Homepage von Michael Gratz LYRIK-ZEITUNG & POETRY NEWS  
"Nein, diese Seiten sind leider kein Gedicht - sie handeln nur davon. Das aber in einer Vollständigkeit, die ... ihresgleichen sucht." (Der Tagesspiegel)

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05/2004

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115. Komm Gott Künstler

Passend zum lieblichen Fest bringt uns die NZZ am 29.5. eine Auslegung von Goethes Übersetzung des Veni Creator Spiritus - gelesen als Schutzpatron eines Dialoges nicht nur zwischen Oben und Unten, Poesie und Religion, sondern auch zwischen Orient und Okzident.

Hier Goethes Text (und anschließend eine Auslese verschiedener Fassungen der ersten Zeile):

Veni Creator Spiritus Weimar, den 10. April 1820

Komm heiliger Geist, du Schaffender,
Komm, deine Seelen suche heim;
Mit Gnaden-Fülle segne sie
Die Brust, die du geschaffen hast.

Du heissest Tröster, Paraklet,
Des höchsten Gottes Hoch-Geschenk,
Lebend'ger Quell und Liebes-Gluth
Und Salbung heiliger Geistes-Kraft.

Du siebenfaltiger Gaben-Schatz,
Du Finger Gottes rechter Hand,
Von ihm versprochen und geschickt,
Der Kehle Stimm' und Rede gibst.

Den Sinnen zünde Lichter an,
Dem Herzen frohe Muthigkeit,
Dass wir, im Körper wandelnden,
Bereit zum Handeln sei'n, zum Kampf.

Den Feind bedränge, treib' ihn fort,
Dass uns des Friedens wir erfreun,
Und so an deiner Führer-Hand
Dem Schaden überall entgehn.

Vom Vater uns Erkenntniss gib,
Erkenntniss auch vom Sohn zugleich,
Uns, die dem beiderseit'gen Geist
Zu allen Zeiten gläubig flehn.

Darum sei Gott dem Vater Preis,
Dem Sohne, der vom Tod erstand,
Dem Paraklet, dem wirkenden
Von Ewigkeit zu Ewigkeit.

-----------------------------------------------------------------

veni creator, spiritus

KVm schepfaer, heiliger geist,
(namenlos, 13. Jh.)

KOm, Got schepfer, heyliger geyst,
(Martin Luther, 1524)

Creator Spirit, by whose aid
(Dryden)

Komm Heilger Geist, du Schöpffer du,
(Angelus Silesius, 1668)

Komm heiliger Geist, du Schaffender,
(Goethe 1820)

Komm heilger Geist, der Alles schuf,
(Karl Simrock, 1850)

Come, Holy Ghost, Creator Blest,
(Edward Caswall 1814-1878)

Komm zu uns nieder, Schöpfergeist
(Friedrich Wolters 1914)

Komm heiliger Geist du, schöpferisch!
(Franz Werfel)

Komm, Heil´ger Geist der Leben schafft,
(unbekannt, www)


Vgl. auch Klaus M. Rarisch /
114. Irgendwie auch zu Pfingsten passend: ein taz-Bericht (29.5.) über die "Generation Waldeck" (sic) - die Geburt der neuen bundesdeutschen Folk- und Liederszene vor 40 Jahren. (Und Dieter Süverkrüp wird 60).
113. Die Presse, Wien zum Fest am 30.5.: Franzobel: Dicke Titten (Gedicht)

112. Gedächtnis durch Wiederholung

Für die Musik gilt, was für unsere gesamte Kultur Geltung hat: Sie muss, durch Wiederholung ihrer besten Stücke, ein Teil unseres Gedächtnisses bleiben. Das hat nichts mit dem gereizten Gespenst der Werktreue zu tun. Es hat ausschliesslich damit zu tun, dass nur die Kenntnis dieser Musik die neue Musik verständlich macht. Als Alfred Brendel damit begann, sich immer intensiver mit Haydn zu beschäftigen, ging vielen ein Licht oder besser ein Ohr auf: Das ist auch unsere Musik, und Alfred Brendel hat sie für uns in unser kulturelles Gedächtnis gespielt. Ich möchte Ihnen, statt viele Worte zu machen, ein kleines Gedicht von Tomas Tranströmer vorlesen, das besser und genauer sagt, was ich meine:

Allegro

Ich spiel Haydn nach einem schwarzen Tag
Und spüre eine einfache Wärme in den Händen.

Die Tasten wollen. Milde Hämmer schlagen.
Der Klang ist grün, lebhaft und still.

Der Klang sagt, dass es die Freiheit gibt
Und dass jemand dem Kaiser keine Steuer zahlt.

Ich schiebe die Hände in meine Haydn-Taschen
Und ahme einen nach, der die Welt gelassen betrachtet.

Ich hisse die Haydn-Flagge - das bedeutet:
«Wir ergeben uns nicht. Sondern wollen Frieden.»

Die Musik ist ein Glashaus am Hang,
wo die Steine fliegen, die Steine rollen.

Und die Steine rollen quer hindurch,
doch jede Fensterscheibe bleibt ganz.

/ Michael Krüger, Laudatio auf Alfred Brendel, NZZ 29.5.

111. Geistige Gummibärchen: Wieder sehr gelehrt heute

Eine typische Wendung des sehr verehrten Perlentaucher begegnet heute einmal wieder:

Weitere Artikel in der sehr gelehrten Beilage heute:

Sehr gelehrt bezieht sich meist auf die Schweiz, will sagen die "Neue Zürcher Zeitung". Es bedeutet, daß die Helvetier noch nicht richtig bei unserem jeweiligen Postpoststandard angekommen sind. Die leisten es sich noch, Aufsätze über musikalische Motive bei Klopstock, Renaissanceimpresen, den Schweizer (sic) Ultramontanismus und ähnlich entlegene Gegenstände auf die Feuilletonleser loszulassen. Ja, die schrecken nicht einmal davor zurück, Bücher in englischer, französischer oder italienischer Sprache zu besprechen, bevor (oder ohne daß!) sie ins Deutsche übersetzt wurden. Gott sei Dank werden unsere klugen Köpfe deshalb vorgewarnt, sofern sie den Perlentaucher dazwischenschalten. Das könnte sonst Beulen geben.
(Dabei lieben wir die Schweizer dafür, n´est-ce pas?)!

– Aber was meint der Schelm/ die Schelmin hiermit, Perlentaucher a.a.O. über einen Artikel der Süddeutschen?:

Lothar Müller schreibt, ohne sichtbaren Anlass und Kontext, eine Hymne auf die Zunge: "Berühmt ist sie für die Beweglichkeit, die sie bei der Erforschung und Beglückung von Körpern an den Tag legt."
--> Apostelgeschichte 2

Lesetip: Die Presse (Wien) am 29.5. über die widerliche "Geiz-ist geil"-Werbung

110. Sensationelles meldet die FAZ am 29.5.: Peter Handkes Gedicht über die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27. Januar 1968 ist falsch! Mehr hier.
109. Michael Krüger schreibt in der Frankfurter Anthologie der FAZ am 29.5. über ein Gedicht von Hermann Lenz:
Kein Haus gebaut,
Keinen Sohn gezeugt,
Nur Bücher geschrieben.

...

108. Lwowek Slaski (Löwenberg)

ist ein kleines, nahezu unbekanntes polnisches Städtchen, etwa auf halbem Wege zwischen Wroclaw (Breslau) und Dresden gelegen. Doch am Sonnabend will der Ort mit einem ungewöhnlichen Literatur-Projekt von sich reden machen. Unter dem Motto "Vademecum - Begegnung auf niederschlesischem Boden" treffen sich im Alten Rathaus der Stadt 14 Autorinnen und Autoren, sechs von ihnen aus Polen, sieben aus Deutschland, einer aus der Tschechischen Republik, zu einer großen Lesung aus ihren Texten. Mit dabei sind die Lyrikerin Renata Maria Niemierowska, die vor vier Jahren das deutsch-polnische Poesie-Projekt "Orpheus / Orfeusz" initiierte, außerdem die damals ebenfalls beteiligten Urszula Benka, Marek Sniecinski und Bettina Eberspächer, Übersetzerin polnischer Lyrik, sowie der Dichter Richard Pietraß. / Dresdner Neueste Nachrichten 29.5.*)
107. Zum Abschluß der Guardian-Serie am 29.5. zur Poesie der neuen EU-Länder: Tomaz Salamun, Slowenien.

Tomaz Salamun is a monster.
Tomaz Salamun is a sphere rushing through the air.
He lies down in twilight, he swims in twilight.
People and I, we both look at him amazed,
we wish him well, maybe he is a comet.
Maybe he is punishment from the gods,
the boundary stone of the world.
Maybe he is such a speck in the universe
that he will give energy to the planet
when oil, steel, and food run short. (...)

106. Außerdem in der Guardian-Reihe: am 15.5. die ungarische Dichterin Ágnes Nemes Nagy
105. Die Heteronyme Pessoas psychoanalytisch aufzuschlüsseln und sie auf eine Persönlichkeitsspaltung zurückzuführen, ist eine sehr suggestive Lösung für das Problem, das sich dem Leser stellt - doch die literarische Motivation, die Pessoa dazu trieb, ist nicht zu unterschätzen. In Portugal gab es zu diesem Zeitpunkt kein Bewusstsein für die Moderne, und Pessoa arbeitete daran, einen ganzen literarischen Kosmos für Portugal zu entwerfen, damit wahre Zeitgenossenschaft möglich würde. Alberto Caeiro war dabei eine unerreichbare Sehnsucht. Hinter der Einfachheit, die in seinen Versen zum Ausdruck kommt, verbergen sich viele Abgründe, und Pessoa gelang es wohl nur an jenem "triumphalen Tag", sie hinter sich zu lassen. Es war nicht leicht, das zu wiederholen. Alberto Caeiros Verse, die eine mythische Einheit zwischen Dichter, Natur und Weltall beschwören, haben deswegen aus mehreren Gründen etwas Kostbares. / Die Welt 29.5.
Fernando Pessoa/ Alberto Caeiro. Poesia - Poesie. Hrsg. von F. C. Martins und R. Zenith. Aus dem Portugiesischen von Inés Koebel und Georg Rudolf Lind. Ammann, Zürich. 227 S., 26,90 EUR.

104. Marianne Moore must teach us to read her. Her poems are instructions in how to read her poems. She must polish us until we are bright enough to see her; she must refine our ability to discriminate before we can apprehend her discriminations. Marianne Moore has said, "Originality is the byproduct of sincerity," a pronouncement worthy of savoring for its economy alone, and worthier still as a key to understanding her simplicity. All those high jinks, all those arabesques of argument and expression, all those exact and exacting quotations that are characteristic of Marianne Moore's poetry are utterly sincere; and a certain rest is afforded by this deep and incontestable sincerity. She is saying it as straight as she can, and that fact preserves her beautiful house of cards (mostly face cards, of course, seventeenth-century French). The winds of impatience do blow, but they don't blow her down. / Kay Ryan, The Yale Review 


103. Lesen Sie im Independent vom 28.5. über eine irische Anthologie der englischen Poesiezeitschrift Agenda und - nicht über sondern die Sache selbst: - ein Gedicht über drei Orangen und eine Birne auf Baudelaires Grab von Michael Longley.

'Agenda', The Wheelwrights, Fletching Street, Mayfield, East Sussex TN20 6TL (www.agendapoetry.co.uk; mail to: editor@agendapoetry.co.uk)

Hier eine Besprechung im Guardian vom 24.5. von

Snow Water
by Michael Longley
84pp, Jonathan Cape, £8

102. Thomas Brasch, der davon lebte, sein Denken zu veröffentlichen und zu verkaufen, blieb sich treu, auch als der Erfolg nachliess. Nun ist «Der schöne 27. September», mit einem klugen Nachwort von Christa Wolf versehen, in der Bibliothek Suhrkamp neu aufgelegt worden. Das Wiederlesen lohnt sich. / NZZ 27.5.

Thomas Brasch: Der schöne 27. September. Gedichte. Mit einem Nachwort von Christa Wolf. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2004. 86 S., Fr. 19.90.


101. Harry Hass selbdritt

Das Kaffee Burger war halb voll: Das neue Buch von Frank-Kirk Ehm-Marks "Eintöniges Leben in schmucklosem Raum" sollte vorgestellt werden. Frank-Kirk war früher mal Junkie. In seinem Büchlein, erschienen im anarchistischen Karin-Kramer-Verlag, erzählen Gedichte und Zeichnungen von einem süchtigen Leben, ausdrucksstark eigentlich. Keine große Literatur, aber sympathisch wie der Autor, der eher unauffällig mit Brille, kurzen Haaren und Jeansjacke im Raum herumstand und mich an einen haschischsüchtigen Geschichtslehrer erinnerte.

Zur Buchpräsentation hatte Erik Steffens, der Herausgeber, zwei weitere Dichter eingeladen: Johannes Jansen vom Rande des Prenzlauer Bergs, der in den 90er-Jahren mal was beim Bachmannpreis-Lesen gewonnen hatte, und Harry Hass, den letzten Beatnik, vielleicht gar letzten poète maudite. ...

Ganz großer Auftritt. Wie soll man es beschreiben? Poème en prose im Geiste Ginsbergs (Ezra Pounds, Walt Whitmans) ohne den Hauch des Epigonenhaften. Harry Hass ist besessen von der deutschen Geschichte und liest in der Nähe der Adolf-Hitler-Straße, des Hermann-Göring-Platzes. Es geht um Kanaken aus den unterschiedlichen Gegenden Deutschlands und der Welt. Er rappt eigentlich, gebraucht seine Stimme wie ein Instrument, nur ohne diese Macho-Gesten des "Schaut her, wie super ich bin", improvisiert für die Außenseiter, manchmal sanft auch; die Wörter sind Klänge zwischen Traum und Schlaf, infiziert von einer Geschichte der Gewalt. / Detlef Kuhlbrodt, taz 27.5.


100. Der in Italien lebende und derzeit als Stadtschreiber Dresdens tätige österreichische Autor Christoph Wilhelm Aigner erhält den mit 10.000 Euro dotierten Anton Wildgangs-Preis 2003 der österreichischen Industrie. Der Preis wird am 15. Juni im Haus der Industrie in Wien überreicht, teilte die Deutsche Verlags-Anstalt (DVA) mit. / Vorarlberg Online
99. Der Cuxhavener Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik geht in diesem Jahr an den Autor Robert Gernhardt. Die mit 15 000 Euro als einer der höchstdotierten Lyrik-Preise im deutschen Sprachraum geltende Auszeichnung wird am 4. Juni im Stadttheater Cuxhaven überreicht, wie die Stadt mitteilte. Mit der Auszeichnung werden Dichter geehrt, die einen bedeutenden Beitrag zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur geliefert haben.

