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133. Gräber Arno Widmann räumt ein Buch über Dichtergräber vom Nachttisch - mit Links zu den Gräbern von Brecht, Benn, Celan, Borges, Wallace Stevens, Cesar Vallejo, Brodsky oder Mörike. Cees Nooteboom: "Tumbas". Gräber von Dichtern und Denkern. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Mit Fotografien von Simone Sassen, Schirmer/Mosel 2006. 244 Seiten, 135 Tafeln, davon 19 in Farbe, 39,80 Euro. ISBN 3829602669 132. Lyrikmail Nr. 1425 29.11.2006 Kurt Bauchwitz
Abwarten
Setze dich tausend Jahre
Von deinem in liebender Nähe,
© Weidle Verlag
aus: Kurt Bauchwitz: Heim-Findungen
* der Autor: wurde 1890 in Halle (Saale) als Sohn jüdischer Eltern geboren. Er studierte Jura in Halle, München, Grenoble und Berlin und arbeitete als Anwalt in Berlin, bevor er Deutschland verließ. In Amerika setzte er sich unter anderem dafür ein, Entschädigungen für während der Nazizeit beschlagnahmte Besitztümer zu erwirken, und war außerdem Vertreter der Erbengemeinschaft der Familie Mann. Bauchwitz starb 1974 in Milton, Massachusetts. In Deutschland erschien 1920 der Gedichtband "Der Lebendige", seine einzige Publikation zu Lebzeiten. / Gregor Koall, Lyrikmail (Danke für die Entdeckung!) Vgl. Paul Celan: Corona (Schluß): Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
Es ist Zeit.
(Hier eine amerikanische Version des Celanschen Steins von Laurie Glover) 131. Tadeusz Rózewicz in Berlin Mittwoch, 29. November 2006, 20.00 Uhr / Kaminraum im Literaturhaus Berlin Fasanenstr. 23 Tadeusz Rózewicz: Credo - neue Gedichte Tadeusz Rózewicz liest aus seinen neuen Gedichten. Zusammen mit dem Teatr Studio am Salzufer, das am Samstag, den 2. Dezember 2006 Tadeusz Rózewicz' Stück »Eine alte Frau brütet« spielt. Rózewicz in L&Poe: 2001 Mai; Sep; Okt; 2002 Sep (Polnisch-litauische Heimat); 2003 Mai (Soeben erschienen); 2004 Sep #54. Tadeusz Rózewicz; Okt #41. Schlesien als Mittelpunkt; 2005 Apr #25. Poesie und Leben; Okt #12. Nominierung; 2006 Mrz #58. 25 Jahre nach dem Tod; Sep #44. Drei große alte Damen und ein großer alter Herr 130. SWR-Bestenliste Dezember Der Gedichtband "Klare Konturen" von Nico Bleutge steht auf Platz 6 der SWR-Bestenliste für Dezember 2006. - Persönliche Empfehlung für Dezember von Iris Radisch (Hamburg): EMILY DICKINSON: Gedichte 129. Stimme Papua-Neuguineas Kumalau Tawali, Dichter aus Papua-Neuguinea, starb in seinem Haus in Madang im Alter von 59 Jahren. Als einer der ersten Papua-Neuguineaner habe er ausgedrückt, was sein Volk wirklich fühlt: Was uns das Wetter bedeutet, die Umwelt, die Topographie um uns herum, die Flüsse, in denen wir schwimmen und das Meer, das uns Nahrung und Freude spendet. Wie wir uns als Bewohner unseres Landes sehen. ... Sein Werk wird an Schulen und Universitäten studiert, darunter das berühmte Buch "Der Buschkanake spricht", einer der wichtigsten Kommentare seines Landes in seinem Kampf für Unabhängigkeit von Australien.. Seine Werke sind in viele Sprachen übersetzt... / Russell Soaba, The National 28.11. 128. Wahrheit schräg Wenn Emily Dickinson heute als eine der wichtigsten poetischen Stimmen der amerikanischen Literatur gilt, so freilich nicht dieser geläufigen Topoi wegen, sondern weil sie in ihrer Einsamkeit zu einer poetischen und geistigen Kühnheit fand, die Glaube mit Vernunft mischte. In einem Brief an einen Freund heisst es: «Alle sind religiös – ausser mir – und beten jeden Morgen zu einer Eklipse – die sie ,Vater‘ nennen.» Das mit feiner Ironie gespickte Bekenntnis widerspiegelt eine Gefasstheit, die mutig das Leben ohne göttlichen Trost aushalten will. «Hoffnung – seltsame Erfindung / Vom Herzen patentiert –». Gunhild Kübler legt die bisher umfangreichste Auswahl aus Dickinsons Schaffen, insgesamt 600 Gedichte, in ihrer eigenen Übertragung vor. Wie sie im Nachwort andeutet, handelt es sich dabei um ein lange gereiftes Werk des Herzens, was sich in einer atmosphärisch stimmigen Umsetzung ins Deutsche ausdrückt. Indem sich im Buch Original und Übertragung gegenüber stehen, werden die Schwierigkeiten erkennbar, die diese metaphorisch und rhythmisch reiche Poesie der Übersetzerin bereiten musste. Gunhild Kübler überwindet sie mit Bravour, getreu der Zeile: «Sag die Wahrheit ganz, doch sag sie schräg.» / Beat Mazenauer, Der Bund 27.11. 127. Dirnenlieder "Vom Rinnstein in die Nasenquetsche – Dirnenlieder und andere Gedichte von der Liebe", so die vollständige Bezeichnung inklusive Untertitel, versammelt 24 Gedichte von insgesamt 13 Autorinnen und Autoren, in denen die unterschiedlichsten Facetten der körperlichen Lust & Liebe ausgeleuchtet werden. Während in einigen der Texte die amouröse Verschwiemelung dominiert, geht es in anderen deutlicher, ja deftiger zur Sache, bringen sie doch Geld und Gewalt ins Spiel und verschweigen nichts von der triebgesteuerten Befriedigung körperlicher Lüste. Wortspielerisch geht es beim "Liebeslied" von Hanns von Gumppenberg zu, der sich in zwei Strophen durch Wortpaare reimt, die ihn mit seiner Liebsten verbinden (... / Ich bin der Zapfen, du der Spund, / Die Hündin du und ich der Hund. / ...). Frank Wedekind, der hier nicht mit seiner "Lulu", sondern mit seinem Gedicht über "Ilse" brilliert. Seite für Seite geht es weiter, Schlag auf Schlag: Gedichte und Lieder über die Vorzüge freizügiger Berufe, über ungewollte Schwangerschaften und ihre Folgen, über Geschlechtskrankheiten und sexuelle Neigungen und Desorientierung. Jeder Text ein zärtlicher Schlag der Züchtigung in das Gesicht spießiger Mitmenschen, die beim Gedanken an Sex schamvoll erröten und das Gespräch stotternd auf Fußball lenken, obwohl sie davon genauso wenig Ahnung haben. Dass diese Zusammenstellung bis zur letzten Seite anregend und kurzweilig bleibt und zu keiner Zeit aufdringlich ist, liegt an mehreren Dingen. Da ist zunächst die sorgfältige Auswahl der Autorinnen und Autoren und ihrer Texte, die an ein gutes Mix-Tape erinnert: die Kombination von wohlbekannten Hits und interessantem Neuland. Bekannte Autoren wie Wilhelm Busch (der vielen fast ausschließlich durch seine illustrierten Geschichten um Max und Moritz oder die Fromme Helene bekannt sein dürfte), Erich Mühsam oder der bereits erwähnte Frank Wedekind wechseln sich in angenehmer Reihenfolge mit Schriftstellern ab, deren Namen nur wenigen ein Begriff sein dürfte (z.B. Johann Joachim Ewald, Hermann Iseke oder die in den 1920er/30er-Jahren aktive Frauenrechtlerin Frida Spandow). Ein Hit für die Erinnerung, was Neues fürs Hirn (und die Anregung, sich mit dem einen oder anderen Autoren beizeiten ausführlicher zu beschäftigen, was durch die im Anhang befindlichen Biographien erleichtert wird). Gleichrangig neben den Texten, viel mehr als pure Illustration oder künstlerisches Nebenbei: die mehrfarbigen Linolschnitte von Karl-Friedrich Hacker, der wirklich jedem ein Begriff sein sollte/dürfte, der sich (nicht nur) in diesem Land mit feiner Druckgraphik, Künstlerbüchern oder mail-art-Projekten beschäftigt. Klar im Strich, gönnen die fünf im Buch enthaltenen Originale einen voyeuristischen, nicht ganz jugendfreien Blick auf die Weiblichkeit. Abgerundet wird "Vom Rinnstein in die Nasenquetsche" durch einen Einband aus bordeauxroter Elefantenhaut, blättrig-geäderte Schmutztitel sowie Fadenheftung in Handarbeit. Ein Objekt (der Begierde) für Sammler bibliophiler Bücher, auf 27 Exemplare limitiert und von Karl-Friedrich Hacker und Herausgeber Frank Milautzcki signiert. (stefan heuer) Frank Milautzcki (Hrsg.): "Vom Rinnstein in die Nasenquetsche", 126. Zonic-Spezial on tour 1. "Spannung.Leistung.Widerstand. Magnetbanduntergrund DDR 1979-1990" on tour (na ja, fast ...): 30.11.2006 Im Rahmen der Salonreihe "Kunst & Politik" sprechen die Herausgeber Alexander Pehlemann & Ronald Galenza über das Buch und präsentieren Ton- und Bildbeispiele. Außerdem: Heidimaschine live (feat. Ex-Members of Schleim-Keim) 16.12.200621.00 Uhr Die Pommersche Literaturgesellschaft/pom-lit.de stellt das Zonic-Spezial vor. Im Gespräch mit Herausgeber Alexander Pehlemann: Claus Löser (Berlin), ausgewiesener Experte für Underground-Film der DDR und in den Achtzigern selbst Aktivposten im Karl-Marx-Stadt mit der Band Die Gehirne. Claus Löser wird zudem einige Perlen des subversiven Filmschaffens der DDR präsentieren. 2. Die Underwater Agents waren in Bytom als Gäste des in die dortige Galeria Kronika erweiterten Unsound-Festivals. Ein Ausschnitt aus der deutsch-polnischen Live-Performance "Ich wollte Ich sein, für mich allein" vom 14.11.2006 ist unter der Rubrik works bei www.radiosimulator.org zu hören. 125. "und"-Dichter Gedichte enden oft versöhnlich, aber sie entstehen und leben im Bewußtsein von Gegensätzen - sie sind "transrealmic**", um Galway Kinnells Wort zu benutzen. Kinnell ist mehr ein "und"- als ein "oder"-Dichter; die Gegensätze bleiben so stehen, aber werden auch zueinandergestellt, und kein Zustand (Staat?) ist seinem Gegenteil überlegen. / David Kirby, NYT 26.11., über STRONG IS YOUR HOLD David Kirbys Sammlung “The House on Boulevard St.: New and Selected Poems” erscheint 2007. ** wohl von "realm" = Reich, Sphäre, "jenseits der Reiche und Sphären" "und"-Dichter: vgl. auch Günter Eich: UND
