterlos in Deutschland. Alle wollen sich mit dem Dichter schmücken, aber der Dichter hat nichts davon.

Jetzt erwartet uns also Lyrik von Günter Grass - "Dummer August", siehe L&Poe 2007 Jan 122

Mir fallen zwei Zitate ein

Die deutsche Bildung ist kein Inhalt, sondern ein Schmücke-dein-Heim, mit dem sich das Volk der Richter und Henker seine Leere ornamentiert. [Karl Kraus]

Alle Henker sind Brüder (Marina Zwetajena)

Lieber Dr. Gratz, wer denn wird unbefangen die Gedichte eines Nobelpreisträgers kritisieren können, ohne jenen Maulkorb vor den Lippen zu spüren, - "zu spät, mein Freund, an einem Literaturdenkmal mäkelt man nicht herum".

Hier zu Mascha Kaléko noch eine Quelle.

Mitte der fünfziger Jahre kommt sie nach Europa zurück und bekennt: "Als ich Europa wiedersah/ - Nach jahrelangem Sehnen,/ Als ich Europa wiedersah,/ Da kamen mir die Tränen." Und: "Wenn ich 'Heimweh' sage, sag ich 'Traum'./ Denn die alte Heimat gibt es kaum./ Wenn ich Heimat sage, mein ich viel:/ Was uns lange drückte im Exil./ Fremde sind wir nun im Heimatort./ Nur das 'Weh', es blieb./ Das 'Heim' ist fort." Im Heinejahr 1956 erwies sie ihrem geistigen Ziehvater, dem Ironiker und Emigranten Heinrich Heine, mit ihrem Gedicht "Deutschland, ein Kindermärchen" ihre Reverenz und blickte zurück auf ihr eigenes beschädigtes Dichterleben.

Doch dann beginnt in der Bundesrepublik eine regelrechte Kaléko-Renaissance. Alte Freunde erinnern sich ihrer. Lesereisen durch die Republik werden organisiert, ihre Gedichte neu aufgelegt. Die Kaléko findet schnell wieder Leser, nicht zuletzt durch ihre in Amerika entstandenen und 1945 zuerst veröffentlichten "Verse für Zeitgenossen". Auch "Das lyrische Stenogrammheft" erscheint bald wieder. Martin Heidegger schreibt ihr 1959: "Aber Ihr Stenogrammheft sagt, dass Sie alles wissen, was Sterblichen zu wissen gegeben." Mascha wird zu Rundfunk- und Presseinterviews eingeladen. Sie wird herumgereicht, hält Vorträge und liest ihre Gedichte. Die vollen Säle überall sind ein Beweis, dass sie in Deutschland nicht vergessen ist. Wo immer sie auftaucht, in Berlin, Stuttgart, Frankfurt, Kassel, Zürich, schlägt sie die Zuhörenden in ihren Bann. Auch öffentlich wollte man sie ehren - mit dem mit viertausend Mark dotierten Fontane-Preis. Da aber das Jury-Mitglied Hans Egon Holthusen vier Jahre SS-Mitglied gewesen war, lehnte sie ab. Es kommt zu einem Karriereknick. Einen Preis bietet man ihr nie wieder an.

Wilhelm Fink, Hamburg


5. Ein Riß

geht durch das Land. Wortmächtige Debatten zerreißen den (Lese-)Frieden. Die Frankfurter Rundschau kämpft gegen alle, die schon vor 40 Jahren eine falsche Meinung hatten (Millionen zittern vor Enttarnung, wie viele Schreiber und Leser des Blattes darunter?). Zwei ostdeutsche Schriftsteller sind die Wortführer, zwei Frankfurter Blätter und eins aus München die Kampfplätze. (Die innere Einheit blüht). Der Schriftsteller Gert Loschütz, geboren 1946 in Genthin, prangert die Gedichte des Schriftstellers Volker Braun (geboren 1939 in Rochlitz bei Dresden) an. (Die Lyrik gedeiht). Was bisher geschah: Am 25.1. veröffentlicht die FR die Attacke des Genthiners. Der Sachse antwortet mit einem kurzen Statement am 27.1. (FR). Am 29. sprang die FAZ und am 30. die Süddeutsche dem Sachsen bei. Am 31. der Gegenschlag (wieder FR). Gert Loschütz erklärt den Lesern, wie man antithetische Äußerungen (auf die sich Braun herausgeredet hatte) richtig liest: Nur das zuletzt gemachte Statement zählt. ("In der Praxis wird immer das zuletzt genannte Argument als das gültige in Erinnerung bleiben.") Damit sich die Leser selbst ein Bild machen können, druckt das Blatt das Gedicht, von dem inzwischen gesichert ist, daß es 1966 zuerst veröffentlicht wurde und nicht 1979, wie Loschütz anfangs meinte. An der Fehlinformation ist der Suhrkamp Verlag Schuld, was wir schon ahnten. L&Poe berichtet.