98. Matthias Dix, Theaterlyriker

Die Zukunft des Theaters liegt in der Lyrik. Davon ist Utopist Dix überzeugt, wenn er seine poetischen Gegenwelten auf der Bühne durch den Schauspieler zu retten versucht. Das ist seine öffentliche Mission. Seine private geschieht im eigenen lyrischen «Bergwerk». Zu Hause, am Schreibtisch, entstehen Gedichte zu Stefan George. Er titelt seine poetischen Hefte mit zugriffigen Absichten wie «Die Rodung des Lorbeerhains». Matthias Dix ist ohne handfeste Arbeit kein Ganzes. / Daniele Muscionico, NZZ 28.5.

Baden, Teatro Palino, «Der Utopist», bis 29. Mai.


97. Der Papst mag Pfadfinder- und Partisanenlieder, meldet die FAZ am 28.5.

96. Post zu Weinheber

(--> 90)
ln Ihrer neuen Lyrikpost (www.lyrikzeitung.de)  kam der Österreicher Josef Weinheber schlecht weg mit seinem Nazi-Gedicht.
Immerhin widmete W.H. Auden dem toten Weinheber eigene Zeilen...


Ich las W.H. Auden:
1)
NATUR DRINGT EIN: ALTE KRAEHEN IN JEDEM COLLEGE-GARTEN
PLAPPERN NOCH IMMER, WIE LEBHAFTE BABIES, DIE SPRACHE DER GEFÜHLE.
Schreie der Möwen am Morgen sind traurig wie Arbeit.
Hoch über Frankreich ein voller Mond, kalt und verführend.
Über die Heide bläst naß der Wind. Mein Rock ist verlaust und die Nase rinnt.
Hell, bis tief in die Nacht,
sind die Fenster
der Mächtigen, und dort hocken sie tiefgebeugt
über irgendeinem
erschöpfenden Bericht über dies und das.
Die Hagedorndecken blühen weiß.
Nach Annäherung zu verlangen - in Straßen vollgestopft -
Die Augen der Krähen und das Auge der Kamera gehen
hinaus auf die Welt Homers, nicht unsre ...
Und geschulte Logiker stritten, das Denken zu bergen
vor Wildwuchs in einzelnen Köpfen für ihre Stadt ...
 
Schließlich ist es ein Privileg inmitten des Wohlstandgetümmels
dieser unbeliebten Kunst zu dienen, die sich nicht
in Nebengeräusche beim Studium verwandelt,
nicht als Trophäe eines von Karrieremachern erreichten Ranges
an die Wand gehängt, nicht «erledigt» wie Venedig...

2)
Und den Bann unsrer SELBSTVERZAUBERUNG brechen: -
JOSEPH WEINHEBER:  "Heute lächeln wir bei Hochzeiten"
for even my English ear
gets in your German              
the workmanship and the note     
of one who was graced               
to hear the viols playing            
on the impaled green,                
committed thereafter                    
DEN ABGRUND ZU NENNEN.         
                        *  *  *                                        
Denn selbst mein englisches Ohr
entdeckt in deinem Deutsch
die Meisterschaft und den Tonfall
eines, dem es vergönnt war,
das Spielen der Bratschen
auf umzäuntem Rasen zu hören,
und dem es später oblag,
DEN ABGRUND ZU NENNEN.

AUDEN

Gruss aus Hamburg
Wilhelm Fink

(Lieber Wilhelm Fink: Gewiß kann man anderes sagen. In dem Beitrag kam es mir eher auf Gerechtigkeit für Kramer an. 1955, als eine Wiener Selbstgerechtigkeit so warmherzig Weinhebers gedachte, der sich wenige Tage vor dem Einmarsch der sowjetischen Soldaten das Leben nahm (aus Scham und Angst doch) - wo war denn da Kramer? Wer gedachte seiner? Wie viele folgten ein paar Jahre später seinem Sarg? Wie viele Schüler – in Österreich und Bundesdeutschland – lasen in den 50er und 60er Jahren Weinheber, wie viele Kramer?
Vielen Dank für schöne Gedichte und anregende Beiträge, Ihr M.G.!)

95. Britanniens Poet Laureate Andrew Motion (--> 88) spricht im Independent vom 27.5. über seine Erfahrungen beim Lehren von "Creative Writing".

94. Karole Armitage: 10 Poems

In St. Pölten erarbeitet sie mit der abcdancecompany "10 Poems" zur Musik von György Ligeti - heute, Donnerstag, ist Premiere. Ligeti vertont in diesen Liedern Gedichte von Sándor Weöres. Für Armitage sind das "verzauberte Fantasiestücke, die eine harte, unvorhersehbare Welt voll Schönheit ausdrücken". Daraus will sie bunte Stimmungsbilder und eine Palette von Bewusstseinszuständen - "vom Nonsens über Romantik bis zur Gewalt" - in körpersprachlicher Übersetzung auf die Bühne heben. "Es ist wie ein Liebesakt von Tanz und Musik. Wie bei einem Liebespaar sind beide eigenständig und doch symbiotisch. Das ist eine große Herausforderung." / Die Presse 27.5.

93. Petrarca in Hamburg

Der italienische Dichter Francesco Petrarca (1304-1374) feiert in diesem Jahr seinen 700. Geburtstag. Das wird am morgigen Donnerstag mit einem Konzert des Ensembles Il Cantiere delle Muse gefeiert, veranstaltet vom Italienischen Generalkonsulat, dem Istituto di Cultura und der Società Dante Alighieri. Im Spiegelsaal des Museums für Kunst und Gewerbe (Steintorplatz 1) präsentiert das Ensemble Vertonungen von Petrarcas "Canzomere", Paola Fressoia trägt Petrarcas Dichtung auf Italienisch vor. Beginn 19.30 Uhr. Eintritt 10 Euro. / Hamburger Abendblatt 27.5.

92. Kairo &  Oliver

Der heutige Dienstag: ein kleiner Tag für José Oliver, ein großer Tag für Kairo. Endlich, endlich ist er weg, der deutsche Dichter! Die Menschen in der ägyptischen Hauptstadt werden erleichtert durch die Straßen tanzen: Das undurchdringlich dunkle Sprachgewölk, das sich am 5. Mai plötzlich über ihre Stadt gelegt hatte, es hat sich wieder verzogen.

Dabei war das ja ursprünglich eine hübsche Idee vom Goethe-Institut: Sechs deutsche und sechs arabische Stadtschreiber sollen im Verlauf dieses Jahres aus dem städtischen Alltag der jeweils fremden Kultur berichten, sollen einen Monat lang ¸¸in die Gesellschaft einer Metropole eintauchen und von ihren Erlebnissen und Eindrücken berichten". Sehr gut, endlich lernt man mal was über diese Araber. Der Schwarzwälder Dichter José Oliver hat den Anfang gemacht und war für einen Monat in Kairo. Was für ein interkulturelles Desaster. / SZ 25.5.

Goethe-Institut über das Projekt Stadtschreiber


91. "LIEBE IST QUANTENMECHANISCH UND MEDITATIEF"


Lesung von Tom de Toys (Berlin) im Falladahaus in Greifswald

Ein Star des Berliner Underground ist am Mittwoch im Falladahaus zu erleben. In Greifswald konnte man ihn bislang nur im Internet kennenlernen – oder sehr indirekt in dem Kinofilm „Poem“. Der Titel der Lesung nämlich ist ein Zitat aus dem religionskritischen Gedicht "UEBERSTROEMUNG", für das die Geschlechterkampf-Szene dieses Films mit 300 nackten Statisten (und Fanta4-Sänger Smudo als Heerführer) ursprünglich gedreht wurde, bevor die Szene in den Nachspann rutschte und mit Beethoven/Schillers Ode "An die Freude" unterlegt wurde. De Toys wird im Fallada-Haus eine Mixtur aus seinen verschiedenen poetologischen Ansätzen bieten, von spirituellen Kurzgedichten bis zu echter Liebeslyrik ("E.rweiterte S.achlichkeit"), von Slamkaskaden bis zur Quantenlyrik - und von essayistischen Popsatiren ("Neue Lässigkeit") bis zur Antiprosa. – Bereits am Mittwochnachmittag wird er im Rahmen eines Seminars von Dr. Michael Gratz mit Studenten über seine Poesie und Poetik diskutieren. Und sicher gibt es Bücher und CDs, die im Buchhandel nicht lieferbar sind.
Termin der Lesung: Mittwoch, 26.5., 20 Uhr. Falladahaus, Steinstraße (Hofeingang)
Eintritt 3 € (erm. 2 €)



Kurzer Lebenslauf von Tom de Toys (1968-2069)

Gründer der Schutzmarke "Poemie", Vertreter der Jülicher Transrealistik, Erfinder der Quantenlyrik, Entdecker der Erweiterten Sachlichkeit. 9 Jahre Klavierunterricht. Malt, schreibt und tritt auf seit 1984. Frühere Band in Düsseldorf: "Das Rilke Radikal" mit Marcus Klische (Ex-Trompeter bei Heavy Gummi), 1998-2000 Betreiber des Literatursalons im Berliner Kunsthaus Tacheles. Entwickelte 2000 die Musikreform "Das Desinteressierte Klavier", am 9.3.01 Welturaufführung der Quantenlyrik an der Universität Sao Paulo (dank Goethe Institut). Seit 1999 Vorbereitung der Gesamtwerkausgabe "LOCHISMUß LEICHTGEMACHT" (geplant 2006) mit über 1000 Gedichten.


90. Kramer 1: Requiem für einen Faschisten

Heute muß ich Ulla Hahn danken: In der Frankfurter Anthologie präsentiert sie ein Gedicht, das ich seit langem kenne – aber was sie herausgefunden hat, war mir unbekannt. Es stammt von Theodor Kramer, deutscher Dichter und Jude, Anfang der 30er Jahre einer der meistgedruckten Autoren im deutschen Feuilleton, dann von den Nazis ziemlich dauerhaft verbannt. 1945 schrieb er das Gedicht Requiem für einen Faschisten. Was ich nicht wußte: gewidmet war es einem österreichischen Dichter der "anderen Seite": Josef Weinheber, nach 1933 einer der Profiteure der Vertreibung mißliebiger Schriftsteller, – nun wurde er geehrt, er blieb lange auch nach 1945 ein Lieblingsdichter des deutschen Bürgertums, der die (bundes)deutschen Anthologien zierte. Ulla Hahn:
Theodor Kramer hat ein großes Gedicht daraus [aus "seinen großen Schmerzen"] gemacht. Noch ist in den Strophen der Druck der Todesgefahr zu spüren, bis hinein in die Naturbilder, die auch als Reverenz an Weinheber und dessen klangmagische Strophen gelesen werden können; doch weder großartig noch anheimelnd, vielmehr unheimlich, ja widerlich sind die Bilder, die der Dichter wählt, ein Leben blinder, wimmelnder, triebhafter Fruchtbarkeit – auch eine metaphorische Absage an die anti-aufklärerische, [an] die Instinkte appellierende Ästhetik der Nazis.

Hier Gedichte und Links

Gruß Joseph Weinhebers beim "Anschluß" Österreichs 1938:
Deutschland, ewig und groß,
Deutschland, wir grüßen Dich!
Deutschland, heilig und stark,
Führer, wir grüßen Dich!
Heimat, glücklich und frei,
Heimat, wir grüßen Dich!
Hier eine Meldung aus dem Wien des Jahres 1955, Felix A.:

Auf den 8. April fällt der 10. Todestag des Dichters Josef Weinheber, der sich als Lyriker zu einem bedeutenden Repräsentanten der österreichischen Literatur entwickelt hat.

Am 9. März 1892 in Wien geboren, wuchs er früh verwaist im Hyrtl'schen Waisenhaus in Mödling auf, wo er sechs Jahre verbrachte. Materielle Not und seelische Vereinsamung trieben ihn einem tiefen Pessimismus entgegen. Er trat in den Postdienst, den er bis 1934 versah. Weinheber siedelte sich in Kirchstetten an. Seine in vielen Bänden zusammengefassten Gedichte zeigen eine meisterhafte Beherrschung der Sprache. Mit Hölderlin gemeinsam ist ihm die Bevorzugung hymnischer Formen und die Begeisterung für die Antike. Auch als Erzähler und Essayist ist Weinheber hervorgetreten. Weinheber wählte den Freitod.



89. Kramer 2: Das Vulgäre, Poetische

Hier ein älterer Aufsatz von Hannes Schwenger (Die Welt 29.5.1999) über eine Kramer-Auswahl von Herta Müller:

Ihn hatten sie - mit einem boshaft auf Theodor "Israel" Kramer ausgestellten Paß - 1938 nach mehreren Interventionen ausreisen lassen.

Der britischen Einwanderungsbehörde war er von Thomas Mann als "einer der größten Dichter der jungen Generation" empfohlen worden. Aber er blieb - ein Gedichttitel aus dem Exil - "Fremd in London", wurde als Enemy Alien interniert, lebte als Bibliothekar zur Untermiete in Guilford, verübte einen Selbstmordversuch und wurde erst 1957 aus einer Nervenheilanstalt nach Österreich entlassen: Mit einer "Gnadenpension", die ihm das Leben als Untermieter in Wien ermöglichte.

"Ich leb' verstört dahin" ist der Titel eines einer letzten Gedichte vom Januar 1958. Er starb am 3. April des Jahres an den Folgen eines Schlaganfalls; das letzte Gedicht, vier Wochen vor seinem Tod verfaßt, heißt "Die ungesichteten Gedichte".

Herta Müllers Auswahl ... legt den Schwerpunkt auf die Verse der inneren und äußeren Emigration und die oft erotischen Altersgedichte, die sie besonders hervorhebt: "Kein anderer Autor der deutschen Lyrik hat die panische Liebesgier im Alter, das Aug-in-Aug mit dem Lebensende so kompromißlos im Lachen und Klagen und in allen Facetten beschrieben." Allerdings zweifelt sie, ob die deutschen Leser "das Vulgäre, das unverblümt und rasant ins Poetische steigt" zu schätzen wissen: "Kramer ist es gelungen. Es hapert nur an Lesern, die bereit sind mitzugehen. Der deutschen Literatur wurde absichtlich oder unmerklich das Fenster zur Sinnenlust zugemauert."

Wird Zeit, daß wieder einmal eine Mauer fällt.