Nebel Nebel Nebel
Was zusammengehört,
Das wird anhalten
(1971) Kinnell in L&Poe: 2006 Sep #47. 9/11 anthology; Sep #114. Die Threepenny Review; Okt #118. Das Magazin The New Yorker 124. Aufruf war Gedicht Ein betrunkener Dichter, der verhaftet wurde, weil er laut "Brennt die Moscheen ab" rief, wurde freigelassen, weil der Richter seine Aussage akzeptierte, er habe gedichtet. Stewart Emmott, 56, gab zu, religiöse Gefühle verletzende Äußerungen gemacht zu haben. Er habe gerade ein Gedicht komponiert und des dramatischen Effekts wegen laut gesprochen. Das Gedicht ende versöhnlich, sagte sein Anwalt. Emmott sagte hinterher, er habe seinen literarischen Ruf zu verteidigen. Die Worte seien aus dem Kontext gerissen worden. / Nigel Bunyan, Telegraph 26.11.* 123. Rätsel in der Abgründe-Serie der NZZ am 26.11.: Wer war der Schauspieler, von dem man sagte, er könne Verse von Shakespeare so natürlich sprechen, als ob er sie gerade denke? 122. Euregio Bodensee Die Internationale Bodenseekonferenz hat acht Autorinnen und Autoren mit einem Förderbeitrag bedacht. Die Feier fand, Robert Walser zu Ehren, in Herisau statt. ... Was man aber vergeblich erwartete, waren Einschätzungen dieses Poesie-Jahrgangs durch die aus allen IBK-Ländern hochkarätig zusammengesetzte Jury. Sie mochte sich zu ihrer Auswahl und zu den Kriterien nicht äussern. Dabei war es das erste Mal, dass die jährlich in wechselnden Sparten vergebenen Fördergaben ausschliesslich der Lyrik gewidmet waren. Aus Ostschweizer Sicht erfreulich: Mit Wang, Keller und Vamvas erhielten gleich drei Bewerber einen Preis. Aus Quotensicht erfreulich: Fünf von acht Ausgezeichneten sind Frauen. Und erfreulich ist auch die Gesamtbilanz dieser Euregio-Kulturförderung: Jahr für Jahr rund acht Preise im Betrag von je 10 000 Franken – damit ist in den fünfzehn Jahren, in denen die IBK dies tut, zirka eine Million Franken an junge Kunstschaffende vergeben worden. / Peter Surber, Tagblatt 26.11.* Vgl. L&Poe 2006 Okt #127. Lyrikförderung am Bodensee 121. Preisverleihung Aufgewachsen ist er als Westkind, wie er in einem seiner Gedichte schreibt, in Kiel und Neuss. Ein Studium der Literaturwissenschaft hat er mit einer Arbeit über Friederike Mayröcker abgeschlossen. Die Texte von Friederike Mayröcker haben auch seine Gedichte geprägt, die der experimentellen Lyrik zugezählt wurden. Die Wende kam für ihn mit der Wende, sagt Marcel Beyer. ... Dass bei all dem auch Platz ist für das Oszillierende, für die Lücken und das Ungewisse, das - betont Marcel Beyer - ist ihm wichtig und das trennt ihn auch vom Namensgeber der neu errungenen Auszeichnung, von Erich Fried. Alleiniger Juror war der Autor und Verleger Michael Krüger. Er schreibt in seiner Preisbegründung: "Historisches und zeitgeschichtliches Material kommt in Beyers hochkomplexen Texten zur Sprache und wird zugleich untersucht". Am Sonntag wird Marcel Beyer mit dem Erich Fried-Preis ausgezeichnet. Um 11.00 im Wiener Literaturhaus. / ORF Ö1 Morgenjournal 25.1. - Kristina Pfoser (In der Audiodatei kommt auch Beyer zu Wort, auch über Fried) Bericht: Wiener Zeitung 26.11.: Krüger, der auch an die drei unlängst verstorbenen Dichter Thomas Kling, Robert Gernhardt und Oskar Pastior erinnerte, meinte, Preise für Dichter seien daher nicht nur wegen des Umstands wichtig, dass "das Honorar für Gedichtbücher selten mehr als zwei Monatsmieten deckt". Preise bedeuteten auch Anerkennung: "Wenigstens Preise sollen Dichter erhalten, damit sie laut gepriesen werden können." 120. Tradition des Kommentars Helen Vendler ist die große amerikanische Instanz, wenn es um Poesie geht. Sie liebt Wagner, verabscheut Politik und sagt: James Joyce konnte nicht dichten. Gregor Dotzauer sprach mit ihr für den Tagesspiegel vom 26.11.: Mrs. Vendler, wie viele Zeilen eines Gedichts müssen Sie lesen, um zu entscheiden, ob es gut ist oder schlecht? Manchmal nur eine einzige. Wie hätte ich Allen Ginsbergs "Howl“ in den 50er Jahren lesen können, ohne sofort zu sehen, dass da etwas ganz Ungewöhnliches ist: "Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, verhungernd hysterisch nackt“. Wow, dachte ich, das ist es! Genauso ging es mir bei Robert Lowell und "Where the rainbow ends“: "Schwarz und weiß, nicht blau, sah ich den Himmel niedersinken / auf Boston wo die Winter Totenschädel trugen / zu Kürbislaternen auf den Schieferdächern.“ Ihr Herz schlägt für die englischsprachige Dichtung – und die rätselhafte Bildwelt eines bei uns wenig bekannten Amerikaners aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Wallace Stevens. Er mag nicht der größte Dichter englischer Sprache sein, aber seiner poetischen Geräumigkeit und Opulenz fühle ich mich am meisten verwandt. Lange bevor ich seine Gedichte verstand, hörte ich ihn, wie er sie auf Schallplatte las, und ich dachte: Oh, das geht mich etwas an. "In jedem Werk eines Genies“, sagt Ralph Waldo Emerson, "erkennen wir unsere eigenen abgelehnten Gedanken wieder. Sie kommen mit einer gewissen befremdlichen Erhabenheit zu uns zurück.“ [I.A.] Richards gehört zu den Vätern des New Criticism, einer literaturwissenschaftlichen Schule, die dazu neigt, historische und soziale Randbedingungen auszublenden. Darf ich Sie korrigieren? Ich komme aus einer Tradition des Kommentars, die so alt ist wie die Klassiker selbst. Jemand äußert sich zu dem, was ein anderer gesagt hat. Jede mittelalterliche Bibliothek ist voll mit Kommentaren. Dichtung zu kommentieren, ist so alt wie die Schriftkultur. Helen Vendler in L&Poe: 2001 Mrz (Deliberate Prose, the long-awaited collection of Ginsberg's essays and criticism); 2002 Nov (In einem Brief); Dez (Poets reading); 2003 Dez (Vier Bedingungen); 2005 Okt #70. Unsichtbare Zuhörer; 2006 Apr #4. Verrat an Elizabeth Bishop? 119. Eine neue Pest breitet sich im Internet aus: Werbung mit Ton. Ungefragt überfällt einen die aggressive Stimme aus der Fernsehwerbung jetzt im Computer. Man wird sich überlegen müssen, ob man auf solche Seiten noch verlinken kann. Hier ein - noch relativ verhaltenes - Beispiel aus der Berliner Morgenpost: Glockengeläute. - Ein Gedicht von Peter Hacks: Recht auf Gleichbehandlung Die Glocke stört, es stört der Muezzin. 118. Gerhard-Wolf-Archiv Die Akademie der Künste zeigt ab Sonntag Auszüge aus dem Archiv des Verlegers und Publizisten Gerhard Wolf. Unter dem Motto "In zügelloser Sprache" sind Manuskripte zu verschiedenen Editionen, Vorlesungen und Beiträgen sowie eine wertvolle Sammlung bibliophiler Künstlerbücher zu sehen, wie die Akademie gestern mitteilte. Das 2004 erworbene Archiv enthält auch Veröffentlichungen "aus der subkulturellen Bewegung der achtziger Jahre in der DDR". Die Kabinettsausstellung wird um Film- und Tonbeispiele ergänzt. Der 1928 geborene Gerhard Wolf lebt zusammen mit seiner Frau, der Schriftstellerin Christa Wolf, in Berlin. Seit 1957 war er freiberuflich in der DDR als Literaturkritiker, Herausgeber, Publizist und Schriftsteller tätig. Die Ausstellung ist bis zum 21. Januar zu sehen. EPD / Die Welt 25.11. 