Vgl. L&Poe 2007 Jan #109, # 113 sowie Feb (hier) #1


4. Günter Eich 100

Bei der Berliner Literaturkritik schreibt Heidrun Sieg zum 100. Geburtstag von Günter Eich

Auf der Homepage des Suhrkamp Verlages finden sich zahlreiche Veranstaltungshinweise (Marbach, Leipzig, München, Hamburg), Informationen und Hörproben zu Eichs Jubiläum.

Eich bei der ARD:

Eich 100 [mehr]

Alle Sendungen zum Günter-Eich-Schwerpunkt im Überblick

Eich-Retrospektive

Vom 24. Januar bis zum 1. Februar sendet der WDR einen Programmschwerpunkt zu Günter Eich.

Links in der ARD

Online-Special: Günter Eich [radiobremen] Eine Biografie mit Audios und Galerie

Dramaturgie der Funkstille [swr2] Eine Günter-Eich-Retrospektive

"Ich bin gar nicht gegen die Realität, im Gegenteil..." [hr2] ARD-Radioabend: Günter Eich 100

 

Bücher

EICH, GÜNTER: Gesammelte Werke in vier Bänden. Revidierte Ausgabe. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991. 2600 S., 209,80 EU

EICH, GÜNTER: Gedichte. Ausgewählt von Ilse Aichinger. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1973. 145 S., 12,80 EU

Günter Eich: Sämtliche Gedichte. Suhrkamp. 652 Seiten, 18,80 EU


3. SWR-Bestenliste Februar

Platz 4.-5. (-) 44 Punkte

JÜRGEN THEOBALDY: 24 Stunden offen
Gedichte.
Verlag Peter Engstler

mittelschwere Lektüre

Deine Sätze/Der erste Blick/ist der tiefste./Das erste Wort/ist das falsche./Das letzte Wort/ist wieder falsch./Der letzte Blick/ist der längste.


2. Best poetry books of 2006

The National Book Critics Circle has just announced the five finalists for their award citing the best book of poetry published in 2006, along with an entertaining and quite detailed account by Rebecca Miller, an NBCC Board member, of how the award winners are chosen: “It can be feisty. It’s likely to be fascinating. It’s a lot of work. It’s all about committees....” Most of this year’s finalists are outsider poets, not ladder-climbers in the publishing mainstream -- a welcome anomaly in the world of poetry awards. We’ve compiled a list of the finalists with brief descriptions and shopping links for our readers who wish to read all five and choose their own favorite, or who are simply looking to discover a new poet recommended by U.S. book reviewers. / About Poetry 22.1.


 