88. Im Guardian vom 22.5. setzt Andrew Motion die Reihe zur Poesie der Neu-EU-Länder mit dem Tschechen Miroslav Holub fort. Zwei kontroverse britische Standpunkte:
  1. Interviewing Philip Larkin in 1964, Ian Hamilton wondered if he read "much foreign poetry". "Foreign poetry?" came the incredulous reply; "No!" The answer confirmed attitudes for which Larkin was already well known, and also reflected the views of the Movement poets in general. For ill as well as for good, insular anti-Modernism was one of their hallmarks.
  2. [Holub´s poem] "The Fly" was included in Paul Keegan's tremendous New Penguin Book of English Verse (2000). It was a controversial choice (Holub English?) yet it accurately weighed the importance of George Theiner's translation to a non-Czech readership. It also recognised that Holub's great achievement as a poet is to comment on the whole of human experience, not just one country's particular history.

87. Das Unglaubliche ist geschehen: kein Dichter, sondern ein Kritiker wurde neuer Oxford Professor of Poetry. / u.tv 15.5. (--> 65)

86. Das ideale Prosagedicht

gleicht einem Tagtraum und ist "ein kleines, abgeschlossenes Werk, vollkommen logisch im Rahmen seiner Verrücktheit" (Russell Edson). Bei Poetry Daily lesen Sie ein Gespräch mit Peter Johnson, der so (shall we say mad? we shall, quoth gifted she) verrückt war, eine Zeitschrift mit dem Titel "The Prose Poem: An International Journal" zu gründen.

85. Im 20. Jahrhundert hat Rheinhessen Dichter hervorgebracht, in deren Werk die Landschaft gegenwärtig bleibt, der Rhein, die Reben und die alten Städte, bei deren Lektüre aber das Wort «Heimatdichtung» auf der Zunge zerfällt. Für Stefan George aus Bingen-Büdesheim, Sohn eines Weinhändlers und Gastwirts, blieben der Fluss und der heimische Landstrich ein poetisches Gegenüber, auch wenn er, am französischen Symbolismus orientiert, alles Lebendige ins metaphysisch Bedeutungsvolle stilisierte. Er hat es in Bingen nicht ausgehalten; er lebte ohne festen Wohnsitz in Berlin, München oder Heidelberg und starb im Dezember 1933 bei Locarno. / NZZ 22.5.

(Die NZZ-Literaturbeilage vom 22.5. bringt ein ganzes Dossier zum Thema Landschaft).

84. Bregenz (VLK)  Das mit 6.550 Euro dotierte Literaturstipendium des Landes Vorarlberg 2004 erhält die in Hohenems lebende Autorin Gabriele Bösch. Erfreut zeigt sich Kulturlandesrat Hans-Peter Bischof über die Entscheidung der Kunstkommission und die Vielfalt der insgesamt 41 Einreichungen. "Die Literaturszene in Vorarlberg hat sich in den letzten Jahren sehr positiv weiter entwickelt, mit dem Preis soll die Konzentration auf das künstlerische Arbeiten erleichtert werden."

Die Jury begründet ihre Entscheidung so: "Gabriele Böschs "Der geometrische Himmel" ist eine sehr nahe an der Realität angesiedelte, genaue und gleichzeitig außergewöhnlich poetische Milieuschilderung. Sie besticht durch ein hohes Maß an Gefühl für die Ökonomie der Sprache sowie einen souveränen und reflektierten Umgang mit der Erzählperspektive." / Vorarlberg Landeskorrespondenz 


83. Grünbein mokant

Durs Grünbeins lyrisches Postskriptum «An Seneca», das in einer editorischen Komposition der bei Suhrkamp erscheinenden «Bibliothek der Lebenskunst» Senecas bald zweitausend Jahre alte Schrift präludiert, weitet die Skepsis ins Allgemeine: «Sein eigner Herr, Freund sapiens, wie wird man das, / Zerzaust von tausend Interessen, jeder gegen jeden? / Das Menschenherz, hast du es je gesehn, den Klumpen, / Den blutig zuckenden? - Ein bodenloses Fass. / Es sind die Nerven selbst, die sich da subkutan befehden. / Ein schöner Traum, das Denken, wo die Adern pumpen. / Verzeih mir Toter, den mokanten Ton.» / Uwe Justus Wenzel, NZZ 22.5.

Durs Grünbein: An Seneca. Postskriptum. / Seneca: Die Kürze des Lebens. (Aus dem Lateinischen von Gerhard Fink.) Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2004. 85 S., Fr. 27.40.


82. "Poet's Choice": Edward Hirsch introduces a poem by Thom Gunn (der im April im Alter von 74 verstarb). / The Washington Post 23.5.

81. Interestingly, it is his longer poems, and those in series, where Mr. Miller achieves his greatest resonance. Two sets stand out: a group of poems about Omar, a Muslim boy in post-9-11 America, told from the point of view of his black schoolmate, and a pair of poems spoken by a woman suffering from breast cancer.

That pair is part of a number of poems scattered through the book written in the voice of women, including Anna Murray Douglass, wife of Frederick Douglass, and that seem to pop up whenever the reader has grown accustomed to and comfortable with the book's male voice and persona.

What is most appealing about E. Ethelbert Miller, along with his quite wonderful name, is his lack of affectedness. This is Mr. Miller's eighth book of poetry, and his perspective is now that of a lifetime. The defining image of How We Sleep on the Nights We Don't Make Love is the equator, being in the middle , the circle that comes back upon itself.

The death of the poet's father, described in the book's most moving poem, is reprised in what must be its most evocative:

"The face of my father/is now my own./My hands now show/their age and not what/they have built."

/David Walton', Dallas Morning News 14.5.

How We Sleep on the Nights We Don't Make Love
E. Ethelbert Miller
(Curbstone Press, $12.95 paperback)


80. Dichter und Separatist: Apti Bisultanow

Bisultanov ist ein moderner Dichter, der alttschetschenische Traditionen mit Stilmitteln der Moderne verbindet. Seine dichterische Sprache ist kunstvoll und enthält eine Fülle von Reimen, Querreimen und Klangassoziationen vom schweren Rhythmus des tschetschenischen Heldenliedes bis zum vers libre. Viele Gedichte Bisultanovs wurden vertont und leben als Lieder im tschetschenischen Volk. Er unterstützte von Anbeginn die Unabhängigkeitsbewegung und wünscht mit großer Leidenschaft ein freies Tschetschenien. 1999 wurde er zum Vize-Premier für Soziales ernannt. Am 1. Februar 1999 floh er in die Berge. Sein Heimatdorf wurde durch Angriffe der russischen Artillerie vollständig zerstört, Verwandte, Nachbarn und Freunde kamen um. / Mehr

Bei Kitab erschienen:

Apti Bisultanov: Der Schatten eines Blitzes.
Gedichte 1982-2004

Interview mit der BLZ, 21.5./ Ein Gedicht deutsch

79. Pratajev wieder da

Makarios, hauptberuflich Sänger der Leipziger Band „Wissmut“, die direkt in die Fußstapfen von den legendären „Die Art“ getreten sind, gibt heute Gastspiele mit einem seiner Nebenprojekte. Zusammen mit dem ebenfalls aus Leipzig stammenden Liedermacher Pichelstein ziehen sie durch die Lande, um die Texte des russischen Dichters Pratajev (1902-1961) im deutschen Lande dem Volk bekannt zu machen. / Sächsische Zeitung Kamenz 21.5.

Und www.brachialpop.de informiert schon über 

Das III. Pratajev - Sommerfest
mit Konzert in der Dorfkirche von
Dreiskau - Muckern und anschließender Party im und am Künstlerhaus Ostermeyer am
28. August 2004 

[Was los da in der sächsischen Provinz!]


78. Meraner Charme

Es gehört zum Charme eines Lyrikwettbewerbs, dass sich die hochkarätige siebenköpfige Jury mit Hingabe der «bügeleiseneinsamkeit aalglatt» in einem spätfeministischen Gedicht widmet. Die Schöpferin dieses Wortstilllebens, Barbara Hundegger aus Innsbruck, trug bei der siebten Ausgabe des Lyrikpreises Meran auch eine steile Hommage an die irakische Architektin Zaha Hadid in Form eines Sprungschanzen-Gedichts vor. Doch in der maigrün strahlenden Kurstadt hatte die durchaus quälende Sozialkritik der letzten Trägerin des eingestellten Christine-Lavant-Lyrikpreises keine Chance – hier waren eher eine ideologieferne «neue Anschaulichkeit» und das versierte Spiel der Formen gefragt. / Katrin Hillgruber, Berner Bund 18.5.

77. Meraner Lyrikpreis

In einem anderen Fall traute die Jury ihrem Lob für Matthias Göritz nicht, der es als einziger Autor gewagt hatte, aus der mitunter ängstlichen Traditionsergebenheit seiner Kollegen herauszutreten und eine Poetik der Offenheit und des fragmentarischen Subjektivität zu realisieren. Göritz´ Mut, sich wie sein Vorbild, der radikale Formzertrümmerer Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975), auf poetisch noch unvermessenes Gelände zu wagen, „aus der (lyrischen) Sprache und den Festlegungen raus“, wurde nicht honoriert – denn die Preise gingen an die Favoriten. Die Dichterin Silke Scheuermann, die seit ihrem 2001 veröffentlichten Debütband „Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen“ einen phänomenalen Siegeszug durch die Lyrik-Szene angetreten hat,  erhielt etwas überraschend „nur“ den kleinen Förderpreis der Kurverwaltung Meran (2100 Euro). Eine „ausserordentliche Imaginationsbegabung“ (Juror Kurt Drawert), eine verblüffende Raffinesse bei der Anverwandlung mythologischer Figuren (Medusa, Arachne, usf,) hat man Silke Scheuermann zwar zugestanden – aber das Balancieren ihrer Figuren zwischen „Wunderland“ und existenziellem Abgrund stösst seit ihren Erfolgen auf zunehmendes Misstrauen. Der zweite Förderpreisträger Jan Wagner (Alfred-Gruber-Preis, 3100 Euro) betreibt ganz subtil die Revitalisierung einer ästhetizistischen Poetik. Da werden fast demonstrativ „fin de siècle“-Motive aufgerufen – aber dann folgt eine ernüchternde Wendung in die Gegenwart und unter dem Idyll lugt das Grauen hervor. An den zyklisch verwobenen Gedichten des Hauptpreisträgers Michael Donhauser (Meraner Lyrikpreis, 8000 Euro) faszinierte die Inständigkeit,  mit der in einer herbstlichen Landschaft die „Schönheit“ und Vergänglichkeit der Dinge aufgerufen werden. Donhauers lyrische Protagonisten waren schon immer Fussreisende, die im Gleichmass des Gehens durch die Landschaft ihr Versmass zu finden hofften. Mit grosser Emphase näherten sich auch seine preisgekrönten Gedichte den Phänomenen der Natur, von denen sich das Ich eine metaphysische Erlösung erhofft: „Das Sehnen und Sagen, es wehte durch/ die Fluren, ich suchte und wieder jene / Schneebeere als Gewissheit, die Schlehe / und den Holunder, in der Weite, in dem / Schwellen, Atmen, dem Heben wie von Armen, vollen, weichen, als wäre noch / und getragen so der Himmel, .....“ Ein vom Geflüster der Natur ergriffenes Ich wäre noch vor einem Jahrzehnt als schwerer Systemfehler der Dichtung moniert worden. In Michael Donhausers Dichtung erhält dieses naturempfindsame Ich wieder ein poetisches Existenzrecht
MICHAEL  BRAUN
[Dieser Text – hier im Auszug – wurde für die Basler Zeitung geschrieben, aber bisher offenbar (noch) nicht gedruckt. Ich danke dem Autor für die Überlassung.] 17.5.
76. Paul Jandls Fazit zu Meran, NZZ 17.5.:

Mit sehr viel Wohlwollen hat die Jury aus Michael Donhausers Lyrik auch «die Härten der Geschichte» herausgelesen. Wer wie Ulla Hahn ein «Laubtreiben über einen Abstellplatz / mit Kabelrollen, mit Brettern und / Paletten von Ziegeln» gleich für eine Chiffre der Deportation halten will, kann tatsächlich auch bei Donhauser fündig werden.


75. 26. Solothurner Literaturtage 21. bis 23. Mai/  Bieler Tagblatt 18.5.


74. Koeppenpreis für Ludwig Fels

Der Wolfgang-Koeppen-Preis der Hansestadt Greifswald geht im Jahr 2004 an Ludwig Fels.
Er erhält erhält die Auszeichnung für ein Gesamtwerk, das sich über Jahrzehnte jenseits von Korrumpierbarkeit bewegt hat und in einer kompromisslosen Sprache nach der Wahrheit hinter Wirklichkeiten sucht. Die eigenartige Schönheit und Feierlichkeit von Fels’ Prosa und Lyrik schließt jede Beliebigkeit aus, entzieht sich nie notwendiger Hässlichkeit und spiegelt ebenso besessen wie uneitel das Wagnis, empfunden, gelebt, geschrieben und der Welt einen deutlichen Blick auf sich selbst zurückgegeben zu haben. Der Autor hat sich dabei die Freiheit des Andersseins erhalten, sich mit ungewöhnlicher Leichtigkeit positioniert und damit die Gültigkeit von Grösse als Merkmal moderner deutscher Literatur wieder erfahrbar gemacht. Seine unverwechselbare Stimme beweist, dass man den Strom kennen muss, um zu wissen, warum man nicht in ihm schwimmen will.   
/ Begründung von Susanne Riedel, die den Koeppenpreis 2002 erhielt, für ihre Wahl des nächsten Koeppenpreisträgers. Der Preis (5.000 €) wird am 23. Juni (Koeppens 98. Geburtstag) in seinem Greifswalder Geburtshaus überreicht.

73. In der Freitag-Textgalerie (Nr. 21) stellt Michael Braun ein Gedicht von Jan Wagner vor, das eine Eich-Übermalung darstellt:

Jan Wagner Störtebeker

"Ich bin der neunte, ein schlechter Platz.
Aber noch läuft er."
Günter Eich

noch läuft er, sieht der kopf dem körper zu
bei seinem vorwärtstaumel. aber wo
ist er, er selbst? in diesen letzten blicken
vom korb her oder in den blinden schritten?
ich bin der neunte und es ist oktober;
die kälte und das hanfseil schneiden tiefer
ins fleisch. wir knien, aufgereiht, in tupfern
von weiß die wolken über uns, als rupfe
man federvieh dort oben - wie vor festen
die frauen. vater, der mit bleichen fäusten
den stiel umfasst hielt, und das blanke beil,
das zwinkerte im licht. das huhn derweil
lief blutig, flatternd, seinen weg zu finden
zwischen zwei welten, vorbei an uns johlenden kindern.