117. American Poems Gedicht des Tages am 25.11. bei americanpoems.com: David Wagoner - Wallace Stevens On His Way To Work. Hier zwei Sätze daraus: ooooooooooooooooooooooooooooooooHe would remove David Wagoner in L&Poe: 2005 Jun #35. American Life in Poetry: Column 011 Wallace Stevens: 2001 Mrz (Der amerikanische Lyriker Archie Randolph Ammons); 2002 Jan (Der Lyriker Charis Vlavianos; Okt (Poetry-Magazin); 2004 Feb #81. Frederick Morgan; Nov #6. Über Originalität / #20. Donald Justice: American and Southern; 2005 Mrz #14. Eva Hesse 80; Jun #23. British Modernism in America / #29. Lowells Stern; Jun #99. Dilemma der Postmodernisten; Sep #26. Schönes Chaos / #37. Geld oder Dichtung / #42. Ding-Worte; Sep #110. Mark Strand in Berlin / #118. Gedichte über Etwas; Okt #73. Dynamische Gestaltung; Dez #39. Beeinflußbar; 2006 Jan #14. Sechs modernistische Augenblicke; Feb #16. «Ein Gedicht bahnt sich an»; Jul #8. Schlicht und geheimnisvoll; Jul #61. Amerikanischer Einfluß; Okt #69. Jemand setzt eine Ananas zusammen; Okt #116. "Wohin geht das Gedicht" 116. Salamun und Hafner für Münsteraner Preis vorgeschlagen Die Jury der Stadt Münster, die für die Nominierung der Kandidaten für den Preis für Europäische Poesie zuständig ist, befindet: "Tomaz Salamun und sein Übersetzer Fabjan Hafner erhalten für die Bände "Ballade für Metka Krasovec" und "Lesen": Lieben den mit 15.500 Euro dotierten Preis. Fix ist die Sache natürlich erst, wenn der Rat der Stadt darüber im Dezember entscheidet. Verliehen wird die Auszeichnung dann im Rahmen des Lyrikertreffens im Mai 2007 in Münster. / Neue Kärntner Tageszeitung 24.11. 115. Zum Auftakt unternimmt der in Barcelona geborene Münchner Dichter und Literaturwissenschaftler [Axel Sanjosé] heute im Lyrik-Kabinett (20 Uhr, Amalienstraße 83a) einen Streifzug durch die katalanische Avantgarde seit 1918. Mirã, Dalí, Picasso, Tàpies und der Lyriker Joan Brossa - sie alle experimentierten mit radikalen neuen Kunst- und Lebensformen. "Poeten sollten sich ruhig mal die Hände schmutzig machen, dann haben sie einen guten Grund, sich hinterher zu reinigen, zu befreien", sagte Brossa. / SZ München 23.11. Vgl. #107 114. Lyriker Daniil Charms Der russische Dichter Daniil Charms (eigentlich Juwatschow, 1906–1942), der zu Lebzeiten – aus literaturpolitischen Gründen – nur für ein paar Kinderbücher Druckerlaubnis erhielt, ist erst Jahrzehnte nach seinem Hungertod in einem Leningrader Gefängnis einer breiteren Leserschaft bekannt geworden. Durch diverse Werkeditionen und zahlreiche Übersetzungen ist er heute als ein Klassiker der europäischen Moderne ausgewiesen, und mehr als dies – er gehört inzwischen zu den populärsten Autoren der frühsowjetischen Avantgarde überhaupt. ... Daniil Charms gelingt es, den Determinismus der kommunistischen Staatsideologie durch die «cisfinite Logik» seiner Phantasie zu relativieren und das dialektische Entweder-oder im Sowohl-als-auch poetischer Möglichkeitsformen aufzulösen: «Jetzt ist hier, und jetzt dort, und jetzt hier, und jetzt hier und dort. / Dieses werde jenes. / Hier werde dort. / Dieses, jenes, hier, dort, werde, Ich, Wir, Gott.» – Von der «Macht» zur Rede gestellt, antwortet der «Erdensohn» kurz und bündig: «Awla dindurí pre pre kru kru.» Und das will etwas heissen in einer totalitären Welt, die einem auf Eindeutigkeit getrimmten Herrschaftsdiskurs unterworfen ist. / Felix Philipp Ingold, NZZ 16.11. Daniil Charms: Die Wanne des Archimedes. Gedichte. Aus dem Russischen übersetzt und herausgegeben von Peter Urban. Edition Korrespondenzen, Wien 2006. 224 S., Fr. 37.70. In L&Poe: 2002 Okt (Warme Semmeln); 2005 Mrz #64. Große «Miniaturwelten» 113. Aufklärer Ist's auch nicht Lyrik (hat es doch Bedeutung). Lesefrucht, Die Welt 23.11.: "Er war ein Aufklärer." So überschreibt der Verlag "Neues Berlin" die Todesanzeige für seinen Autor Markus Wolf. Da ist durchaus was dran - leitete doch der am 9. November Verstorbene immerhin 34 Jahre lang die "Hauptverwaltung Aufklärung" des Ministeriums für Staatssicherheit. 112. Preise in Kanada Die Gewinner des kanadischen Governor General's Award ("prix GG") wurden am Dienstag in Toronto und Montreal bekanntgegeben. Der englische Preis für Lyrik geht an John Pass aus Madeira Park, B.C., für "Stumbling in the Bloom", der französische an Hélène Dorion aus Saint-Hippolyte, Que., für "Ravir: les lieux". Jeder Gewinner erhält $15,000, ihre Verleger zusätzlich $3,000, um das Buch zu bewerben. Die anderen Finalisten bekommen je $1,000. Die Preise werden am 13.12. durch Gov. Gen. Michaëlle Jean übergeben. / CBC 23.11. Vgl. L&Poe (hier) #99 10 Gedichte von Hélène Dorion können Sie schon mal bei lyrikline.org anhören (französisch und deutsch). Respekt! Im fabelhaften Verlag Im Wald erschienen:
Hélène Dorion: Die Höhle der Geschichte Hélène Dorion: Staubkörner Stege 111. Nicht Goethes Gedichte wie Agenturen melden (vgl. hier) stellt die Klassik Stiftung Weimar online zur Verfügung, sondern ein Gesamtinventar der Goethe-Gedichte. Das ist nicht wenig. Geliefert werden leicht recherchierbar Titel und Informationen über alle handschriftlich überlieferten Fassungen sämtlicher Gedichte: Zu etwa 2830 der ca. 3500 Gedichte, die in den Bänden 1 bis 6 der ersten Abteilung der "Weimarer Ausgabe" gedruckt sind, findet sich im Goethe- und Schiller-Archiv Weimar eine Textüberlieferung in Form von Schemata, Konzepten, Reinschriften, Abschriften und Korrekturdrucken oder Vorarbeiten vielfältiger Art, und zwar nicht nur im Goethe-Nachlaß selbst, sondern auch in Nachlässen anderer Personen des klassischen Weimar, die in verschiedener Weise in Beziehung zu Goethe standen. Darunter zählen beispielsweise der Nachlaß von Goethes Sekretär Friedrich Wilhelm Riemer oder der seines Amtskollegen, des Kanzlers Friedrich von Müller. Dank eines durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft von 2003 bis 2005 geförderten Projektes konnten auch die außerhalb Weimars überlieferten Handschriften, wie etwa die größeren Sammlungen im Freien Deutschen Hochstift Frankfurt am Main oder im Goethemuseum Düsseldorf, aber auch vereinzelte Textzeugen in zahlreichen anderen Archiven, Museen und Bibliotheken sowie in Privatbesitz erfaßt und in die Datenbank integriert werden, so daß hier das in der Überlieferungsgeschichte Zerstreute gewissermaßen eine "virtuelle Wiedervereinigung" erfahren hat. Beispiel: Zu dem Gedicht "Arm und kleiderlos" gibt es zwei eigenhändige Konzepte, zwei Abschriften und einen Druck. Eigenhändig ist ein Eintrag im Notizbuch von der schlesischen Reise im Jahre 1790, Standort: Leipzig, Universitätsbibliothek, das in der Handschrift mit "Das ich ein armes" beginnt, sowie die Endfassung als 98. der "Venezianischen Epigramme", Standort Weimar. Jetzt können Sie nach Leipzig und Weimar fahren oder in der Weimarer oder Sophienausgabe nachschlagen, I 1, 329,4 Vers: 433-434. Wer's nicht so genau wissen will, findet den Text gewiß bei Johann Wolfgang von Goethe @ www.Wissen-im-Netz.info (hier), er lautet 98. Arm und kleiderlos war, als ich sie geworben, das Mädchen;
110. Buchpremiere: "Verschwiegene Gedichte" Am 25.11.2006 findet um 19.00 Uhr eine Buchpremiere mit dem Titel "Verschwiegene Gedichte“ mit der Schriftstellerin Sabine Lange statt, zu der wir herzlich einladen. Ihr neues Buch ist soeben in der Edition Rugerup des schwedischen Nimrod Verlages erschienen. Die Verlegerin Frau Margitt Lehbert wird bei der Buchpremiere ebenfalls anwesend sein. Es gab Gedichte in der DDR, die es nicht geben durfte. Sie wurden nicht gedruckt, nicht gelesen, nicht vorgetragen: offiziell wurden sie nicht einmal geschrieben. Sabine Lange sammelte über viele Jahre diese nicht vorzeigbaren Gedichte. . Über ihr historisches Interesse hinaus sind diese Texte auch heute als Gedichte mehr als wert, gelesen und gehört zu werden. 19:00 Uhr Kunsthalle Wittenhagen (Meckl.), "Kleiner Saal" In L&Poe: 2006 Jan #89. Der Feldberger Lyrikerin Sabine Lange 109. Das auch nicht Die Berliner CDU hatte die Idee, Biermann, der 1976 aus der DDR ausgebürgert worden war und heute in Hamburg lebt, mit der Ehrenbürgerwürde zu ehren. FDP und Grüne unterstützen diesen Vorschlag. Die Linkspartei ist nicht grundsätzlich abgeneigt, befürchtet aber, dass Biermann die Ehrenbürgerwürde mit Verweis auf die rot-rote Regierung ablehnen und auf diese Weise dem Senat schaden könnte. Marianne Birthler, Bundesbeauftragte für die Stasi-Akten, hatte unlängst den Regierenden Bürgermeister Wowereit geschrieben: "Die Stadt, aus der er (Biermann) vertrieben wurde, ist ihm noch ein Zeichen des Bedauerns schuldig." / Die Welt 22.11. 