1. Noch einmal Braun - Loschütz

Man muß Loschütz danken, weil er unfreiwillig (denn diese bewußte Provokationslust eines Teils der DDR-Literatur kann man hier wohl ausschließen) ein Problem verdeutlicht und obendrein eine bedeutungsschwere Information herbeigerufen hat. Die Information ist Brauns Mitteilung über den ursprünglichen Schluß: "Ich, euer Gewissen, sage: Schießt nicht." Ich übertreibe nur ein bißchen, vielleicht muß man Literaturgeschichten umschreiben. Der junge Dichter, ebenso umstritten wie gerühmt und schon vertraut mit diversen Listen im Umgang mit Zensur, ist bereit, ein solches Gedicht zu veröffentlichen; in dem der DDR-Obrigkeit bis zuletzt unliebsame Namen (Mauer), Wertungen (Schandmauer) und Sachverhalte (Schießbefehl) unverblümt ausgesprochen werden. Ohne den Schluß war es für die DDR-Oberen schlimm genug. Mit ihm wäre die Grenze überschritten worden. Da hatte Enzensberger auf seine Art recht: Das wäre nicht tolerierbar für die Wächter der reinen Lehre. Ohne diesen Schluß konnte man es nach ein paar Jahren stillschweigend in den ursprünglichen Kontext einrücken und sich darauf verlassen, daß die Germanistik durch Verschweigen und kasuistisches Zerreden ihr Scherflein dazutun würde, was sie stets prompt tat. Mit einem solchen Schluß, der die Grenzsoldaten zur Befehlsverweigerung aufruft, hätten sie Braun ausbürgern können. Ist das nicht schlimmer, aus dieser Sicht, als die Verspottung in Biermanns Villonlied? Vielleicht (ich hoffe es) tut es Enzensberger heute leid. Sein Zensureingriff hat Braun geschützt, aber, wer weiß, eine frühzeitige Radikalisierung gebremst. Heraus kam eine Radikalisierung in kleinen Schritten. Immer in der Gefahr, vereinnahmt zu werden. (Wir erinnern uns, was Biermann zum Thema sagt. Er müsse der Obrigkeit dankbar sein. Durch ihre Dummheit mußte er quasi unfreiwillig radikal werden.)

Das Problem hinter diesem Angriff: Anderthalb Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer sind die inneren Mauern höher denn je. Ressentiiment herrscht. Hier und dort finden sich die Westdeutschen in den Verwaltungs- und Universitätsstädten des Ostens in einer Art Diaspora wieder. Finden sich, glauben sich zu finden. Ich weiß, wovon ich spreche. Und das Ressentiment ist keine Einbahnstraße, sondern, um im Bild zu bleiben, eine Autobahn ohne Abfahrten und Kreuze. Keine Gefahr sich zu treffen. Kein Weg nirgends. Es war leibhaft zu beobachten bei einer Lesung Brauns in Greifswald vor ein paar Monaten. Publikumsspaltung, aber wie anders! State of the arts, state of the nation.

Der Text von Loschütz auch zum Lesen und Hören beim DLR / Brauns Antwort FR 27.1.


In diesem Monat über

(zur Nachricht bitte nach der angegebenen Nummer blättern - Sachregister unten)


Ames, Konstantin: 10
Anders, Richard: 15
Auden, W.H.: 22
Biermann, Wolf: 1 14
Braun, Volker: 1 5 13
Czernin, Franz Josef: 18
Döhl, Reinhard: 25
Domin, Hilde: 29 35
Eich, Günter: 4 20 25
Enzensberger, Hans Magnus: 1
Fink, Wilhelm: 6
Gerhardt, Rainer M.: 36
Grass, Günter: 6
Gundolf, Friedrich: 31
Harter, Sonja: 39
Heine: 23
Heym, Georg: 15
Hofmannsthal, Hugo von: 31
Jandl, Ernst: 9 13
Kaléko, Mascha: 6
Kooser, Ted: 11
Kraus, Karl: 6 30
Kuhligk, Björn: 32
Kunst, Thomas: 37
lafleur, stan: 40
Lasker-Schüler, Else: 12
Loschütz, Gert: 1 5 13
Mayer, Lisa: 18
Mayröcker, Friederike: 39
Meier, Dieter: 34
Mohand, Si: 26
Nagra, Daljit: 28
Naum, Gellu: 7
Pastior, Oskar: 7
Pound, Ezra: 36
Salter, Mary Jo: 11
Speier, Michael: 33
Theobaldy, Jürgen: 3
Treichel, Hans Ulrich: 16
Tucholsky, Kurt: 32
Wagner, Jan: 7
Weinheber, Joseph: 22

 

Algerien: 26
American Life in Poetry: 11
Berber: 26
Bergbau: 24
Berlin: 21 27 36
Böhmen: 19
Contemporary Poetry Review: 38
Die Brücke: 8
Essen: 16
Eßlingen: 35
floppy myriapoda: 27
Fußball: 40
Gegner: 27
Geistige Gummibärchen: 23
Georg-Trakl-Preis: 18
Hamburg: 32
Künstler: 21
Literaturinstitut: 16
lyrikline.org: 15
Marbach: 29
München: 33
Salzburg: 18
SWR-Bestenliste: 3
Wien: 15

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