72. Festival "Poesie International" in Dornbirn

Tarek Eltayeb wurde als Sohn sudanesischer Eltern in Kairo geboren. Seit zwanzig Jahren lebt er in Wien. Chiellino Gino Carmine stammt aus Kalabrien und lebt seit 1970 in Deutschland. Ilma Rakusa wurde als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen in der Slowakei geboren und lebt nach Kindheitsjahren in Budapest, Ljubljana und Triest in der Schweiz. ... Ein gesteigertes Formbewusstsein als Alternative zur weithin beobachtbaren Auflösung der Form zugunsten von Erzähltexten mit Zeilenbruch bewiesen vor allem Ilma Rakusa mit hochartifiziellen Langgedichten, Arne Rautenberg mit seinen symmetrischen Gedichten, in denen Syntagmen nach dem Prinzip des Palindroms so angeordnet sind, dass sie von vorn und von hinten gelesen werden können, und am radikalsten Ulrike Draesner, die sich bei ihrem Vortrag von der Flöte und der Stimme Thomas Kumlehns begleiten ließ, nicht im Sinne einer Vertonung, sondern im Dialog von Text und Musik. / Thomas Rothschild, Freitag 20


71. Im Freitag 20 schreibt Peter Geist zum 65. Geburtstag von Volker Braun.
70. Poetry Daily bringt ein Gespräch mit John Barr, Dichter, Ex-Banker und Präsident der Poetry Foundation (sowie ein paar seiner eigenen Gedichte).
--> L&P 4/2004, Nr. 70.

69. Shropshire Lad deutsch

Eine Stimmung morbider Melancholie durchweht diese Gedichte. Es sind die Aussenseiter der Gesellschaft, die hier zu Wort kommen: Mörder und Selbstmörder; Berufssoldaten und Bauernburschen, die wegen einer unerwiderten Liebe freiwillig in den Krieg ziehen; junge Arbeiter, die sich auf den Märkten verlustieren, betrinken oder durch sportliche Triumphe ablenken. Sie haben ihre Ideale verloren oder wissen zumindest um deren Unbeständigkeit, so dass Sehnsucht und wehmütige Erinnerung allenfalls romantische Gesten sind. Die Modernität von Housmans Dichtung zeigt sich in solchen Ambivalenzen, ironischen Verkehrungen und sarkastischen Haltungen, die jeglichem Hurrapatriotismus den Garaus machen. / sagt Jürgen Brôcan NZZ 15.5. (und hält die massenhafte Verbreitung dieser Gedichte in den Tornistern des ersten Weltkrieges für ein Mißverständnis)
A. E. Housman: Die «Shropshire Lad»-Gedichte. Übersetzt, mit einer Einleitung und Anmerkungen von Hans Wipperfürth. Mattes-Verlag, Heidelberg 2003. 172 S., Fr. 29.50.

Hier der Originaltext, und hier eine Probe daraus:

A. E. Housman (1859–1936).  A Shropshire Lad.  1896.
 
XIII. When I was one-and-twenty
 
 
WHEN I was one-and-twenty
  I heard a wise man say,
‘Give crowns and pounds and guineas
  But not your heart away;
 
Give pearls away and rubies       
  But keep your fancy free.’
But I was one-and-twenty,
  No use to talk to me.
 
When I was one-and-twenty
  I heard him say again,        
‘The heart out of the bosom
  Was never given in vain;
’Tis paid with sighs a plenty
  And sold for endless rue.’
And I am two-and-twenty,        
  And oh, ’tis true, ’tis true.

68. Ilse Aichinger erinnert an ihren Sohn Clemens Eich / Die Zeit 21 [Seite 69]
67. In der taz vom 15.5. geht Wiglaw Droste einmal mehr seiner Lieblingsbeschäftigung nach: Biermann-Bashing. Besonders schön ist das nicht, aber wers mag.
66. Carl Dennis schreibt Gedichte, die die Kritik gern "verführerisch einfach" nennt, schreibt die NYT *) vom 15.5. Beispiel?

The difference between what is
And what could have been will remain alive for him
Even after you cease existing, after you catch a chill
Running out in the snow for the morning paper
Losing eleven years that the god who loves you
Will feel compelled to imagine scene by scene.


65. A war of words

is raging among Oxford's literary set. The position of Professor of Poetry is vacant, but will a poet or - shock - a critic win the coveted post? / John Walsh, Independent 15.5.

64. REPOLITISIERUNG DES POETRY-SLAMS

Samstag, den 15.5.2004, 21 Uhr
Ort: ganz links außen

URAUFFÜHRUNG des Detoyschen Traktates ''ÜBERSPRUNG'' zur Repolitisierung des Poetry-Slams, dessen Ursprung im Amerika 'von unten' liegt, der aber in Deutschland mittlerweile bis auf nationale Ebene ebenso von Comedyprosa à la Krämer dominiert wird wie die Großverlage von Konsenslyrik à la Kuhligk dumoniert sind. Wer den geheimen Live-Aufführungsort durch Internet-Recherche oder szene-interne Propaganda herausfindet (G&GN-Abonnenten wissen mehr!!!), erhält ein Überraschungsgeschenk aus dem reichhaltigen Sortiment des isbn-freien G&GN-Verlages (siehe Vertrieb LINKES BUCH)...

--> http://www.linkesbuch.de/index21172.htm

Hier der angekündigte Text:
Tom de Toys, 12.5.2004 (inspiriert durch Albert Ehrenstein),
Mitglied bei www.RheinischeBrigade.de & www.spokenwordBerlin.net
( eigene Sprechgesang-Domain: www.mp3.de/HOLZHUND )

ÜBERSPRUNG
ZUR RE:POLiTiSiERUNG DES POETRY-SLAMS

am anfang war gar nichts kein einziges wort
nur stöhnen und seufzen in einem fort
DIE DÜNNE SONNE DIE BLASSE NULL
bringt immer noch schwung in die alte bude
) von ganz weit links nach ganz rechts außen (
von oben nach unten und wieder zurück
kein kapital für die sprachkommune
was bleibt ist die liebe zur aNNarchie einer blume
zwischen fundament und firmament
EINE MEDITATION OHNE PRÄSIDENT
die stirn eines dichters leuchtet und brennt
das herz der denker brodelt und lacht
die staatsdiener warten auf richter und henker
der kanzler hat frei die wahl hats gebracht
die show ist vorbei und niemand hat macht
das volk gründet sich nun selbst als behörde
und reicht sich die hand zur letzten beschwerde:
ein slam ist politisch und kein popevent
weder comedyprosa noch konsenslyrik
wer hier kein problem beim namen nennt
( mit freiem vers oder billigreim )
hat die chance verpennt lügen aufzuklären
die devise muß lauten verbrecher zu outen
quer durch die bank bis zur höchsten etage
die gesellschaft ist krank ich red mich in rage
obwohl ich längst weiß daß ein gesprochenes wort
nur als bundestagsrede in zeitungen landet
der kritische geist im sozialamt versandet
der bäcker backt brötchen der metzger hackt fleisch
die ärzte verarzten die offenen wunden
der schriftsteller schreit "Ich Will Keinen Krieg!"
und zählt trotzdem mühsam die leerlaufrunden
was soll er schreiben wenn tote schmetterlinge
wie blütenblätter durch seine löchrige seele rieseln
JA SEINE SEELE IST IHM KEIN RÄTSEL
1. kein dampfboot
2. kein düsenjet
3. kein surrealismus
4. kein sonett
5. auch keine sachlichkeit
nichts kann die realität verändern solange nur das reale gilt

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63. Der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka ist zusammen mit Dutzenden anderen am Samstag in Lagos bei einer Demonstration gegen die die Regierung verhaftet worden, meldet Spiegel online am 15.5.
Soyinka Overview / Autorenporträt dt. /
Links aus African Poetry :
Fado Singer for Amalia Roderinguez
Poem by by Wole Soyinka
Dedication
Poem by by Wole Soyinka
Wole Soyinka in conversation
First African to win the Nobel Prize for Literature - Soyinka was in conversation at the University of Berkley, transcript with optional video


62. Kanton Bern preist Lyrik

Die deutschsprachige Literaturkommission des Kantons Bern zeichnete fünf Autoren "von Rang" für ihre jüngsten Arbeiten aus, darunter die Lyriker Raphael Urweider und Armin Senser, melder Der Bund [14.05.2004, 10:25]

Die vier Dichter erhalten Buchpreise von je 8000 Franken.

Der 30-jährige Raphael Urweider habe mit «Das Gegenteil von Fleisch» bereits sein zweites lyrisches Meisterstück abgeliefert, das international auf Anerkennung stösst, teilte die Kommission heute Freitag mit. Seine Gedichte seien hier «ernster und dunkler» geworden. ...

Der 1964 in Biel geborene Armin Senser habe sich vor fünf Jahren mit seinem ersten Gedichtband bereits einen prominenten Platz in der deutschen Gegenwartslyrik erschrieben. Nun bestätige er ihn eindrücklich mit dem Lyrikband «Jahrhundert der Ruhe», wofür ihn die Kommission auszeichnet. ...

Die Preisverleihung findet am 7. Juni um 20 Uhr im Schlachthaus Bern statt.


61. Mohn von Flandern

In dem berühmten Gedicht von John McCrae, "In Flanders Fields", wurde der Mohn zum Gefährten der Gefallenen: "If ye break faith with us who die / We shall not sleep, though poppies grow in Flanders fields." Und bald war der Mohn von Flandern das intensivste Erinnerungszeichen für die Schlachten des Weltkriegs geworden. Maler haben die mit Mohn übersäten flandrischen Gräben gemalt, man feierte den Tag des Waffenstillstandes mit dieser Blume aus Flandern - es ist daraus das eindrucksvollste Erinnerungszeichen an den Krieg geworden. Niemand hätte es erfinden können. / Henning Ritter, FAZ 13.5.


60. Schnurrbartsbewußtsein

Erst nach Mörikes Tod verbreitete sich sein Ruhm unter den Gebildeten, vor allem durch Hugo Wolfs Vertonung seiner Gedichte. Nun wurde auch seinen schwäbischen Landsleuten bewusst, wen sie übersehen und vergessen hatten. Um dieses Versäumnis wieder gutzumachen, benannten alle württembergischen Städte eine Straße, eine Schule und eine Apotheke nach Mörike. Diese Lokalitäten färbten leider das Bild des Gefeierten: Sein Werk wird von denen, die es nicht gelesen haben, einem schwäbischen Biedermeier zugeschlagen, das man aus Heines Polemik zu kennen glaubt. Deshalb ist Mörikes Werk in der Gegenwart kaum noch gegenwärtig. Zwar gehört es für Kenner der deutschen Lyrik in jene höchste Klasse, die durch die Gedichte Goethes, Hölderlins, Brentanos und Rilkes bezeichnet wird. Die Bürger seiner Heimat jedoch fürchten mittlerweile, durch Anhänglichkeit an diesen Dichter sich als provinziell zu verraten. Bei dem größeren Publikum, das von der Lyrik und von der deutschen Literatur vor Fontane keine Notiz nimmt, ist der Name Mörike ein verschollener Klang. ...

Satiren auf Typen der Gesellschaft („Schnurrbartsbewusstsein trug und hob den ganzen Mann / Und glattgespannter Hosen Sicherheitsgefühl“), die frühesten Nonsensverse der deutschen Literatur („Der Kehlkopf, der im hohlen Bom / Als Weidenschnuppe uns ergötzt, / Dem kam man endlich auf das Trom,/ Und hat ihn säuberlich zerbäzt, / Man kam von hinten angestiegen, / Drauf ward er vorne ausgezwiegen“)
/ Zauberfaden, luftgesponnen. Wenn Wünsche sich in Poesie verwandeln – Eduard Mörike zum 200. Geburtstag / Heinz Schlaffer, Zeit 21 (mit eigenhändiger Zeichnung seiner Wohnung - also Mörikes)

59. Bild-Gedicht. Mörike 200

So sieht man in der Abteilung ¸¸Bildgedichte" zum Beispiel eine Lithographie von Adolph Karst nach Ludwig Richters ¸¸Kinder-Symphonie". Eine herzige Gruppe von Kindern, mit Trichtern und Gießkannen als behelfsmäßigen Instrumenten ausgestattet, improvisiert da eifrig ein Orchester. Sie stehen um einen Zaun, im Hintergrund flattert die an Leinen aufgehängte Wäsche. Ein Bub spielt die Geige, ein Mädel singt. Von diesem Bild lässt sich Mörike zu einem Hochzeitsgedicht anregen. Er transformiert die Szene zu einem Ausschnitt eines Geschehens, an dem er selber beteiligt war und kopiert den Maler gleich mit hinein. Er sei nämlich auf dem Rückweg von Friedrichshafen mit dem Dresdner Freund und Maler Richter (in Wahrheit kannten sich die beiden nicht persönlich) an dem Kinderorchester vorbeigekommen. Beide hätten sie entzückt der Musik gelauscht, die ¸¸einen bräutlichen Festgesang erkennen" ließ, als ¸¸die höllische Pfeife her vom Bahnhof" erscholl und die beiden losmussten. Nun sei es für den aktuellen Festtag leider zu aufwändig gewesen, das Kinderorchester zur Hochzeit zu engagieren und herholen zu lassen, aber freundlicherweise - so erklärt das Hochzeitsgedicht weiter - habe Richter zum Ersatz die unvergleichliche Szene im Bilde festgehalten.

Wie sich hier Musik, Malerei und Verskunst im scheinbar unbedarften Genre des Gelegenheitsgedichts verschränken, wie die vorgeblich reale Genese fingiert und in das Gedicht eingeholt wird, ist von solcher Doppelbödigkeit, dass von der treuherzigen Kinderszene kaum etwas übrig bleibt. / IJOMA MANGOLD, SZ 13.5.

Schiller-Nationalmuseum Marbach, bis zum 31. Oktober. Der sehr gut gearbeitete Katalog kostet 30 Euro.
Hier Mörikes Gedicht / Hier ein Bild der Kinder-Symphonie
 

58. Über eine Lesung des 71jährigen Jewgeni Jewtuschenko in Dresden schreibt Tomas Gärtner, Dresdner Neueste Nachrichten 13.5.:
Bei den letzten Zeilen von "Ljubimaja Spi" - "Freundin Schlaf" heißt es in der großartigen Übertragung von Karl Mickel - wendet sich Jewtuschenko einer jungen Frau zu, die links auf der Bühne sitzt. Als hätte er dieses Liebeslied allein für sie geschrieben. Sie errötet. So cool, wie sie sich gibt, kann diese Generation gar nicht sein. Im Publikum sind sie die Minderheit, aber immerhin, sie sind gekommen.