108. Ist's auch nicht Lyrik... Diskussion über Gewaltspiele bei Opinio/ Rheinische Post: ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie oft ich beim Abfeuern einer Granate dachte, daß dieser virtuelle gegnerische Schweinehund jetzt ganz sicher keine elende Kritik mehr über meine Lyrik schreibt. Inzwischen habe ich es allerdings eingesehen, daß sich (selbst fiktiv) gute Lyrik nicht einfach per rohe Gewalt durchsetzen läßt 107. AVANTGUARDA gewissermaßen als weit vorausgeworfener schatten der buchmesse findet im münchen ein kleines festival mit dem titel AVANTGUARDA statt, das heutige experimentelle tendenzen der literatur und musik im katalanischsprachigen raum vorstellt (veranstaltet vom instituto cervantes in zusammenarbeit mit dem institut ramon llull, dem lyrik kabinett u.a.) zum auftakt am 23.11 gibt es eine einführung in die literarische avantgarde in katalonien seit 1918 (Axel Sanjosé) mit vielen textbeispielen aus den werken von joan salvat-papasseit, josep vicenç foix und joan brossa, am 30.11. lesen vier zeitgenössische lyriker: enric casasses, eduard escoffet, arnau pons und víctor sunyol. alles katalanisch/deutsch hier der link zum gesamtprogramm 106. Leonberg-Warmbronn: Internationale Christian-Wagner-Tagung Zum ersten Mal hat die Christian-Wagner-Gesellschaft zu einer internationalen wissenschaftlichen Tagung ins Geburtshaus des Dichters eingeladen. ... Er hat viele Entdecker und viele Förderer. Hesse, Tucholsky, Karl Kraus haben den kleinen Bauern aus Warmbronn verehrt und sich für ihn eingesetzt. Hesse mit sehr viel selbstverliebter Engerie, die so weit führte, dass er sogar korrigierend Hand anlegte an Wagners Gedichte, für die er als Herausgeber zeichnete. Erst die Verleger Ulrich Keicher und Jürgen Schweier (Kirchheim/Teck) verhalfen dem Dichter wieder zu seinem eigentlichen Recht. Über dreißig Jahre hat Jürgen Schweier aus Nachlässen gesammelt, was über und von Christian Wagner über einhundert Jahre hinweg erschienen und geschrieben worden ist. Mit diesem "Steinbruch" der Fakten belegte er bei der Tagung in Warmbronn, dass Christian Wagner zwar oft ein verkannter, aber niemals ein vergessener Dichter war. / Sybille Schurr, Sindelfinger Zeitung 22.11. Christian Wagner in L&Poe: 2003 Jul (Der Warmbronner Verleger Ulrich Keicher); 2004 Sep #43. Kein Duliöh; 2005 Sep #77. In der Textgalerie Christian-Wagner-Preis: 2002 Jul (Die Leonberger Kreiszeitung); Nov (Die Leonberger Kreiszeitung); 2004 Sep #43. Kein Duliöh; 2006 Nov #55. Christian-Wagner-Preis an Oswald Egger 105. American Life in Poetry: Column 087 BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE, 2004-2006 The first poem we ran in this column was by David Allan Evans of South Dakota, about a couple washing windows together. You can find that poem and all the others on our website, www.americanlifeinpoetry.org. Here Tania Rochelle of Georgia presents us with another couple, this time raking leaves. I especially like the image of the pair "bent like parentheses/ around their brittle little lawn."
Raking
Anna Bell and Lane, eighty,
Reprinted from "Karaoke Funeral," Snake Nation Press, 2003, by permission of the author. Copyright © 2003 by Tania Rochelle. This weekly column is supported by The Poetry Foundation, The Library of Congress, and the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. This column does not accept unsolicited poetry. 104. Lyriker Kurt Schwitters Die Ausgabe wurde innerhalb von 10 Jahren - 1971 bis 1981 - Band für Band, gut ausgestattet mit Faksimiledrucken und Bildmaterial, im DuMont Literatur und Kunst Verlag Köln vorgelegt. Nun liegt sie auch als Taschenbuchausgabe vor und soll dazu verhelfen, Schwitters über einen speziellen Fach- und Interessiertenkreis einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. ... Um 1918, in der Zeit seiner expressionistischen Malereien, geriet Schwitters auch als Dichter in den Wirkungskreis des Expressionismus und vor allem des "Sturm“-Lyrikers August Stramm, unter dessen Einfluss seine Gedichte 1918/19 stehen. Der gleich danach erfolgende Übergang zu dadaistischer Dichtung – zur ‚Merzdichtung’ – geschah zwar schnell, aber nicht abrupt: Die beiden Stilweisen durchdrangen einander zunächst. ... Schwitters’ von Stramm inspirierte Gedichte im Band 1 der Werkausgabe zeichnen sich aus durch kurze Verszeilen, hart skandierte Rhythmen, grammatikalische Deformationen – dies alles in gesteigerter Deklination, scheinbar von einem überschwänglichen Gefühl getragen. Nicht zueinander gehörige Elemente der sichtbaren Wirklichkeit werden willkürlich nebeneinander gesetzt, ohne dass sich dadurch ein genauerer Sinn ergeben müsste. Die Dekomposition der Sprache macht selbst vor dem Wort nicht halt. Auch das Wort wird entstellt, deformiert, verballhornt und endlich völlig neu "erfunden“. Hier liegt der Ursprung von Schwitters’ Lautdichtung, die in ihrer systematischen Durchbildung seinen späteren Purismus dichterisch repräsentieren wird. Der Durchbruch des Merz-Prinzips in Schwitters’ Dichtung markiert dann die Verwendung von sprachlichen ‚Ready-mades’, von ‚objets trouvés’. Erst damit macht sich Schwitters vom Einfluss Stramms los und findet den ihm eigenen, unverwechselbaren dichterischen Ton. Dabei wird nun ein wesentliches Wirkungsmittel der seinem Wesen eigene Humor. Mag viel bloßer Ulk und Jux, viel Lust am puren Blödsinn im Spiel sein, so doch auch Freude am Sprachlichen und an dessen emotionaler Substanz. So sehr sich Schwitters als ‚abstrakter’ Dichter verstand, in diesem Bereich seines Dichtens war es die Wirklichkeit, die ihn entzückte und entzündete und die er, indem er sich ihrer Trivialität bediente, besang. Das klassische Merzgedicht – mit der Bezeichnung "Merzgedicht 1“ - ist "An Anna Blume“. / Klaus Hammer, BLK 13.11. SCHWITTERS, KURT: Das literarische Werk. Gesamtausgabe. Herausgegeben von Friedhelm Lach. Bd 1: Lyrik. 319 S. Bd 2: Prosa 1918-1930. 438 S. Bd 3: Prosa 1931-1948. 338 S. Bd 4: Schauspiele und Szenen. 371 S. Bd 5: Manifeste und kritische Prosa. 480 S. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005. Bd 1 14,50 EU, alle anderen Bände je 18 EU In L&Poe: 2001 Apr (Basel); 2002 Feb (BZ-Lyrikreihe); Mai (Universaler Witzpoet); Jun (Radio- bzw Fernsehtips); Okt (Gedicht für Stotterer); 2003 Apr (Meine Tippe überfüllt die Lyrik); 2004 Feb #13. Unnötig, gehorsam zu sein; Jun #42. Darstellung von Einzelheiten; Dez #86. Lyrikparadies im Konjunktiv; 2005 Apr #58. Fabelhafte Sache; Mai #53. Kling erinnern; Jul #79. Gründervater; Aug #8. "Es lebe der Kaiser, denn es gibt keinen Kaiser mehr."; Dez (Tom de Toys: Rede zur Gründung einer Kulturpartei); Dez #61. Tom de Toys: Über die Gründung einer Kulturpartei / #73. Anna Blume trifft Zuckmayer; 2006 Mai #34. Schwitters im Alltagslärm; Mai #115. Seit dem 1. Januar; Jun #45. Übersetzungs-Anfrage; Nov #71. Schwitters in Eßlingen 103. Finks Merksätze Wilhelm Fink aus Hamburg schickt Schreib-Tipps, "lauter Merksätze, aus diversen fremden (und eigenen) Überlegungen gesammelt", jetzt auch bei www.writtenby.ch im Diskussionsforum zu sehen Denken, das vom übrigen Menschen getrennt ist, dörrt aus. Schöpfen Sie aus dem "überpersönlichen Gedächtnis" in Ihrem Gehirn: aus den tief eingegrabenen Erinnerungen. Greifen Sie, wenn Sie denken, auf Urbilder zurück. Seien Sie bereit für das, was "hinter der Ecke" kommt. Zum Ergebnis kommen Sie oft nur auf Umwegen. Was beim Schreiben herauskommt, das Ergebnis, entsteht nur während des Schreibens, nicht vorher. Scheuen Sie sich nicht, unoekonomisch vorzugehen. Gute Texte entstehen nicht durch glattes Arbeiten. Die Geschicklichkeit ist der Tod der Kunst. Schieben Sie den Text hin und her. Bleiben Sie auch selbst in Bewegung! Widerstände, Kanten und Ecken lassen Sie so erst richtig in Schwung kommen. Ohne Spannungen im Gefüge gibt es keinen guten Text. Bosseln Sie. Geben Sie Ihrem Text eine Struktur. Was keine Gestalt, kein inneres Gerüst hat, das zerfließt. Manchmal denkt nicht der Schriftsteller, sondern "es" denkt in ihm. Wer finden will, muß suchen. Achten Sie darauf, dass Sie an Ihren Einfällen nicht vorübergehen. Bleiben Sie für Einfälle wach und locker. Alles Verstehen fängt mit dem Bewundern an. Allem Schreiben liegt Bewegung zugrunde. Wer auf der Suche ist, macht sich auf den weg. Nichts geht leichter zugrunde, als ein Einfall, der sich selbst erkennt. Halten Sie den Einfall im Rohzustand fest. Schweigen Sie über jede noch unfertige Arbeit. Sonst kippen Sie Ihr schöpferisches Gleichgewicht. 