57. Christian Lehnert bekommt den Förderpreis der Stiftung Bibel und Kultur, meldet die Sächsische Zeitung am 13.5. Ein Ehrenpreis geht an Richard Exner.
56. Gestorben: in London der britische Dichter und Verleger Ian Robinson / The Independent 13.5. – In Österreich Michael Guttenbrunner, Die Presse 13.5. Zitat:
Als Guttenbrunner handgreiflich wurde gegen einen Kärntner Altnazi, weil einige seiner Verse für den Fremdenverkehr entfremdet wurden, schickte ihm Thomas Bernhard ein Telegramm: "Warum nur zwei Ohrfeigen?"

55. Münchener Biennale II: Der künstlerische Leiter Peter Ruzicka träumt von Hölderlin und einer zweiten Moderne/ SZ 12.5.
54. Der Kulturverein "Randlage Eschede" veranstaltet im Juni sein nächstes Festival: HÖREN & SEHEN 2004 (Freitag 18. Juni bis Sonntag 20. Juni)

darin:
Freitag 20.00
Autorenlesung mit dem bayerischen Sprachmusiker Uwe Dick

53. Am 18. Juni 2004, 20.00 Uhr gibt die Autorin und Verlegerin Regina Berlinghof in der Stadtbücherei Eppstein, Rossertstr. 21, eine musikalisch-literarische Lesung:
      "Rosen, Wein und Liebe" - Die freisinnigen Verse des Hafis und Omar Khayyam
dazu gibt es dank der Spende eines persischen Weingroßhändlers eine Weinprobe persischen Weins (jetzt in Frankreich angebaut)

(www.bourseauxvins.com)

www.regina-berlinghof.de 


52. Fragil

Steilste Poesie heute von "fis" in der taz Bremen (12.5.) präsentiert: 

"Bin ein Mann ohne Manko, aber voll loll und lall. / Ein Poet will dein sein. Sag nicht nein und / schenk dir ein Einschenken von reinem Wein, in den ich rein wein."

So wie Bastian Böttcher für sich und die Lyrik wirbt, könnte er auch zum 5. Festival poetry on the road einladen. Denn so soll die Poesie grooven: Wortspielerisches Slang-Geschnodder mäandert auf stoischen Beats im 4/4-Takt des Raps.

[Raps? Ach so] - Und immer so fragil weiter:

Während andere fragile Seelen, in sich gekehrt, Mikrofone beflüstern und damit die alteingesessene Gemeinde edler Versschmiedekunst beglücken werden. Etwa der schon mehrmals für den Literaturnobelpreis nominierte Gennadij Ajgi, der in Tschuwaschisch dichtet und Worte als Antennen metaphysischen Rauschens nutzt. Das "Auftauchen einer Kirche" klingt - übersetzt - dann nach "o / himmels blau" und "feld - ein silberfädchen - feld". Mit "viel des goldes" geht es "durch die festigkeit der helle / empor".

Ah ja. Na, noch eine Probe:

Bremens Literaturförderpreisträgerin Brigitte Oleschinski lässt ihre Gedichte von Indonesiern vertanzen.

Alles klaa? Wenn nicht:

Visualisierung und Programm unter www.poetry-on-the-road.com

51. Im Tagesspiegel vom 10.5. erklärt der slowenische Dichter Uroš Zupan die Entwicklung des ehemaligen Jugoslawien nach dem Tod Titos:
Es geschah noch wesentlich Unangenehmeres, und wir bemerkten zu spät, dass in unserem ehemaligen Staat, ähnlich wie einem Gedicht von Adam Zagajewski, die Affen die Macht ergriffen hatten. Warum ist uns das entgangen? Weil wir Besseres zu tun hatten: studieren, lesen, reisen und vor allem – sich verlieben.

50. Donnerstag, den 27. Mai, 20.00 Uhr, Centre Culturel Suisse, 32 et 38, rue des Francs-Bourgeois, (Métro Saint-Paul oder Rambuteau), F-75003 Paris, art.21-swiss performance poetry feat. Christian Uetz, Juerg Halter, Big Zis und den Musikern: Thomas Bruetsch und DJ Mad Madam.

Information (in Baelde): http://www.art-21.ch

Mit diesem erneuten Gekroese, red.art.21, Ihr Kulturcomputer

art.21-zeitdruck
Postfach 215
CH-3047 Bremgarten b. Bern
http://www.art-21.ch

49. Jaja, Dada


Sergej Birjukov
Jaja, Dada oder Die Abschaffung des Artikels
Lautgedichte
zweisprachig, russisch-deutsch
aus dem Russischen von Henrike Schmidt, Bernhard Sames, Thomas Keith, Viktor Kalinke, Mala Vikaite
ISBN 3-9340015-63-8
13,95 Euro

Sergej Birjukov
Jaja, Dada
Live-Hörbuch
deutsche Sprecher: Bernhard Sames, Viktor Kalinke
Querflöte: Elisabeth Birjukova
ISBN 3-934015-70-0
9,95 Euro

In seinen sprachkünstlerischen Experimenten leistet Sergej Birjukov sowohl eine 'poetische Kritik der Vernunft' als auch Aufbauarbeiten zur Konstitution neuer Zeichensysteme. Indem er seine Stimme 'instrumentalisiert', verkörpert Birjukov die ursprüngliche Personalunion von Musiker und Dichter, im besten Sinne poetische Grundlagenforschung.

Der russische Lautpoet, Sprach- und Literaturwissenschaftler Sergej Birjukov, geb. 1950, ist Begründer der internationalen "Akademie für transrationale Sprache". Er lebt in Halle. Erstmalig erscheinen von ihm ein zweisprachiger Gedichtband und eine Hör-CD.

Silke Brohm

EDITION + GALERIE ERATA
Kantstr. 61 A
D-04275 Leipzig
Tel.: 0341 / 30 11 430
Fax: 0341 / 30 11 431
www.erata.de

48. Prometheus in Peenemünde

In der Ostseezeitung lesen wir, daß drei Regisseurinnen am kommenden Sonnabend im Kraftwerk Peenemünde auf Usedom jeweils 45minütige Prometheusstücke aufführen. Hier eins davon:
Bei Birgit Lenz steht das Feuer im Mittelpunkt. Verschmelzen und Kristallisieren sind für sie nicht nur physikalische Prozesse. Arabische Gedichte, jüdische Lieder sowie Texte aus Harald Müllers „Totenfloß“ werden ihre vor allem stark bildhafte Interpretation des Prometheus-Themas unterstützen.

47. Die Sächsische Zeitung informiert aus Bischofswerda am 12.5. über ein "programm Gesichter des Irak", darin auch dies:

Fadhil Al-Azzawi und Christan Lehnert. Die Lyriker lesen am 3.6. 19.30 Uhr in der Buchhandlung Ungelenk, Kreuzstr. 7.

46. Zwei Lesungen von Tom de Toys am 26. Mai 2004 in Greifswald

(Kopiert bei: Spoken Word Berlin)

1.) "LYRIK VON DEN ANFAENGEN BIS ZUR GEGENWART"
In der Greifswalder Universitaet ab 16 Uhr: "Von Brecht bis Tom"
(nicht-oeffentlich, Teilnahme aber auf Anfrage moeglich)

Als Live-Gast im Lyrik-Seminar von Dr. Michael Gratz (Hrsg. des L&P-Online-Magazins/Newsletters) haelt De Toys eine Lesung und diskutiert mit den Germanistik-Studenten ueber seine poetologischen Ansaetze: Erweiterte Sachlichkeit (E.S.-Theorie fuer echte Liebeslyrik) und Quantenlyrik (gegen den Etikettenschwindel "konkrete" Poesie)...


HINTERGRUNDINFOS:
www.lyrikzeitung.de
www.EchteQuantenlyrik.de

2.) "LIEBE IST QUANTENMECHANISCH UND MEDITATIEF"
Im Fallada-Haus  (Greifswald, Steinstraße) um 20 Uhr [Veranstaltung von pom-lit.de]

Der Titel der Lesung ist ein Zeilenzitat aus dem religionskritischen Gedicht "UEBERSTROEMUNG", fuer das die Geschlechterkampf-Szene des Kinofilms "Poem" mit 300 nackten Statisten (und Fanta4-Saenger Smudo als Heerfuehrer) urspruenglich gedreht wurde, bevor der Regisseur (Ralf Schmerberg) das neuronietzscheanische Material in den Nachspann verbannte und mit Beethovens Vertonung von Fragmenten aus Schillers Ode "An die Freude" unterlegte... Die Endvariante des ehemaligen Filmgedichtes findet sich hier. De Toys wird im Fallada-Haus eine Mixtur aus seinen verschiedenen poetologischen Ansaetzen bieten, von spirituellen Kurzgedichten bis zu echter Liebeslyrik ("E.rweiterte S.achlichkeit"), von Slamkaskaden bis zur Quantenlyrik - und von essayistischen Popsatiren ("Neue Laessigkeit") bis zur Antiprosa...

WEITERFUEHRENDE DETAILS:
www.GGN.de/termine.html

TITEL (ZEILENZITAT):
www.wulle.de/GGN/WinfriedWandler/ueberstroemung.html



45. "Fredy Neptune" von Les Murray ist das meist rezensierte Werk der vergangenen Monate. Ulrich Greiner (Die Zeit) meinte dazu: "Es ist das erstaunlichste Buch des Frühjahrs und seit langer Zeit." Der erste Platz auf der SWR-Bestenliste im Monat Mai bestätigt die Meinung der grossen Feuilleton Redaktionen: Mit dem "kühnsten Gedicht des 20. Jahrhunderts", (Thomas Poiss, FAZ) hat Les Murray "die Weltliteratur um ein gewichtiges und nobelpreiswürdiges Werk bereichert", so Jürgen Brocan in der NZZ.

Mehr zu Les Murray und seinem grandiosen Epos:

http://www.ammann.ch/n/bio.php?id=197

44. Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung an Ralph Dutli

Am 29. April erhielt der Heidelberger Essayist, Lyriker, Übersetzer und Herausgeber Ralph Dutli die mit 5000 Euro dotierte Dr. Manfred-Jahrmarkt-Ehrengabe. Die Laudatio wurde von Peter Hamm gehalten:

"Ralph Dutli gebührt das gar nicht hoch genug anzurechnende Verdienst, unserer deutschen Sprach den gesamten Kosmos Mandelstam erschlossen zu haben.
Von Dutlis Leidenschaft ganz offensichtlich angesteckt, hat Egon Ammann zehn Bände einer herrlich gedruckten und aufgemachten Mandelstam-Ausgabe in Dutlis Übertragung herausgebracht, eine verlegerische Grosstat. An den Übertragungen möchte ich eines besonders rühmen, nämlich ihren Klangsinn, die Bewahrung der überwältigenden Klangfülle der Mandelstamschen Originale... Für mich zählt Dutlis Mandelstam-Biographie "Meine Zeit, mein Tier" zu den ganz wenigen gelungenen Dichter-Biographien; was sie an Material über Mandelstam und die gesamte russische Literatur des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts vor uns ausbreitet und wie sie dieses Material so sicher wie sublim kommentiert..."

Mehr zu Ralph Dutli und seinem Werk im Ammann Verlag unter:

http://www.ammann.ch/n/bio.php?id=113

43. Original Poetry from New Zealand

From the Introduction to Collected Poems James K. Baxter, by John Weir:
When he was eleven years old James Keir Baxter wrote the following inscription with a rooster quill on the first page of a new notebook:

Book 1
Original Poetry
J.K. Baxter
Born 29th June 1926
Will die when he and Nature sees fit.

'He is one of the great English language poets of our century.' Sydney Morning Herald
'...a highly significant figure in contemporary literature.' The Times
Am 10. Mai erschien sein Gedicht "Rocket Show" auf der phantastischen Seite der Wandering Minstrels.

42. Teufel nochmal

Der Nachlass des Dichters Eduard Mörike (1804-1875) kommt ins Schiller-Nationalmuseum und Deutsche Literaturarchiv in Marbach am Neckar zurück. Das sagte Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) bei der Eröffnung der Ausstellung "Mörike und die Künste" in Marbach. Dies sei einer gemeinsamen Anstrengung von privaten Geldgebern und der öffentlichen Hand zu verdanken. Verkäufer des privaten Nachlasses ist die Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen. / Die Welt 10.5.

[Bleiben Fragen: wer hatte was warum, und wieso "zurück?"]


41. Todernst verspielt

Im zweiten Teil seiner Serie über Dichter der neuen EU-Länder stellt der Guardian am 8.5. die Slowakin Mila Haugová vor:
Although her peers among prose writers are realists, Haugová's own work is neither straightforwardly lyrical nor anecdotal. She is closer to forms of surrealism, familiar from graphic art, with which central Europe played with its censors. That tradition, of illogical juxtapositions, fantastic creatures and fragmentary fairy-tales, is both deadly serious and playful, a representation of the chaos of the world and a conduit for inventive energy: "Herbs in invisible / growth. The extending / of bodies. Cracking of lamenting / filaments."

It is also, in its use of the third person and turning away from the concrete detail of daily life, resolutely anti-confessional.

Gedicht:  Germinating Breathing by Mila Haugová
 

40. Von der fünften Lesershow in der Volksbühne berichtet Johanna Merhof, Berl. Morgenpost 10.5.:
19.30 Uhr Das Publikum gähnt. Die Popliteratur frisst ihre Kinder.
20.30 Uhr: Im Sternfoyer laufen Poesiefilme aus aller Welt. Ein CNN-Sprecher blickt besorgt in die Kamera: "Love in New York. Love in Bagdad." Man atmet auf. Die Dichtung träumt noch immer: von einer besseren Welt.

39. Eine Frau zwischen Catull und dem Leser

Nicht sehr spendabel ist das Times Literary Supplement im Netz; aber die Besprechung einer neuen Catullübersetzung vom 6.5. ist freigegeben:
Her translation will prove very useful, partly because it offers a wide-ranging introduction, explanatory notes and bibliography. But it is more important that reading this often brutal material, with its phallic obsession and torture imagery, becomes far more enjoyable in a translation by a middle-aged woman. The effect of inserting a female subjectivity between Catullus and the reader is to take the seediness out of a world dominated by notions of sexual degradation. Sometimes Balmer has even found ways to make Catullan misogyny resonate in the age of Eminem and Ice Cube (for example in the “bitches” and “sad tarts” of poem 61), while distancing herself from it in her introduction. There she draws attention to the insulting way he uses a term denoting the female pudenda, humorously remarking, “no wonder Lesbia looked elsewhere”.

POEMS OF LOVE AND HATE
Catullus
158pp. | Bloodaxe. | Paperback, £8.95.
CHASING CATULLUS
Poems, translations and digressions
Josephine Balmer
64pp. | Bloodaxe. | Paperback, £7.95.

38. Seattle poet Madeline DeFrees has won the first Denise Levertov Award, an award to be given annually to an artist or creative writer "whose work exemplifies a serious and sustained engagement with the Judeo-Christian tradition."

DeFrees, a former nun, is the author of seven poetry collections. "Blue Dusk" won the prestigious Lenore Marshall Poetry Prize for 2002. / Seattle Times 8.5.

Die Dichterin Denise Levertov starb 1997 in Seattle. Gedichte und Briefe (an William Carlos Williams) erschienen bei altaQuito 1998 und 2001.

37. Volker Braun 65

Die Berliner Zeitung vom 8.5. berichtet von der Geburtstagsfeier in der Literaturwerkstatt:

Die Verlegerin Ulla Unseld-Berkewicz würdigte den rebellischen Revolutionär, dessen "Projekt Sozialismus ein anderes war als das seines Staates", beschrieb seine "radikalen Absagen an Täuschungen und Selbsttäuschungen". Ein Lapsus in ihrer stolzen Referenz Suhrkampschen Erbes: die "Unvollendete Geschichte" war in der DDR nicht erst 1988, sondern schon 1976 in "Sinn und Form" erschienen.

Es gratulierten persiflierend Peter Gosse und Adel Karasholi mit Büchner-Kleist-Braun-Adaptionen. Augenzwinkernd überreichte Bert Papenfuß ein unvollendetes Anarcho-Pamphlet für oder gegen alle und jeden. Kathrin Schmidt bekannte sich zu einem "pubertären Gedicht" auf V.B. aus ihrer Jugend, "auch um die Gefahr, dass ich mich hier nackig mache". F.C. Delius, der einzige West-Poet in dieser Literaturgemeinde, erinnerte sich eines Lyrik-Podiums 1964 in Westberlin. Brauns damals vorgetragenes bannerwogendes Gedicht "Jugendobjekt" - "mag das noch jemand hören?" Braun: "Nein, ich nicht!" Und die Verse auf den unbequemen Paul Dessau? "Die schon eher!"

Apropos Jugendobjekt: Just dieses Gedicht animierte vor einigen Jahren in Greifswald Studenten zu einem Gegenentwurf, als sie Zeitschrift und Verlag KunstLeuteKunst gründeten. Rätsel!

Meine Bekanntschaft mit dem Dichter V.B. geht auf die Schuljahre zurück, als mir – antiquarisch von 10 auf 1 DDR-Mark reduziert – die Anthologie "Sonnenpferde und Astronauten" zufiel, herausgegeben von Gerhard Wolf. Zehn Autoren finden sich da streng alphabetisch geordnet – mit der Ausnahme, daß Braun vor Biermann kommt. Ja, das waren noch Zeiten, als selbst das Alphabet umgekrempelt wurde. Neben den Genannten folgten da Uwe Greßmann und Sarah Kirsch. Hier eine kleine Montage aus der Anthologie, Braun & Co.:

Laßt sie ihre Verse brechen und bündeln für die Feuer des Nachruhms!
Unsere Gedichte sind Hochdruckventile im Rohrnetz der Sehnsüchte. He,
ihr Fehrbelliner, seid ihr Greise?
Seid ihr geistlos wie unsere alten Herrn? Lebt ihr denn noch?
Wollt ihr das bißchen Deutschland nicht mit trockenlegen? Und die Kinder

Räumen das Gebirge weg und die Bäume
Und Wiesen, die künstlich sind und holen
Den Baukasten, in dem die Stadt von morgen
Eingepackt ist und machen es
Den Erwachsenen nach und bauen
Tatsächlich eine Zivilisation auf.

Im Westen steht die Mauer.
Und so mancher gehet vorbei dort
Und findet nichts weiter dabei;
Denn die steinerne Landschaft
Ist ja auch seine Mutter.

Kopf hoch!
Die ungeborenen Kindlein,
unsere Enkel,
werden sie nicht kennen.

36. Für ND (7.5.) analysiert Erdmut Wizisla Brauns Titel:

Für die Umstände in ihm und um ihn hat Braun Titel gefunden, die für Generationen zu Chiffren geworden sind: »Provokation für mich« (Verse des jugendlichen Dichters, der sich selbst singt, alles Fertige verwirft und dabei die Pose des Halbstarken nicht scheut); »Der totale Mensch« (später »Kipper Paul Bauch« – das Drama eines »Selbsthelfers in wilder anarchischer Zeit« wie Goethes Götz); »Training des aufrechten Gangs« (Gedichte, die Blochs docta spesbeim Wort nehmen: die belehrte, belehrbare Hoffnung, die mit Zuversicht nichts gemein hat); »Langsamer knirschender Morgen« (Texte aus dem »Wartesaal, wo die Geschichte auf den vergilbten Fahrplan starrt«); »Die Übergangsgesellschaft« (das Theatermodell für die DDR im Übergang); »Das Eigentum« (der Abgesang auf das halbe Ländchen, Mickel zufolge »ein klassisches Epigramm: die Schrift auf dem Sarkophag also«).

Mehr Braun: Für die SZ berichtet Gustav Seibt von der Geburtstagsfeier, 8.5. / OZ 8.5. / MDR /


35. Irak: Langsame Normalisierung

Ein junger Literat sagte mir, dass er wichtige zeitgenössische irakische Dichter wie Saadi Youssef oder Sargon Boulus nicht kennt. Er hatte nie Gelegenheit sie zu lesen. Das schafft eine unüberwindbare Kluft. ...

Mit großer Erwartung sahen die irakischen Intellektuellen dem Lyrik-Festival Al-Mirbid in Basra entgegen. Das Organisationskomitee aus Schriftstellerverband, Kulturministerium und der Stadt Basra hatte Iraker, die in der Welt verstreut leben, eingeladen.

Die wichtigen irakischen Zeitungen wie As-Sabah, al-Mada und An-Nahda geben Beilagen über irakische Persönlichkeiten heraus, die das Baath-Regime jahrzehntelang stillschweigend überging. Das Vorbereitungskomitee des irakischen Schriftstellerverbands hat in Bagdad Veranstaltungen zu Ehren der Dichter und kritischen Geister Maruf Ar-Rasafi (1875-1945) und Saadi Youssef (geb. 1934) veranstaltet. Auch wenn das Niveau solcher Veranstaltungen oft zu wünschen übrig lässt, ist wieder Vielfalt in der irakischen Kultur zu spüren, langsam, aber sicher!

Khalid Al-Maaly, BLZ 8.5. Der Autor, Jahrgang 1956, ist ein irakischer Schriftsteller, Übersetzer und Verleger. Er lebt in Köln und konnte in diesem Frühjahr zum zweitenmal den Irak besuchen.


34. Vielleicht hilft ja das:

Die EU-Staaten und ihre arabischen Partner im Mittelmeerraum haben sich beim Außenministertreffen in Dublin über die Einrichtung eines gemeinsamen Kulturinstituts an der Universität von Alexandria verständigt. Dafür wollen die EU und die arabischen Staaten gemeinsam zunächst 10 Millionen Euro zur Verfügung stellen. dpa 7.5.


33. Viel Osteuropa heute in der FAZ. Pardon, war nur ein Scherz. Täuschen wir uns nicht, kommt derlei in bundesdeutschen Zeitungen nur dann vor, wenn ein besonderer (also politischer) Anlaß vorliegt: Messeschwerpunkt, EU-Erweiterung i tym podobnie. Anders in der Schweiz: da gibt´s die Neue Zürcher Zeitung. (Die nächsten vier Beiträge)

32. Polen: Lyrik als nationaler Code

In jener Zeit, als die polnische Nation ohne einen eigenen Staat und ohne Institutionen des Gemeinschaftslebens existieren musste, fiel der Literatur eine Art Ersatzrolle zu. Und die Lyrik mit ihrem starken Symbolgehalt und ihrer Vorliebe für verschlüsselte Wortspiele eignete sich als nationaler Code in besonderem Masse. «Ein polnischer Dichter», schrieb einmal Czeslaw Milosz, «muss die Anstrengung auf sich nehmen, die ganze, noch in der Sprache spürbar vorhandene Sorge um das Schicksal seines Landes, das zwischen zwei Grossmächten eingekeilt ist, zu bewältigen.»

Um diese Hochachtung gegenüber der Lyrik können die Dichter anderer Sprachen ihre polnischen Kollegen nur beneiden. Wie lange dieser Zustand noch anhalten wird, ist allerdings ungewiss.

/ Marta Kijowska, NZZ 8.5.

31. Irgendwem verständlich

Borkovecs Gedichte suchen die Waage von ekstatischer Beobachtung und intimem Erleben, von Teilnahme und Privatheit, von Rhythmus und Reim. Von vibrierender Melancholie sind die Momentaufnahmen von böhmischer Ländlichkeit. Haus und Tür, Wald und Feld, Himmel und Wasser - sie sind nicht länger der Hort des Lebendigen. Schneisen werden geschlagen, Spuren gelegt, Zeichen gesetzt, «irgendwem verständlich». Die Gelassenheit weicht der brüllenden «Gewissheit des tiefsten Binnenlandes». Petr Borkovec ist der Protokollant dieses Verlusts und zugleich der Priester des Glücks, wenn die Dinge im Stillleben wieder zu sich und noch einmal zu einander finden.

/ Andreas Breitenstein, NZZ 8.5.

Petr Borkovec: Nadelbuch. Gedichte. Aus dem Tschechischen von Christa Rothmeier. Edition Korrespondenzen, Wien 2004. 134 S. Zweisprachig, Fr. 35.10.


30. Poetismus einer Welt, die lacht

Dass es unter den zahlreichen «Ismen» der historischen Avantgarde - dem deutschen Expressionismus und Dadaismus, dem französischen Kubismus und Surrealismus, dem italienischen und russischen Futurismus - einstmals auch den Poetismus als spezifischen Epochenstil gab, ist ausserhalb seines böhmisch-mährisch-slowakischen Einzugsbereichs noch heute weithin unbekannt. Eine gross angelegte, vor kurzem in deutscher Sprache erschienene «Anthologie des Poetismus» gibt nun Gelegenheit, sich am Leitfaden zahlreicher Mustertexte mit den Hauptvertretern und Hauptwerken, aber auch mit den ästhetischen Positionen dieser «heiteren, spielerischen, phantasievollen, mutwilligen, unheroischen und der Liebe zugewandten» Kunstpraxis vertraut zu machen, die sich um 1920 erstmals als eine Sinnen- und Lebenskunst eigener Art manifestierte, um 1926/1927 ihre grösste Entfaltung erreichte, danach aber - unter dem Einfluss des französischen Surrealismus - ihre Eigenständigkeit allmählich verlor und um 1937/1938 an ihr Ende kam.

Das künstlerische Interesse des Poetismus galt vorab den kleinen Sensationen des Alltags, den Verlockungen der Natur, aber auch den Errungenschaften modernster Technik. Mit all ihren Sinnen - gefordert war eine neue «Kultur der Instinkte» - erkundeten die Poetisten die Wirklichkeit, auch die des Traums, auch die der Phantasie. Die Selbstherrlichkeit und Weltverachtung, die Destruktivität wie auch das Neuerertum eines Marinetti, eines Majakowski oder des jungen Gottfried Benn gingen ihnen durchweg ab, die Ästhetik des Hässlichen war ihnen ebenso fremd wie das Pathos des Klassenkampfs - sie huldigten, ohne blind zu sein für Leid und Ungerechtigkeit, «einer Welt, die lacht».

/ Felix Philipp Ingold, NZZ 8.5.

«Adieu Musen». Anthologie des Poetismus. Ausgewählt und kommentiert von Ludvík Kundera zusammen mit Eduard Schreiber. Tschechische Bibliothek. Deutsche Verlagsanstalt, München 2004. 315 S., Fr. 35.20.


29. In Frieden

Als westliches Gegengewicht gibts den Spanier Dali (i tym Dali) – und noch westlicher den in Havanna geborenen und in Mexiko City gestorbenen Eliseo Diego. Die NZZ bringt (verslos) ein übersetztes Gedicht – aus dem Fundus des täglichen Lyriknewsletters von poesia.com stelle ich das Original dazu (irgendwem verständlich):

Eliseo Diego
In Frieden

Die Katze schläft in der Küche, während draussen der Regen fällt. Hundert und tausend Jahre Dämmerlicht. Der Nachmittag draussen: nur ein Hauch.

Die Katze schläft, wer weiss, wie lange schon, doch der Regen draussen ist immer anders. Die friedfertige Katze, der friedliche Regen, und ins Meer fliesst das Wasser - draussen.

Aus dem Spanischen von Tobias Burghardt

EN PAZ

El gato duerme en la cocina
mientras la lluvia corre afuera.
Cien y mil años de penumbra.
La tarde solo un soplo afuera.

El gato duerme desde cuándo,
la lluvia es otra y otra, afuera.
El gato en paz, en paz el sueño,
y el agua hacia la mar, afuera.


(Gedichte sind unübersetzbar, aber was soll man machen?)

28. In der Frankfurter Anthologie der FAZ vom 8.5. stellt Ruth Klüger ein Gedicht von Robert Schindel vor - "Nullsucht 15" (Stürzen die Wolken)
27. In "Erotisches Gedicht" beispielsweise vermischen sich Papier, Tinte und der Körper einer Frau miteinander. Der Schreibakt als Liebesakt. Man kann es auch umdrehen: körperliche Liebe als besonders innige Kommunikation, Austausch von Zeichen.

"Ich spüre immer mehr, dass Kontakte mit Sprache für mich wie Liebesbeziehungen sind", sagte Sniecinski in der Diskussion. "Wenn man bloß mit dem Kopf arbeitet, dann entstehen nur Sachen, die kleiner sind als ich. Wenn wir uns aber offen halten für andere Möglichkeiten, dann können wir ab und zu etwas schaffen, was ein bisschen größer ist." / Tomas Gärtner, Dresdner Neueste Nachrichten 7.5. über den polnischen Autor Marek Sniecinski


26. Dali & Lorca

Und wer in dem schon 1925 vollendeten Bild ¸¸Pierrot beim Gitarrenspiel", auch bekannt unter dem Titel ¸¸Der große Harlekin und die kleine Rumflasche" nicht erkennt, dass Dalí seinen Freund Federico García Lorca porträtiert, dem entgeht eine der schönsten und traurigsten Liebesgeschichten des 20. Jahrhunderts.Wer sie finden will, diese verheimlichte Liebe, der suche nicht nach Briefen, denn die Erben haben den größten Teil der Korrespondenz bisher nicht veröffentlichen lassen. Er wird diese Liebe entdecken in den Texten und den Bildern der beiden, denn auch García Lorca hat gezeichnet: seinen Freund Dalí und den Heiligen Sebastian. / C. Bernd Sucher, SZ 8.5.
(Von hier aus ergibt sich auch ein überraschender Blick auf den Film "Ein andalusischer Hund"!)