102. Besser als Schnaps und Huren "Anstatt Kokain zu nehmen oder mich mit Huren oder Schnaps zu vergnügen, sitze ich allein in einem Zimmer und habe ebensoviel Spaß, wenn nicht mehr." Das sagt Felix Dennis, Multimillionär, Verleger von Herrenmagazinen, ein früherer Hippy, Kokainsüchtiger und Freund von John Lernon, über das Vergnügen des Schreibens. Sein Vermögen wird auf 715 Millionen Pfund geschätzt. Er hat mehr Wohnungen als die meisten Lyriker Leser haben, schreibt Sean Coughlan, BBC News Magazine 20.11. Das Schreiben entdeckte er im September 1999 bei einem Krankenhausaufenthalt. Sein neuestes Buch heißt "Nursery Rhymes for Modern Times: When Jack Sued Jill". Es ist ein Angriff auf political correctness, Asbo**-Kultur und Heuchelei. BBC bringt einen Audio-Clip des Gedichts "Asbo", gesungen von einem Kinderchor ("Though they all should be in bed, all you do is boost their cred', Asbo, Asbo, can't you see, you are an accessory.") auf die Melodie von "Morgen kommt der Weihnachtsmann". **In the United Kingdom an anti-social behaviour order (ASBO) is a civil order made against a person, as a result of persistent anti-social behaviour. The order bans a person from engaging in a specified form of anti-social behaviour, and/or bans them from entering a specified area. Breach of an ASBO can result in criminal penalties. (Wikipedia) 101. Nicht im Elfenbeinturm Der türkische Journalist SEFIK KAHRAMANKAPTAN konzentriert sich in seinem Gedenkartikel für Bülent Ecevit auf den Lyriker. Im Gösteri art and literature magazine, Vol. 152, July 1993, hatte er vielleicht das einzige Interview mit ihm geführt, das sich ganz auf Lyrik konzentrierte. Schon vor dem Lesenlernen habe er gern Gedichte aufgesagt. Lyrik sei für ihn eher eine Denkmethode gewesen denn ein Kommunikationsmittel oder eine Art, seine Gedanken zu erklären.. Mit 16 veröffentlichte er erste Gedichte in einer Zeitschrift. Er übersetzte auch Lyrik aus dem Sanskrit, Bengali und dem Englischen. Ecevit betrieb die Poesie nicht wie einen Beruf, sondern griff zur Feder, wenn ihn die Inspiration überkam. In den stürmischsten Tagen seiner politischen Laufbahn, am Vorabend schwieriger Entscheidungen nahm er Zuflucht zur Lyrik, als wäre es eine Art intuitiver Selbstschutz. Für seine epischen Gedichte aber betrieb er umfangreiche Forschungen. Als er das Gedicht "Ein Euphratfischer erinnert sich an die Flut"plante, las er alles Erreichbare über die Geschichte Noahs, sogar das Gilgamesh-Epos und die babylonischen und sumerischen Epen. Ecevit benutzte in seinem Werk keine Satzzeichen, weil er der Meinung war, daß die türkische Sprache eine sehr starke Sprache ist, die keine Satzzeichen brauche. Die Politik habe ihm geholfen, kein Dichter des Elfenbeinturms zu werden. / turkish daily news 19.11. Vgl. L&Poe 2006 Nov #56. Bülent Ecevit gestorben Auf Deutsch: Ich meißelte Licht aus Stein. Gedichte und 2 Essays. Klett-Cotta im Ullstein Taschenbuch 1982 100. Dem Sehen einen Atem In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift BELLA triste eine "Kurzpoetik" von Nico Bleutge sowie Gedichte von Ulrich Koch und Katharina Schulten. Hier ein Auszug aus Bleutges Poetik: Eine meiner frühesten Schreiberfahrungen ist es, dass sich in der Versarbeit die Begriffe zu lockern beginnen. Von Anfang an hatte ich das Gefühl, es seien nicht allein die Wörter, vielmehr schien es mir, als befänden sich die Dinge in den Wörtern oder als hätte ich Wörter und Dinge zugleich. / Eine solche Sprachfügung ist dann stets mehr als nur eine Lautfolge oder eine Reihung von Buchstaben. Sie ist verknüpft mit einer Vorstellung, enthält schon etwas Bildhaftes, eine kleine Welt, die mir beim Aussprechen des Wortes vor Augen tritt, die den ganzen Körper mit einem Gefühl von Gegenwärtigkeit, von Anwesenheit durchzieht. / Eine "völlige Entgrenzung“ ist wohl genauso ein Konstrukt, wie es die Idee eines festen "Ich“ oder "Subjektes“ ist. Vielleicht sollte man von einer Annäherung sprechen, dem Versuch, die überkommene Einteilung in Subjekt und Objekt, Ich und Welt, flüssig zu machen. / Ein wenig skeptisch stehe ich dem ironisch angehauchten Schreiben gegenüber. Ein solcher augenzwinkernder Blick auf die Phänomene macht es sich zu einfach, spiegelt eine Souveränität vor, die ich nicht so recht glauben mag. / In meinem Schreiben gibt es einen Vorbehalt gegenüber dem "Ich“, das trifft auch und gerade das "lyrische Ich“. Denn selbst wenn man dieses Ich nur als eine Art Sprechhülse betrachtet, als ein Instrument der Perspektive (also: wer schaut/spricht von wo nach wo) – es führt doch den ganzen Ballast an Vorstellungen mit sich, den man ihm im Laufe der Geistesgeschichte von Seiten der Philosophen, der Psychologen und Soziologen aufgehalst hat. / Immer und immer wieder: Gunnar Ekelöfs Gedichte. / Gewiss kann alles genau gesehen werden, aber was und wie ist gerade entscheidend. / Und zugleich gilt es, alle Möglichkeiten des Mediums Sprache auszuspielen. Die Nebentöne der Wahrnehmung hörbar zu machen, Stimmen einzuspeisen, historische Schichtungen lesbar zu machen. Dem Sehen einen Atem zu geben. Bleutge in L&Poe: 2002 Jul (Jürgen Becker 70); Aug (Luxemburger Tableaux); Okt (Kurz gemeldet); Dez (Für die NZZ); 2003 Jan (Farbfleck auf einem Mondrian-Bild); Mrz (Literarischer März); Mai ("Gründervater der literarischen Moderne"); Jul ("Wieder steht ein Realismus rum"); Sep (Hombroicher Dichterschule); Dez (Zwischenzustand); 2004 Feb #2. André Hellers Poetikvorlesung / #29. Lars Gustafsson; Jun #71. Kirstens Gesamtwerk; Aug #84. Kolleritsch; Sep #40. Nendzas Gedichte; Nov #92. Fünf Jahre lyrikline.org; Dez #77. babel, weiter; 2005 Jan #1. Wunderbares Zirpen / #32. Der polemische Blitzschlag; Feb #35. Als Dichter ist Gunnar Ekelöf; Mrz #12. Genaues Sehen; Mai #26. Luftig und fein; Mai #69. Das große Aber; Aug #4. Versuchsapparaturen / #11. Poesía vertical; Sep #29. Hombroich 13; Dez #57. Brust-Empörung. Ein Gleiches; 2006 Jan #87. Falsche Fährte / #88. Theobaldys Poetik des Augenblicks; Mrz #23. Der Renegat der Avantgarde; Mrz #113. Sinnlich, mannhaft, stark; Mai #46. Verschwiegen bedeutsam / #76. Rückzug und Verschwinden; Jul #29. Neue Partner für lyrikline.org / #34. «Mittelwärts»; Jul #70. Die Hermann-Lenz-Stiftung; Aug #113. Östliches Gelände; Okt #121. Anna-Seghers-Preis / #127. Lyrikförderung am Bodensee; Nov #63. Heute erstmals; Nov (hier) #86. MEIN ARMES MEER 99. Einkommensexplosion für 2 Lyriker Auf einem Markt, wo "in die Höhe schießende" Verkäufe bedeuten, daß insgesamt fünf Stück Bücher pro Woche verkauft werden, haben Lyrikpreise noch irgendeine Bedeutung? Offensichtlich doch, meint James Adams in der kanadischen Globe and Mail vom 20.11.: Morgen werden in Toronto und Montreal zwei Lyriker - einer Englisch, einer Französisch - je 15.000 $ für den "Governor-General's Award for excellence in poetry" 2006 erhalten. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, daß einer oder alle beide morgen den Top-Zahltag ihres Lebens haben werden. Fünf Bücher - Ken Babstocks "Airstream Land Yacht", "Home of Sudden Service" von Elizabeth Bachinsky, "Inventory" von Dionne Brand, John Pass's "Stumbling in the Bloom" und Sharon Thesens "The Good Bacteria" - stehen auf der englischen "Shortlist", die eine dreiköpfige Jury aus 123 Vorschlägen zusammengestellt hat. (Auch auf der französischen Liste stehen fünf Namen, sagt die - englischsprachige - Zeitung lakonisch). Nach BookNet Canada haben nur 3241 Lyrikbände aus über 500 Verlagen (USA, Kanada, GB usw) 1 oder mehrere Käufe erzielt in den letzten 12 Monaten. Sehr wenige Titel verkaufen sich 100 mal oder öfter - aber die Lyrikverlage machen immer weiter. Hier die kanadischen Lyrikbestseller 2006:
Zwei von diesen, Cohen und Purdy, sind Kanadier, aber nur einer darunter lebt noch. Al Purdy starb im Jahre 2000 in Goetheschem Alter. Bis in die 40er Jahres seines Lebens schrieb er viele - schlechte - Gedichte, dann erst fand er seinen Stil (und viele Preise, gar über den Tod hinaus), vgl. hier. 98. Ausgezeichnet Die tunesische Lyrikerin Jamila Mejri erhielt am Freitag in Tunis den Abou el Kacem Chebbi-Preis für Poesie. Der Preis wird von der Banque de Tunisie bereits zum 20. Mal verliehen. Ausgezeichnet wird sie für ihren dritten Gedichtband, 'Dhakiratou Attaier'. Die Jury hatte unter 142 Gedichtbänden aus 11 arabischen Ländern zu wählen. Jamila Mejri ist die dritte Schriftstellerin unter den Preisträgern. Der Preis ist nach dem großen tunesischen Dichter Abou el Kacem Chebbi (1909-1934) benannt. Frau Mejri hatte bereits den Tahar Haddad-Preis 2003 und den Preis des libanesischen Lyrikers Said Akl erhalten. / Karim Benamor 19.11. 97. Komisch taz-Gespräch mit F.W. Bernstein, 20.11.: Die Höchstform von Lyrik ist sowieso eine Mischform von Komik und Ernsthaftem. Celan schrieb die "Todesfuge". Der ursprüngliche Titel hieß "Tango des Todes", also eine Parodieform. Und dann kommen so pointierte Sachen darin vor. Im ganzen Todesfugengedicht kommt nur ein Reim vor, also zwei Zeilen, die sich reimen: "der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau/ er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau". Das ist eigentlich eine Komikpointe, die hier natürlich im Ernstfall eingesetzt ist. Bei Goethe gibt es auch solche Formen, die eine Vollendung haben, dass es da egal wird, ob's tragisch oder komisch ist. " … sein Auge ist blau/ er trifft dich genau …" Das leiert so schön daher. Das bringt auf der einen Seite die Bösartigkeit im Gewand des Idyllischen so schön raus und wirkt viel kräftiger als die Expressionismen, die sonst in dem Gedicht sind. Und wie lange hat es gebraucht, jetzt im Prosabereich, Eckhard Henscheid war da ein Bahnbrecher, bis man gesehen hat, dass Kafka komisch ist. 96. Verschenkter Augenblick Die knappe, spruchartige Form von Dickinsons Gedichten verdeckt, dass sie ihr Thema dem Zufall des Augenblicks verdanken, dem also, was das Auge gerade erblickt: das Schwirren eines Vogels auf Blütenblättern, der Aufprall einer Nippesfigur auf dem Fußboden, das Öffnen und Schließen einer Tür, durch die das Glück fremder Leute zur Passantin herausdringt. In einem solchen Moment gibt es nichts als diesen Moment; erregt, hastig, unvollständig rettet ihn die lyrische Sprache in eine kleine Welt für sich. Hummeln und Falter fliegen vorbei, "Ich - sammle sie sacht, / Verschenke sie hier!" - hier im Gedicht. Das Gedicht ist eine plötzliche Erleuchtung, die jedoch nichts offenbart. Anders als es das Vorurteil über Lyrik will, hilft Klang nicht dem Sinn, sondern sabotiert ihn: "The Obloquies of Etiquette / Are obsolete to Bliss" - so komisch stolpern die Vokale und Konsonanten durch diesen Zauberspruch, dass auch das verheißungsvolle geistliche Wort "Bliss", Seligkeit und Wonne, ins Straucheln gerät. ... Emily Dickinson, eine der großen Dichter (der grammatische Fehler soll verhindern, dass ihr Rang auf die Gruppe der weiblichen Schriftsteller eingeschränkt würde), ist bei deutschen Lesern fast unbekannt. Das könnte sich nun ändern. Den bescheidenen Umfang früherer Ausgaben übertrifft die neue des Hanser-Verlags um ein Vielfaches. Die Übersetzung Gunhild Küblers bemüht sich, meist mit Erfolg, um eine Nachbildung von Metrum und Reim. Unvermeidlich wird durch den Ehrgeiz, die poetische Form beizubehalten, die genauere Bedeutung der Wörter beeinträchtigt; manche verschwinden ganz, etwa "the livelong June" des Froschgequakes in dem Gedicht "I"m Nobody". Eine zweisprachige Ausgabe erwirbt doch nur jemand, der zumindest so viel Englisch versteht, dass er die Verse des Originals sprechen kann, ihre poetischen Eigenschaften also heraushört, dessen Englisch aber nicht hinreicht, um die Bedeutung seltener Wörter zu kennen. Der Ehrgeiz zur Nachdichtung stammt aus einer Zeit, da man das Original des übersetzten Gedichts nicht abdruckte und die Originalsprache den meisten Lesern unverständlich war. Heute ist ein deutscher Leser, dessen exquisiter Geschmack ihn zu Dickinson geführt hat, wohl imstande, auch die linke, die englische Seite der Ausgabe zu lesen. Für einen solchen Leser wäre eine zuverlässige Wiedergabe in Prosa nützlicher als eine mühselige Imitation des Versbaus. Bei zweisprachigen Ausgaben darf der Übersetzer das Dichten dem Dichter überlassen. / HEINZ SCHLAFFER, SZ 18.11. EMILY DICKINSON: Gedichte. Englisch und Deutsch. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Gunhild Kübler. Carl Hanser Verlag, München und Wien 2006. 560 Seiten. 45 Euro. EMILY DICKINSON: Wilde Nächte. Ein Leben in Briefen. Ausgewählt und übersetzt von Uda Strätling. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006. Gebunden. 432 Seiten. 24,90 Euro. Zuletzt in L&Poe: 2006 Aug #88. Intoxikation; Okt #95. Von Koschenill ein Schwall; Nov(hier) #92. Truinas 95. Faszination der Alten In der Welt am Sonntag vom 19.11. noch einmal Biermanngeburtstag (letzte Nacht zwischen 2 und 6 hab ich mir das Kölner Kionzert zum zweitenmal seit 1976 angehört, im Fernsehen). Eckhard Fuhr nachdenklich: "Wir woll'n es nicht verschweigen", könnte man nun mit der letzten Strophe der "Ermutigung" fortfahren, wir wollen also nicht darum herumreden, dass vieles, was Wolf Biermann geschrieben hat, als Gebrauchskunst im linken Milieu Westdeutschlands zu schlimmem Gemütskitsch degenerierte. Aber das betrifft eben doch nur einen kleinen Teil seines Werkes. Und retrospektiver Spott, wie er auch jetzt zu seinem 70. Geburtstag hin und wieder zu vernehmen war, erspart uns die Frage nicht, worin die Faszination bestand, die Biermann auf die Generation der heute Fünfzig- bis Sechzigjährigen ausübte und immer noch ausübt. 94. Himmel und Hölle Franz Wright hat 15 Gedichtbände veröffentlicht. Für Walking to Martha's Vineyard (2003) erhielt er den Pulitzerpreis. Er übersetzte u.a. René Char, Erica Pedretti und Rainer Maria Rilke. Geboren wurde er 1953 in Wien, wo sein Vater studierte. Schon als Teenager begann er zu schreiben. Als er seinem Vater, dem Dichter James Wright, sein erstes Gedicht schickte, sagte der: "Du bist ein Dichter. Willkommen in der Hölle". Mit 16 litt er zum ersten Mal an Depressionen. Manisch depressiv, lautete die Diagnose später. Jahrelang kämpfte er mit Alkohol- und Drogenproblemen. Seine letzten Gedichtbände dokumentieren Wege aus der Krise und seine Hinwendung zum katholischen Glauben. In der Herbstnummer der Zeitschrift "Image" spricht er darüber - hier bei Poetry Daily. In L&Poe: 2004 Apr #22. Der Dichter Franz Wright / #48. Nichts als Alkohol und Gedichte; 2005 Aug #73. A bildungsroman in letters 93. Physiologie der Dichtung In einem Brief an die Prinzessin Elisabeth von Böhmen, datiert auf den 22. Februar 1649, lässt der Philosoph Descartes eine Bemerkung über die Dichtkunst fallen, die in vieler Hinsicht Interesse verdient. «Und ich glaube, diese Laune, Verse zu machen, kommt von einer starken Erregung der Tiergeister, welche die Einbindung derer, die kein gut gefügtes Gehirn haben, völlig durcheinanderbringen könnte, die Kräftigeren aber lediglich ein wenig mehr erhitzt und sie der Poesie geneigt macht.» Erstaunliche Worte für einen Philosophen: Es lohnt sich, sie sich einzeln vorzunehmen und ein wenig bei dieser Passage, die, wie immer bei Descartes, einen ganzen Gedankengang enthält, zu verweilen. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich sehe darin eines der wichtigsten Dokumente auf dem Wege zu einer anthropologisch fundierten Poetik. Es ist ein Wink aus früher Neuzeit, der im Kern bereits eine ganze Theorie zur Intuition aus hirnphysiologischer Sicht enthält. ... An dieser Stelle kommt die Unterscheidung zwischen labilen und stabilen Gemütern ins Spiel. Was den einen verwirrt und herunterzieht, dieselbe lebhafte Vorstellungskraft, beflügelt den anderen und macht ihn für die Poesie empfänglich (disposer à la poésie). So betrachtet, löst sich die Problematik des Lyrischen, lange vor Dichtern wie Mallarmé oder Benn, auf in die uralte Dialektik von Rausch und Kalkül. Dichtung kann Droge sein und Heilmittel zugleich. Wer ihrer Suggestion standhält, indem er die Lebensgeister wohl temperiert, gehört zur schmalen Elite derer, die man seit Sappho die Dichter nennt, unabhängig von Herkunft oder Geschlecht. «Und ich fasse diese Aufwallung als ein Zeichen eines Geistes auf, der stärker und erhabener als der Durchschnitt ist.» / Durs Grünbein, NZZ 18.11. 92. Truinas Der tastende, fragmenthafte Text von «Truinas» folgt dieser Paradoxie: Zum einen entspringt er der Unmöglichkeit, am Grab des Freundes etwas zu sagen, beschreibt er das konzentrierte Verlöschenlassen von Vorgedachtem. Zum andern ist er eine Anhäufung von «wahren Sätzen», von Gehörtem, Gelesenem und vor allem Gesehenem, das Trost spendet: plötzlicher Schneefall, Blumen, ein Ausruf am Grab, ein Gedicht von Emily Dickinson, all das, was Jaccottet (und mit ihm den Leser) die «Gegenwart» der Welt spüren lässt. ... «Truinas» erzählt vom Tod. Aber es ist kein trauriges Buch. / Milo Rau, NZZ 18.11. Philippe Jaccottet: Truinas, 21. April 2001. Zweisprachig, französisch/deutsch. Übersetzt von Elisabeth Edel und Wolfgang Matz. Lyrik-Kabinett, München 2005. 80 S., Euro 15.