25. Kirchen nach Auschwitz

Über Friedrich Heer schreibt die Wiener Zeitung vom 8.5.:
Wenn es um den Nationalsozialismus, den Antisemitismus, deren abendländischen Nährboden und um die Maskierungen restaurativen Denkens ging, wurde der Denker Friedrich Heer stets konkret, präzise und messerscharf. Dann entstanden auch seine berühmten Nebensätze. Etwa, als Abschweifung in einem Satz, man könne nach Auschwitz nicht nur trotz Adorno wieder Gedichte schreiben, sondern auch Kirchen bauen, der Nebensatz von der Kirche in Tirol, "von einem Architekten, von einem Baumeister gebaut, der in Auschwitz baute".

Das Wagnis der Schöpferischen Vernunft. Von Friedrich Heer. Böhlau Verlag, Wien 2003. 456 Seiten, Broschur, euro; 35,-

Europa: Rebellen, Häretiker, Revolutionäre. Von Friedrich Heer. Böhlau Verlag, Wien 2003. 180 Seiten, Broschur, euro; 24,90


24. Über das kurze, traurige Leben des englischen Sängers und Songwriters Nick Drake berichtet ein Film und eine Besprechung in der NYT vom 7.5.

23. Quadrat-Lyriker

Es gibt kulturpolitische Eckpunkte, die für Lyriker gelten, so sehr sie auch im Quadrat springen. Rechts ist sowohl extrem als auch unpolitisch, postmodern ist genau so schlimm wie modisch, um nicht “in“ zu sagen, und somit: Schlecht. Links ist sowohl radikal als auch antipolitisch, modern im permanenten Prozeß der Aktualisierung, im Kontext der gekauften und kaufenden Massenmedien somit “out“, und damit: Gut. Jaworski kennt die Regeln, verfügt über Bodenhaftung, und wenn nicht: Körperkontakt. Ist ja wohl das mindeste. Das sog. Einfache, schwer zu machende.
Als Doktor der polnischen Literatur zwischen den Weltkriegen versucht er Klarheit, Wahrheit und Schrägheit zu vermitteln. Er hat über den polnischen Futuristen und Kommunisten Bruno Jasienski geforscht und zwei Bücher über Jasienskis Parisaufenthalt und sein Buch “Pest über Paris“ bzw. über sein Leben in der Sowjetunion und sein Ende im stalinschen GULag publiziert. Jaworski hingegen ist Hyper-Realist [www.hiperrealizm.pl] und höchstwahrscheinlicher Anarchist. Er hört Rockmusik und spricht russisch. “Alle gleich, alles gemeinsam, keine Macht!“ So einfach sprach er aus den Toast: Prost!
 
Bert Papenfuß
Lust auf mehr? Hier:
Freitag, 7.5.2004
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Naugarder Straße 14, 10409 Berlin (S-Bhf Greifswalder Str.)

DIE SIBIRISCHE ZELLE
INTERKLUB und Bert Papenfuß präs.:
 
KAPITAL UND POTENTIAL
 
Buchpremiere
von und mit

Krzysztof Jaworski

22. Unvernünftige Regierung

„Es war nur so / dass wir uns nicht kannten / und jeder darstellte / was der andere wünschte / dass wir wären / So kam es / dass wir Jahre verloren / indem wir taten / als würden wir uns lieben / Das gibt es, Frau Valdéz / das passiert in den besten Familien / die aus Worten bestehen / dass man an Gespenster glaubt.“ Raúl Rivero

Der Dichter und seine Frauen. Was haben sie ihn beflügelt. Was hat er ihnen Reime auf den Leib geschrieben. Was waren sie sein Brot, sein Zuckerschlecken, sein Seelenfutter. Und jetzt hockt er im Gefängnis, der Dichter. Ungeachtet seiner Warnungen, die er hellsichtig zu Papier gebracht hat, denn der Poet ist immer auch ein Prophet. „Wenn ein Dichter sich plötzlich als gefährlich entpuppt für das Land, in dem er lebt, sollte man ihn nicht ins Gefängnis stecken. Eine vernünftige Regierung überprüfte besser das Strafgesetz.“ So hat der Dichter geschrieben, aber leider ließ die Regierung das Gebot der Klugheit beiseite, gab ihm 20 Jahre, am 18. April 2003, Raúl Rivero, Canaleta, kubanisches Staatsgefängnis Ciego de Avila. / Ruedi Leuthold, Die Zeit 20/2004

raulrivero.com (Informationen, Gedichte etc. - span.)


21. Was sind Sie eigentlich, Herr Zahl?

Auf den ersten Blick ist diese Geschichte reichlich skurril: Ein Schriftsteller führt einen Kampf gegen die Bürokratie, weil er ohne sein Wissen ausgebürgert wurde. Die Geschichte weist auch rührende Züge auf, denn der Schriftsteller hat Freunde, die sich um ihn kümmern. Allerdings sieht sich der Schriftsteller inzwischen existenziell etwas bedroht. Und vielleicht hat er auch deshalb Schwierigkeiten mit der Bürokratie, weil er nicht nur APO-Aktivist war, sondern nach einem Schusswechsel mit der Polizei im Jahr 1972 wegen versuchten Mordes zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde.

Die Geschichte also beginnt damit, dass der seit 1985 wechselweise in Jamaika und Deutschland lebende Schriftsteller Peter Paul Zahl im September 2002 bei einem Besuch in der deutschen Botschaft in Kingston erfuhr, dass er schon seit 1995 kein deutscher Staatsbürger mehr sei und er seinen deutschen Pass abzugeben habe. Der Grund: Nachdem er 1995 auf Anraten der jamaikanischen Behörden einen jamaikanischen Pass beantragt und auch bekommen hatte, hätte er es versäumt, so das Auswärtige Amt in einem Schreiben an Zahl vom Dezember 2002, eine so genannte Beibehaltungsgenehmigung zu beantragen, die gewährleiste, dass er weiter deutscher Staatsangehöriger bleibe. / Gerritt Bartels, taz 6.5.

Vgl. auch Spiegel online


20. Nobel-Mobbing

Vor 100 Jahren wurde der schwedische Dichter Harry Martinson geboren. Aldo Keel schreibt über ihn in der NZZ vom 6.5.:

1974 erreichte Martinson den Gipfelpunkt seiner Karriere, als er sich mit dem Landsmann Eyvind Johnson den Nobelpreis teilte. Der Triumph verkehrte sich innerhalb weniger Tage in ein Desaster. Denn die schwedische Presse und mehrere Schriftstellerkollegen reagierten nicht etwa patriotisch, sondern kritisch, ja harsch und höhnisch. Schliesslich hatten sich die beiden Laureaten als Mitglieder der Akademie den Lorbeer auf ihr eigenes Haupt gedrückt. Während Johnson die Attacken verkraftete, brach Martinson zusammen. Vor einigen Jahren enthüllte sich nun die ganze Tragik dieser Affäre, als nämlich der Schriftsteller Lars Gyllensten, der seit 1966 der Akademie angehört, in seinen Memoiren der Stockholmer «Kultur-Coterie» vorwarf, Martinson in den psychischen Zusammenbruch und den Selbstmord getrieben zu haben.

Verblüfft nahm die Öffentlichkeit zur Kenntnis, dass sich Martinson 1978 in einer Stockholmer Klinik mit einer Schere den Bauch aufgeschlitzt hatte.

S.a. FAZ 6.5. / Schwedische Homepage

19. Gute Menschen

Von solchen offen judenfeindlichen Anschauungen versuchen sich Internet-Seiten wie muslim-markt.de fern zu halten.

heißt es in einem Zeit-Dossier zum Islamismus in Deutschland. Vielleicht gelingt es ihnen nicht immer? Zu dem Eindruck kann man jedenfalls kommen, wenn man in den dort publizierten deutschsprachigen Liedern blättert. Hier eins von vielen (gedichtet von einem Kollektiv unter dem Namen Islamischer Weg e.V.) im vollen Wortlaut - ebenso ein Beitrag zur deutschen Reimkunst wie zum Dialog aller guten Menschen:

Palästina, Palästina

Palästina Palästina Du gehörst zur islamischen Umma
In dir liegt das heilige Al-Quds, 
Leidet unter Zionisten-Schmutz.
Zionisten verbieten uns das Beten, 
Wollen den Qur'an mit Füßen treten.

Palästina Palästina Du gehörst zur islamischen Umma 
Palästina Palästina Du gehörst zur islamischen Umma

Gottlos sind die Zionisten, 
Töten Kinder und Zivilisten.
Oh Quds du gefangene der Muschrikin, 
Für Dich kämpfen die Mudjahidin.

Palästina Palästina Du gehörst zur islamischen Umma 
Palästina Palästina Du gehörst zur islamischen Umma

Bei Nacht kam der Prophet zu Dir,
Die Himmelfahrt begann von hier.
Al-Quds war die erste Gebetsrichtung, 
Wir beten für Deine Befreiung.

Palästina Palästina Du gehörst zur islamischen Umma 
Palästina Palästina Du gehörst zur islamischen Umma

Zionisten verbreiten Nationalismus, 
Damit ist bald endlich Schluss.
Denn wir sind alle nur eine Nation, 
Adam und Eva's neue Generation.

Palästina Palästina Du gehörst zur islamischen Umma 
Palästina Palästina Du gehörst zur islamischen Umma

Allahs Diener sind nun bereit, 
Du bist inschaallah bald befreit,
Unter der Führung des Imam, 
Tragen wir die Flagge des Islam!

Palästina Palästina Du gehörst zur islamischen Umma 
Palästina Palästina Du gehörst zur islamischen Umma

Imam Khamene'i, Dir folgen wir, 
Wir warten auf alle Befehle von Dir.
Die Umma wird nur durch Dich vereint, 
Das Licht der Freiheit für uns scheint.

Palästina Palästina Du gehörst zur islamischen Umma 
Palästina Palästina Du gehörst zur islamischen Umma

Erst wenn der Qur'an dort regiert, 
der Teufel seinen Einfluss verliert,
Gibt es Frieden im heiligen Al-Quds, 
Und Allah gibt uns allen Schutz.

Palästina Palästina Du gehörst zur islamischen Umma 
Palästina Palästina Du gehörst zur islamischen Umma


Umma: islamische Gemeinschaft; Al-Quds: Jerusalem; Muschrikin: Polytheisten, Götzendiener

(Wollen wir wetten, daß die guten Menschen feixen, wenn sie die Stelle in der Zeit lesen? Allah hat einen anderen Plan mit Deutschland, nicht wahr?)

Auch dies steht im Namen des Erhabenen im Muslim-Markt: Daß die "fundamentalistischen Islamisten" – wie schon die Anführungsstriche sagen – gar keine fundamentalistischen Islamisten sein können, vielmehr liebe Jungs, die (schön falsch) christliche Lieder wie Dietrich Bonhoeffers "Von guten Mächten wunderbar geborgen" in ihrer Freizeit singen (man kann sogar den akustischen Beweis in Gestalt eines über 20 Jahre alten Kassettenmitschnitts herunterladen).


18. Besuch bei Kassandra

Seit fünfundzwanzig Jahren beginnt ein geregelter Tagesablauf für den Frühaufsteher [Günter Kunert] mit Zeitungslektüre und Radiohören. «Wenn ich in der Stimmung bin, versuche ich mich an einem Gedicht. Oder ich schreibe an meinem Big Book.» Als er mit den Aufzeichnungen begann, war er fünfzig und hatte die DDR eben verlassen. / Beatrix Langner, NZZ 5.5.

17. Long time passing - aber nicht Pete Seeger

Zum 85. Geburtstag des amerikanischen Songwriters Pete Seeger schreibt Harry Nutt in der FR vom 4.5. über die Entstehungsgeschichte eines seiner berühmtesten Lieder:
Die Idee zum Lied hatte Seeger einem ukrainischen Volkslied entlehnt, auf dessen Kernzeilen er in dem Roman Der stille Don von Michail Scholochow gestoßen war. In dem Lied wird die wie ein natürlicher Kreislauf erscheinende Sinnkette Blumen, Mädchen und Ehemänner jäh unterbrochen, als die Ehemänner zu Soldaten werden. Vergeblich hatte Pete Seeger nach dem Original geforscht und schließlich nur ein paar Zeilen in sein Notizheft geschrieben. Dem Textfragment fehlte noch die Melodie.

Ein paar Jahre später hatte Seeger die schöne Zeile "long time passing" im Kopf, von der er kaum mehr wusste, als dass er sie einmal in einem Lied verwenden wollte. Dann aber, so will es die Folk-Mythologie, ging alles sehr schnell. Die ukrainische Frage war wieder da: "Where have all the flowers gone?" Und dann der ganze Rest: "Long time passing - long time ago." Zur Geburt des Welthits fehlten noch die Hebammen Kingston Trio und Marlene Dietrich, die das Lied über Dritte ihrerseits aufgeschnappt hatten, um das zarte Pflänzchen zu dem zu machen, was es heute ist: eine Einstiegsdroge für Millionen von Gitarrenschülern.

16. Idiot, schimpfte Apollo

In the third century B.C.E. the Greek poet Callimachus refused the Homeric challenge of writing an epic narrative, preferring to write small poems about love rather than poems aspiring to a great deal of cultural weight. "Not I but Zeus owns the thunder," said Callimachus to critics who complained that he was ignoring his civic duties.
When I first put a tablet on my knees, the Wolf-God
    Apollo appeared and said:
"Fatten your animal for sacrifice, poet,
    but keep your muse slender."
Apollo's reprimand was extremely influential. The story echoed in the pastoral landscape of Virgil's sixth eclogue ("A Shepherd / Should feed fat sheep and sing a slender song"), and it echoed again in Propertius, whose elegies were updated by Ezra Pound. "You idiot," says Apollo to the poet, "What are you doing with that water: / Who has ordered a book about heroes?"

The Resistance to Poetry
by James Longenbach

The University of Chicago Press

Auszug bei Poetry Daily

15. To go to Lvov

Der Guardian startet eine Serie über Dichter der neuen EU-Länder am 1.5. mit dem Polen Adam Zagajewski:

The poet loves even saying the name Lvov: "To go to Lvov. Which station / for Lvov, if not in a dream, at dawn, when dew / gleams on a suitcase, when express / trains and bullet trains are being born. To leave / in haste for Lvov, night or day, in September / or in March."

For Zagajewski, history was not something that could be lightly discarded, despite his best efforts. "My entire education as a writer," he has written, "strove to free me from the caprices and grimaces of History."