-. In L&Poe: 2001 Apr (Auf der aktuellen SWR-Bestenliste); 2003 Mai (Jaccottet nimmt); Jun (SWR-Bestenliste Juni); 2004 Jan (Der Schweizer Lyriker Philippe Jaccottet); 2005 Feb #99. Jaccottet über Morandi; Mrz #30. Lyrik aus der Romandie; Mai #87. Léopold Sédar Senghor-Preis; Jul #2. Denkgesang / #39. Außenstehenden; Nov #82. "Europäische" Poesie en français; 2006 Feb #103. Haus des Mörike 91. Prozeß um Redefreiheit Aus Anlaß des 50. Jahrestages des Prozesses gegen Allen Ginsbergs Band "Howl und andere Gedichte" druckt der San Francisco Chronicle vom 13.11. Lawrence Ferlinghettis Einleitung zu "Howl on Trial: The Battle for Free Expression," (City Lights, 2006). Ginsberg zuletzt in L&Poe: 2006 Jan #36. Summer of Love-Doku; Mrz #88. Die Dichter lügen / #89. Nobelpreisträgerin zu drastisch; Apr #29. Wie kommen wir hier raus?!; Apr #59. 'Howl' beeinflußte Schriftsteller... / #68. Brötzmann & Patchen / #89. Böhmers "Kaddish“ auf dem poesiefestival berlin; Mai #49. Howlin' on; Jun #14. "Die Beat Generation schwindet dahin, aber Hirschman bleibt" / #22. Über eine Feier; Jun #45. Hail or Howl?; Jul #9. Bohemien oder Beat?; Aug / #43. Jean Vodaine /#74. THE BEAT GOES ON; Aug #106. Dichteraufstand in England, 1967; Sep #47. 9/11 anthology; Sep #94. Howl at Dodge; Okt #30. Frost paraphrasiert; Nov #22. Howl on Trial / #32. Wahnsinn 90. National Book Award verliehen In New York wurde am Donnerstag der National Book Award verliehen. Den Preis für Lyrik erhält Nathaniel Mackey für den Band "Splay Anthem." Mackey sagte, er sei besonders erfreut, einen Preis zu bekommen, der zuerst an William Carlos Williams verliehen wurde, der ihn früh beeinflußt habe. Die anderen Finalisten waren Louise Gluck ("Averno"), H.L. Hix ("Chromatic"), Ben Lerner ("Angle of Yaw") und James McMichael ("Capacity"). / Washington Post 16.11. Hier ein Gedicht aus dem ausgezeichneten Band. 89. Die Übersetzung der Gerechten Ist's auch nicht Lyrik, hat es doch - Irrsinn. Neues vom Zustand des westlichen (beinahe hätte ich gesagt Geistes), ich korrigiere: der westlichen "Geisteskraft": Werden an diesen und ähnlichen Stellen die Texte ohne Not erweitert und ausgedeutet, so werden sie an anderen gezielt umgedeutet. So sagt der johanneische Jesus «Ich bin der wahre Weinstock, und Gott ist meine Gärtnerin», obwohl im griechischen Grundtext klar «Mein Vater ist der Weingärtner» steht. Der Johannesprolog beginnt nicht mehr mit «Am Anfang war das Wort», sondern mit «Am Anfang war die Weisheit», weil «der johanneische Jesus . . . auch viele Züge der weiblichen göttlichen Gestalt der Weisheit» trage. Der Heilige Geist wird zur «heiligen Geisteskraft», Jesus vom Sohn zum neutralen «Kind Gottes». Lehrte er seine Jünger bis anhin, «Unser Vater im Himmel» zu beten, so fordert er jetzt die «Töchter und Söhne Gottes, eures Vaters und eurer Mutter im Himmel», auf, zu Gott, dem Vater und der Mutter im Himmel, zu rufen (Mt 6, 9). Ohne Angst vor Absurditäten fliessen hier Übersetzung und geschlechterfaire Deutung ineinander. Doch so gewiss es keine Übersetzung ohne Deutung gibt, so falsch ist es, zu folgern, jede Deutung lasse sich als Übersetzung ausgeben. Protestanten wussten das einst besser. Aber nicht nur solche eingetragenen Deutungen prägen die Übersetzung über weite Strecken, sondern es kommt auch zu nie gehörten Neuschöpfungen. So wird in der Paradieserzählung nach der Erschaffung der Frau aus der «Seite» (nicht mehr bloss Rippe) des Mannes Adam zum «Rest des Menschenwesens» (Gen 2, 22), ohne dass davon irgendetwas im Grundtext stünde. Dagegen steht dort eindeutig, dass nicht der Mann, sondern «der Mensch» (ha-adam) und seine Frau sich nicht schämten, obwohl sie nackt waren (Gen 2, 25), während die neue Übersetzung sichtlich bemüht vom «männlichen Menschen», vom «Mann-Mensch» oder vom «Mensch als Mann» reden zu müssen meint. Offenbar kann oder will man nicht akzeptieren, dass der Erzähler dieses Textes sich eben nicht geschlechtergerecht, sondern unverblümt androzentrisch ausdrückt. Das aber müsste eine Übersetzung sichtbar machen und nicht sprachakrobatisch verwischen, wenn sie zur kritischen Auseinandersetzung mit den biblischen Texten befähigen will. Doch der Tiefpunkt dieser Übersetzung ist ihre durchgehende Tendenz, sachliche Differenzen innerhalb der Bibel zu verharmlosen und theologische Entwicklungen aus ideologischen Gründen zu verdunkeln. In den sogenannten Antithesen der Bergpredigt etwa setzt Jesus nicht mehr sein «Ich aber sage euch» der Tora-Überlieferung entgegen, sondern macht nur noch einen freundlichen Auslegungsvorschlag: «Ihr habt gehört, dass Gott gesagt hat: Du sollst nicht ehebrechen. Ich lege euch das heute so aus: . . .» (Mt 5, 27f). Heute so und morgen anders. Nur eines darf es auf keinen Fall geben: einen wirklichen Widerspruch zwischen Tora und Jesu Lehre. Der Antijudaismus-Vorwurf an Jesus wäre sonst nicht zu vermeiden. / Ingolf U. Dalferth, NZZ 18.11. Bibel in gerechter Sprache. Herausgegeben von Ulrike Bail, Frank Crüsemann u. a. Gütersloher Verlagshaus 2006. 2400 S., Fr. 44.60. 88. Gefühlter Aufstand Am andern Tag im gleichen Blättchen schreibt Christof Meueler unter der Überschrift "Den Aufstand fühlen. Woher wir kommen, wohin wir gehen" über »Das Gesamtwerk« von Ton Steine Scherben in einer CD-Box Ton Steine Scherben: »Das Gesamtwerk« (David Volksmund Produktion/Buschfunk) 87. Liebe & Sowjetmacht sind nur mitsammen darstellbar sagt Peter Hacks, Venus und Stalin. Die junge Welt vom 17.11. druckts nach. Hacks in L&Poe: 2002 Aug (Klopfzeichen); 2003 Mrz (Hacks über Hacks (Wem gehört die Lyrik)); Aug (Wo nichts drin ist); Dez (Epitaph 2003); 2004 Jan (Zensierter Gamsbart); Mrz #38. FAZ & Lyrik; Aug #86. Recht auf Gleichbehandlung; 2005 Apr #35. wort- u. satzbruch; Aug #92. Drostepreis für Droste; Sep #43. Peter Hacks: Rote Sommer; Okt #13. Die Nacht der toten Dichter; 2006 Mrz #94. Kulturversessen 86. MEIN ARMES MEER Herbstzeit Debattenzeit? Nach Bertram Reinecke, der gestern eine Polemik zur Bewertung junger Autoren im Zusammenhang mit dem Berliner "Open Mike" einsandte (#81), heute Thomas Kunst, auch aus Leipzig (wiewohl beide, soviel ich weiß, nicht miteinander zu tun haben und nach Herkunft, Alter und Poetik unterscheidbar sind - ah doch: beide können Sonette!). Kunst gibt einen polemischen Schuß ab gegen Wertungen, die im Ton absolut daherkommen ("bedeutendste Lyrikveröffentlichung in diesem Jahr", vgl. L&Poe Nov #63) und dies von prominenter Stelle: MEIN ARMES MEER, WOMIT HAST DU DAS NUR VERDIENT, es gibt dich doch wirklich, oder aber habe ich dich vor lauter Blindheit, unfähig und derart unbegabt für das "Abenteuer des Sehens", in dem Gedichtband "klare konturen " von Nico Bleutge einfach ständig überblättert? Die Boote lagen dabei jedenfalls nicht übereinander, die Häfen, Ufer, Seelichter und Wellen schienen in ihrer synthetischen Konfektionsgröße identisch zu sein, so leicht, wie sie ungerufen wieder ineinander verschwanden. Wenn schon von einer Schule oder vom Abenteuer des Sehens so vorschnell die Rede ist, würde es mich wesentlich milder stimmen, wenn Bücher wie z. Bsp. "Ufer der Verlorenen" von Joseph Brodsky an dieser Stelle eine Erwähnung gefunden hätten. Was ist nur los in diesem von aller angemessenen lyrischen Wahrnehmungsgabe gereinigten Deutschland ? Kämmerlings schreibt in der FAZ von der "bedeutendsten Lyrikveröffentlichung in diesem Jahr." Michael Braun bekennt, wie es nicht anders zu erwarten war, schon vor der Veröffentlichung dieses Buches: "Im Sommer 2001 habe ich anlässlich eines Literaturwettbewerbs zum erstenmal Gedichte von Nico Bleutge gelesen - und war verblüfft über die Kunstfertigkeit dieses Dichters, der so ganz anders schrieb als die narzisstischen Ich-Könige seiner Generation, " um an anderer Stelle im Zusammenhang mit Bleutges Gedichten so fortzufahren: "Ein >Ich< im Sinne einer festen Instanz gibt es nicht mehr, kein Subjekt ist hier erhaschbar, sondern nur ein Kollektor von sinnlichen Eindrücken." Was von Braun offenbar als Vorzug begriffen wird, anstelle narzisstischer Ich-Könige endlich die stillen und bescheiden agierenden Könige einer Ich-Verflüchtigung zu setzen und damit einer Literatur Vorschub zu leisten, die im Fahrwasser von Universitäten und akademischen Hafeneinfahrten nie wieder Schiffbruch erleiden muss, hat eine Unterdrückung wahrer und authentischer Poesie zur Folge. Warum bleiben die wichtigsten Lyrikbände Jahr für Jahr, und das seit Jahren, bei so derart sehgeschultem Bodenpersonal immer wieder auf der Strecke ? Heidelberg wird nie am Meer liegen, auch nicht in den nächsten 1000 Jahren. Und ich bitte darum, dass das so bleibt. Thomas Kunst, Leipzig, November 2006 85. Berlin Festival of Poetry in English Zum zweiten Mal findet vom 17. bis zum 19. November die Veranstaltung "Poetry Hearings – Berlin Festival of Poetry in English“ statt. Jeweils um 21 Uhr werden britische, kanadische und amerikanische Lyriker im Salon Rosa in der Sophienstraße in Berlin-Mitte ihre Werke vorstellen. ... Mit dabei ist unter anderem John Hartley Williams (UK/Berlin), der seit 30 Jahren in Berlin lebt, an der Freien Universität unterrichtet und bereits in 11 Büchern Gedichte publiziert hat. Der Performance Poetry wird sich MC Jabber widmen, der seine energetische Poesie mit Rap mischt. Weitere Autoren sind Todd Swift (Kanada/London), Edward Field (New York), die beiden in Paris ansässigen Amerikaner Jennifer K Dick und Michelle Noteboom, Rod Mengham, der auch Filme dreht sowie der amerikanische Performance-Poet Cralan Kelder aus Amsterdam./ BLK 16.11. 