Mysticism for Beginners by Adam Zagajewski, translated by Clare Cavanagh, is published by Faber at £7.99

Gedicht Referendum


14. Drei preisgekrönte Dichter, Robert Pinsky, Billy Collins und Sharon Olds, geben Tips für junge Dichter. Summe: Viel Eigenes schreiben und viel Fremdes lesen. Auch noch auf Englisch! / Newsday 

13. These are the tranquillised Fifties

Collected Poems also shows that Lowell is like a poetic historian. The shifts in his life and career echo wider shifts in the times, from the serious '40s to the morally experimental '70s. This is something Lowell himself seems aware of. "These are the tranquillised Fifties, / and I am forty," he writes in Memories of West Street and Lepke. In For John Berryman, partly a portrait of the generation of poets to which Lowell and Berryman belonged, he writes of "our fifties' fellowships / to Paris, Rome and Florence, / veterans of the Cold War not the War - / all the best of life / then daydreaming to drink at six". This was a generation that "asked to be obsessed with writing, / and we were". / David McCooey, The Age 30.4.

Collected Poems,
By Robert Lowell;
edited by Frank Bidart & David Gewanter
Faber & Faber,
$75



12. Good Poems - Buch und Radioshow

Poetry is a regular feature on Garrison Keillor's NPR radio show A Prairie Home Companion, but for the last five years, it has formed the core of The Writer's Almanac, a daily, five-minute, 7 a.m. show on which Keillor reads a poem. Good Poems selects 350 pieces of verse from among the thousands that have been read on the Almanac for "Stickiness, memorability.... You hear it and a day later some of it is still there in the brainpan."
Good Poems includes poems about lovers, children, failure, everyday life, death, and transcendance. It features the work of classic poets, such as Emily Dickinson, Walt Whitman, and Robert Frost, as well as the work of contemporary greats such as Howard Nemerov, Charles Bukowski, Donald Hall, Billy Collins, Robert Bly, and Sharon Olds. It's a book of poems for anybody who loves poetry whether they know it or not.
Good Poems
by Garrison Keillor (Introduction) 2002,
Poetry Daily bringt zwei Essays über die erfolgreiche Anthologie - von Dana Gioia und August Kleinzahler.


11. Wohin geht die Dichtung?

Ganz einfach: Sie bringt noch mehr Gedichte hervor. Einige werden herausragend sein und jede zusätzliche Anstrengung in ihrer Richtung unnötig machen, vielleicht für sehr lange. Andere werden neue Gegenden erschliessen, wohin die Dichtung sich ausbreiten kann. Aber immer wird sie sich seitwärts bewegen, denn weder entwickelt sich die Dichtung, noch lässt sie sich voranbringen. ... 

Vor einem Jahrhundert etwa geriet die Dichtung im Westen in den Einflussbereich einer neuen Denkschule. Gesungene Dichtung, wo es sie denn gab, vermochte ihr noch am längsten zu widerstehen. Die Umklammerung durch diesen Intellektuellenzirkel machte uns den grösseren Teil unseres traditionell breiten Publikums abspenstig... 

Jüngst ist die Dichtung zaghaft ausgebrochen in eine neue Öffentlichkeit und hat damit unsere Abhängigkeit von den Universitäten vermindert. Ebenso verspricht das Internet manche neue Wege zur Verbreitung der Poesie, einschliesslich des bisher nicht Dagewesenen: einen Text lesen und ihn gleichzeitig hören zu können, vorgetragen von einem Autor, der womöglich schon gestorben, aber in historischen Aufnahmen noch immer gegenwärtig ist. Gewöhnlich beleuchtet die Stimme des Autors ein Gedicht besser, als hundert Wissenschafter es könnten, und sie bringt uns die Musik nahe, in der die Verse leben. / Les Murray, NZZ 30.4.


10. Und doch: Poesie spricht anders,

glaube ich, weil sie auf älteste anthropologische Muster zurückgreift, um sich in der entzauberten Gegenwart zu orientieren. ...

Gewissheit, Zweifel . . . - das Jetzt der Gedichte in der Geisterströmung, das Jetzt in den Performances, das Jetzt in der neuedichte.de -

Noch ist die Landschaft weiträumig leer, offen, eine Bildschirmfläche aus grüngrauen Kästchen, in die wir ein Jahr lang unsere Texte einfügen werden, anklickbare Expeditionen in die Poesie und Poetik von zwölf Autorinnen und Autoren, die mit- und gegeneinander sprechen, ein reales Gespräch im virtuellen Raum des Internets unter www.neuedichte.de - darüber, was Gedichte wollen und können, wohin sie reisen, wie einsam oder gemeinsam sie denken - / Brigitte Oleschinski, NZZ 30.4.


9. "Der Himmel ist blau"

Die Aussage, dass der Himmel blau ist, und der blaue Himmel selbst, der Diphthong au und der semantisch dissonierende Reim auf Schimmel; auch das Einfache des Satzes, wie aus dem Kinder- oder dem Sprachlehrbuch: Wie denn eine und wenn welche Brücke schlagen oder abbrechen, welche Ähnlichkeit oder Gleichartigkeit, welchen Unterschied oder Gegensatz wirksam werden lassen, welche Merkmale herausstellen, welche in den Hintergrund rücken, um die Gegenwart und die Gegenstände einer Sphäre an den anderen herauszubilden und deutlich zu machen? Wie beispielsweise die durch die Gestalt des einfachen Satzes Der Himmel ist blau hervorgerufene Kinderbuch- oder Sprachlehrbucherinnerung mit der Folge der Buchstaben oder der Laute verketten, mit ihrer augenblicklichen sinnlichen Wahrnehmung? Oder welche Merkmale lassen sich vom Himmel selbst auf die grammatikalische Kategorie des Substantivs so fruchtbar übertragen, dass die Korrespondenz des Himmels und seines Substantivs in jenes Wechselwirken gerät, das beiden gemäss ist und auf den Begriff des Himmels jenen ätherischen Stoff des Sinns überträgt, in dem der Begriff sich mit seinem Körper vereinigt? / Franz Josef Czernin, NZZ 30.4.


8. Rheinische Quellen

Hummelt hat ursprünglich als experimenteller Dichter im Umfeld der heftigen Sprachzertrümmerer Thomas Kling und Marcel Beyer zu schreiben begonnen, mit einer unübersehbaren Lust am parodistischen Demontieren der lyrischen Altvorderen. 1993 erschien sein erstes Gedichtbuch im Ostberliner Galrev-Verlag, der Band «knackige codes», in dem er sogenannte Pick-ups aus den Sprachfetzen des Kommunikationsalltags sammelte und zu ironischen Versen mixte. Aber schon in dem folgenden Band («singtrieb», 1997) besann sich Hummelt auf die romantische Tradition der Dichtung. ...

Die «stillen quellen», aus denen Norbert Hummelts Gedichten ein poetisches Erfahrungswissen zufliesst, sind meist im rheinischen Raum lokalisiert. In diesen Kindheitsgedichten, die vom Verlust der Dinge, aber auch vom Schmerz über den Tod geliebter Menschen handeln, sind die sinnlichen Erscheinungen und Alltagsphänomene sehr zart und sehr inständig benannt.

/ Michael Braun, NZZ 30.4.

Norbert Hummelt: Stille Quellen. Gedichte. Luchterhand- Literaturverlag, München 2004. 100 S., Fr. 17.50.


7. Was Kraus dem Komponisten Walden zugesteht, gilt nicht für den Literaturvermittler: Dessen Konzessionen an die Machbarkeit des «Sturms» widersprechen der Rücksichtslosigkeit und Rückhaltlosigkeit, die für den «Fackel»-Herausgeber Bedingung seiner ganzen Existenz ist.
Andere als die eigenen Regeln zu akzeptieren, schloss das System Kraus aus. Geltung gesteht er von all den «Sturm»-Beiträgern fast nur Waldens Frau, der Dichterin Else Lasker-Schüler, zu. / Bernhard Fetz NZZ 29.4.

Feinde in Scharen. Ein wahres Vergnügen dazusein. Karl Kraus - Herwarth Walden. Briefwechsel 1909-1912. Hg. von George C. Avery. Wallstein-Verlag, Göttingen 2003. 680 S., 32 Abb., Fr. 80.-.


6. Klanginsel Ungarn

The book ends with the poet Ottó Orbán, lamenting the "law of the usurper and the interloper" that afflicts "the bloody vortex of Mitteleuropa". In between, fine poets such as György Petri, Sándor Weöres and Zsuzsa Rakovszky both rejoice in their "island" and try to flee its limitations. Their work joins extracts from novelists of the stature of György Konrád, Imre Kertész and Péter Nádas. "We keep open/ the purse of possibility," says a late poem by György Petri. In literary terms, Hungary's purse is bursting with riches. Harvill's anthology lets British readers dip in at will. / Independent 1.5.
An Island of Sound (£14.99) is published under the banner of Harvill's occasional series of anthologies, Leopard. Edited by the poet George Szirtes (who came here as a child refugee from Budapest in 1956) and Miklos Vajda (who runs the influential English-language Hungarian Quarterly)

5. Das «Kalewala» spiegelt ein spezielles Verhältnis zum Tod. 98 topographische Ausdrücke wie Kalter Ort, Nordort oder Nebelreich verweisen auf das Land der Toten. Die Finnen, Karelier und Esten sind denn auch, wie Jänicke in seinem klugen Nachwort ausführt, die einzigen Völker der Welt, deren Wiegenlieder vom Tod erzählen. / NZZ 24.4.

Elias Lönnrot: Kalewala. Das finnische Epos. Übersetzt und mit einem Nachwort von Gisbert Jänicke. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2004. 486 S., Fr. 63.50.


4. In der Leipziger Volkszeitung vom 26.4. stellt Volly Tanner den Dichter Elia van Scirouvsky aus Marienberg (Erzgebirge) vor (er schreibt wie er spricht und liest wie er lebt).
http://www.elia-van.de/

3. Sunday marks the Prophet Muhammad's birthday, a public holiday in almost every Muslim country. It is celebrated with drums, street parties, sweets for children, poetry competitions, and, in most British mosques, a startlingly incongruous display of tinsel and fairy lights. This is fine, of course. / Abdel Hakim Murad, Independent 1.5.


2. Enheduanna und Goethe

Die Autorin stilisiert sich zur Hohepriesterin, schreibt sich vom kultisch-religiösen Ursprung der Lyrik her. In einem der Gedichte tritt sie mit der Stimme der Enheduanna, Priesterin und erste namentlich überlieferte Dichterin überhaupt, in Dialog mit Goethe: «Ich bin eine Wilde, o Okzident / doch habe ich keine Furcht im Herzen. Ich bin die Priesterin des unermesslichen Schmerzes / (. . .) / Die Fremde in deinem Haus / Die Herrin der Klage in meinem.» ...
Amal al-Jubouri schreibt sich zuletzt an deren Grenze. Zelebriert und dekonstruiert sie. Manchmal in nur einem Vers, mit trockener Härte. «Buchstaben vermischten sich mit mir / Worte sind meine Handschellen, mein Gefängnis.» Mit ihrer sprachlichen Kunst erschafft und widerruft Amal al-Jubouri die Hoffnung auf eine (bessere) Welt der Dichtung. «Mein Gedichtband ist ein Friedhof / die Gedichte Gräber in verschiedenen Körpern / auch Länder und Geschichten / Pfeile, gespitzt mit Phantasien, die wirklich scheinen / und mit Versprechen, die Trugbildern gleichen.» / Carsten Hueck, NZZ 27.4.

Amal al-Jubouri: So viel Euphrat zwischen uns. Friedenauer Presse, Berlin 2003. 29 S., Fr. 17.10.


1. "Uns fehlen Buchhandlungen und Freiheiten"

Der israel-arabische Intellektuelle Salman Masalha, der einen Gedichtband auf Hebräisch veröffentlichte, gab der israelischen Zeitung Kol Hair ein Interview.  Masalha ist Professor für vorislamische Poesie in Jerusalem. Er übersetzte Mahmud Darwisch ins Hebräische und die Oper Turandot ins Arabische.
Das Interview liegt übersetzt auf der Seite des MEMRI vor (Middle East Media Research). Auszug:

"Unter israelischen Arabern gibt es ungefähr 200, die Bücher lesen."

"Meinen Sie, Leute, die Gedichte lesen?"

"Gedichte, Belletristik und Leute, die Bücher in anderen Sprachen lesen. Nicht mehr als 200 Leser! Auch Grundschullehrer lesen keine Bücher und kreieren dadurch Generationen von ignoranten Schülern."

"Aber es gibt doch mehr als 200 Schriftsteller!"

"Natürlich gibt es mehr Schriftsteller als Leser. Wenn man der arabischen Presse folgt, existieren allein mehr als 200 Dichter.  Allerdings sind die Literaturseiten [der Zeitungen] völlig lächerlich. Die in arabischen Zeitungen veröffentlichten Artikel und Gedichte haben Kinderbuchniveau und sind nicht besonders elaboriert."

"Wie erklären Sie das?"

"Erstens gibt es in Israel keine arabischsprachigen Verlage. Aber das größere Problem ist, dass es keine Buchhandlungen gibt. Ich meine keine Bibliotheken, sondern Buchläden. Es gibt in Nazareth einen Buchladen, in dem die Auswahl sehr limitiert ist. Wenn man nach Kairo geht, ist es selbstverständlich, Kisten von Büchern mitzubringen. Die einzige Möglichkeit für einen hier lebenden Araber, der an zeitgenössischer Literatur interessiert ist, ist das Internet. Und dazu braucht man wiederum Leute, die interessiert sind und die wissen, wie man an diese Informationen kommt. Es gibt ein paar gute Internetseiten, durch die man die zeitgenössische Literatur in der arabischen Welt verfolgen kann und über die neuen Veröffentlichungen informiert wird."

...

Frage: "Vielleicht liege ich falsch, aber ich habe den Eindruck, dass die Lyrik der Abbasiden toleranter, aufgeklärter und sogar mehr an Menschenrechten orientiert war als es der Islam heute zulässt."

Salman Masalha: "Das stimmt. Eine starke Kultur kann Vielfalt zulassen. Eine starke Kultur kann Freiheit des Denkens, eine Abweichung vom System zulassen. Als das abbasidische Zeitalter seine Hochphase hatte, entwickelte es eine Kultur des Selbstvertrauens. Wo dieses Selbstvertrauen existiert, bestehen Entfaltungsmöglichkeiten und Freiheiten. Mangel an Selbstvertrauen führt in jeder Hinsicht zu einem kulturellen Tiefpunkt - etwa bei Menschen- und Frauenrechten. Zur Zeit des arabischen Reichs gab es mehr Freiheiten als in der heutigen arabischen Welt."

Hier und hier Gedichte von Salman Masalha auf Englisch / Über Masalha (engl) / The Kol Hair interview in English / en français / Hier sein Gedicht "I write Hebrew"

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