84. Bernard Dadié gewürdigt Das Werk des Schriftstellers Bernard Dadié, "Gallionsfigur der ivorischen und afrikanischen Literatur", wird auf einer Konferenz der Akademie der Wissenschaften, der Künste, der Kulturen Afrikas und der afrikanischen Diaspora in der Hauptstadt Abidjan in Anwesenheit des 90jährigen gewürdigt. / Fraternité Matin (Abidjan) 13.11. In L&Poe: 2005 Jul #70. Négritude oder Malgachitude?; 2006 Mrz #20. "Adelf" und afrikanische Spiritualität 83. Einspruch Wolf Biermann war und ist ein unbequemer Dichter – das hat er mit vielen Dichtern der Vergangenheit gemein. Unser sozialistischer Staat, eingedenk des Wortes aus Marxens '18. Brumaire', demzufolge die proletarische Revolution sich unablässig selbst kritisiert, müßte im Gegensatz zu anachronistischen Gesellschaftsformen eine solche Unbequemlichkeit gelassen nachdenkend ertragen können. Wir identifizieren uns nicht mit jedem Wort und jeder Handlung Wolf Biermanns und distanzieren uns von den Versuchen, die Vorgänge um Biermann gegen die DDR zu mißbrauchen. Biermann selbst hat nie, auch nicht in Köln, Zweifel darüber gelassen, für welchen der beiden Staaten er bei aller Kritik eintritt. Wir protestieren gegen seine Ausbürgerung und bitten darum, die beschlossenen Maßnahmen zu überdenken. Sarah Kirsch, Christa Wolf, Volker Braun, Franz Fühmann, Stephan Hermlin, Stefan Heym, Günther Kunert, Heiner Müller, Rolf Schneider, Gerhard Wolf, Jurek Becker, Erich Arendt (Günter de Bruyn schloss sich noch am gleichen Tag an.) (Offener Brief vom 17. November 1976, abgedruckt in "Frankfurter Rundschau" vom 23. November 1976) 82. Staatsbürgerschaft der DDR aberkannt Berlin (ADN). Die zuständigen Behörden der DDR haben Wolf Biermann, der 1953 aus Hamburg in die DDR übersiedelte, das Recht auf weiteren Aufenthalt in der Deutschen Demokratischen Republik entzogen. Diese Entscheidung wurde auf Grund des "Gesetzes über die Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik – Staatsbürgerschaftsgesetz – vom 20. Februar 1967", Paragraph 13, nach dem Bürgern wegen grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten die Staatsbürgerschaft der DDR aberkannt werden kann, gefaßt. Biermann befindet sich gegenwärtig in der Bundesrepublik Deutschland. Mit seinem feindseligen Auftreten gegenüber der Deutschen Demokratischen Republik hat er sich selbst den Boden für die weitere Gewährung der Staatsbürgerschaft der DDR entzogen. Sein persönliches Eigentum wird ihm - soweit es sich in der DDR befindet - zugestellt. (Meldung der DDR-Nachrichtenagentur ADN vom 17. 11. 76) 81. Was bleibt, dichtet Stifter Bertram Reinecke aus Leipzig schickt eine Stellungsnahme zum jüngsten Open Mike (vgl. L&Poe 2006 Nov #31. Open Mike im Tief), die grundsätzliche Fragen stellt. Hier zwei Auszüge (das Ganze im L&Poe-Essay): Wertungsindustrie Andere wünschen sich mehr zeitkritisches Engagement, wie Sabine Vogel und Herr Biller, die etwa Ausland, Migration, DDR und Internet-Sex vermissen. Lesen Sie Heines Wintermärchen (Caput eins reicht schon). Man weiß was man zu hören bekommt, wenn man etwas nur annähernd ähnliches heute (z.B. über Literaturkritiker?) schriebe. Politisch platt, zu pauschal, eine ganze Berufsgruppe so über einen Kamm zu scheren. Man kann das ja machen - aber nicht so. Das Problem: Der Kritiker erwartet nicht nur Zeitkritik, sondern auch noch eine, die mit der eigenen Meinung mindestens einigermaßen konvergiert. ... Natürlich ziehen sich da die Autoren damals wie heute von solchen diffizilen Aufgaben zurück, ob bewußt oder mit uneingestandener Anpassung. Und was bleibt, dichtet Stifter. In der Liste der meistgenannten Vorbilder der Endrundenteilnehmer folgt nach dem Erstplazierte David Foster Wallace, neben Dostojevskij ein sehr deutsches Rudel von Autoren, denen ein je individueller Rückzug aus der Misere des Tages eigen ist: Bachmann, Aichinger, Mayröcker und eben Stifter. Nimmt man die drei Punkte zusammen, stellt sich heraus, dass der Open Mike neben einer Bühne für junge Literaten auch etwas anderes ist: Eine Leistungsschau der deutschen Wertungsindustrie. Und irgendwie ist jeder bis rauf zu Herrn Biller gelangweilt. In der Regel wird das allerdings auf den Rücken der Autoren ausgetragen. Exemplarisch Jana Hensel, die, jüngst in den Betrieb hinaufgeklettert, die Leiter einfach umwerfen möchte. Sie fragt, "... ob deutsche Dichterzimmer vielleicht zu lange nach Talenten durchsucht wurden.“ Wie heißt es so schön bei Pericoli/Pirella: Einen jungen Schriftsteller "zu verreißen ist ein wahres Vergnügen, es macht den andern Spaß, es macht einem selber Spaß – und es kostet nichts.“ Lyrik-Trend? Hier noch ein Wort zur Lyrikauswahl von Daniela Seel. Alle drei von ihr gewählten Kandidaten lassen sich lesen, ohne dass einen diese zermürbende Trägheit befällt, die bei der Lektüre selbst hochklassiger Gegenwartsanthologien oft aufkommt. Zu ihren Auswahlprinzipien äußert sie: "Die Gedichte müssen mich selbst überzeugen. Und dann habe ich darauf geachtet, dass unterschiedliche Ansätze in die Endrunde kommen. Dass ich die drei so zusammenstelle, dass man eine Bandbreite von poetischen Möglichkeiten sieht.“ Nun ja, zweifellos kommt Jan Imgrund (in Berlin für einige der Überzeugendste) stärker von Redewendungen her, wärend bei Mathias Traxler Lautspiele über die Vokale sowie Sprünge zwischen verschiedenen Wortfeldern auffallen und Judith Zander einen abgeklärt vorsichtig rhythmisierten Ton präsentiert, der von der Naturlyrik des zwanzigsten Jahrhunderts ebenso weiß wie von Eliot. Eines fällt aber doch auf. Alle drei Lyriker scheinen ihre Gedichte aus dem Satz heraus zu entwickeln. Es gibt Fragmente, sogar Wortreihen, das eigentliche Bindemittel ist aber in jedem Falle die Satzgrammatik. Niemand, dem der Vers das Urphänomen der Lyrik ist, niemand, der seine Texte durch Arbeit am Wort gewinnt. Sollte es etwa so sein, dass es einen Trend gibt? Etwa derart: Nachdem der Vers verschlissen oder bewußt destruiert ist, stellen sich die Dichter nun dieselbe Aufgabe beim Satz? "Nein. Es war breit gefächert.“ sagt Daniela Seel, nach Tendenzen befragt. (Poetenladen) Dann scheint es doch so zu sein, dass sie zwar vielleicht einen guten, aber eindeutig profilierten und etwas rigiden Geschmack hätte. (Dieser läßt sich ja ins kookbooksprogram hinein verfolgen.) Dies soll keine Kritik sein, an einem solchem Profil kommt ein ernster Leser sicher schwer vorbei. Von Interesse ist das vor allem deshalb, weil es ein bezeichnendes Licht auf die Konstruktion des Berliner Preisvergabeverfahrens wirft. Eventuell ist es von Fall zu Fall ja eher nur eine hypothetische Möglichkeit, dass ein Text von seinen Verfahren her genau mit der Schnittmenge arbeitet, die sowohl einen Vorjuror überzeugt, als auch den Endrichter soweit hinter dem Ofen hervorlockt, dass der sich mit vielleicht zwei Gegenstimmen streitet. Die oft spröden Textblöcke, die Barbara Köhlers inneren Filter passieren, sehen ja zum Beispiel anders aus als die oft süffigen, oft hippen Texte, die das Idsteiner Lektorat erfolgreich durchlaufen. | ||||||
In diesem Monat über (zur Nachricht bitte nach der angegebenen Nummer blättern - Sachregister unten) Aichinger, Ilse: 10
Abidjan: 84 | ||||||
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